mini|Die Abbildung veranschaulicht den Netzwerkeffekt am klassischen Beispiel Telefon. Die Linien stellen potentielle Verbindungen zwischen den Telefonnutzern dar.
Der Netzwerkeffekt (auch Netzwerkexternalität; ) ist in der Volkswirtschaftslehre ein externer Effekt, der die Veränderung des Nutzens aus einem Produkt oder einer Dienstleistung für einen Verbraucher beschreibt, wenn sich die Anzahl anderer Verbraucher desselben oder komplementärer Produkte oder derselben Dienstleistungen ändert.
Allgemeines Wie der Begriff bereits suggeriert, tritt dieser Effekt bei Netzwerken auf. Ein Netz oder Netzwerk wird in diesem Kontext (informationsökonomisch) als eine Zusammenfassung von Benutzern oder Teilnehmern eines bestimmten Produktes oder kompatibler Technologie bezeichnet.Helmut Dietl/Susanne Royer, Management virtueller Netzwerkeffekte in der Informationsökonomie, in: Schäffer-Poeschl Verlag (Hrsg.), Zeitschrift für Führung und Organisation, 2000, S. 324 Die Größe eines Netzwerks zu einem bestimmten Zeitpunkt wird als installierte Basis bezeichnet. Netzeffektgüter oder Netzprodukte werden Güter bzw. Produkte genannt, die Netzwerkeffekten unterliegen. Netzeffektmärkte bezeichnen die Märkte, auf denen der Effekt vorhanden ist. Hinreichend große Netzwerke wie im Verkehrswesen das Straßen-, Schienen-, Wasserstraßen- und Luftstraßennetz, im Energiesektor die Versorgungs- (Gasnetz, Stromnetz, Trinkwassernetz, Kanalisation) und Verbundnetze sowie in der Telekommunikation die Telekommunikationsnetze (Datennetze, Mobilfunknetze, Rechnernetze, Telefonnetze und Verteilnetze) erfordern eine stetige Überwachung mit dem Ziel einer hohen Verfügbarkeit bei optimaler Netzlast und Minimierung von Netzstörungen.Lutz J. Heinrich/Armin Heinzl/Friedrich Roithmayr, Wirtschaftsinformatik-Lexikon, 2004, S. 452 Netzwerkeffekte entstehen dabei in realen und virtuellen Netzwerken durch eine steigende Anzahl von Benutzern.Insa Sjurts (Hrsg.), Gabler Lexikon Medienwirtschaft, 2011, S. 132
Ein Netzwerkeffekt ist in der Netzwerkökonomie vorhanden, wenn der Nutzwert von in einem Netzwerk ausgetauschten Gütern, Dienstleistungen oder Informationen mit zunehmender Mitgliederzahl zunimmt.Tim Rödiger, Die Burggraben-Strategie, 2017, S. 95 Der Netzwerkeffekt gehört in der neoklassischen Volkswirtschaftslehre zu den externen Effekten.Volker Wiedemer, Standardisierung und Koexistenz in Netzeffekktmärkten, 1. Auflage, Josef Eul Verlag/Lohmar (Köln), 2007, ISBN 978-3-89936-618-1, S. 7. Er beschreibt, wie sich der Nutzen aus einem Produkt für einen Konsumenten ändert, wenn sich die Anzahl anderer Konsumenten desselben Produktes bzw. komplementärer Produkte ändert. Demzufolge ist der Produktnutzen eines Konsumenten abhängig von der gesamten Benutzerzahl. Diese Nutzenbeeinflussung ist dem Konsumenten generell nicht bewusst. Der Netzwerkeigner nimmt im Allgemeinen diesen Effekt wahr und handelt, um den Nutzwert seines Netzwerks zu steigern. Die entstehende Nutzenänderung wird nicht bzw. nur teilweise über den Marktpreis abgegolten. Netzwerkeffekte sind externe Effekte, die den Einfluss eines Wirtschaftssubjektes auf andere betreffen und nicht dem Preis- oder Marktmechanismus unterliegen.Erwin Dichtl/Otmar Issing (Hrsg.), Vahlens Großes Wirtschaftslexikon, 1996, S. 642; ISBN 3-423-59006-8
Der Effekt entsteht, wenn die Zahlungsbereitschaft eines Wirtschaftssubjektes von der Zahl der Nutzer dieses Produktes abhängt. Dies impliziert, dass die Nachfrage eines Wirtschaftssubjektes von der Nachfrage anderer abhängig ist.Hal R. Varian, Grundzüge der Mikroökonomik, 8. Auflage, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Februar 2011
Geschichte Die ersten Netzwerkeffekte gab es im Rundfunk und bei der Telefonie. Ist nur ein Teilnehmer im Telefonnetz angeschlossen (wie 1877 zu Beginn der Telefonie), hat er hohe Kosten und keinen Nutzen, denn er kann – außer der Telefongesellschaft – niemanden anrufen.Reiner Clement/Dirk Schreiber, Internet-Ökonomie, 2016, S. 67 Gibt es vier Nutzer , sinken die Kosten für jeden, und der Nutzen und Wert steigt: oder . Im Fall eines Telefonnetzes ist es sinnvoll, auf Zweierverbindungen abzustellen. Die Zahl möglicher Zweierverbindungen beträgt dann:Reiner Clement/Dirk Schreiber, Internet-Ökonomie, 2016, S. 69 .
