Diego Garcia ist das nach Landfläche größte Atoll des Chagos-Archipels, des letzten verbliebenen Teils des Britischen Territoriums im Indischen Ozean. Die gleichnamige Hauptinsel des Atolls, auf der von Großbritannien und den USA eine gemeinsame Militärbasis unterhalten wird, ist die größte Einzelinsel des Archipels.
Im Jahr 2019 erklärte der Internationale Gerichtshof den Anspruch Großbritanniens auf die Inselgruppe als rechtswidrig. Eine nachfolgende Resolution der UN-Generalversammlung, die mit einer großen Mehrheit verabschiedet wurde, forderte, Großbritannien solle sich von den Inseln bis Ende 2019 zurückziehen. Im Jahr 2021 bestätigte der Internationale Seegerichtshof (ISGH) die Souveränität von Mauritius über den Chagos-Archipel. Am 22. Mai 2025 wurde ein Vertrag zur Übertragung der Souveränität vom Vereinigten Königreich auf Mauritius unterzeichnet, der vorsieht, dass die Militärbasis auf der Insel für mindestens 99 Jahre unter britischer Kontrolle bleibt. Der Vertrag ist jedoch bisher nicht ratifiziert worden. Der UN-Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung hat „tiefe Besorgnis“ über die Bedingungen des Abkommens geäußert. Auch nach Kritik von US-Präsident Donald Trump, hat die britische Regierung angekündigt, das Abkommen aufgrund der geo-strategischen Bedeutung des dortigen Militärstützpunkts nochmals nachverhandeln zu wollen.
Lage und Daten mini|Klimadiagramm von Diego Garcia
Das Atoll liegt 733 Kilometer südlich der Insel Gan, der südlichsten Insel der Malediven, und 1863 Kilometer östlich der Seychellen (Insel Praslin). Diego Garcia befindet sich auf dem Zentralindischen Rücken mitten im Indischen Ozean.
Die höchste Erhebung der Insel liegt 20 Meter über dem Meeresspiegel, der Höhendurchschnitt beträgt allerdings nur 1,2 Meter. Die Fläche der Insel beträgt 27,19 km².
Neben der Hauptinsel Diego Garcia, die hufeisenförmig einen nahezu geschlossenen Atollring bildet, gibt es drei kleine Inseln in der 6,4 km breiten Öffnung im Norden:
West Island (3,4 ha) Middle Island (6 ha) East Island (11,75 ha)
Geschichte
mini|hochkant|Chagossianer bei der Kokosnussernte auf Diego Garcia, 1971 mini|links|Verlassene Plantage auf Diego Garcia Die erste dokumentierte „Entdeckung“ der zu diesem Zeitpunkt unbewohnten Inseln wird dem portugiesischen Seefahrer, Entdecker und Diplomaten Pedro Mascarenhas im Jahre 1512 zugeschrieben, der die Inseln zu Ehren seines Gönners Garcia de Noronha Dom Garcia nannte. Es wird vermutet, dass der Name hauptsächlich auf den Spanier portugiesischer Abstammung Diego García de Moguer zurückzuführen ist. Er leitete im Jahre 1544 eine portugiesische Expedition und entdeckte den Chagos-Archipel erneut. Dabei benannte er die größte der Inseln nach sich selbst. Er starb auf der Rückfahrt nach Portugal vor der südafrikanischen Küste.
Bis kurz nach 1700 gehörte die Insel formell zu Portugal, danach wurde sie von Frankreich beansprucht und von Mauritius aus verwaltet.
Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege musste Frankreich Diego Garcia an Großbritannien abtreten.
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Inseln von französischen Plantagengründern und Bewohnern einer Leprakolonie, deren mosambikanischen Sklaven und später von Indern besiedelt. 1859 gab es 338 Einwohner. 1895 wurde die erste Kirche erbaut. Die Bewohner der Insel nennen sich seit Ende des 18. Jahrhunderts Changos Insulaner, so wie im Kreol Changossier und im Tschangos-Kreol als Îlois, was soviel wie „Menschen der Insel“ bedeutet.
