mini|Das Grab von Viktor von Weizsäcker und seiner Ehefrau Olympia geborene Curtius im Familiengrab auf dem Friedhof Handschuhsheim in Heidelberg
Viktor Weizsäcker, ab 1916 Freiherr von Weizsäcker (* 21. April 1886 in Stuttgart; † 8. JanuarAlbrecht Scholz, Thomas Barth, Anna-Sophia Pappai und Axel Wacker: Das Schicksal des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät Breslau nach der Vertreibung 1945/46. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 24, 2005, S. 497–533, hier S. 530.Ralf-Dieter Hofheinz: Weizsäcker, Viktor von. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1470.Biografie der Viktor-von-Weizsäcker-Gesellschaft 1957 in Heidelberg), war ein deutscher Mediziner. Er war Neurologe, befasste sich mit Themen der Sozialmedizin und gilt als ein Begründer der psychosomatischen Medizin und der modernen medizinischen Anthropologie. Mit Viktor Emil von Gebsattel, Jürg Zutt (1893–1980), Ludwig Binswanger und Dieter Wyss gilt er als Vertreter der existential-anthropologischenBurkhard Schmidt, Karl-Ernst Bühler: Kurzer Abriß der Geschichte des Würzburger Universitätsinstituts für Psychotherapie und Medizinische Psychologie. In: Peter Baumgart (Hrsg.): Vierhundert Jahre Universität Würzburg. Eine Festschrift. (= Quellen und Beiträge zur Geschichte der Universität Würzburg. Band 6). Degener & Co. (Gerhard Gessner), Neustadt an der Aisch 1982, ISBN 3-7686-9062-8, S. 927–933, hier S. 929. Theorie der Psychotherapie.
Familie Viktor Weizsäcker wurde am 21. April 1886 in Stuttgart geboren. Sein Vater, Karl von Weizsäcker, entstammte dem pfälzisch-württembergischen Geschlecht Weizsäcker. Sein Bruder war Ernst von Weizsäcker, Bundespräsident Richard von Weizsäcker war sein Neffe. 1916 wurde sein Vater, der bereits 1897 mit dem Amt des Ministerialdirektors den persönlichen Adel erhalten hatte, mit seiner ganzen Familie von König Wilhelm II. von Württemberg mit der Verleihung des erblichen Adels in den Freiherrnstand erhoben.
1920 heiratete Viktor von Weizsäcker Olympia Curtius (1887–1979), die Tochter von Friedrich Curtius und Schwester des Romanisten Ernst Robert Curtius.
Aus seiner Ehe mit Olympia Curtius stammen die Kinder Robert Karl Ernst (* 1921; vermisst 1942), Ulrike Gerda (1923–1948), Eckhard (1925–1945) und Cora (1929–2009), die mit dem Physiker Siegfried Penselin (1927–2014) verheiratet war.
Studium, Habilitation, Militär, 1904–1918 1904 machte Viktor Weizsäcker Abitur am humanistischen Eberhard-Ludwigs-Gymnasium Stuttgart und begann Medizin an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Dort war er Mitglied der den süddeutschen Liberalismus prägenden Tübinger Studentenverbindung Akademische Gesellschaft Stuttgardia.
Später studierte er noch an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1908 lernte er seinen Kommilitonen Arthur Kronfeld kennen, der ihn zusammen mit seinem Freund Otto Meyerhof für die Philosophie von Leonard Nelson und Jakob Friedrich Fries zu interessieren suchte und wahrscheinlich auch mit den Schriften Freuds bekannt machte.
Gemeinsame Vorlesungsbesuche bei Wilhelm Windelband bis hin zu persönlichen Kontakten mit Hans Driesch und anderen Philosophen in Heidelberg wie Hans Ehrenberg sind der reale Hintergrund für die „Versuchung, die Medizin zu verlassen und – Philosoph zu werden“, von der er später berichtete. Doch blieb er seinem Interesse für die Medizin treu und promovierte am 28. Juni 1910 bei dem Internisten Paul Morawitz mit einer Arbeit über die Blutgeschwindigkeit.
