100px|mini|Emblem der Hagana Die Hagana, auch Haganah, () war eine zionistische paramilitärische Untergrundorganisation in Palästina zur Zeit des britischen Völkerbundsmandats für Palästina (1920–1948). Unmittelbar nach der Ausrufung des Staates Israel 1948 wurde die Hagana in reguläre israelische Streitkräfte umgewandelt, in die später weitere paramilitärische Gruppen, etwa der Irgun, integriert wurden.
Geschichte Ursprünge Schon im späten 19. Jahrhundert war als Reaktion auf die antisemitischen Pogrome 1887 im russischen Zarenreich eine Organisation jüdischer Jugendlicher unter diesem Namen entstanden, die jedoch in keinem direkten Zusammenhang mit der späteren Hagana stand. Deren unmittelbarer Vorgänger war der 1909 gegründete Haschomer, eine kleine Vereinigung jüdischer Immigranten im osmanischen Palästina, die nicht mehr als 100 Mitglieder umfasste.
Ein Teil Palästinas wurde 1917 in der von der britischen Regierung erlassenen Balfour-Deklaration als „nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ versprochen, wobei die Rechte der dortigen nicht-jüdischen Bevölkerung gewahrt bleiben sollten. In der Folge kam es zu einer jüdischen Einwanderung erheblichen Umfangs: Waren 1918 noch 8 % der Bevölkerung Palästinas westlich des Jordans Juden, so stieg deren Anteil binnen 30 Jahren auf 32 %, obwohl die britische Mandatsregierung die Einwanderung zeitweilig begrenzte oder ganz verbot.
Gründung Die Hagana wurde in der Folge der arabischen Unruhen von April 1920 am 12. Juni 1920 gegründet. Die Unruhen in der Jerusalemer Altstadt forderten fünf Tote, 216 Verletzte und 18 Schwerverletzte auf jüdischer Seite und vier Tote, darunter ein kleines Mädchen durch einen Querschläger, 23 Verletzte und ein Schwerverletzter auf arabischer Seite. Sieben britische Soldaten wurden verletzt.Tom Segev: Es war einmal ein Palästina. Juden und Araber vor der Staatsgründung Israels. Siedler Verlag, München, S. 143.Benny Morris: 1948. A History of the First Arab-Israeli War. New Haven 2008, S. 11. Die erneuten Unruhen in Jaffa im Mai 1921 verstärkten im Jischuw, der jüdischen Ansiedlung in Palästina, das Gefühl der Bedrohung. Fortan wollte sich die Führung der Jewish Agency bei der Verteidigung der Siedlungen nicht länger auf die britischen Kolonialtruppen verlassen. Nach dem Krieg wurden die Haschomer-Mitglieder von den Briten daran gehindert, Waffen zu tragen. Haschomer wurde 1920 aufgelöst. Als einer der Mitbegründer etablierte Wladimir Zeev Jabotinsky, der bereits die Jüdische Legion organisiert hatte, daraufhin die Hagana und war wie Elijahu Golomb einer ihrer Kommandeure.
Die Hagana wurde als Miliz, d. h. als Volksheer, geführt, die einen großen Teil der wehrfähigen jüdischen Bevölkerung umfasste. Da die Miliz illegal war und daher nur mit kleinen Einheiten geübt werden konnte, kam die Ausbildung über Truppführerlehrgänge nicht hinaus. In den 1920er Jahren standen nicht mehr als ein Dutzend Berufssoldaten im Dienst der Organisation, von denen sich viele zudem als politische Aktivisten betätigten. Da Waffenbesitz von der Mandatsverwaltung nicht erlaubt wurde, wurden Schusswaffen und Munition meist über das französisch kontrollierte Syrien ins Land geschmuggelt und heimlich verwendet.Martin van Crefeld: The Sword and the Olive. A Critical History of the Israeli Defence Force. New York 2002, S. 20–25. Die Jewish Agency und die Hagana hielten sich dabei an ein Prinzip der Zurückhaltung (havlagah), welches der Hagana zwar erlaubte, die jüdische Gemeinde gegen arabische Angriffe zu verteidigen, aber Vergeltungsangriffe nicht erlaubte.John Louis Peeke: Jewish-Zionist Terrorism and the Establishment of Israel. Thesis, December 1977, Seiten 21–23Ehud Sprinzak: Brother Against Brother. Violence and Extremism in Israeli politics from Altalena to the Rabin Assassinations. The Free Press, New York 1999, ISBN 0-684-85344-2. Bis zur Mitte der 1930er Jahre war diese Zurückhaltung die offizielle Politik der Hagana.Ami Pedahzur, Arie Perliger: The Evolution of Jewish Terrorism. In: Carola Dietze, Claudia Verhoeven (Hrsg.): The Oxford Handbook of the History of Terrorism. Oxford University Press, New York 2022. Seite 405
In den relativ ruhigen ersten neun Jahre ihres Bestehens war die Hagana trotz des Anspruchs, das jüdische Gemeinwesen in Palästina gegen Angriffe verteidigen zu können, eine eher lose Organisation lokaler bewaffneter Gruppierungen in größeren Orten und wenigen Siedlungen. Die Organisation unterstand der zivilen Führung der Gewerkschaft Histadrut und war deren ideologischen Einfluss unterworfen.