1965 gliederte Großbritannien die Insel aus der Verwaltung von Mauritius aus, damit Diego Garcia bei der bevorstehenden Unabhängigkeit von Mauritius im Jahre 1968 bei Großbritannien verbleiben konnte.
1968 wurde die Changossianer-Bevölkerung zwangsumgesiedelt und die Insel Diego Garcia für den Bau eines US-amerikanischen und eines britischen Militärstützpunkts verpachtet.
Bis 1971 war der wichtigste Wirtschaftsfaktor ein aus Kokosnüssen (Kopra) gewonnenes Kokosöl.
Im April 2010 wurde der gesamte Chagos-Archipel von der britischen Regierung zu einem Meeresreservat erklärt.
Nach dem Unglück der Raumfähre Columbia am 1. Februar 2003 wurde Diego Garcia als Notlandeplatz für weitere Space-Shuttle-Missionen ausgewählt. Es befindet sich auch eine Beobachtungsanlage (GEODSS) des Space Surveillance System auf der Insel.
Zwangsumsiedlung der Bewohner Nach dem Bau der US-Basen wurden die Einwohner allmählich nach Mauritius und auf die Seychellen zwangsumgesiedelt; militärische und geheimdienstliche Strukturen wurden aufgebaut. Der Regierung von Mauritius wurde eine Entschädigung für die Zwangsumsiedlung zugesagt. Das Geld floss aber nur spärlich, und weil die Einwohner, Nachfahren von afrikanischen Sklaven, lediglich kreolisch sprachen und Analphabeten waren, konnten sie sich in der neuen Umgebung schlecht integrieren und endeten vorwiegend in den Slums von Port Louis.
Die britische Regierung hat den Standpunkt vertreten, eine Rückkehr der Bewohner und ihrer Nachfahren sei erst möglich, wenn keine weitere militärische Nutzung mehr notwendig sei. Dies wird auch durch den Umstand bestätigt, dass der Vertrag für die militärische Nutzung durch die USA noch bis 2016 lief und dann auf 2036 verlängert wurde.Der amerikanisch-britische Stützpunkt Diego Garcia verstößt gegen das Völkerrecht heise.de, vom 26. Februar 2019. In dem Urteil von 2000 wurde auch die britische Staatsangehörigkeit der Îlois bestätigt, womit sie gleichzeitig EU-Bürger bis zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union am 1. Februar 2020 Ortszeit waren.
Im April 2006 konnte eine Gruppe von 100 Chagossianern auf Kosten des British Foreign Office den Chagos-Archipel besuchen.In pictures: Chagossians’ visit. In: BBC News. 10. April 2006, abgerufen am 3. Oktober 2016 (englisch). Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) kritisierte Anfang 2024 die Bedingungen für tamilische Flüchtlinge in einem provisorischen Lager. Im Oktober 2021 wurde ein Fischerboot vor der Insel aufgebracht. An Bord waren 89 aus Sri Lanka geflohene Tamilen. Es folgten weitere Boote, so dass schließlich über 150 Personen im Lager lebten. 2022 kam es zu ersten Protestaktionen der Internierten mit Hungerstreiks, Suizidversuchen und Selbstverletzungen. Einzelne Personen wurden von verschiedenen Staaten aufgenommen, während andere nach Ruanda geflogen wurden. Dort kam es zu Suizidversuchen. Anfang 2024 lebten noch rund 60 Personen im Lager.Lager auf Militärinsel – Uno-Flüchtlingshilfswerk kritisiert Großbritannien, 20. Januar 2024 auf spiegel.de
Juristische Auseinandersetzungen um die Insel mini|Verlassene Häuser der Plantagen (1982) Im November 2000 wurde den Îlois von einem britischen Gericht das Recht zugesprochen, in ihre Heimat zurückzukehren. Mit Hilfe einer Order in Council setzte sich die britische Regierung über dieses Urteil hinweg. Dies wurde 2007 von einem Berufungsgericht als Machtmissbrauch verurteilt. Dem widersprach als letzte Instanz das britische Oberhaus. Eine Klage dagegen wurde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht.Marc Engelhardt: Vertrieben aus dem Paradies. In: taz.de. 29. Januar 2009, abgerufen am 3. Oktober 2016. Ende 2012 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass er keine Jurisdiktion über die Sache der Chagossianer habe.Chagos Islanders against the United Kingdom. Entscheidung der Vierten Sektion des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg. In: HUDOC database Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, 11. Dezember 2012, abgerufen am 3. Oktober 2016 (englisch).
