Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (RMfdbO), auch als „Ostministerium“ (RMO) bezeichnet, war während des Zweiten Weltkriegs von 1941 bis 1945 die Zentralbehörde der nationalsozialistischen Zivilverwaltung der von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebiete im Baltikum und der Sowjetunion. Das RMfdbO stand unter der Leitung des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg und organisierte im Rahmen des Generalplans Ost für das Ostland und die Ukraine eine staatliche Ordnung auf rassenideologischer Grundlage. Vornehmliches Ziel des Ministeriums war die politische Germanisierung der besetzten Ostgebiete bei gleichzeitiger Vernichtung sämtlicher osteuropäischer Juden. Staatssekretär des Ministeriums war Alfred Meyer, der als Stellvertreter Rosenbergs an der Wannseekonferenz teilnahm. Beginnend mit der Beteiligung an der Aktion T4 wurde das RMfdbO im Verlauf des Krieges – neben dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA), dem Reichsministerium der Justiz und dem Auswärtigen Amt (AA) – eine zentrale nationalsozialistische Behörde für die organisierte Judenvernichtung. Das Ministerium wurde 1941 im Tiergartenviertel an der Rauchstraße 17/18 in Berlin eingerichtet.

mini|hochkant=1.4|Rauchstraße 17/18: Ursprünglich als Gebäude der Jugoslawischen Gesandtschaft in Berlin eingerichtet, befand sich hier von 1941 bis Juni 1942 das RMfdbO. Seit 1995 ist das Gebäude Sitz der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. mini|hochkant=1.4|Unter den Linden 63: Dort, wo nach 1945 das neue Gebäude der Sowjetischen Botschaft gebaut wurde, befand sich ab Juni 1942 der Hauptsitz des Ostministeriums. Im Februar 1944 wurde das Gebäude bei einem Bombenangriff der Alliierten vollständig zerstört.