Netzwerkeffekte fanden zum ersten Mal größere Beachtung durch Theodore Vail, dem ersten Präsidenten des US-amerikanischen Telekommunikationskonzerns Bell Telephone. Sein Ziel war es, Bell-Telephone in den USA mit Hilfe von Netzwerkeffekten zu monopolisieren.Joachim Haes, Netzwerkeffekte im Medien- und Kommunikationsmanagement, 2003, S. 17 Im Jahr 1908, als er das Konzept im Jahresbericht von Bell Telephone vorstellte, gab es mehr als 4000 lokale und regionale Telefonzentralen, von denen durch den Einfluss des Netzwerkeffekts die meisten schließlich zum Bell-System gehörten.
Zu den Begründern der Netzwerktheorie zählt Jeffrey Rohlfs. Er untersuchte positive Externalitäten bei der Vergrößerung von Kommunikationsnetzwerken und analysierte 1974 formal das Konzept der kritischen Masse.Jeffrey Rohlfs, A theory of interdependent demand for a communications service, in: Bell Journal of Economics and Management Science, Vol. 5, 1974, S. 16–37Günter Knieps, Netzökonomie: Grundlagen – Strategien – Wettbewerbspolitik, Springer Gabler/Wiesbaden, 2007, ISBN 978-3-8349-9231-4, S. 125
Die ökonomische Theorie des Netzwerkeffekts wurde zwischen 1985 und 1995 von den Forschern Michael L. Katz, Carl Shapiro, Joseph Farrell und Garth Saloner fortgeführt.Knut Blind, The economics of standards: theory, evidence, policy, Edward Elgar Publishing/Cheltenham UK/Northampton MA, 2004, ISBN 978-1-84376-793-0 1993 wurde das Metcalfesche Gesetz, benannt nach Robert Metcalfe, veröffentlicht, um Netzwerkeffekte gemeinverständlich darzustellen.
Ende 2008 stellte Rod Beckstrom erstmals das von ihm entwickelte Beckstrom’s law vor, welches eine Möglichkeit beschreibt, den tatsächlichen Wert eines Netzwerks zu ermitteln: „The value of a network equals the net value added to each user’s transactions conducted through that network, summed over all users.“ unibw.de, The economics of network and cybersecurity; abgerufen am 14. Juni 2015
Arten Zunächst ist zu unterscheiden zwischen dem direkten und indirekten Netzwerkeffekt.Michael Jaekel, Die Macht der digitalen Plattformen, 2017, S. 64 f.
Direkter Netzwerkeffekt Je mehr Benutzer in einem Netzwerk auf einer Marktseite vorhanden sind, umso nützlicher empfindet jeder einzelne Benutzer dieser Marktseite dieses Netzwerk. Je mehr Berufstätige beispielsweise LinkedIn benutzen, desto größer wird ihr Nutzen, weil mehr Kontakte auch mehr Informationen über offene Stellen beinhalten können. Indirekte Netzwerkeffekte liegen vor, wenn der Nutzen einer Marktseite auch von der Anzahl der Benutzer auf der anderen Marktseite abhängig ist. Bei LinkedIn ist der Nutzen von Unternehmen und Personalberatungen umso größer, je mehr Berufstätige registriert sind. Direkte Netzwerkeffekte sind dadurch gekennzeichnet, dass der Nutzwert eines Netzwerks mit der Anzahl seiner Benutzer steigt, weil es zunehmend mehr potenzielle Kommunikationspartner bereithält.Insa Sjurts (Hrsg.), Gabler Lexikon Medienwirtschaft, 2011, S. 441 Indirekte Netzwerkeffekte sind charakteristisch für Systemprodukte mit Lock-in-Effekt. Wer sich für einen DVD-Player als Wiedergabegerät entscheidet, muss auch DVDs als Datenträger erwerben, da Videokassetten hierauf nicht abspielbar sind.
Außerdem gibt es positive und negative Netzwerkeffekte:Stephanie Jungheim, Medienordnung und Wettbewerbsrecht im Zeitalter der Digitalisierung und Globalisierung, 2012, S. 70 f.
positiven Netzwerkeffekt er erhöht Verbreitung eines Produktes und kommt sowohl dem Produzenten (Betreiber des Netzwerks) als auch dem Konsumenten zugute. negativer Netzwerkeffekt wenn ein Netzwerk durch die Vielzahl der Benutzer überlastet ist oder diese mehr Werbung als störend empfinden.