In dieser Zeit ließ er sich wie Meyerhof in der Klinik Ludolf von Krehls von Otto Warburg für die Physiologie des Herzens interessieren. Wie sie habilitierte er sich über den Energiestoffwechsel.
Im Ersten Weltkrieg war Viktor von Weizsäcker zunächst bei Verdun im Einsatz und später mit Ludolf von Krehl für die Inspektion von Feldlazaretten zuständig.
Universitätsklinik Heidelberg – Forschung, 1920–1940 Ab 1920 leitete Weizsäcker die neurologische Abteilung an der Krehl’schen Klinik in Heidelberg. 1926 (nach Angabe in seinem autobiografischen Werk Natur und Geist. 1928, S. 61) besuchte er Sigmund Freud und Max Scheler. Diese Besuche hatten eine zentrale Bedeutung für sein weiteres Schaffen.Martin Arndt: Max Scheler und der seelenkundliche Diskurs der 20er Jahre. In: Psychologie und Geschichte. Jahrgang 9, Heft 3/4, Dezember 2001, S. 33–57, hier S. 39 f. (online) Im selben Jahr erschien seine Schrift Stücke einer medizinischen Anthropologie in der von Martin Buber und Joseph Wittig herausgegebenen Zeitschrift Die Kreatur, bei der er von 1926 bis 1930 Mitherausgeber war.
1932 formulierte er seine Ideen zum Gestaltkreis, mit dem er die Einheit von Wahrnehmung und Bewegung theoretisch darzustellen suchte.Wolfgang U. Eckart: Medizin in Bewegung: Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. Richard Siebeck, Viktor von Weizsäcker und die Anthropologische Medizin. In: KlinikTicker, Magazin des UniversitätsKlinikums und der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Ausgabe 5, November/Dezember 2011, Weizsäckers „Gestaltkreis“, S. 34–35. Weizsäckers Ziel war die Einführung des Subjekts in die Medizin, der vielzitierte erste Satz des Gestaltkreises lautete: „Um Lebendes zu erforschen, muss man sich am Leben beteiligen.“ Er arbeitete mit Marianne Fuchs, förderte ihre Arbeit und lieferte für die von Fuchs entwickelte tiefenpsychologische Körperpsychotherapie Funktionelle Entspannung mit seiner Publikation Der Gestaltkreis die theoretische Basis.
Im Jahr 1933 stand Viktor von Weizsäcker dem Nationalsozialismus nicht konsequent ablehnend gegenüber.Cora Penselin: Bemerkungen zu den Vorwürfen, Viktor von Weizsäcker sei in die nationalsozialistische Vernichtungspolitik verstrickt gewesen. In: Udo Benzenhöfer (Hrsg.): Anthropologische Medizin und Sozialmedizin im Werk Viktor von Weizsäckers. Peter Lang, Frankfurt am Main 1994, S. 123–137. Zitiert nach der „Viktor von Weizsäcker Gesellschaft“Wolfgang U. Eckart: Machtergreifung und Sterilisationsgesetz. In: Christoph Gradmann, Oliver von Mengersen (Hrsg.): Das Ende der Weimarer Republik und die Nationalsozialistische Machtergreifung. Vorträge Heidelberger Historiker in der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte. Manutius Verlag, Heidelberg 1994, S. 170. In einem Vortrag „Ärztliche Aufgaben“, den er im Dezember 1933 an der Universität Freiburg auf Einladung des Rektors Martin Heidegger hielt, der bereits 1932 die NSDAP gewählt hatte und ihr am 1. Mai 1933 beigetreten war, gab er laut Udo Benzenhöfer ein „deutliches Signal seiner Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus“ und sprach in einigen Passagen „den Nationalsozialisten zumindest teilweise das Wort“. Allerdings stellte er nach Benzenhöfer trotz formaler Einverständniserklärung mit dem Führerprinzip die Freiheit des Einzelnen eindeutig über die Freiheit des Kollektivs:
„Jeder Führer muß wissen, und der wahre Führer weiß es, daß es an ihm liegt, dem Einzelnen zu befreiender Entfaltung zu helfen. Darin und in nichts anderem beruht die Tüchtigkeit und Kraft eines Führers. Hier ist die Wurzel der Gemeinschaft.“Udo Benzenhöfer: Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick. Göttingen 2007, S. 116. (books.google.de)
