Friedrich „Fritz“ Karl Baumgarten (* 18. August 1883 in Reudnitz bei Leipzig; † 3. November 1966 in Leipzig) war ein deutscher Kinder-/Bilderbuchillustrator, Lithograf, Zeichner und Maler. Er hat über mehrere Jahrzehnte zahlreiche Bilderbücher mit Wichteln und Zwergen gestaltet und dabei einen für ihn charakteristischen Stil geprägt.
Leben mini|Fritz Baumgarten: Landschaft in Neumecklenburg (Südsee). Postkartenmotiv des Kolonialkriegerdanks. 1920er Jahre. Friedrich Karl Baumgarten, zeitlebens Fritz genannt, war das jüngste von drei Kindern des Buchbinders Martin Konrad Baumgarten und dessen Ehefrau Wilhelmine Henriette, geb. Henning. Sein Großvater war der Porträtmaler und Zeichner Johann Friedrich August Baumgarten. Nach einer Ausbildung zum Lithografen bei der Leipziger Druckerei J. G. Fritsche AG studierte er von 1903 bis 1905 an den Königlichen Kunstakademie in Dresden sowie an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in München. Noch während des Studiums erhielt er seine Einberufung zum Militärdienst im Königlichen 11. Feldartillerie-Regiment in Würzburg. 1908 kehrte der sich selbst als „Gebrauchsgrafiker“ bezeichnende Baumgarten nach Leipzig zurück. Seinen Lebensunterhalt verdiente der Künstler zunächst mit Gelegenheitsarbeiten und mit dem Entwurf von Ansichts- und Postkarten, die heute Sammlerobjekte sind. Während des Ersten Weltkrieges kämpfte er in Frankreich u. a. auch in der Schlacht um Verdun. Für seine Verdienste erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse.
Fritz Baumgarten war seit 1926 mit Elsa Hollburg verheiratet. Das Ehepaar hatte zwei Söhne, wobei der Erstgeborene nur 14 Tage alt wurde. Anfang Dezember 1944 ging bei dem nächtlichen Bombenangriff auf Leipzig auch das Haus, in dem die Familie Baumgarten lebte, in Flammen auf.
Nach einer Zwischenstation in Sachsenberg-Georgenthal, wo der Künstler zur Arbeit in einem Rüstungsbetrieb dienstverpflichtet wurde, siedelten die Baumgartens nach Reichenbach über. Im Sommer 1946 kehrte die Familie nach Leipzig, Stadtteil Connewitz, zurück. Sofort nahm Fritz Baumgarten, der etwa Mitte der 1950er Jahre dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund beitrat, Kontakte zu diversen Verlagen in West- und Ostdeutschland auf, so zum Lange & Meuche Verlag, Scholz Verlag, Engelbert Dessart Verlag, Titania Verlag u. a. m. Getarnt als „Bildchen für die kleinen Nichten und Neffen“ sandte der Künstler seine Illustrationen nach West-Deutschland. Das Honorar wurde ihm in Form von Naturalien übersandt oder auf Konten im Westen gutgeschrieben. Zirka Anfang der 1960er Jahre ließ seine Schaffenskraft nach, Fritz Baumgarten wurde bald 80 Jahre alt, und die Zahl seiner jährlich publizierten Kinder-/Bilderbücher ging deutlich zurück.
Wenige Monate nach dem Tod seiner Frau nahm sich der 83-jährige Künstler das Leben.
Forschungssituation, Werk und Bedeutung Zwischen den frühen 1920er Jahren und 1960 veröffentlichte er weit über 500 Werke für Kinder (teilweise auch Jugendliche), die Mehrzahl davon vor dem Zweiten Weltkrieg. Dazu gehören auch von ihm illustrierte Märchen-, Sagen- und Volksbücher sowie Erzählungen für die Jugend, Adventskalender, als auch illustrierte Bilderbücher zu Märchen der Gebrüder Grimm, etwa Rotkäppchen (1928), Hänsel und Gretel (1928), Dornröschen (1935), Frau Holle (1938) oder Der Wolf und die sieben Geißlein (vermutlich 1928). Letztgenanntes Märchen-Bilderbuch wurde seinerzeit in der pädagogischen Fachzeitschrift Kindergarten wie folgt bewertet:
Die über neunzig nach 1945 erschienenen Bilderbücher (beispielsweise im Abel & Müller Verlag, Engelbert Dessart Verlag, Titania-Verlag, Pestalozzi-Verlag, mit Versen/Texte von Helle Carola Gärtner-Scholle, Gisela Fischer, Ruth Kraft, Liselotte Burger, Helge Darnstädt, Lena Hahn, Erich Heinemann u. a. m.) erreichten eine Auflage von bis heute insgesamt fast einer Million. Seine künstlerische Hinterlassenschaft wurde von manchen Kritikern als „reiner Kitsch“ desavouiert. So verwundert nicht seine fast totale Ignorierung in den einschlägigen Publikationen der Illustrationsgeschichte zur Kinder- und Jugendliteratur:
In den 1920er und 1960er Jahren kritisierte man Fritz Baumgartens „Anhäufung bildnerischer Reize“, auf die Kinder spontan positiv reagieren, und insbesondere seinen „naiven Realismus“, der „sich durch klare Konturen der Formen, Verzicht auf Räumlichkeit, leuchtende, ungemischte Farben, flächiger und unmodulierter Farbauftrag sowie vertraute Bildmotive auszeichnet. Ein weiteres Merkmal seiner Illustrationen ist das ‚Kindchenschema‘, das die dargestellten Figuren (insbesondere seine Wichtel) ‚einfach süß‘ erscheinen lassen. Seine Bildästhetik ermöglicht/e auch ein einfaches drucktechnisches Verfahren und somit einen äußerst günstigen Verkaufspreis.“
Der Grafiker und Illustrator Ernst Kreidolf hat seinen Bilderbuch-Stil entscheidend beeinflusst. Zu ihm hatte er sich klar bekannt, insbesondere die Anthropomorphisierung der Tier-, Zwergen- und Pflanzenwelt betreffend. Fritz Baumgarten wiederum hat die Künstlerin Lore Hummel inspiriert. Die Bücher des „Kreidolf-Epigonen“, bevölkert von kleinen Teddys, Feld-, Wald- und Wiesenbewohner aller Art und – in den Dreißigerjahren – sehr häufig auch von Singvögeln und gar lustigen und fürsorglichen Wichteln/Zwergen, die zusammen deutsche Volkslieder sangen Christian Kracht: Eurotrash. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2021, 3. Auflage, 210 S. Seite 35. ISBN 978-3-462-05083-7, sind inzwischen Klassiker der Kinderliteratur. Viele Werke Fritz Baumgartens sind auch heute noch in immer wieder neuen Auflagen, u. a. Pestalozzi-Verlag, Beltz & Gelberg Verlag (Parabel), Titania Verlag, Terzio Verlag und Esslinger Verlag erhältlich.
Zwischen 1924 und 1936 illustrierte er 10 Bilderbücher zu Versen von Albert Sixtus, darunter so bekannte Klassiker wie Der Hundezirkus (1930), Die Waldschule (1935), Das Blumenelfchen (1935) und Der Frühling ist da (1936). Zwischen 1916 und 1940 illustrierte er 15 Bilderbücher zu Versen von Adolf Holst, darunter Das bunte Nestchen (1940).
Der Künstler hatte zudem in den 1920er und 1930er Jahren, teilweise auch nach dem Zweiten Weltkrieg, mehrere Gesellschaftsspiele illustriert: Halt! mein Hut (1920), Das Struwwelpeterspiel (1926), Fuchs aus dem Loch (1927), Onkel Pinkepank auf der Weltreise (1928), um nur einige zu nennen. Ferner steuerte er für Herzblättchens Zeitvertreib. Ein Jahrbuch für die Kinderwelt, begründet von Thekla von Gumpert, u. a. für die Bände 71, 72, 75 und 78 Illustrationen bei sowie für den dritten Band der Pucki-Reihe von Magda Trott Pucki und ihre Freunde (1936).
Großer Beliebtheit erfreuten sich noch immer seine (beispielsweise im Adolf Korsch Verlag oder Terzio Verlag) erschienenen Wichtel/Zwergen-Adventskalender, beispielsweise Der Fritz-Baumgarten-Adventskalender, Himmelsmusik oder Schlittenfahrt:
Werke (Auswahl)
Rezeption
Sein künstlerisches Werk in der Kritik
„Die Qualität seiner Illustrationen ist recht unterschiedlich. Während das beste davon, zwar auf den Zeitstil vor dem Krieg fixiert, durchaus zu den vertretbaren Gebrauchsbüchern zu rechnen ist, spürt man bei den späten Arbeiten ein Schwinden der Kraft und ein Abgleiten in die Routine.“
„Sein Stil ist romantisierend, die Kompositionen sind verspielt-humorvoll. Das freudl[iche], verhaltene Kolorit ist fein nuanciert. Schwarz-weiße Umriß-Ill[ustrationen] bieten sich zum Ausmalen an. Gesichter werden häufig mit spärl[ichen] Strichen angedeutet, während Tiere mit menschl[ichen] Funktionen, Pflanzen und Gegenstände eingehender durcharbeitet sind.“
In ihrer umfangreichen Diplomarbeit hat Susanna Deuringer mehrere Rezensionen aus damaligen Fachzeitschriften für die Kindergartenpädagogik (wie z. B. Kinderheim und Kindergarten) über des Künstlers Illustrationen aufgelistet. Diese belegen, wie ambivalent doch Fritz Baumgartens Werk gesehen wurde. Dazu einige Auszüge:
„Der Kunsthistoriker Konrad von Lange empfahl 1893 dem kindlichen Verständnis entsprechend möglichst einfach, flächenhaft und perspektivarm zu malen. Als Hauptvertreterin eines solchen ‚kindlichen Flächenstils‘ gilt Gertrud Caspari. Frühe Arbeiten von Baumgarten scheinen sich an ihren Werken zu orientieren. Sie zeichnen sich – wie ‚Struwwelhanne‘ – durch starke Umrisslinien und einen flächigen Farbauftrag aus. […] Spätere Werke von Baumgarten setzen sich von den frühen Arbeiten stilistisch deutlich ab. Diese Bilder sind oftmals ausschnitthaft angelegt. Sie zeigen Momentaufnahmen einer wunderbaren Natur, in die man nicht zuletzt aufgrund ihrer Liebe zum Detail und der stimmungsvollen Atmosphäre gerne eintauchen möchte.“
Ausstellungen
mini|rechts|Schloss Pyrmont Erstmals widmete vom 7. Dezember 1995 bis 25. Februar 1996 das Schlossmuseum in Bad Pyrmont dem Künstler eine Ausstellung: „Nur immer hereinspaziert! Leben und Werk von Fritz Baumgarten (1883–1966)“. Dazu erschien auch ein Katalog, der sich ausführlich mit Leben und Werk des Kinder-/Bilderbuchillustrators befasst.
mini|rechts|Schloss Friedberg Vom 18. November 2010 bis 27. Februar 2011 war Fritz Baumgarten eine Ausstellung im Wittelsbacher Schloss in Friedberg gewidmet. An der Ausstellungseröffnung nahm sein Sohn Gert Baumgarten teil und berichtete, dass sein „Vater […] auch während der schlimmsten Zeiten Wichtel und Mäuse gemalt“ habe. Selbst als Ende des Zweiten Weltkrieges draußen die Panzer vorbeifuhren – der Künstler war mit seiner Familie ins Vogtland evakuiert worden – habe Fritz Baumgarten weiter seine friedvollen Bilder gezeichnet.
Ehrungen
mini|rechts|Fritz-Baumgarten-Schule Die Stadt Leipzig hat mit Beschluss der Ratsversammlung vom 18. Mai 2016 die Grundschule 77. Schule im Ortsteil Reudnitz-Thonberg nach Fritz Baumgarten benannt, die zuvor keiner Person gewidmet war.
Literatur
Doku , Dokufilm von Leonore Brandt, 30 Minuten, BR-alpha und MDR Fernsehen in der Reihe Lebensläufe, Erstausstrahlung am 6. Mai 2007
Weblinks
Fritz Baumgarten Bücher sortiert nach ISBN auf books-by-isbn.com
Einzelnachweise
Kategorie:Kinder- und Jugendliteratur Kategorie:Illustrator (Deutschland) Kategorie:Märchenillustrator Kategorie:Grafiker (Leipzig) Kategorie:Träger des Eisernen Kreuzes II. Klasse Kategorie:Person im Ersten Weltkrieg (Deutsches Reich) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1883 Kategorie:Gestorben 1966 Kategorie:Mann