Hitlers Rede vor dem Industrie-Club Düsseldorf war eine Rede von Adolf Hitler am 26. Januar 1932 im Parkhotel Düsseldorf vor Vertretern der deutschen Wirtschaft, in der er wichtige Elemente seines Geschichts- und Menschenbilds und seine Gedanken zum „Wiederaufstieg“ Deutschlands vorstellte.
Vorgeschichte In den Jahren 1926 und 1927 hatte Hitler bei seiner Ruhrkampagne bereits fünf Reden im Ruhrgebiet vor Wirtschaftsführern gehalten, mit denen er erfolglos versucht hatte, die Ruhr-Industriellen zur Unterstützung der NSDAP zu bewegen.Auch zum Folgenden Henry A. Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 260. Einzig Fritz Thyssen bekannte sich zum Nationalsozialismus und unterstützte die Partei auch finanziell. Ende 1931 schlug er vor, Hitler in den Industrie-Club einzuladen, was dort erhebliche interne Konflikte auslöste. Die Statuten schlossen eigentlich politische Vorträge aus, doch hatte man im Herbst 1931 den Sozialdemokraten Max Cohen eingeladen. Daraufhin bestand Thyssen darauf, dass auch ein Nationalsozialist eingeladen wurde. Jost Henkel lud daraufhin zunächst Gregor Strasser ein, der in den Kreisen der Bergbauindustrie als gemäßigter Nationalsozialist galt und der deshalb ab Frühjahr 1931 regelmäßig einen Monatsbetrag von 10.000 Reichsmark erhielt. Thyssen berichtete Hitler von der Einladung an Strasser. Der Parteiführer entschied, selbst als Redner aufzutreten.Thomas Trumpp: Zur Finanzierung der NSDAP durch die deutsche Großindustrie. Versuch einer Bilanz. In: Karl Dietrich Bracher u. a. (Hrsg.): Nationalsozialistische Diktatur. Eine Bilanz. Bonn 1986, ISBN 3-921352-95-9, S. 144.
Hintergrund war das schlechte Image, das die NSDAP bei vielen Managern und Unternehmern hatte. Viele der untergeordneten Parteichargen, von denen nicht wenige den Sozialismus im Parteinamen ernst nahmen, spekulierten offen über Kreditschöpfung, mit der der von den Unternehmern stets begrüßten Deflationspolitik ein Ende gemacht werden sollte. Wenige Wochen vor Hitlers Rede, im November 1931, hatten die Boxheimer Dokumente Furore gemacht, in denen der hessische Nationalsozialist Werner Best im Falle einer gewaltsamen Machtübernahme unter anderem die Abschaffung sämtlicher Privateinkommen angekündigt hatte. Hitler hatte sich zwar intern für den so genannten Wagemann-Plan ausgesprochen, benannt nach dem Direktor des Statistischen Reichsamtes Ernst Wagemann, der ohne Absprache mit der Regierung Brüning die konjunkturschädliche Deflation durch eine moderate Ausweitung der Geldmenge bekämpfen wollte. Zu diesem Zweck schlug er vor, eine zweite Geldsorte einzuführen, die nicht mehr der Deckungspflicht des Golddevisenstandards unterliegen sollte. Nach außen kam es ihm aber auf geldpolitische Seriosität an, weswegen er bereits im Dezember der Auslandspresse ein viel beachtetes Interview gegeben und betont hatte, im Falle einer Machtübernahme die privaten Schuldtitel nicht antasten zu wollen.Zum Wagemann-Plan Henry A. Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 318 f.; Rainer Meister: Die große Depression. Zwangslagen und Handlungsspielräume der Wirtschafts- und Finanzpolitik in Deutschland 1929–1932. transfer Verlag, Regensburg 1991, S. 343–351.
Ablauf mini|Parkhotel Düsseldorf
Das Interesse an der Veranstaltung war mit 650 Zuhörern außerordentlich groß.Volker Ackermann: Treffpunkt der Eliten. Die Geschichte des Industrie-Clubs Düsseldorf. Industrie-Club Düsseldorf, Düsseldorf 2006, S. 124. Karl Haniel, der damalige Vorsitzende des Düsseldorfer Industrie-Clubs, schrieb am 20. Januar 1932 an Gustav Krupp von Bohlen und Halbach auf dessen Hinweis, er habe keine Einladung erhalten: .Zitiert nach: Thomas Trumpp: Zur Finanzierung der NSDAP durch die deutsche Großindustrie. Versuch einer Bilanz. In: Karl Dietrich Bracher u. a. (Hrsg.): Nationalsozialistische Diktatur. Eine Bilanz. Bonn 1986, S. 144.