Anfang 2013 reichten die Chagossianer Klage beim Ständigen Schiedshof in Den Haag gegen das Vereinigte Königreich ein.Owen Bowcott, John Vidal: Britain faces UN tribunal over Chagos Islands marine reserve. In: The Guardian. Guardian News & Media Ltd., 28. Januar 2013, abgerufen am 3. Oktober 2016 (englisch).
Seit 2011 erhebt der Inselstaat Mauritius Anspruch auf den Archipel, lokale Politiker sprachen 2014 von einer „unvollständigen Entkolonialisierung“. Im April 2012 wurde eine internationale Petition an die Vereinigten Staaten eingereicht, um das Weiße Haus darum zu bitten, den Fall der Chagossianer zu prüfen. Eine offizielle Antwort wurde auf der Petitionsseite des Weißen Hauses veröffentlicht. Darin wird die Zuständigkeit für den Fall der Chagossianer an das Vereinigte Königreich verwiesen.
Im Februar 2019 entschied der Internationale Gerichtshof (IGH) zu Gunsten der Îlois, dass die Abspaltung Diego Garcias von Mauritius eine Verletzung dessen territorialer Integrität war und damit die Entkolonialisierung nicht vollständig durchgeführt werden konnte. Der IGH äußerte die Ansicht, Großbritannien müsse Diego Garcia schnellstmöglich an Mauritius zurückgeben.London soll Chagos-Archipel zurückgeben In: tagesschau.de. 26. Februar 2019, abgerufen am 26. Februar 2019.
Am 22. Mai 2019 forderte die UN-Vollversammlung Großbritannien in der Resolution 73/295 auf, die Kontrolle binnen sechs Monaten an Mauritius abzutreten. 116 Staaten stimmten für die Resolution und sechs dagegen. Dagegen stimmten neben dem Vereinigten Königreich die Vereinigten Staaten, Ungarn, Israel, Australien und die Malediven. 56 Länder enthielten sich, darunter Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Portugal, Polen und Rumänien. Andere europäische Staaten wie Österreich, die Schweiz, Irland, Spanien, Schweden und Griechenland stimmten dafür. Die Abstimmung wurde vielfach als schwere diplomatische Niederlage des Vereinigten Königreichs bewertet. Die Frist verstrich im November 2019, ohne dass es zu einer Rückgabe kam.Chagos Islands dispute: UK misses deadline to return control. BBC, 22. November 2019, abgerufen am selben Tage. (englisch). Am 25. Januar 2021 sprach der Internationale Seegerichtshof die Chagos-Inseln Mauritius zu und bestätigte damit die Entscheidung des Internationalen Gerichtshofs vom Februar 2019.Michael Vosatka: Seegerichtshof spricht Chagos-Inseln samt US-Basis „Diego Garcia“ Mauritius zu. In: derstandard.at, 29. Januar 2021, abgerufen am 31. Januar 2021.
Am 25. August 2021 beschloss der Weltpostverein auf Betreiben von Mauritius, künftig Briefmarken mit dem Aufdruck British Indian Ocean Territory von Chagos nicht mehr zu akzeptieren. Chagos solle stattdessen Briefmarken von Mauritius verwenden.