Entstehungsprozess Erste Ankündigungen abseits der Öffentlichkeit Der Auftakt zum Aufbau des RMfdbO erfolgte bereits im Frühjahr: Am 3. März 1941 kündigte Adolf Hitler erstmals gegenüber dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) an, dass der Aufbau eines „Ostministeriums“ geplant sei. Die Ankündigung fand in einem Gespräch mit Wilhelm Keitel statt, als sie sich über den Barbarossa-Plan unterhielten. Hitler hielt die politischen Aufgaben in den besetzten Ostgebieten für zu schwierig, um sie dem Heer zu überlassen.Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur »Endlösung«. München 2001, ISBN 3-492-04295-3, S. 92. Am 26. März 1941 verfasste Reinhard Heydrich eine Notiz über eine Unterredung mit Reichsmarschall Hermann Göring. Heydrich hielt fest: „Bezüglich der Lösung der Judenfrage berichtete ich kurz dem Reichsmarschall und legte ihm meinen Entwurf vor, dem er mit einer Änderung bezüglich der Zuständigkeit Rosenbergs zustimmte und Wiedervorlage befahl.“Zitiert in: Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur »Endlösung«. München 2001, S. 92. Aus der Notiz von Heydrich geht hervor, dass ihm bereits zu diesem Zeitpunkt bekannt war, dass Rosenberg als Chef einer Behörde zur Verwaltung der besetzten Ostgebiete vorgesehen war. Die Notiz fällt genau auf das Datum, als Rosenberg offiziell und persönlich die erste Abteilung der „Hohen Schule“ – das „Institut zur Erforschung der Judenfrage“ (IEJ) in Frankfurt am Main – eröffnete. Bei der Eröffnungsfeier war nicht, wie in Heydrichs Notiz, allein von „Lösung der Judenfrage“ die Rede, sondern es wurde bereits das eschatologischWilhelm Kamlah: Utopie, Eschatologie, Geschichtstheologie. Kritische Untersuchungen zum Ursprung und zum futuristischen Denken der Neuzeit. Mannheim 1969; . anmutende Wort „Endlösung“ verwendet. So formulierte Klaus Schickert während der dreitägigen Feierlichkeiten in seinem Beitrag im IEJ über die Judengesetze in Südosteuropa: „Die Dinge treiben mit einer zunehmenden Geschwindigkeit ihrer Endlösung entgegen.“Klaus Schickert: Weltkampf. Die Judenfrage in Geschichte und Gegenwart, 1/2, April–September 1941, S. 42. Reinhard Bollmus: Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zum Machtkampf im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. München 1970, S. 120 (angegebene Quelle: Rede zur Eröffnung des Instituts zur Erforschung der Judenfrage, 26. März 1941. In: Weltkampf, 1941, Heft 1/2, S. 64–72). Und am 29. März 1941 wurde Alfred Rosenberg im Völkischen Beobachter mit diesen Worten zitiert: „Für Europa ist die Judenfrage erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den europäischen Kontinent verlassen hat.“Zitiert in: Davon leicht abweichend, aber sinngemäß zutreffend, die Formulierung: Rosenberg habe festgestellt, dass „für Deutschland … die Judenfrage erst dann gelöst (sei), wenn der letzte Jude den großdeutschen Raum verlassen“ habe. Zitiert in: Robert M. W. Kempner: Eichmann und Komplizen. Zürich 1961, S. 96 f.In der Wiener Ausgabe des Völkischen Beobachters wurde die entsprechende Passage der Rede erst am 30. März abgedruckt: „Für Deutschland ist die Judenfrage erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den Großdeutschen Raum verlassen hat. Da nunmehr Deutschland mit seinem Blut und seinem Volkstum diese Judendiktatur einmal für immer für Europa gebrochen und dafür zu sorgen hat, daß Europa als ganzes wieder frei wird von dem jüdischen Parasitismus, da dürfen wir, glaube ich, auch für alle Europäer sagen: für Europa ist die Judenfrage erst dann gelöst, wenn der letzte Jude den europäischen Kontinent verlassen hat.“ Siehe: Andere Wiener Tageszeitungen berichteten über Rosenbergs Rede bereits am 29. März, z. B: In den ersten beiden Monaten der Planungen des RMfdbO verwendeten führende Nationalsozialisten erstmals den Ausdruck „Endlösung der Judenfrage“ als eine weithin noch unbestimmt definierte Metapher.Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 3. Auflage. München 1998, ISBN 3-608-91805-1, S. 446 (angegebene Quellen: Hinweis Eichmanns am 12. März 1941 auf bevorstehende „Endlösung“; später dann: Befehl RSHA vom 29. Mai 1941). Dabei ließ der Chef der Reichskanzlei allen Reichsministern mitteilen, dass sämtliche Maßnahmen in den osteuropäischen Gebieten mit Rosenberg abzusprechen seien.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, ISBN 3-89667-148-0, S. 512 f. (Quelle: Entwurf für einen Erlass mit Datum im April 1941, BArch NS 43/51, Bl. 144 f.)

Am 2. April 1941, als die Vorbereitungen für den Angriff gegen die Sowjetunion auf Hochtouren liefen, fand ein Gespräch zwischen Rosenberg und Hitler statt. Rosenberg notierte dazu in seinem Tagebuch: „›Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen!‹ Mit diesen Worten beendete der Führer heute eine zweistündige Unterredung mit mir. […] Der Führer entwickelte dann ausführlich die voraussichtliche Entwicklung im Osten, was ich heute nicht niederschreiben will. … Der Führer fragte mich über die soldatische und menschliche Psyche der Russen unter schwerer Belastung, über den jetzigen jüdischen Anteil in der Sowjetunion und anderes.“Zitiert in: Robert M. W. Kempner: SS im Kreuzverhör. Die Elite, die Europa in Scherben brach. Nördlingen 1987, S. 226. […] „Zum Schluss sagte er: Für diese ganz russische Frage will ich bei mir ein Büro einrichten, und sie sollen es übernehmen. Arbeiten Sie nach allen Richtungen Richtlinien aus; was sie an Geld brauchen, steht Ihnen zur Verfügung.“Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 509 (Quelle: Robert M. W. Kempner (Hrsg.): Rosenberg, jetzt ist ihre große Stunde gekommen. Aufzeichnungen über Eroberungspläne Hitlers. In: Frankfurter Rundschau vom 22. Juni 1971). Hitler hatte für Rosenberg, fünf Tage nach seiner Anspielung auf „ein fernes Reservat“ für die Juden während seiner Eröffnungsrede im IEJ, ein „zentrales politisches Büro für die Ostarbeit“ vorgesehen, für dessen Errichtung Rosenberg nun als Leiter und bislang noch inoffizieller „Ostminister“ zu arbeiten begann.Gerald Reitlinger: Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939–1945. 7. Auflage. Berlin 1992, ISBN 3-7678-0807-2, S. 90.

Personalrekrutierungen und Amtsgebäude Allgemeine organisatorische Schwierigkeiten waren Rosenberg in der Gründungsphase des RMfdbO zumindest partiell bewusst. Am 11. April 1941 notierte er in seinem Tagebuch, dass er für den zu erwartenden Krieg gegen die Sowjetunion „mit einem Mangel an geeigneten Menschen“ für seine Behörde rechnete. Von den „3 000 Rußlandkennern“, die er in seinem Amt „gesammelt“ habe, sei nicht auszumachen, wie viele „wirklich einsatzfähig“ seien.Zitiert in: Robert M.W. Kempner: SS im Kreuzverhör. Die Elite, die Europa in Scherben brach. Nördlingen 1987, S. 226. In seinen Letzten Aufzeichnungen schrieb Rosenberg hingegen, dass er lediglich für den „Eventualfall eines Krieges“ gegen die Sowjetunion Vorbereitungen traf. Die Entwicklungen und Äußerungen zeigen jedoch, dass der Angriffskrieg selbst bereits geplant gewesen ist. Alfred Rosenberg: Letzte Aufzeichnungen. Göttingen 1955, S. 174, 340. IMG 1984, Band XXII, S. 614 f. Mit Blick auf den Generalplan Ost wurde Rosenberg am 20. April 1941 von Hitler geheim beauftragt, die zentralen Fragen des „Ostraumes“ zu bearbeiten. Seppo Kuuisto: Alfred Rosenberg in der nationalsozialistischen Außenpolitik 1933–1939. Helsinki 1984, S. 117. Noch am selben Tag erhielt seine Dienststelle per Führererlass den Titel „Dienststelle für die zentrale Bearbeitung der Fragen des osteuropäischen Raums“. Die nahezu identische Übernahme der vom APA vorgeschlagenen Bezeichnung und die Kennzeichnung seiner Behörde als eine „zentrale“ Institution für die Ostpolitik, zeigt, „dass die Kompetenz auf diesem Politikfeld noch immer Rosenberg und seinen Leuten zugesprochen wurde“.Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“ Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. München 2006, S. 70. (Quelle: BA, R6/4, Bl. 3. Abgedruckt in: Führer-Erlässe. Dok. 81, S. 168 f.)

Während der Aufbauphase des RMfdbO wurden Mitarbeiter aus Rosenbergs Außenpolitisches Amt der NSDAP (APA) und der Nordischen Gesellschaft eingesetzt.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 289 und 516. Ein Teil der Russlandexperten, die in das sich konstituierende RMfdbO berufen wurden, kamen zudem aus der Dienststelle Ribbentrop von Joachim von Ribbentrop. Am 21. April 1941 erhielt Rosenberg von der Reichskanzlei die Zusage, enge Mitarbeiter der betreffenden obersten Reichsbehörden rekrutieren zu dürfen. Dazu gehörten Vertreter des Auswärtigen Amts, des OKW, der Behörde des Vierjahresplans sowie des Reichswirtschaftsministeriums.Andreas Zellhuber: „Unsere Verwaltung treibt einer Katastrophe zu …“ Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete und die deutsche Besatzungsherrschaft in der Sowjetunion 1941–1945. München 2006, S. 77. (Quellen: BA R6/16, Bl. 39, 52-58 und BA-MA, RW 4/v. 759.) Umfangreiche Rekrutierungen aus diesen Behörden durfte Rosenberg in der Folge indessen nicht selbst veranlassen.