mini|Alexandre Stavisky, Juli 1926 Serge Alexandre Stavisky (* 20. November 1886 in Slobodka, Gouvernement Kiew, damals Russisches Reich; † 8. Januar 1934 in Chamonix, Frankreich) war ein französisch-ukrainischer Hochstapler und Millionenbetrüger jüdischer Abstammung, dessen Auffliegen und Tod 1933/34 die Dritte Französische Republik schwer erschütterte.

Leben Stavisky wurde in der Ukraine als Sohn jüdischer Eltern in einem Stetl im damaligen Ansiedlungsrayon geboren. Seine Eltern wanderten mit ihm über Ungarn 1899 nach Frankreich ein, wo sein Vater dann Zahnarzt wurde. Die Familie nahm 1900 die französische Staatsbürgerschaft an.Daniel Amson, Jean-Gaston Moore, Charles Amson: Les grands procès. Presses Universitaires de France, Paris 2007, ISBN 978-2-13-055830-9, S. 289.

Seine ersten Betrügereien beging er 1909 noch als Jugendlicher, als er gemeinsam mit seinem Großvater ein im Sommer leerstehendes Theater auf den Champs Elysées anmietete und in Form von Kleinanzeigen Konzessionsverträge für die Bar, den Druck der Programme und die Werbung anbot. Den Interessenten verlangten sie Bürgschaften ab, und als sie auf diesem Weg 12.000 Francs eingenommen hatten, kündigten sie den Mietvertrag.Alain Decaux: L’étrange mort de Stavisky. In: derselbe: Fabuleux Destins. Perrin, Paris 2018, ISBN 978-2-262-07601-6, S. 287–318, hier S. 291 f. Im nachfolgenden Prozess ließ sich Stavisky von Albert Clemenceau vertreten, dem Bruder des ehemaligen Premierministers Georges Clemenceau. Dieser konnte ihn nicht vor einer Verurteilung bewahren, doch gelang es ihm, den Haftantritt immer wieder hinauszuzögern. Die Methode, einflussreiche Verteidiger mit Kontakten bis in höchste Kreise zu wählen – viele Abgeordnete waren in der Dritten Republik gleichzeitig Anwälte –, wandte er in der Folgezeit wiederholt an.

In der Folgezeit gab sich Stavisky bei seinen Betrügereien als Bankier aus. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs schlüpfte er in die Rolle eines Waffenfabrikanten und betrog die italienische Regierung, die bei ihm 20.000 Bomben in Auftrag gab. Sie wurden nie geliefert. Der Betrug blieb straflos, weil Stavisky nach Kriegsende von einer allgemeinen Amnestie profitierte.Alain Decaux: L’étrange mort de Stavisky. In: derselbe: Fabuleux Destins. Perrin, Paris 2018, S. 287–318, hier S. 294. In diesen Jahren erstatteten mehrere Damen reiferen Alters Anzeige gegen „beau Sacha“ (den „schönen Sascha“), wie er in diesen Jahren genannt wurde: Er war Liebesaffären mit ihnen eingegangen und hatte sie finanziell ausgenutzt.Daniel Amson, Jean-Gaston Moore, Charles Amson: Les grands procès. Presses Universitaires de France, Paris 2007, S. 289 f. Von 1922 bis 1924 reiste Stavisky geschäftig durch Südosteuropa und investierte dort und in Frankreich unter anderem in Drogenhandel, eine Filmfirma (deren amerikanische Partner in Wahrheit nicht existierten) und eine Konservenfabrik, die rasch bankrott machte.Alain Decaux: L’étrange mort de Stavisky. In: derselbe: Fabuleux Destins. Perrin, Paris 2018, S. 287–318, hier S. 294 f. Nachdem er einen schwunghaften Handel mit gestohlenen Aktien aufgezogen hatte, kam er 1926 für einige Monate ins Gefängnis La Santé. Wieder sicherte er sich einen Anwalt mit politischen Beziehungen: diesmal den Sekretär des radikalsozialistischen Justizministers René Renoult. Mit dessen Hilfe wurde er aus der Haft entlassen.Daniel Amson, Jean-Gaston Moore, Charles Amson: Les grands procès. Presses Universitaires de France, Paris 2007, S. 290 f. Anschließend legte er seinen Nachnamen ab und nannte sich nur noch Serge Alexandre.Alain Decaux: L’étrange mort de Stavisky. In: derselbe: Fabuleux Destins. Perrin, Paris 2018, S. 287–318, hier S. 288.

Stavisky gründete unter anderem eine Kühlschrankfirma namens Phébor, eine Lebensmittelkette, einen Schmuckhandel und einen Sportpalast in Cannes. Woher das Kapital für all diese kurzlebigen Unternehmen stammte, ist unklar. Gegenüber dem Journalisten Joseph Kessel, der wie er selbst jüdischer Abstammung war und in dessen Zeitung er investierte, erklärte er lediglich: „Ein Mann hat mir geholfen. Er ist tot.“„Un homme m’a aidé. Il est mort.“. Zitiert bei Alain Decaux: L’étrange mort de Stavisky. In: derselbe: Fabuleux Destins. Perrin, Paris 2018, S. 287–318, hier S. 300.

All diese Aktivitäten waren anscheinend lukrativ, denn Stavisky konnte es sich leisten, abwechselnd in einer Villa in Vaucresson und in einer Suite im Hotel Claridge auf den Champs Elysées zu wohlen, die er auf Dauer gebucht hatte. In den nächsten Jahren profitierte Stavisky von seinen guten Beziehungen zum Direktor Debrosse der städtischen Bank (crédit municipal) von Orléans, der ihm Kredite von 43 Millionen Francs verschaffte. Die Juwelen, die Stavisky in der Bank als Sicherheit hinterlegt hatte, waren, wie sich später herausstellte, nur 600.000 Francs wert.Daniel Amson, Jean-Gaston Moore, Charles Amson: Les grands procès. Presses Universitaires de France, Paris 2007, S. 291. Diese stetig sprudelnde Einnahmequelle brachte ihn auf den Gedanken, selber eine solche Pfandleihebank zu gründen, da die Regierung diese Institute für nützlich für die Öffentlichkeit erklärt und ihre Schuldverschreibungen steuerfrei gemacht hatte. Stavisky suchte nach einer Gemeinde, die ihm die Eröffnung einer solchen Bank erlauben würde, und fand sie schließlich in Bayonne, deren radikalsozialistischer Vizebürgermeister und Abgeordneter in der Nationalversammlung Joseph Garat er bei einem Gespräch in Biarritz überzeugen konnte. Im April 1931 wurde der Crédit municipal de Bayonne gegründet. Gerüchte, die spanische Königsfamilie hätte nach der Abschaffung der Monarchie bei ihr ihre Juwelen verpfändet, trugen zum raschen Anfangserfolg des neuen Bankhauses bei.Frederick Brown: The Embrace of Unreason. France, 1914–1940. Alfred A. Knopf, New York 2014, S. 195 f. Stavisky setzte seinen Kompagnon Gustave Tissier als Bankdirektor ein und ließ Anleihen ausgeben, die von seinen politisch einflussreichen Bekannten gekauft und weiterempfohlen wurden. Die Verzinsung war sehr gut und stand in keinem Verhältnis zu den Einnahmen der Bank. Staviskys Einnahmen aber erlaubten ihm, sich weitere einflussreiche Männer zu verpflichten, so einen Journalisten und mehrere Abgeordnete. Es gelang ihm auch, einen seiner Anwälte im Mitarbeiterstab von Finanzminister Georges Bonnet unterzubringen. Mehrere Pensionsfonds investierten in die Anleihen der Bank, die sogar vom Arbeitsministerium in Paris empfohlen wurden.Frederick Brown: The Embrace of Unreason. France, 1914–1940. Alfred A. Knopf, New York 2014, S. 197. Im Dezember 1933 flog der Schwindel auf. Eine Untersuchung zeigte, dass der Crédit municipal de Bayonne falsche Wertpapiere in Höhe von 239 Millionen Francs in Umlauf gebracht hatte.Alain Decaux: L’étrange mort de Stavisky. In: derselbe: Fabuleux Destins. Perrin, Paris 2018, S. 287–318, hier S. 312. Die Polizei nahm Tissier und andere Mittäter fest, Stavisky selbst konnte fliehen.Dominique Borne, Henri Dubief: La crise des années 30 1929–1938. (= Nouvelle histoire de la France contemporaine, Band 13). Editions du Seuil, Paris 1989, S. 109. Sein Versuch, seine Ausweispapiere einem der Opfer des Eisenbahnunfalls von Lagny unterzuschieben, wo am 23. Dezember 1933 204 Menschen ums Leben gekommen waren, und so den eigenen Tod vorzutäuschen, misslang. Stattdessen reiste Stavisky nach Chamonix in den französischen Alpen, um von dort in die Schweiz zu entkommen.Daniel Amson, Jean-Gaston Moore, Charles Amson: Les grands procès. Presses Universitaires de France, Paris 2007, S. 292.

Todesumstände Am 8. Januar 1934 kreiste die Polizei Staviskys Bungalow in Chamonix ein. Als die Beamten klopften, hörten sie einen Schuss – sie stürmten hinein und fanden Stavisky tödlich verletzt auf dem Boden liegen. Er hatte, wie ein Polizist später zu Protokoll gab, einen Revolver in der linken Hand. Die tödliche Kopfwunde befand sich an der rechten Schläfe.Alain Decaux: L’étrange mort de Stavisky. In: derselbe: Fabuleux Destins. Perrin, Paris 2018, S. 287–318, hier S. 317. Offiziell wurde Selbsttötung als Todesursache festgestellt, doch Gerüchte über die Beteiligung der Polizei hielten an. Die Satirezeitung Le Canard enchaîné titelte am 10. Januar 1934, Stavisky habe sich aus drei Meter Entfernung selbst erschossen: „Voilà ce que c'est que d'avoir le bras long“ („Das nennt man dann wohl einen langen Arm haben“).Daniel Amson, Jean-Gaston Moore, Charles Amson: Les grands procès. Presses Universitaires de France, Paris 2007, S. 293; die Redewendung „avoir le bras long“ bezeichnet im Französischen, über einflussreiche Kontakte zu verfügen.

Der für Finanzsachen zuständige Staatsanwalt Albert Prince und sein Vorgesetzter Georges Pressard, ein Schwager des radikalsozialistischen Ministerpräsidenten Camille Chautemps, warfen sich gegenseitig vor, für die unglaubliche Laxheit verantwortlich zu sein, die die Behörden bei der Strafverfolgung Staviskys an den Tag gelegt hatten.Dominique Borne, Henri Dubief: La crise des années 30 1929–1938. Editions du Seuil, Paris 1989, S. 109 f. Am 20. Februar 1934 wurde Prince’ Leichnam auf Eisenbahngleisen nahe Dijon aufgefunden. Neben den Gleisen lag ein Messer, Prince’ Untersuchungsakten waren verschwunden. Wieder ging die Polizei von Selbstmord aus. Aussagen, die der Polizeiinspektor Pierre Bonny gegenüber seinem Sohn und vor seiner Hinrichtung 1944 gegenüber einem Priester machte (er war wegen Kollaboration mit den deutschen Besatzern zum Tode verurteilt worden), legen den Verdacht nahe, dass er in beide Todesfälle verwickelt war.Daniel Amson, Jean-Gaston Moore, Charles Amson: Les grands procès. Presses Universitaires de France, Paris 2007, S. 294 ff.

Politische Folgen