mini|hochkant|Heilung des LahmenDie Heilung eines Gelähmten bezeichnet verschiedene neutestamentliche Wundererzählungen.
Sündenvergebung und Heilung eines Gelähmten Die Heilung eines Gelähmten durch Jesus mit vorausgehender Sündenvergebung wird in den drei synoptischen Evangelien erzählt.
Markus 2,1–12
Einordnung Die Perikope findet sich im ersten Hauptteil des Markusevangeliums „Jesu Wirken innerhalb und außerhalb Galiläas“ (Mk 1,1–8,26), innerhalb dessen sie sich unter der Überschrift „Galiläische Streitgespräche“ den Abschnitt Mk 2,1–3,6 einleitet. Dabei handelt es sich um eine Zusammenstellung von fünf Geschichten, die im Todesbeschluss in gipfelt. Hier entzieht sich Jesus nicht mehr der Öffentlichkeit, sondern sucht sie, wodurch es zu Konflikten mit seinen Gegnern kommt.
Gerhard Maier ordnet die Perikope zwar in den Zusammenhang von Mk 1,14–2,28 ein, erkennt sie aber trotzdem als Anfang des Mittelteils des Evangeliums an, in dem Kämpfe und Auseinandersetzungen im Mittelpunkt stehen.
Erzählung beschreibt die Situation in der Vergangenheitsform: Jesus befindet sich in Kapernaum in einem Haus, wo der Andrang um ihn herum so groß ist, dass es im Haus keinen Platz mehr gibt.
Die eigentliche Erzählung beginnt in V. 3 und geht mit einem Zeitwechsel in die Gegenwart einher: Vier Menschen bringen einen Gelähmten zu Jesus. Die Ursache für die Lähmung wird nicht genannt, möglicherweise handelte es sich dabei um einen Gichtbrüchigen. Weil sie durch die Menge nicht zu ihm kommen, decken sie das Dach ab und lassen ihn auf der Matte direkt vor Jesus ab (). Solche Deckenbrüche sind aus der Antike für Notfälle bekannt. Ob es sich hier, wie meist angenommen wird, um ein Lehmdach handelt, oder wie in der lukanischen Parallelerzählung um ein Ziegeldach lässt sich aus dem Wortlaut nicht mit Sicherheit ableiten.
Jesus sieht ihren Glauben (V. 5a). Ob hier der Glaube der Gefährten gemeint ist, oder ob mit Johannes Calvin und Johann Albrecht Bengel der Glaube des Gelähmten miteinzuschließen ist, bleibt unklar. Als Reaktion auf den gesehenen Glauben erklärt Jesus dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ ().
An dieser Stelle werden in der Erzählung erstmals die Schriftgelehrten genannt. Da vor dem Jahr 70 n. Chr. kein organisiertes Pharisäertum oder Schriftgelehrtentum außerhalb Jerusalems bekannt ist, ist davon auszugehen, dass es sich bei ihnen um eine Art Untersuchungskommission handelte, die Jesu Lehre kontrollieren sollte. Hinter Jesu Sündenvergebung sehen sie Gotteslästerung (), die nach mit dem Tode zu bestrafen ist.
In erkennt Jesus die Gedanken „in seinem Geist“, was hier wohl in Anlehnung an ein Geistwirken meint. Er spricht die Schriftgelehrten darauf an und nutzt die bekannte rabbinische Lehrmethode des Rückschlusses vom Leichteren auf das Schwerere (a minori ad maius), die im Evangelium an zwei weiteren Stellen vorkommt. Während Jesus bei beiden anderen Erwähnungen die Antwort selbst gibt, überlässt er sie hier den Schriftgelehrten. Als Zeichen seiner Vollmacht fordert Jesus den Gelähmten nun auf, aufzustehen (), was dieser auch tut (). Während die Perikope über die Reaktion des Geheilten schweigt, nennt sie lediglich die der Menge, die sich entsetzt und Gott für das nie gesehene Wunder preist (V. 12b)
William Barclay unterteilt die Perikope in zwei Abschnitte: „Glaube, der sich nicht verleugnen lässt“ und „Ein unwiderlegliches Argument“.
Die literarische Einheit der Perikope ist umstritten. Gelegentlich wird angenommen, dass das Streitgespräch in V. 5b–10 erst später ergänzt wurde. Der Titel „Menschensohn“ wird teils als späterer Zusatz angesehen.
