mini|Gedenktafel in polnischer Sprache am Geburtshaus Horst Bieneks mini|Gedenktafel in deutscher Sprache am Geburtshaus Horst Bieneks Horst Georg Bienek (* 7. Mai 1930 in Gleiwitz-Stadtwald, Oberschlesien; † 7. Dezember 1990 in München) war ein deutscher Schriftsteller, Redakteur, Regisseur, Drehbuchautor, Librettist, Lektor und bildender Künstler.
Leben und Wirken Familie
Horst Bieneks Familie, die der römisch-katholischen Konfession angehörte, lebte in Gleiwitz-Stadtwald. Sein Vater Johann Hermann Bienek (1884–1961) war Lokomotivheizer bei der Deutschen Reichsbahn, seine Mutter Vally Marie Bienek, geborene Piontek (1889–1941), war Klavierlehrerin. Nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 wurde der Vater versetzt und lebte bis zu seinem Tod in Salzgitter. Als die Mutter 1941 in Gleiwitz starb, blieb Horst dort in der Obhut seiner älteren Schwestern Stefanie Bienek (1916–1986) und Edeltraut Veit, geborene Bienek (1918–2012). Er besuchte die örtliche Volksschule. Horst Bienek war das jüngste von sechs Kindern. Zwei seiner drei Brüder, Hubert (1924–1945) und Werner (1926–1944), fielen als Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Das älteste der Kinder, Leo Bienek, wurde 1911 geboren.https://www.deutsche-biographie.de/dbo012174.html#dbocontent
1945–1951 Von der Straßenbahn aus wurde er Zeuge des Todesmarschs der überlebenden Auschwitz-Häftlinge durch Gleiwitz, die zwischen dem 19. und dem 23. Januar 1945 Gleiwitz und Loslau erreichten. Am 23. Januar 1945 eroberte die Rote Armee GleiwitzZitat aus Bieneks postum veröffentlichten Text Die vertauschten Augen (1991): „Ich komme aus einer kleinen Stadt, aus Gleiwitz, damals im alten Reich, ganz weit im Osten, gelegen. Heute heißt die Stadt Gliwice und liegt mitten in Polen. Ich bin dort oft an der Klodwitzbrücke gestanden und habe zugesehen, wie das Wasser in die Oder floß.“ und unterstellte es im März 1945 der Verwaltung der Volksrepublik Polen, die es in Gliwice umbenannte. Das Elternhaus wurde beschlagnahmt. Bienek wurde zur Demontage der Werkzeugmaschinen für den Transport in die Sowjetunion zwangsverpflichtet.
Im Oktober 1945 beantragte Bienek die Ausreise in die Sowjetische Besatzungszone und reiste 1946 nur mit einem Rucksack aus. Er lebte danach zunächst in Köthen (Anhalt), wo er sich als Gelegenheitsarbeiter durchschlug. Zum 1. Januar 1949 nahm ihn die in Potsdam erscheinende Zeitung Die Tagespost als Volontär in ihre Redaktion auf. Im selben Jahr erhielt er einen Anerkennungspreis für seine Prosa.Vgl. dazu: Verena Nolte: „Ich habe die Zeit gesehen“. Literaturausstellung Horst Bienek 1930–1990. Herausgegeben im Auftrag der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek von Reinhard Laube. Hameln 2011, S. 33 f.
1950 durfte er am ersten Jahrgang für Schriftsteller in Bad Saarow teilnehmen. Martin Gregor-Dellin, der damalige Leiter des „Kulturellen Beirats für das Verlagswesen“ in Ost-Berlin,Der Kulturelle Beirat für das Verlagswesen oder das Amt für Literatur funktionierten als Kontroll- und Zensurinstanzen. Vgl. dazu: Carsten Gansel: Parlament des Geistes: Literatur zwischen Hoffnung und Repression 1945–1961. Basisdruck, Berlin 1996, ISBN 978-3-86163-067-8, S. 120–131. ernannte ihn zu seinem Assistenten.Horst Bienek. In: Bernd-Ulrich Hergemöller: Mann für Mann: biographisches Lexikon. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-39766-4, S. 125. 1951 veröffentlichte er lyrische Dichtungen in der Zeitschrift Sinn und Form (über Henri Martin, ein ehemaliges Mitglied der französischen Résistance und einen späteren Angehörigen der französischen Kriegsmarine), die Peter Huchel leitete.vgl. dazu: Im September 1951 nahm ihn Bertolt Brecht in seine Meisterklasse am Berliner Ensemble in Ost-Berlin auf.
Verhaftung, Verurteilung und Zwangsarbeit in Workuta 1951–1955
In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1951 wurde Horst Bienek vom Ministerium für Staatssicherheit festgenommen und der sowjetischen Geheimpolizei MGB übergeben. Nach Verhören in der Untersuchungshaftanstalt Potsdam-Lindenstraße verurteilte am 5. März 1952 das Militärtribunal der „Verwaltung Rückwärtige Dienste der Gruppe der sowjetischen Besatzungstruppen in Deutschland“ Bienek wegen „antisowjetischer Propaganda“ (Art. 58-10/2 StGB der RSFSR) und „Spionage“ (Art. 58-6/1 StGB RSFSR) zu insgesamt 20 Jahren „Besserungsarbeitslager“.
Bertolt Brecht hatte sich nicht für seinen verhafteten Schüler eingesetzt. „Nach Bieneks Verhaftung hatte es im ‚Berliner Ensemble‘ eine Versammlung gegeben, um dem Inhaftierten zu helfen. Die Forderung: Man solle sich an höherer Stelle nach ihm erkundigen. Aber als eine Abordnung bei Brecht vorstellig werden will, hat der sich eingeschlossen und war nicht zu sprechen. Wenig später wird die Weigel mutmaßen, Bienek sei wohl doch ein Spion gewesen.“Tilman Urbach: Leben zwischen den Zeilen – Horst Bieneks Tagebücher. In: Horst Bienek: Ein Schriftsteller in den Extremen des 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-0971-5. S. 261.
Bienek kam in Gefängnisse in Moskau und Nowosibirsk. Er verbüßte seine Strafe im Gulag in der Sowjetunion. Er musste zuerst zwischen Nord-Ural und Eismeer im Arbeitslager Workuta unter Tage im Steinkohlenbergbau arbeiten und später in Swerdlowsk im Wohnungsbau. Nach vier Jahren kam er im Oktober 1955 im Zuge der „Heimkehr der Zehntausend“ frei und wurde auf eigenen Wunsch in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben.
„Er lernte unter den Zwangsarbeitern die russische Sprache lieben und dann auch die russische Literatur; er nahm am Häftlingsaufstand von Workuta im Sommer 1953 teil; er schrieb Gedichte auf Toilettenpapier, die er in Zahnpastatuben versteckte und hinausschmuggeln konnte, als er am 9. Oktober 1955“ von Eisenach nach Salzgitter-Lebenstedt bei Braunschweig, wo sein mittlerweile wieder verheirateter Vater lebte, entlassen wurde.Verena Nolte: „Ich habe die Zeit gesehen“. Horst Bienek 1930–1990. Hg. im Auftrag der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek von Reinhard Laube, Hameln 2011, S. 48. Dreizehn Jahre später verarbeitete er die Erfahrungen aus Untersuchungs- und Lagerhaft in seinem Roman Die Zelle (1968).Zu dem in Sinn und Form 1951 erschienenen Gedicht Ein Wort, seine Lagerhaft, dem Roman Die Zelle und dem vom Spiegel 1990 erhobenen Vorwurf, Walter Kempowski habe in seinem Roman Im Block, in dem er seinerseits seine Lagererfahrungen verarbeitete, Bieneks Zelle plagiiert vlg.: Matthias Meitzel: »Der Erste, der mir zur Seite sprang«. Walter Kempowski über Horst Bienek. In: Sinn und Form. 3/2020, S. 411–413.
1955–1990
Da sich Bienek mit seinem Vater auch jetzt nicht verstand, zog er bald weiter zu seiner Schwester Edeltraut, die in BurbachBrief von Horst Bienek an Karl Dedecius, 23.02.1957. Kalliope-Verbund bei Köln wohnte und ihm durch ihre Unterstützung „seinen zweiten Weg als Schriftsteller“Verena Nolte: „Ich habe die Zeit gesehen“. Literaturausstellung Horst Bienek 1930–1990. Hg. im Auftrag der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek von Reinhard Laube, Hameln 2011, S. 48. ebnete. Von 1957 bis 1961 arbeitete er unter anderem als Kulturredakteur beim Hessischen Rundfunk und von 1959 bis 1961 mit Hans Platschek als Herausgeber der Zeitschrift Blätter + Bilder, ab 1961 als Verlagslektor beim Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv) in München. 1965 ließ er sich als freier Schriftsteller in Ottobrunn bei München nieder und wurde „zu einer der Zentralgestalten des deutschen Kulturlebens. Reisen mit Vorträgen und Lesungen führen ihn durch Europa, Amerika und Australien. Für sein filmisches und literarisches Werk wird er vielfach ausgezeichnet.“
Neben seiner eigenen literarischen Tätigkeit betreute er die neue reihe beim dtv, in der vorrangig schwer verkäufliche Texte erschienen. Mit einer großen Zahl von Vor- oder Nachworten begleitete er engagiert das Werk vieler, auch noch nicht etablierter Schriftstellerkollegen. Ab 1970 war er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Im Juni 1977 nahm Horst Bienek am Lyrikfestival in Hamburg teil. 1983 wurde er David Hockney gezeichnetet.Verena Nolte: „Ich habe die Zeit gesehen“. Literaturausstellung Horst Bienek 1930–1990. Hg. im Auftrag der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek von Reinhard Laube, Hameln 2011, S. 49 Im Mai 1987 reiste er mit polnischem Visum nach Schlesien und veröffentlichte 1988 die Autobiografie Reise in die Kindheit beim Carl Hanser Verlag. Bis 1990 war er außerdem Leiter der Literaturabteilung an der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Horst Bienek starb im Dezember 1990 in München an den Folgen einer zu jener Zeit noch nicht behandelbaren HIV-Infektion. Er soll seit 1987 von seiner Erkrankung gewusst haben. Die Grabstätte befindet sich auf dem Parkfriedhof in Ottobrunn.
Rehabilitierung Nach Bieneks Tod stellte Horst Hennig in eigener Sache mit Unterstützung von Bieneks Schwester Edeltraut 1994 einen Rehabilitierungsantrag; die Rehabilitierung erfolgte am 1. September des gleichen Jahres durch die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation. Durch diesen Vorgang ergab sich eine erstmalige Akteneinsicht und Kenntnis der Bienek vorgeworfenen Straftaten: Bieneks Name tauchte im Adressbuch des in den Westen übergelaufenen SED-Funktionärs Günter Grell auf, der zurück nach Ost-Berlin entführt wurde. Diesem hatte Bienek auf dessen Wunsch ein frei verkäufliches Adressbuch der Einwohner Potsdams übergeben. Der zweite Vorwurf bezog sich auf zwei bei der Hausdurchsuchung bei Bienek gefundene politisch verbotene Bücher sowie eine Stalin-Karikatur und Stern-Material zur „Roten Kapelle“. Nach der Prüfung der Unterlagen stellte die russische Generalstaatsanwaltschaft fest, dass Horst Bienek ohne Grund und aus politischen Motiven verurteilt worden war und postum rehabilitiert wird.vgl. dazu den umfangreichen Forschungsbericht von Daniel Pietrek: Horst Bieneks Verhaftung, Aktenüberlieferung, Bekenntnis und Selbstdarstellung. In: Horst Bienek: Ein Schriftsteller in den Extremen des 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2012, ISBN 978-3-8353-0971-5. S. 209–230.
Zum Werk Freunde und Kollegen hatten Bienek 1990 gefragt, warum er nicht über seine Erlebnisse in Workuta geschrieben habe. Daraufhin machte er sich an diese Arbeit, die aber wegen seines Todes unvollendet blieb. Trotzdem stellte sein Verleger Michael Krüger die Fragmente zusammen und gab sie 2013 mit einem Nachwort versehen im Göttinger Wallstein Verlag heraus.Kai Agthe: Die Seele war wie aus Blei. Bieneks Erinnerungen an Workuta. In: Thüringische Landeszeitung, 9. März 2013.
Bieneks Werk zeichnete sich von Anfang durch eine hohe Sprachsensibilität aus. Sein literarischer Antrieb war ästhetischer Art, die ethische Komponente wurde durch die erlittenen Gefangenschafts- und Gewalterfahrungen aufgezwungen. Seine Literatur kreist um die innere und äußere Selbstbehauptung des Menschen gegenüber einem übermächtigen Staat, aber hinter subjektiven Erfahrungen dringt er in tiefere Schichten gesellschaftlicher Zustände vor.vgl. dazu: Horst Bienek. In: Dietz-Rüdiger Moser (Hrsg.): Neues Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur seit 1945. Nymphenburger, München 1990, ISBN 3-485-03550-5, S. 73.
Vor allem für seine in zahlreiche Sprachen übersetzte autobiografisch gefärbte Gleiwitzer Roman-Tetralogie (Die erste Polka, 1975; Septemberlicht, 1977; Zeit ohne Glocken, 1979; Erde und Feuer, 1982) erhielt Horst Bienek zahlreiche internationale Literaturpreise. Testamentarisch vermachte er seinen literarischen Nachlass der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover, die Rechte an seinen Werken der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, die aus der daraus hervorgegangenen Horst-Bienek-Stiftung nunmehr zweijährlich den Horst-Bienek-Preis für Lyrik verleiht.