mini|Die „venerische Krankheit“ war häufig synonym mit Syphilis mini|Video: Was sind Geschlechtskrankheiten und wie schützt man sich davor.

Sexuell übertragbare Erkrankungen, auch (STD) oder sexually transmitted infections (STI) genannt, sind Krankheiten, die durch Geschlechtsverkehr übertragen werden können. Sie können von Viren, Bakterien, Pilzen, Protozoen und parasitischen Arthropoden verursacht werden. Geschlechtskrankheiten oder Venerische Krankheiten (englisch kurz VD für venereal diseases; früher auch venerische Leiden genannt) im engeren Sinn oder Venerea (Wortherkunft siehe Venerologie) werden überwiegend durch Geschlechtsverkehr übertragen. Es gibt sie beim Menschen und bei Tieren. Bei Tieren werden sie tiermedizinische Deckseuchen genannt. Für einige sexuell übertragbare Erkrankungen besteht bzw. bestand für die behandelnden Ärzte eine gesetzliche Meldepflicht an die zuständige Behörde (in Deutschland Gesundheitsamt bzw. Veterinäramt). In der Humanmedizin wird lediglich das Auftreten des Krankheitsfalles gemeldet, jedoch nicht der Name der erkrankten Person, denn die Patientenakte unterliegt in jedem Falle dem Datenschutz. Deutschlands medizinische Fachgesellschaft für den Bereich sexuell übertragbarer Erkrankungen ist die Deutsche STI-Gesellschaft (DSTIG), die 1902 unter dem Titel Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten (DGBG) gegründet wurde.

Übersicht Der Gelehrte und Übersetzer Adelard von Bath (* um 1070; † um 1152) schrieb in einem seiner Werke, dass eine Ansteckung mit Krankheiten durch Geschlechtsverkehr möglich ist.Birgit Adam: Die Strafe der Venus. Eine Kulturgeschichte der Geschlechtskrankheiten. Orbis, München 2001, ISBN 3-572-01268-6, S. 92. Er beschrieb 1111 eine ansteckende Elephantiasis, die „durch eine klinisch gesunde puella publica“ (Prostituierte) „verbreitet worden sein soll“.Wilhelm Doerr, Günter Quadbeck: Allgemeine Pathologie. Springer, 2013, S. 134 (Abschnitt Lymphogranuloma inguinale) Die erst seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in Europa in größerem Umfang beachteten „klassischen Geschlechtskrankheiten“ (Syphilis, Gonorrhoe, Ulcus molle und Lymphogranuloma venereum) hatten im 20. Jahrhundert nur mehr geringe Bedeutung, da sie selten geworden waren.

Wesentlich bedeutender – und teilweise wesentlich schwerer zu behandeln – sind momentan: HIV-Infektion und der dadurch erworbene Immundefekt AIDS, Hepatitis B, Herpes genitalis, Infektionen mit Chlamydien und Trichomonaden-Infektionen mit Trichomonas vaginalis, Filzlausbefall, und die Infektion mit bestimmten (so genannten „high risk“) Humanen Papillomviren (HP-Viren, HPV), von denen einige die Entstehung von Gebärmutterhalskrebs verursachen können. So sind heute in Deutschland ca. 100.000 Frauen durch unbehandelte chlamydienbedingte Infektionen ungewollt kinderlos, und es versterben an Hepatitis B jährlich mehr Menschen als an den anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen zusammengenommen – eine Tatsache, der heute mit der Impfung gegen Hepatitis B im Säuglings- bzw. Kindesalter entgegengetreten wird. Seit 2006 gibt es auch eine Impfung gegen die „high-risk“-HP-Viren, von der man sich ein deutliches Absinken der Häufigkeit des Gebärmutterhalskrebses erhofft.

Liste

Zu den sexuell übertragbaren Krankheiten zählen verschiedene Gruppen.Teilweise aus: Peter Fritsch: Dermatologie und Venerologie. 2. Auflage. Springer Verlag, 2004, ISBN 3-540-00332-0.

