mini|Die Sachsenküstenkastelle um 400 n. Chr. mini|Befundplan

Gariannonum, auch Garrianonum oder Garriano, heute Burgh Castle, eine Gemeinde (Parish) im Borough Great Yarmouth, County of Norfolk in England, war ein im späten 3. Jahrhundert n. Chr. erbautes römisches Kastell. Es sicherte zusammen mit dem Kastell Caister-on-Sea an diesem Abschnitt der sogenannten Sachsenküste den Mündungstrichter dreier Flüsse. Während seiner langen Geschichte war dies auch der Standort einer normannischen Burg und vielleicht auch eines frühchristlichen Klosters. Das Areal ist für Besucher kostenlos zugänglich. Die Kastellruine befindet sich im Besitz des Norfolk Archaeological Trust und steht unter dem Schutz des English Heritage.

Name Der antike Name Gariannonum stammt ursprünglich von der Benennung des Flusses Gariennus (Yare) in der Geographike Hyphegesis (2, 3, 4) des Claudius Ptolemäus aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert. Er hat vermutlich keltische Wurzeln, bedeutet der „murmelnde, gurgelnde Fluss“. Die beiden bisher bekannten SK-Kastelle an der Yare-Mündung, Caister-on-Sea und Burgh Castle bildeten organisatorisch wohl eine Einheit. Es ist möglich, dass beide von den Römern als Gariannonum bezeichnet wurden. Möglicherweise bezieht sich der Eintrag in der Notitia aber auch nur auf das benachbarte Kastell Caister-on-Sea.Henry Swinden 1772, S. 2, Fisiak/Trudgill 2001, S. 40, Roger Wilson 2002, S. 245–246, A.L.F. Rivet/Colin Smith 1979, S. 366.

Lage Das Kastellgelände befindet sich westlich von Great Yarmouth, am Ostufer des südlichsten Teils von Breydon Water, das sich an den Mündungen der Flüsse Ant, Bure, Yare und Waveney gebildet hat, im Naturschutzgebiet des Broads National Park. Heute ist es vom Ästuar durch ein Watt getrennt. Das benachbarte Sachsenküstenkastell Caister-on-Sea liegt einige Kilometer nordöstlich. Das Kastell wird nicht – wie einige andere an der Sachsenküste – in Strabons Geographica erwähnt, was aber nicht verwundert, da es erst im 4. Jahrhundert n. Chr. erbaut wurde. Der Yare wird in diesem Werk als Gariennus bezeichnet, gelegen zwischen den Metaris Aestuarium (heute Wash) im Norden und einer nicht näher bezeichneten Landzunge im Süden. Von dort aus hatte die Besatzung einen guten Überblick nach Westen über die Flüsse Bure, Yare und Waveney und über das sie umgebende Marschland. Das Lager steht auf einem Plateau, am Südufer des Mündungstrichters. Im Westen fällt es steil in Richtung zum Waveney ab. Das benachbarte Kastell von Caister-on-Sea befindet sich an der gegenüberliegenden Seite des Aestuars. Breydon Water ist heute alles, was vom Ästuar übergeblieben ist, über dem einst das Kastell stand. Besonders wichtig für den Schiffsverkehr war der Yare. Römerstraßen von und nach Gariannonum sind nicht bekannt, wahrscheinlich wurde es nur von See aus versorgt. Die Verbindung zu anderen Kastellen oder Siedlungen an der Sachsenküste wie zum Beispiel Venta Icenorum (Caistor by Norwich) konnte rasch und bequem auf dem Wasserweg, über die Flüsse Yare und über den Bure nach Brampton aufrechterhalten werden. Ob eine Landverbindung nach Caister-on-Sea existierte, ist in der Forschung noch umstritten.A.J. Morris 1948, S. 100–120.

Topographie Die Küstenlinie um Burgh Castle hat sich in den letzten 2000 Jahren durch Sedimentanlagerungen stark verändert. In römischer Zeit lag der Meeresspiegel dort noch viel höher. Das Lager stand am östlichen Rand eines breiten Mündungstrichters dreier Flüsse, der das ganze heutige Marschland bedeckte. Die Schiffe konnten direkt neben dem Kastell anlegen und auch die drei Flüsse befahren. Breydon Water ist alles, was heute von dem einstigen Ästuar geblieben ist.

Forschungsgeschichte Die ersten Ausgrabungen wurden in den Jahren 1850 und 1855 vorgenommen. Zwischen 1958 und 1961 entdeckte man Spuren von einigen der inneren Gebäudestrukturen. Funde von römisch-sächsischer Keramik und einiger Glasgefäße innerhalb der Festung sowie ein außerhalb befindliches Gräberfeld aus dem 5. Jahrhundert ließen eine Ansiedlung in unmittelbarer Nähe des Kastells annehmen. Charles Green legte in den Jahren von 1960 bis 1961 Reste einer frühmittelalterlichen Holzkirche in der südwestlichen Ecke des Lagers und ein Gräberfeld frei. Der Abschlussbericht über seine Ausgrabungen wurde von Stephen Johnson überarbeitet und herausgegeben.Stephen Johnson 1983