Deutung Wichtig für das Verständnis der Perikope ist der damals im Judentum angenommene Zusammenhang von Leid und Schuld. Krankheit wurde als Sündenstrafe angesehen. Diesen Zusammenhang wies Jesus wiederholt zurück. Lediglich an zwei Stellen im Neuen Testament stellt er im Zusammenhang einer Heilung die Schuldfrage. Hier vor der Heilung und in nach der Heilung, so erscheint die Vergebung hier als das eigentliche Hauptwort. Auch Gerhard Maier nimmt an, dass für Jesus die Sündenvergebung von größerer Bedeutung als die Heilung war. Andere Ausleger weisen auf die Einstellung des Gelähmten hin, der möglicherweise durch seine Lage durch den Zusammenhang von Sünde und Krankheit für so aussichtslos hielt, dass die Sündenvergebung ihm erst Hoffnung auf Heilung gibt. Durch diesen angenommenen Zusammenhang bekommt die Heilung zur Überprüfbarkeit der Vergebung ein neues Gewicht: Die vollzogene Sündenvergebung zeigt sich für die Schriftgelehrten in der Heilung und die Heilung lässt sich für sie nicht ohne Sündenvergebung denken. Gleichzeitig wird so die geistliche Vollmacht Jesu sichtbar. Gemäß zeigt die Heilung Lahmer die Ankunft der messianischen Zeit.
Die Sündenvergebung wird hier als Totenauferweckung dargestellt. Bereits ab V. 6 wird die Passionstheologie deutlich. In seiner völligen Passivität ist der Gelähmte wie tot. Dass die Ursache der Lähmung nicht genannt wird, weist darauf hin, dass nicht die medizinischen Hintergründe im Mittelpunkt stehen, sondern die Hilflosigkeit und Bewegungslosigkeit. Die dreimalige Auferstehungsvokabel „aufstehen“ setzt einen österlichen Rahmen. Das Heilungs- und Vergebungswort hängen sinnvoll zusammen: Durch die Heilung entfalten sich die Kräfte und Tendenzen der Vergebung, nämlich Auferstehungskräfte und umfassendes Leben.
Im Zusammenhang mit der Passionstheologie steht ebenfalls der Titel des Menschensohns in V. 10. Die Verwendung in der Öffentlichkeit außerhalb der Jüngerbelehrung durchbricht hier das Konzept des Messiasgeheimnisses. Eine Alternative zur Einordnung als späterer Zusatz stellt die Überlegung dar, dass „Menschensohn“ damals keine übliche Titulatur darstellte. Die Bezeichnung entsprach nicht der damals vorherrschenden Heilserwartung. Nur wenige Kreise nutzten sie als Hoheitstitel, sodass der titulare Sinn an den damaligen Hörern vorbeigehen konnte. Im Markusevangelium impliziert der Titel des Menschensohns immer, dass er um Gottes Willen in die tiefste Niedrigkeit hinabsteigt. Hier besteht diese Niedrigkeit darin, dass Jesus sich um Gotteslästerer erklären lässt. Nach alttestamentlichen Geboten geht damit die Todesstrafe einher, sodass schon hier der Kreuzestod durchklingt. In diese Opferexistenz hinein spricht Jesus das Vergebungswort. Für die Juden, die die Gewissheit der Vergebung erst mit der Endabrechnung vor Gottes Thron bekamen, eine ungeheuerliche Theologie mit endzeitlichen Anklängen.
Der volle Ausdruck der Sündenvergebung wird an vier Stellen der Perikope genannt (V. 5, 7, 9, 10). Die Vergebung spricht Jesus dem Gelähmten in Form des Passivum Divinum zu. Dieses beschreibt das geheimnisvolle, endzeitliche Handeln Gottes. Liegt Gottes Vergebung nach jüdischer Vorstellung in der Zukunft, weitet Jesus hier das Heilshandeln auf die Gegenwart aus. Nach damaliger Vorstellung wurde die Sündenvergebung noch nicht einmal dem Messias zugeschrieben. Da nur „der eine Gott“ vergeben kann – hier findet sich eine Anspielung auf das Schma Jisrael –, stellt Jesus sich durch die von ihm zugesprochene Vergebung neben Gott anstatt unter die Tora. Die Majestät Gottes anzutasten galt damals als todeswürdige Gotteslästerung, auch wenn dabei der Name Gottes nicht explizit verflucht wurde. Sowohl die Vergebung als auch die Heilung kann nur Gott zusprechen. Selbst die Bitte um Heilung erhört Gott nur, wenn sie von einem Gerechten vorgetragen wird. Somit bringt die Heilung den Beweis dafür, dass Jesus kein Gotteslästerer ist. Das Vergebungswort Jesu lässt sich auf dreifache Weise deuten: 1) Jesus versichert dem Gelähmten, was Gott bereits gewährt hat; 2) Jesus handelt als Stellvertreter Gottes; 3) In Jesu Worten erkennen wir, wie Gott sich dem Menschen gegenüber verhält, nämlich in einer Haltung vollkommener Liebe.
Dass Jesus den Glauben der Gefährten des Gelähmten sieht, meint ein physisches Sehen, was sich darin zeigt, dass die sonst übliche Ergänzung „im Geist“ fehlt. Auch wenn der Glaube an sich unsichtbar bleibt, lassen sich jedoch seine Auswirkungen sehen. In diesem Fall zeigen sie sich in den Taten der Gefährten, die sich von der Menschenmenge und dem Dach nicht aufhalten lassen, den Gelähmten zu Jesus zu bringen. Dass der Glaube der Gefährten Jesus zum Handeln veranlasst, weist auf einen fürbittenden, nicht einen stellvertretenden Glauben hin. Der Glaube ist bei Markus ein nie tatenloses, ggf. aber wortloses Bitten dar, das vom Vertrauen auf Gottes machtvolle Hilfsbereitschaft getragen wird. Meist entsteht der Glaube erst an und durch Jesus. Er stellt immer schon ein erstes Wunder dar.
Matthäus 9,1–8
Einordnung Die Perikope findet sich in Erzählblock Mt 8,1–9,34 „Die Wundertaten Jesu“ Gerhard Maier ordnet die Erzählung in den Zusammenhang von Mt 4,12 bis 11,1 „Die Frühzeit des Wirkens Jesu“ ein. Innerhalb des Evangeliums gehen der Perikope bereits Heilungen von Gelähmten voraus, die in zusammengefasst genannt werden.
Unterschiede gegenüber dem Bericht bei Markus In wird der Ort der Handlung als „seine eigene Stadt“ bezeichnet, was einige Ausleger zur Annahme führt, Kapernaum sei Jesu überwiegender Aufenthaltsort gewesen. Anders als die Parallelerzählungen berichtet Matthäus nicht von einem aufgedeckten Dach.
Mit der Wendung „und siehe“ leitet der Evangelist die Sündenvergebung als etwas Plötzliches, Unvorhergesehenes ein (). Vor dem Zuspruch der Sündenvergebung ermutigt Jesus den Gelähmten ( „sei voller Mut!“; V. 2b). Wie auch in den vorherigen Heilungserzählungen im Matthäusevangelium kommt es auf die persönliche Beziehung zu Jesus an, wie zeigt, dass die Vergebung vor der Heilung erfolgt. Der zentrale Punkt der Sündenvergebung kommt hier erstmalig vor.
Die Gedanken der Pharisäer „sieht“, , Jesus (V. 4a). Dasselbe Verb verwendet Matthäus in Bezug auf die Erkenntnis der Vollmacht Jesu durch die Pharisäer ( „damit ihr aber seht“; V. 6a).
Die Ankündigung lässt die Heilung zu einer unwiderleglichen Beweisführung werden. Sünden entlassen kann nur der, gegen den sie begangen wurden, also Gott im Himmel. Durch die Wendung „auf der Erde“ in V. 6 erklärt Jesus sich als Menschensohn zu seinem Stellvertreter.
Als Reaktion auf die Heilung zeigt das Volk Furcht und preist Gott (V. 8a). Anders als Markus nennt Matthäus keinen Wortlaut des Preises. Er erklärt den Gotteslob damit, dass Gott solche Macht den Menschen gegeben hat (V. 8b).
Lukas 5,17–26
Einordnung Im Lukasevangelium findet sich die Heilungserzählung im Abschnitt „Das Wirken Jesu in Galiläa“ (Lk 4,14–9,50). Innerhalb dieses Abschnitts zählt sie zum dritten von sieben Unterabschnitten „Weiteres Wunderwirken des Christus und seine Gegner“ (Lk 5,12–6,11).
Unterschiede gegenüber dem Bericht bei Markus Lukas ist der einzige der drei Evangelisten, der die Anwesenheit jüdischer Theologen schon vor der Sündenvergebung nennt (V. 1). Dafür verwendet er die Bezeichnung „Gesetzeslehrer“, , anstelle von „Schriftgelehrte“ und ergänzt die Pharisäer.
beschreibt, dass es sich um ein Dach mit Ziegeln handelte, dass die Männer aufdeckten.
Bei Lukas redet Jesus den Gelähmten mit „Mensch“ an, nicht mit „Kind“ wie bei Markus und Matthäus.
Anders als bei Matthäus und Markus geraten die Schriftgelehrten und Pharisäer untereinander ins Gespräch über die vermeintliche Gotteslästerung durch Jesus (V. 21).
Innerhalb des Lukasevangeliums findet sich in V. 24 die erste Verwendung des Titels „Menschensohn“. Im Gegensatz zum Titel Gottessohn wird hier das Verhältnis Jesu zur Menschheit ausgedrückt. Er ist ihr Anwalt und Befreier, der in der Wegnahme der menschlichen Schuld göttlich handelt.
Die Heilung wird von der Menge in V. 26 als „ungeheuerlich“ beschrieben.
Liturgischer Gebrauch