Viren

Sexuell übertragbare Krankheit Erreger HIV-Infektion (kann zum Vollbild AIDS führen) HIV-1 und HIV-2 Condylomata acuminata (Feigwarzen, Viruswarzen der Schleimhaut) und Buschke-Löwenstein-Tumor HPV Typ 6 und 11 („low risk“) Condylomata plana (werden je nach Lokalisation als CIN, VIN, VAIN, AIN und PIN bezeichnet) HPV Typ 6 und 11 („low risk“) sowie 16, 18 und 31 („high risk“) Cervikale intraepitheliale Neoplasie (CIN): kann zu Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) führen HPV Typ 16, 18 und 31 („high risk“) Bowenoide Papulose, meistens bei Männern als Penile intraepitheliale Neoplasie (PIN, Viruswarzen des Penis): kann zu Erythroplasie und Peniskarzinom führen HPV, fast ausschließlich Typ 16 („high risk“) Vulväre intraepitheliale Neoplasie (VIN, Viruswarzen der Vulva) HPV Typ 16, 18 und 31 („high risk“) Vaginale intraepitheliale Neoplasie (VAIN, Viruswarzen der Scheidenschleimhaut) HPV Typ 16, 18 und 31 („high risk“) Anale intraepitheliale Neoplasie (AIN, Viruswarzen des Anus) HPV Typ 16, 18 und 31 („high risk“) Morbus Heck (Viruswarzen der Mundschleimhaut) HPV Typ 13 und 32 („low risk“) Dellwarzen Molluscum contagiosum Hepatitis A (durch oro-analen Kontakt) HAV Hepatitis B (Hepatitis D) HBV (HDV) Hepatitis C HCV Herpes genitalis HSV Zytomegalie CMV Adulte T-Zell-Leukämie Humanes T-lymphotropes Virus 1 (HTLV-1)

Bakterien

Sexuell übertragbare Krankheit Erreger Chlamydiose, Lymphogranuloma venereum Chlamydien insbesondere Chlamydia trachomatisChlamydiosen. RKI-Ratgeber, Robert Koch-Institut; abgerufen am 17. Januar 2023. Syphilis (Lues venerea) Treponema pallidum Gonorrhoe (Tripper) Neisseria gonorrhoeae Ulcus molle (weicher Schanker) Haemophilus ducreyi Granuloma inguinale Klebsiella granulomatis (früher Donovania granulomatis) Lymphogranuloma venereum Chlamydia trachomatis, Serotypen L1 bis L3 Aszendierende Okulogenitale Chlamydieninfektion Chlamydia trachomatis, Serotypen D bis K Mycoplasma genitalium, Mycoplasma hominis Mycoplasmen Ureaplasma urealyticum, Ureaplasma parvum Ureaplasmen Bakterielle Vaginose aerobe Bakterien Durchfall (durch oro-analen Kontakt) Darmbakterien: Shigella-, Salmonella-, Campylobacter-Arten

Pilze

Sexuell übertragbare Krankheit Erreger Candidose (Candidiasis) Candida albicans

Urtierchen (Protozoen)

Sexuell übertragbare Krankheit Erreger Trichomoniasis Trichomonas vaginalis Durchfall (durch oro-analen Kontakt) Protozoen des Darmes: Giardia lamblia, Entamoeba histolytica, Cryptosporidium-Arten

Gliedertiere (Arthropoden)

Sexuell übertragbare Krankheit Erreger Filzlausbefall (Schamlausbefall, Pediculosis pubis) Filzlaus (Schamlaus, Phthirus pubis) Krätze (Scabies) Krätzemilbe (Sarcoptes scabiei)

Meldepflicht In Deutschland besteht eine Meldepflicht nach § 7 Infektionsschutzgesetz Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz – IfSG) Bundesministerium für Gesundheit der BRD für HIV (nichtnamentlich) an das Robert Koch-Institut (RKI).Umsetzung der Meldung gemäß § 7 Abs. 3 des Infektionsschutzgesetzes Für Syphilis besteht eine Meldepflicht für die anonymisierten Daten der Erkrankungsfälle an das Robert Koch-Institut. In Österreich besteht (nach: Absonderungsverordnung von 1915, Epidemiegesetz von 1950, Geschlechtskrankheitengesetz, AIDS-Gesetz, BGBl 345/1993) eine Meldepflicht für AIDS (nicht für die alleinige HIV-Infektion), Syphilis, Gonorrhoe, Ulcus molle und Lymphogranuloma venereum.Die Renaissance der Geschlechtskrankheiten. auf: medizinpopulaer.at Bundesministerium für Gesundheit und Frauen der Republik Österreich

Experten Die Venerologie und die Infektiologie beschäftigen sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten.

Zuständige Fachärzte für die meisten sexuell übertragbaren Krankheiten sind der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, der Urologe und der Gynäkologe (Frauenarzt). der Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie

Experten relevanter Fachbereiche, einschließlich Epidemiologie und Sozialwissenschaften, haben sich in Deutschland in der Deutschen STI-Gesellschaft (DSTIG) zusammengeschlossen. Die DSTIG organisiert öffentliche Fachkongresse und Fortbildungsveranstaltungen. Der erste internationale Kongress zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten fand 1899 in BrüsselPaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 52. statt.