Informationen über Hitlers Besuch waren vorab an die sozialdemokratische und die kommunistische Presse durchgesickert, weswegen es am 26. Januar vor dem Hotel zu gewalttätigen Demonstrationen von Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftsmitgliedern gegen das befürchtete Bündnis von Großindustrie und NSDAP kam.Henry A. Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 261. Für viele Zuhörer kam der Weg in das Hotel einem „Spießrutenlaufen“ gleich, Hitler selbst gelangte durch einen Seiteneingang unbehelligt ins Gebäude.
Die Veranstaltung begann gegen 18 Uhr im großen Ballsaal des Hotels, der bis auf den letzten Platz besetzt war. Viele Gäste mussten stehen, für Zuspätkommer wurde die Veranstaltung über Lautsprecher in einen Nachbarraum übertragen. Nach einem Grußwort von Oberbürgermeister Robert Lehr (DNVP) erklomm Hitler eine provisorisch errichtete Tribüne zu seiner etwa zweieinhalbstündigen Rede. Anschließend dankte Haniel dem Redner, und Thyssen machte einige Schlussbemerkungen, die er mit „Heil, Herr Hitler!“ abschloss. Die Versammelten mochten in diesen Ruf nicht einstimmen. Albert Vögler wollte nun mit einigen Fragen die übliche Diskussion in Gang bringen, wurde von Thyssen aber unterbrochen, der die Veranstaltung für beendet erklärte. Hitler verließ das Hotel, an dem bei Versammlungen des Industrie-Clubs üblichen gemeinsamen Abendessen nahm an seiner statt Hermann Göring teil.
Paul Kleinewefers, der 27-jährige Geschäftsführer eines kleinen Krefelder Maschinenbauunternehmens, konnte an der Veranstaltung teilnehmen, weil sein Vater ihm seine Mitgliedskarte geliehen hatte.Henry A. Turner, Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers, Siedler, Berlin 1985, S. 266 und 485. In seinen 1977 erschienenen Erinnerungen berichtet er, am Ende der Rede habe es „ungehemmten Dauerbeifall“ gegeben.Paul Kleinewefers: Jahrgang 1905, Ein Bericht. Stuttgart 1977, S. 76. Ähnliches meldeten auch die sozialdemokratischen und kommunistischen Zeitungen, die dem Ereignis große Aufmerksamkeit widmeten. Andere Teilnehmer berichteten dagegen, die versammelten Unternehmer hätten „auffallend zurückhaltend“ reagiert. Der spätere Hitler-Biograph Konrad Heiden urteilte, „die Reaktion der Mehrheit sei lauwarm oder gar negativ gewesen“.Henry A. Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 264. Am Tag nach der Rede trafen sich Thyssen, Vögler und Ernst Poensgen mit Hitler, Göring und Röhm auf Thyssens Schloss Landsberg.Ernst Poensgen: Hitler und die Ruhrindustriellen. Ein Rückblick. Typoskript, 1945, zitiert nach: Willi Eichler: Europe speaks, Heft 61, London 1945 (online, PDF; 84 kB). Im April 1932 sprach dann noch einmal Göring vor dem Industrieclub.Georg Franz-Willing: Die Hitler-Bewegung 1925 bis 1934. Preußisch-Oldendorf 2001, S. 336.
Der Historiker Karsten Heinz Schönbach wertete einen Bericht des Polizeipräsidenten von Düsseldorf aus. Nach ihm waren „fast alle Syndizi und Direktoren der größten Werke“ anwesend.Zit. n. Karsten Heinz Schönbach: Die deutschen Konzerne und Nationalsozialismus 1926–1943. Berlin 2015, S. 239. Der Bericht vermerkte, dass der Vortrag einen „tiefen Eindruck“ machte und mit „großem Beifall aufgenommen wurde“ und kam zur Feststellung:
Fritz Thyssen soll zudem am Ende der Rede „Heil Hitler“ gerufen haben, was Rudolf Hilferding (SPD) am 10. Mai im Reichstag dem linken Flügel der NSDAP um Gregor Strasser als Beweise für die Nähe von NSDAP und „Großindustriellen“ vorwarf. Verhandlungen des Reichstags, Bd. 446, 63. Sitzung, 11. Mai 1932, S. 2634f. u. 2637f. In: Dr. Reiner Zilkenat, Das deutsche Großkapital, der „Keppler – Kreis“ und die NSDAP.
Inhalt Alle Aussagen über den Inhalt der Rede stehen unter dem Vorbehalt, dass eine authentische Quelle nicht existiert. Die stenografische Mitschrift wurde seinerzeit vernichtet. Es ist jedoch überliefert, dass es auffällige Abweichungen zwischen dieser Mitschrift und dem von der NSDAP veröffentlichten Wortlaut gegeben habe.Volker Ackermann: Treffpunkt der Eliten. Die Geschichte des Industrie-Clubs Düsseldorf. Industrie-Club Düsseldorf, Düsseldorf 2006, S. 136.