Der Vortrag erschien 1934 in der nationalsozialistisch ausgerichteten Zeitschrift Volk im Werden.Udo Benzenhöfer: Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick. Göttingen 2007, S. 112. (books.google.de)
Ordinariat für Neurologie, 1941–1945 Weizsäcker wurde am 1. Mai 1941Albrecht Scholz, Thomas Barth, Anna-Sophia Pappai, Axel Wacker: Das Schicksal des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät Breslau nach der Vertreibung 1945/46. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 497–533, hier S. 530. in Nachfolge von Otfrid Foerster Professor für Neurologie an der Universität Breslau und in Verbindung mit diesem Lehrstuhl Leiter des Wenzel-Hancke-Krankenhauses sowie des Neurologischen Forschungsinstituts. Entgegen der lokalisatorischen und neurochirurgischen Orientierung seines VorgängersWilhelm Katner: Foerster, Otfrid. In: Neue Deutsche Biographie. 5, 1961, S. 280 f. richtete Weizsäcker das Institut seinen eigenen Forschungs-Schwerpunkten entsprechend aus. Er schuf zwei neue, eine biologische und eine physiologische Abteilung, in denen er seine Gestaltkreis-Forschung zum Wahrnehmen und Bewegen in möglichst natürlichen Situationen – oftmals als Selbstversuche durchgeführt und auf der Grundlage seiner 20-jährigen Forschung in Heidelberg – fortführte.Viktor von Weizsäcker: Memorandum über das Neurologische Forschungsinstitut (Otfrid Foerster Institut) in Breslau. In: Udo Benzenhöfer (Hrsg.): Anthropologische Medizin und Sozialmedizin im Werk Viktor von Weizsäckers. Peter Lang, Frankfurt am Main 1994, S. 132–135. In der Zeitspanne zwischen 1941 und 1945 publizierten er und seine Mitarbeiter entsprechende Studien.Paul Christian, Viktor von Weizsäcker: Über das Sehen figurierter Bewegungen von Lichtpunkten. In: Zeitschrift für Sinnesphysiologie. Band 70, 1943, S. 30–51.Paul Christian, R. Pax: Wahrnehmung und Gestaltung von Schwingungsvorgängen. In: Zeitschrift für Sinnesphysiologie. Band 70, 1943, S. 197–221.Albert Derwort: Über die Formen unserer Bewegungen gegen verschiedenartige Widerstände und ihre Bedeutung für die Wahrnehmung von Kräften. In: Zeitschrift für Sinnesphysiologie. Band 70, 1943, S. 135–183. Weizsäcker suchte weitere Nachweise, dass nicht ausschließlich die anatomische Struktur jede biologische Leistung determiniert, sondern der Organismus stets in unmittelbarer Verbindung mit seiner Umwelt eine Entscheidung trifft. Untersucht wurden beispielsweise: Die Armbewegungen bei der Überwindung von Widerständen, der Hammerschlag, Pendelbewegungen und der gezielte Wurf.Viktor von Weizsäcker: Memorandum über das Neurologische Forschungsinstitut (Otfrid Foerster Institut) in Breslau. In: Udo Benzenhöfer (Hrsg.): Anthropologische Medizin und Sozialmedizin im Werk Viktor von Weizsäckers. Peter Lang, Frankfurt am Main 1994, S. 134.
„Wir gingen davon aus, dass eine neue Grundlegung der theoretischen Neurologie nicht nur von der Physiologie der nervösen Funktion, also vom Prinzip der Erregung, Leitung und Lokalisation, sondern von der experimentellen Analyse der Akte der Sinneswahrnehmung und der natürlichen willkürlichen Bewegung auszugehen habe.“Viktor von Weizsäcker: Memorandum über das Neurologische Forschungsinstitut (Otfrid Foerster Institut) in Breslau. In: Udo Benzenhöfer (Hrsg.): Anthropologische Medizin und Sozialmedizin im Werk Viktor von Weizsäckers. Peter Lang, Frankfurt am Main 1994, S. 132f.