Häufigkeit

Weltweit Weltweite Neuerkrankungen, in Millionen Erkrankung 1990J. Mati: Family planning, sexually transmitted diseases and AIDS. In: Family planning, health and family well-being. United Nations, Population Division, 1996, S. 213–223; popline.org2020 Trichomoniasis 170 156 Chlamydien 50 128 Gonorrhoe 25 82 Syphilis 4 7,1 HIV 40 (2000) 1,5 Humanes Papillomvirus 30 – Herpes genitalis 20 – Hepatitis B 2 1,5 Hepatitis C – 1,5

In Europa Die Häufigkeit sexuell übertragener Infektionen hat nach einem Nadir in den 1990er Jahren wieder zugenommen. Insbesondere Gonorrhoe, Syphilis und Chlamydien-Infektionen haben in Ländern mit hohem Einkommen und bei homosexuellen MännernR. N. Werner, M. Gaskins, A. Nast, C. Dressler: Incidence of sexually transmitted infections in men who have sex with men and who are at substantial risk of HIV infection – A meta-analysis of data from trials and observational studies of HIV pre-exposure prophylaxis. In: PLOS ONE. Band 13, Nummer 12, 2018, S. e0208107, doi:10.1371/journal.pone.0208107, PMID 30507962, . zugenommen. Ein Grund für die Zunahme ist die Resistenzentwicklung z. B. der Gonokokken gegen Antibiotika. Das gilt auch für nicht klassische STIs wie Shigellen. Auch neu entdeckte Erreger wie zum Beispiel das Zika-Virus tragen zum Anstieg bei.E. D’Ortenzio, S. Matheron, Y. Yazdanpanah, X. de Lamballerie, B. Hubert, G. Piorkowski, M. Maquart, D. Descamps, F. Damond, I. Leparc-Goffart: Evidence of Sexual Transmission of Zika Virus. In: The New England Journal of Medicine. Band 374, Nummer 22, Juni 2016, S. 2195–2198, doi:10.1056/NEJMc1604449, PMID 27074370. Hinzu kommt die Ausbreitung spezieller Sexualpraktiken wie Chemsex (Steigerung des Sexualerlebens durch Drogen).

Da die Bevölkerung die HIV-Infektion immer noch als Problem von Randgruppen sieht, betrachten viele Menschen diese als kalkulierbares Risiko und geschützter Geschlechtsverkehr mit Kondom wird wieder mehr als Mittel zur Empfängnisverhütung und weniger zur Verhütung von Ansteckungen mit Geschlechtskrankheiten angesehen.

Daher stieg nach jüngsten Erhebungen z. B. in England die Zahl der Syphilis-Erkrankungen binnen weniger als sechs Jahren um das 13-fache,L. J. Brant, A. Bukasa, K. L. Davison, J. Newham, J. A. Barbara: Increase in recently acquired syphilis infections in English, Welsh and Northern Irish blood donors. In: Vox Sanguinis. Band 93, Nr. 1, Juli 2007, S. 19–26. doi:10.1111/j.1423-0410.2007.00923.x die Fälle von Gonorrhoe nahmen um 86 Prozent zu, die Zahl der Chlamydia-Infektionen verdoppelte sich. In den Niederlanden verzeichneten die Gesundheitsbehörden binnen zwölf Monaten eine Syphilis-Zunahme um 80 Prozent. In Deutschland verdoppelte sich die Zahl der Syphilis-Erkrankungen zwischen 2000 und 2002 auf rund 2.300 Fälle. Alle Bundesländer verzeichnen dabei einen Anstieg, wobei die Ballungsgebiete und Großstädte wie Berlin, Hamburg, München, Frankfurt und Köln besonders betroffen sind. Mehr als 85 Prozent der Neuinfizierten sind Männer, vor allem in der Altersgruppe von 25 bis 39 Jahren. Am höchsten ist die Zunahme der Neuinfektionen bei homosexuellen Männern.

Nach dem Ende des Kommunismus in Osteuropa wurden die „klassischen Geschlechtskrankheiten“ in den ehemaligen Ostblockstaaten wieder sehr häufig, was sich auch mit mehr Erkrankungsfällen in deren Nachbarländern auswirkt.

Bei den in Untersuchungen vernachlässigten höheren Altersgruppen ab 45 Jahren stieg die Infektionsrate laut einer 2008 veröffentlichten Studie aus dem Vereinigten Königreich ebenfalls.A. T. Bodley-Tickell, B. Olowokure, S. Bhaduri, D. J. White, D. Ward, J. D. C. Ross, G. Smith, H. V. Duggal, P. Gool: Trends in sexually transmitted infections (other than HIV) in older people: analysis of data from an enhanced surveillance system. In: Sexually Transmitted Infections. Band 84, 2008, S. 312–317, doi:10.1136/sti.2007.027847