Beide Hauptarten kommen auch kombiniert vor: So gibt es direkte positive und negative sowie indirekte positive und negative Netzwerkeffekte. Positive Netzwerkeffekte werden dem Verursacher nicht über den Marktpreis abgegolten, negative werden ihm nicht angelastet.Insa Sjurts (Hrsg.), Gabler Lexikon Medienwirtschaft, 2011, S. 132 Im Anfangsstadium eines Netzwerks nimmt der Nutzen für die Benutzer zu, und die positiven Netzwerkeffekte überwiegen. Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook profitieren von positiven Netzwerkeffekten steigender Benutzerzahlen. Nach Erreichen und Überschreiten der kritischen Masse überwiegen jedoch die negativen Effekte.Thomas Gieseking, Gewinnoptimale Preisbestimmung in werbefinanzierten Märkten, 2009, S. 37 Netzwerkeffekte können bei zunehmender Teilnehmerzahl auch negativ ausfallen, wenn die Existenz anderer Teilnehmer den Nutzen für den Einzelnen verringert:Thomas Gieseking, Gewinnoptimale Preisbestimmung in werbefinanzierten Märkten, 2009, S. 37 Mit zunehmender Zahl der Verkehrsteilnehmer im Straßennetz erhöht sich – bei konstant bleibendem Verkehrsnetz – die Verkehrsdichte, so dass es zu Verkehrsstaus und anderen Netzstörungen kommen kann. Steigen die Benutzerzahlen und Datenmengen in Rechnernetzen, werden die Server überlastet, so dass sich die Antwortzeiten verlängern. Wird mithin die kritische Masse überschritten, sind die Netzwerkeffekte negativ. Das Netzmanagement muss deshalb auch dafür sorgen, dass die durch eine überhöhte Netzlast bedingten Netzstörungen durch eine Erhöhung der Netzkapazitäten beseitigt werden.
Bei -Netzwerken haben die Mitglieder jeweils eine Beziehung zum Netzbetreiber, sind aber nicht untereinander vernetzt (etwa Rundfunkveranstalter und Hörfunkteilnehmer; ). Bei -Netzwerken sind die Mitglieder auch untereinander verbunden (Dienste der sozialen Medien wie Facebook oder Instagram; ).
Direkte Netzwerkeffekte Die konventionelle Definition direkter (auch horizontaler) Netzwerkeffekte stammt von Katz/Shapiro (1986). So sei der Nutzen, den ein Verbraucher aus einem Gut zieht, von der Anzahl anderer Verbraucher des Gutes abhängig. Die Größe des Netzwerkes hat direkt Auswirkungen auf den Nutzen der Netzwerkteilnehmer.Michael Katz/Carl Shapiro, Product Compatibily Choice in a Market with Technological Progress, in: Oxford Economic Papers, 38, 1986, S. 146 Der Nutzen, den ein Verbraucher aus dem Konsum eines Gutes erhält, ist zentral für die Kaufentscheidung. Der Nutzen wird determiniert aus den Faktoren Basisnutzen und Netzwerkgröße . Der Basisnutzen entspricht den persönlichen Anforderungen an ein Gut. Daraus ergibt sich:
mit für . Durch jeden neuen Netzwerkteilnehmer erhöht sich im Allgemeinen der Gesamtnutzen. Jeder zusätzliche Nutzer des Netzwerks erhöht die Anzahl möglicher Verbindungen und damit die Anzahl der potentiell erreichbaren Nutzer. Der Nutzen steigt infolge des Eintritts eines neuen Teilnehmers überproportional an, da der hinzukommende Nutzer mehr Nutzen einbringt als er selbst erhält. (PDF); abgerufen am 14. Juni 2015
Der neue Nutzer baut mehr Verbindungen auf als sein Vorgänger. Eine Verbindung besteht zwischen den Netzknoten des Netzwerks. Die Summe möglicher Verbindungen folgt aus: mit . Bei großen Netzwerken dominiert der Term: . Theoretisch können die Erträge mit steigender Netzwerkgröße für die Nutzer steigen, fallen oder konstant bleiben.
Die Überlastung eines Mobilfunknetzes ist ein Beispiel für negative direkte Netzwerkeffekte, in denen die Erträge fallen. Durch die Überlastung ist es nicht mehr möglich, Telefonate oder SMS zu tätigen. Mithin sinkt für den Netzwerkteilnehmer sein Nutzen gegen Null. Die Funktion des Mobilfunknetzes, mit anderen Netzwerkteilnehmern in Verbindung zu treten, ist nicht mehr gegeben. Im Fall konstanter Netzwerkeffekte sind auch die Skalenerträge konstant. Bei wachsenden direkten Netzwerken können die Vorteile positiver Netzwerkeffekte als Skalenerträge auf der Nachfrageseite gekennzeichnet werden.