Entwicklung Das Kastell wurde vermutlich zwischen 260 und 270 n. Chr. erbaut. Die frühesten römischen Münz- und Keramikfunde stammen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts. Es gibt keinen Beweis für eine römische Besetzung vor dieser Zeitperiode. Kontrolle und Überwachung der Südostküste Britanniens erfolgte in dieser Zeit durch eine Kette von Wach- bzw. Signaltürmen und Kastellen. Die meisten dieser sog. „Sachsenküstenkastelle“ dienten auch als Flottenstützpunkte. Die ersten Lager wurden wahrscheinlich während der Herrschaft des Kaisers Probus in Auftrag gegeben. Sie wurden später in die Festungskette des Litus Saxonicum integriert. Wann genau oder auf wessen Veranlassung, ist unbekannt, möglicherweise geschah dies im Auftrag des Carausius, der ab 286 dort weitere Signalstationen, Kastelle und befestigte Häfen errichten ließ. Die römische Armee legte diese Kastelle bevorzugt an exponierten Küstenbereichen, hier besonders an Flussmündungen an. Diese hatten auch Verbindung zu den Militärlagern und befestigten Hafenstädten auf dem gallischen Festland. Gegen Ende des 3. Jahrhunderts erstreckte sich entlang der SO-Küste ein dichtes Netz aus teils stark befestigten Kastellen, die wegen der stetig steigenden Überfälle von Franken und Sachsen für die Verteidigung der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Regionen Britanniens zunehmend an Bedeutung gewannen. In der Grafschaft Norfolk konnten drei Standorte von Sachsenküstenkastellen nachgewiesen werden: Burgh-Castle, Caister-on-Sea und Brancaster im Nordwesten.

Die Funktion der Lager haben sich wohl im Laufe der Zeit geändert. Vielleicht dienten die Küstenkastelle vor Etablierung des Militärbezirkes der Sachsenküste als Stützpunkte der Kanalflotte zum Schutz der Handelsschifffahrt. Die Überfälle sächsischer und fränkischer Plünderer vom Festland nahmen im 4. Jahrhundert n. Chr. jedoch stetig zu. Hauptaufgabe der Kastellbesatzungen war nun die Abwehr der Invasoren. Die Kastelle konnten durch eine Reihe von Signalstationen miteinander ständigen Kontakt halten. Die Standorte einiger dieser Stationen konnten von den Archäologen lokalisiert werden, viele sind allerdings durch die Erosion der Küste im Laufe der Zeit im Meer versunken. Gemeinsam mit der Besatzung von Caister-on-Sea überwachten die in Burgh Castle stationierten Soldaten die Einfahrt zu den – damals noch schiffbaren – Flüssen. Für mehr als ein halbes Jahrhundert konnten diese Überfälle ziemlich erfolgreich abgewehrt werden. 367 kam es jedoch zu einem konzertierten Angriff der Sachsen, Pikten und Scoten auf Britannien. Die meisten der Sachsenküstenkastelle mussten aufgegeben werden. Der Befehlshaber der Küstenregionen (comes maritimus tractus) geriet in einen Hinterhalt und wurde getötet.

Die im Kastell Burgh Castle aufgefundenen Münzen und Tonscherben lassen annehmen, dass es bis Anfang des 5. Jahrhunderts (407-408) besetzt war. Das römische Militär zog sich um diese Zeit endgültig aus Britannien zurück. Die Festung war aber noch bis weit in angelsächsische Zeit bewohnt, wie ein Gräberfeld südlich des Lagers annehmen lässt. Laut dem Chronisten Bede wurde sie Mitte des 7. Jahrhunderts von Sigebert, dem König der Ostangeln, an den irischen Missionar Fursa übergeben. Dieser gründete dort wahrscheinlich ein Kloster und eine befestigte Siedlung zum Schutz der Bevölkerung vor fränkischen Seeräubern. Ein christlicher Friedhof innerhalb der Kastellmauern war vom 7. bis zum 10. Jahrhundert belegt. Nach dem Untergang der angelsächsischen Klostersiedlung verödete der Platz. Im Zuge der normannischen Invasion wurde er einem Gefolgsmann Wilhelm des Eroberers als Lehen übergeben, um hier eine kleine Holz-Erde-Befestigung zu errichten. Sie scheint aber nur kurz besetzt gewesen zu sein und wurde – anders als die meisten Burgen der normannischen Frühzeit – nicht in Stein um- bzw. neu aufgebaut. Auch eine kleine Töpferei dieser Zeitperiode scheint nur kurzzeitig betrieben worden zu sein. Das Kastell wurde 1995 vom Norfolk Archaeological Trust erworben. Der Grundbesitz erstreckt sich über die römischen Mauern hinaus und umfasst insgesamt 37 Hektar. Dadurch wurde sichergestellt, dass auch die noch im Boden vergrabenen Überreste der römischen Zivilsiedlung darin einbezogen wurde, um sie so für zukünftige Untersuchungen zu bewahren.A. J. Morris 1947, S. 100–120.

Kastell Die Befunde zeigen, dass man sich noch während der Bauzeit entschloss, vom ursprünglichen Plan abzuweichen und das Kastell den damals neuentwickelten Festungsbaumethoden anzupassen. Ansonsten entsprach seine Konstruktion noch dem eines Lagers des 2. Jahrhunderts n. Chr., besonders gut erkennbar an den abgerundeten Ecken. Der Kastellgrundriss bildet ein unregelmäßiges, nach NO ausgerichtetes, 205 × 100 Meter messendes Rechteck und umschloss ein Areal von ungefähr 2,4 ha. Die Ostseite ist um 15 m kürzer als die Westseite, die ungefähr 205 m lang war. Selten für römische Militärbauten sind große Abschnitte der Wehrmauer und die noch erhaltenen Zwischentürme des Kastells fast bis zu ihrer ursprünglichen Höhe erhalten geblieben. Die Außenseiten der Mauer weisen heute aber stellenweise große Lücken auf, da im Laufe der Jahrhunderte das Steinmaterial für andere Bauvorhaben abgeschlagen wurde. Die Innenfläche und die unmittelbare Umgebung des Lagers werden landwirtschaftlich genutzt. Reste von Gebäuden aus römischer oder frühmittelalterlicher Zeit sind dort keine mehr zu sehen.

Umwehrung