Hitler sprach in seiner Rede hauptsächlich über sein Geschichts- und Menschenbild. Er unterschied sich dabei nicht wesentlich von seinen diesbezüglichen Ausführungen in seiner Schrift Der Weg zum Wiederaufstieg vom Sommer 1927. Den Antisemitismus der NSDAP und ihr mit sozialistischen Versatzstücken durchsetztes 25-Punkte-Programm erwähnte er nicht. Auch auf aktuelle wirtschaftspolitische Fragen, etwa wie die Weltwirtschaftskrise bekämpft werden könne oder wie mit den in der Bankenkrise de facto verstaatlichten Großbanken weiter verfahren werden solle, ging er mit keinem Wort ein. Vielmehr erläuterte er ausführlich und mit zahlreichen historischen Beispielen seine These, dass es vor allem auf die Politik und den in ihr wirksamen Willen ankomme, weniger auf außenpolitische Rahmenbedingungen wie den Versailler Vertrag. Diese überraschende Feststellung war ein Seitenhieb gegen den vom Reichsverband der Deutschen Industrie immer noch unterstützten Reichskanzler Heinrich Brüning, dem man allgemein die Zahlungspause bei den Reparationszahlungen als großes Verdienst anrechnete. Letzte Ursache der deutschen Misere sei gar nicht die Weltwirtschaftskrise, die Hitler sozialdarwinistisch als naturwüchsige Überproduktionskrise erklärte, sondern ein Mangel an Einheit und Einheitlichkeit im Volk. In diesem Zusammenhang polemisierte er entschieden gegen die Demokratie. Der ihr zugrunde liegende Gedanke der Gleichheit aller Menschen bedeute nämlich „eine Majorisierung des Genies, eine Majorisierung der Fähigkeit und des Persönlichkeitswertes“. Mit diesem Bekenntnis zur Ungleichheit der Menschen verband Hitler eine sozialdarwinistisch verstandene Bejahung des Privateigentums und der Einkommensunterschiede im Volk. Der Klassenkampf müsse überwunden werden, andernfalls drohe bolschewistisches Chaos. Nötig sei ein Glaube und ein weltanschauliches Programm, wie seine Partei es anbiete. Würden dadurch Deutschlands Einheit und seine Stärke wiederhergestellt, dann stelle sich auch der wirtschaftliche Aufschwung ganz von selber wieder ein. Für einen solchen Wiederaufstieg hatte Hitler kein Patentrezept zur Hand, stellte aber drei verschiedene Möglichkeiten in Aussicht: Eine sei die Gewinnung neuer Exportmärkte im klassisch-liberalen Sinn; als Nächstes erwähnte er die Stärkung des deutschen Binnenmarktes im Sinne der Kaufkrafttheorie, wie sie von den Sozialdemokraten befürwortet wurde; eine binnenwirtschaftliche Autarkie, die von den weiterhin auf den Weltmarkt orientierten Wirtschaftsführern befürchtet wurde,Harold James: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1924–1936. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988, S. 272. bezeichnete er als „nur sehr schwer“ realisierbar; als drittes nannte er die Eroberung von neuem Lebensraum, wie es in Wahrheit seiner in Mein Kampf festgehaltenen Programmatik entsprach.Henry A. Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, S. 261 ff.
Der britische Historiker Richard J. Evans verweist auf zwei Themen, die Hitler auffallenderweise nicht erwähnte: So ging er mit keinem Wort auf seinen glühenden Antisemitismus ein, und außerdem vermied er jede Aussage darüber, mit welchen konkreten Mitteln er im Falle einer Regierungsübernahme die Weltwirtschaftskrise zu bekämpfen gedenke.Richard J. Evans: Das Dritte Reich. Bd. 1: Aufstieg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004, S. 341 f.
Rezeption Die Veranstaltung galt lange als ein politischer Durchbruch für Hitler. Sie wird oft angeführt, um zu zeigen, dass die Großindustrie massiv zum Aufstieg der NSDAP beigetragen habe.Zum Beispiel bei Louis P. Lochner: Die Mächtigen und der Tyrann. Die deutsche Industrie von Hitler bis Adenauer. Franz Schneekluth, Darmstadt, S. 107. Als Beleg werden oftmals die von Emery Reves bearbeiteten Memoiren Fritz ThyssensErstmals: Fritz Thyssen: I Paid Hitler. Hodder and Stoughton, London 1941. angeführt, in denen steht: