mini|Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES-Skala)

Die Liste von Unfällen in kerntechnischen Anlagen enthält Ereignisse, die nach der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) als Unfall der Stufe 4 oder höher eingestuft wurden und sich in einer kerntechnischen Anlage ereigneten. Als kerntechnische Anlagen gelten dabei Kernkraftwerke, Forschungsreaktoren sowie Anlagen des nuklearen Brennstoffkreislaufs, etwa Urananreicherungs- oder Wiederaufarbeitungsanlagen. Weniger schwere Störfälle sind in der Liste meldepflichtiger Ereignisse in deutschen kerntechnischen Anlagen und in der Liste von Störfällen in europäischen kerntechnischen Anlagen erfasst.

Die INES-Skala wurde 1990 von der International Atomic Energy Agency (IAEA) und der Nuclear Energy Agency (NEA) eingeführt. Ereignisse, die sich zuvor ereigneten, besitzen daher keine zeitgenössische Einstufung; ihre Zuordnung zu einer INES-Stufe erfolgt auf Grundlage nachträglicher Bewertungen durch internationale Organisationen oder in der Fachliteratur. Frühere Ereignisse ohne INES-Einstufung werden in der Liste berücksichtigt, sofern sie Verletzungen oder Todesfälle infolge von Strahlenexposition verursachten.

Nicht enthalten sind radiologische Ereignisse außerhalb kerntechnischer Anlagen, etwa Unfälle mit Strahlenquellen in medizinischen oder industriellen Einrichtungen. Beispiele hierfür sind der Goiânia-Unfall im Jahr 1987 in Brasilien (INES 5), ein Strahlenunfall in einer Bestrahlungsanlage bei Stambolijski im Jahr 2011 (INES 4) oder der 1979 eingetretene Bruch eines Absetzsee-Dammes in den USA.

Die bekanntesten Unfälle in kerntechnischen Anlagen sind die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl vom 26. April 1986 und die Nuklearkatastrophe von Fukushima vom 11. März 2011. Neben diesen auslegungsüberschreitenden Unfällen (umgangssprachlich „Super-GAU“) gab es weitere Ereignisse, bei denen es zu erheblichen Freisetzungen radioaktiver Stoffe sowie zu Umwelt- und Gesundheitsschäden kam.

Statistik Häufigkeit mini|Auftretensrate sicherheitsrelevanter Ereignisse pro betriebenem Reaktor im zivilen Nuklearsektor (Punkte mit Fehlerbalken, linke Achse) sowie die Anzahl der in Betrieb befindlichen Reaktoren (durchgezogene Linie, rechte Achse) von 1965 bis 2020. Nach zunächst höheren Werten in den frühen Betriebsjahren sinkt die Ereignisrate und bleibt später auf niedrigerem Niveau; zeitlich begrenzte Anstiege sind im Zusammenhang mit größeren Unfällen (Tschernobyl 1986, Fukushima 2011) erkennbar.

Frühere probabilistische Risikoanalysen gingen von sehr geringen Wahrscheinlichkeiten für Kernschmelzunfälle aus (ein Ereignis in mehreren zehntausend bis hunderttausend „Reaktorjahren“, also bezogen auf ein Jahr Betrieb eines einzelnen Reaktors). Empirische Auswertungen realer Ereignisse ergeben dagegen deutlich höhere Werte von etwa einem Kernschmelzunfall pro 3.700 Reaktorjahre. Für allgemeinere Störfälle und Unfälle zeigen sich je nach Datengrundlage unterschiedliche Entwicklungen: Während einige Auswertungen keinen eindeutigen Lerneffekt erkennen lassen, weisen andere auf einen Rückgang der Ereignisraten im Zeitverlauf hin.

Analysen auf Basis einer umfangreichen Ereignisdatenbank mit mehr als 1.200 sicherheitsrelevanten Vorkommnissen deuten auf wiederkehrende Schwankungen in der Ereignishäufigkeit hin. Demnach steigt die Zahl gemeldeter Ereignisse nach großen Unfällen zunächst deutlich an und sinkt in den Folgejahren wieder ab. Als Ursachen werden insbesondere erhöhte Aufmerksamkeit, verbesserte Transparenz, die Aufdeckung bereits vorhandener Konstruktionsfehler sowie erhöhter öffentlicher Druck genannt. Für verschiedene Zeiträume werden unterschiedliche Ereignisraten angegeben. Die Werte reichen von etwa 0,16 Ereignissen pro Reaktorjahr in frühen Betriebsphasen über etwa 0,06 bis 0,07 in späteren Jahrzehnten. Darüber hinaus zeigt sich, dass ab einem Betriebsalter von etwa 25 Jahren ein deutlicher Anstieg technischer Vorfälle bei Kernkraftwerken zu beobachten ist. Eine statistische Analyse von Ereignissen mit wirtschaftlichen Schäden über 20 Millionen US-Dollar zeigt, dass die Unfallrate seit den 1970er Jahren abnahm und sich seit Ende der 1980er Jahre auf einem weitgehend konstanten Niveau von etwa 0,003 Ereignissen pro Reaktorjahr stabilisiert hat. Gleichzeitig ist die Verteilung der Schadenshöhen stark ungleich: Wenige Großereignisse dominieren die Gesamtschäden, wobei die beiden größten Unfälle (Tschernobyl und Fukushima) ein Mehrfaches der Summe aller übrigen Ereignisse verursachten.

Vergleich mit anderen Arten der Stromerzeugung Vergleiche der Sicherheitsbilanz von Kernenergie mit anderen Stromerzeugungsarten erfolgen häufig auf Basis der Todesfälle pro erzeugter Terawattstunde. Diese Kennzahl wird in der Regel im Rahmen von Lebenszyklusanalysen ermittelt, bei denen sowohl direkte Unfälle als auch gesundheitliche Folgen durch Luftverschmutzung über den gesamten Lebenszyklus der jeweiligen Technologie hinweg berücksichtigt werden. Im internationalen Vergleich liegt die Kernenergie dabei im Bereich sehr niedriger Werte. Nach einer Schätzung von Hannah Ritchie bei Our World in Data ergibt sich eine Größenordnung von etwa 0,03 Todesfällen pro Terawattstunde, was deutlich geringer ist als bei fossilen Energieträgern wie Kohle (über 20) oder Erdgas (rund 3). Auch Biomasse liegt mit rund 4,6 Todesfällen pro Terawattstunde höher. Wind- und Solarenergie erreichen ähnlich niedrige Werte wie die Kernenergie (etwa 0,02 bis 0,04), während Wasserkraft im Mittel einen höheren Wert aufweist (1,3). Dieser wird jedoch fast ausschließlich durch den Bruch des Banqiao-Staudamms in China im Jahr 1975 bestimmt, bei dem eine sehr hohe Zahl an Menschen ums Leben kam. Ohne diese Katastrophe läge Wasserkraft bei 0,04. Für Tschernobyl schätzt Ritchie die Zahl der Todesopfer auf 433. Dies liegt deutlich unterhalb der Schätzung des Tschernobyl-Forums (rund 4000) und noch stärker unter höheren Schätzungen, etwa jener von 2018 der International Agency for Research on Cancer, die zur WHO gehört und für Europa von rund 16.000 Todesfällen bis 2065 ausgeht.E. Cardis et al.: IARC Briefing on Chernobyl

__NOTOC__ 1940 • 1950 • 1960 • 1970 • 1980 • 1990  •  2000 • 2010 • 2020

1940er Jahre Datum Ort Vorgang INES 21. Aug. 1945 Los Alamos (New Mexico)

Harry K. Daghlian Jr. arbeitete auf dem Omega-Gelände des Kernforschungszentrums von Los Alamos und erzeugte eine prompt überkritische Anordnung, als er versehentlich einen Wolframcarbid-Klotz auf einen etwa 6 kg schweren Plutonium-Kern fallen ließ. Obwohl er das Stück wegstieß, erhielt er bei dem Prompt Burst eine tödliche Strahlendosis von geschätzt ca. 5 Sievert (Sv) und starb am 15. September.Atomic Heritage Foundation: Atomic Accidents, 4. Juni 2014 (abgerufen am 4. Juli 2025) 21. Mai 1946 Los Alamos (New Mexico)

Im Kernforschungszentrum von Los Alamos experimentierte der kanadische Physiker Louis Slotin im Beisein mehrerer Wissenschaftler mit demselben Plutoniumkern, der in der Folge als „Demon Core“ bezeichnet wurde, und zwei Halbkugelschalen aus Beryllium, die als Neutronenreflektoren dienten. Slotin hielt die obere Halbkugel durch ein Daumenloch und benutzte, um sie kontrolliert abzusenken, einen Schraubendreher. Als dieser abrutschte, schloss sich der Spalt zwischen den Halbkugeln und eine Kettenreaktion setzte ein. Slotin erhielt dabei eine Dosis von etwa 21 Sv, an der er am 30. Mai verstarb.

1950er Jahre Datum Ort Vorgang INES 12. Dez. 1952 Chalk River Laboratories, Chalk River (Ontario) Beim Unfall im Forschungsreaktor NRX der Chalk River Laboratories kam es während eines Tests infolge von Fehlbedienungen, missverständlicher Kommunikation des Bedienpersonals sowie fehlerhaften Statusanzeigen im Kontrollraum zu einer Leistungsüberhöhung. Der Reaktorkern wurde teilweise zerstört; eine Wasserstoffexplosion beschädigte das Reaktorgebäude und setzte radioaktive Spaltprodukte frei. Mehrere Millionen Liter radioaktiv kontaminierten Wassers sammelten sich im Reaktorgebäude und wurden in eine Sickergrube gepumpt, um eine Verunreinigung des nahegelegenen Ottawa River zu vermeiden. Der beschädigte Reaktorkern wurde anschließend entfernt und vergraben; der Reaktor ging nach umfangreichen Dekontaminations- und Reparaturarbeiten zwei Jahre später wieder in Betrieb. An den mehrere Monate dauernden Aufräumarbeiten waren über 1000 Personen beteiligt. Sie erhielten zusammen eine Kollektivdosis von etwa 26 Personen-Sievert; eine spätere Studie fand unter den beteiligten Arbeitern keine erhöhte Krebssterblichkeit.Peter Jedicke: (bei der Canadian Nuclear Society), abgerufen am 8. März 2026. 5 29. Nov. 1955 Idaho Falls (Idaho) Am 29. November 1955 erlitt der Forschungsreaktor EBR-I in der National Reactor Testing Station während eines Experiments mit rascher Leistungssteigerung eine partielle Kernschmelze. Eine verspätete Schnellabschaltung löste eine Leistungsspitze aus, die zu einer Teilkernschmelze führte, bei der etwa 40 bis 50 % des Reaktorkerns beschädigt wurden. Der Reaktor schaltete sich durch Verlust der Kritikalität selbst ab. Die Radioaktivität im Reaktorkühlsystem und an Lüftungseinrichtungen des Gebäudes stieg an, woraufhin das Personal vorsorglich evakuiert wurde. Personenschäden traten nicht auf, und in der Umgebung der Anlage wurde keine erhöhte Strahlenbelastung gemessen. Der Unfall wurde zunächst nicht öffentlich bekannt gegeben; erst mehrere Monate später bestätigte die damalige US-Atomenergiebehörde den Vorfall. 4 29. Sep. 1957 Kyschtym,

Am 29. September 1957 kam es im Kerntechnikkomplex Majak nahe Kyschtym im südlichen Ural zu einem schweren Unfall. In einer Zisterne mit hochradioaktiven Abfällen fiel das Kühlsystem aus, ohne dass dies zunächst bemerkt wurde. Der Inhalt erhitzte sich dadurch immer weiter und explodierte schließlich bei etwa 350 °C. Die Explosion sprengte die rund 160 Tonnen schwere Betonabdeckung des Tanks und schleuderte etwa 20 Millionen Curie radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre. Der radioaktive Niederschlag wurde vom Wind über ein Gebiet von etwa 20.000 km2 verteilt, in dem rund 270.000 Menschen lebten. In den Tagen nach dem Unfall wurden mehr als 20 Dörfer mit über 11.000 Einwohnern evakuiert und anschließend vollständig zerstört. Offizielle Informationen über die Ursache der Maßnahmen erhielten die Bewohner nicht. Der Vorfall blieb lange geheim. Außerhalb der Sowjetunion wurde er erst 1976 bekannt, als der sowjetische Biochemiker Schores Alexandrowitsch Medwedew erste Informationen darüber veröffentlichte. Die sowjetischen Behörden bestätigten den Unfall offiziell erst 1989. 6 10. Okt. 1957 Windscale