Im Mai 1923 tötete Hagana den ehemaligen hochrangigen Polizeikommandeur Tewfiq Bey, den sie für den Angriff auf die jüdische Einwandererherberge während der Unruhen von Jaffa 1921 verantwortlich machten.Tom Segev: A State at any Cost. Kapitel 9, "Scandals", Abschnitt “Betrayal and Deception” Am 30. Juni 1924 tötete der Hagana-Kommandant Avraham Tehomi in Jerusalem den Dichter, Journalisten und Gegner des Zionismus Jacob Israël de Haan. Die Aktion gilt als der erste politische Mord von Juden an Juden, der in Palästina von Zionisten begangen wurde. Kommandeure der Hagana glaubten, dass de Haan so bedrohlich für die Sache des Zionismus in Palästina war, dass er eliminiert werden musste. Tehomi gab später an, den Mord im Auftrag des späteren Präsidenten Jizchak Ben Zwi begangen zu haben.
Infolge des Massakers von Hebron und weiterer Unruhen des Jahres 1929, die zu 133 Toten auf jüdischer Seite führten, veränderte sich die Rolle der Hagana drastisch. Sie wuchs zu einer wesentlich größeren Organisation heran und umfasste beinahe alle Jugendlichen und Erwachsenen in den ländlichen Siedlungen und hatte außerdem tausende Mitglieder in den Städten. Sie begann, ausländische Waffen zu beschaffen und einfaches militärisches Gerät sowie Handgranaten herzustellen (siehe: Israel Military Industries). Zugleich wandelte sie sich von einer nur dürftig ausgebildeten Miliz zu einer schlagkräftigen paramilitärischen Organisation.
Hagana-Bet und Abspaltung der Irgun In der Folge der arabischen Massaker des Jahres 1929 und aus Unzufriedenheit mit der insgesamt eher moderaten Haltung der Hagana gegenüber den Ansprüchen der Araber begannen zahlreiche Hagana-Kommandeure, über organisatorische Veränderungen zu diskutieren. Dies führte zur Gründung einer zweiten Hagana, der Hagana-Bet, unter dem Kommando von Avraham Tehomi, dem ehemaligen Kommandanten von Jerusalem. Die gemäßigteren Zionisten befürchteten, er plane eine Übernahme der Hagana. Innerhalb von drei Jahren stieg die Mitgliederzahl der Hagana-Bet von dreihundert auf dreitausend an;J. Bowyer Bell: Terror Out of Zion. Avon Books, New York 1977. Seiten 29–31 Tehomi kehrte 1937 mit einem erheblich Teil der Irgun zur Hagana zurück. Etwa 1.500 revisionistische Mitglieder der Hagana-Bet lehnten Tehomis Entscheidung ab und beschlossen stattdessen, ihre eigene unabhängige Organisation beizubehalten, die in Irgun umbenannt wurde. Jabotinsky wurde zum Oberbefehlshaber der Irgun ernannt.Paul Bagon: The impact of the Jewish Underground upon Anglo Jewry: 1945–1947. St Antony's College, University of Oxford M-Phil thesis, 2003. Seiten 48–49
Arabischer Aufstand mini|Havlagah-Bus während des Arabischen Aufstands mini|Mitglieder der Jewish Settlement Police, 1938
Im April 1938 zählte die Hagana 21.000 Freiwillige, davon waren rund 4000 Frauen. Fast alle waren Teilzeitkräfte, die daneben beruflichen Tätigkeiten nachgingen. Während des Arabischen Aufstands (1936 – 1939) wurden Mitglieder der Hagana als Teile der neu gegründeten Jewish Settlement Police geduldet, einer Abteilung der Notrim. Zunächst hatte diese Einheit einen rein defensiven, auf die Sicherung jüdischer Siedlungen zielenden Charakter. Erst gegen Ende des Aufstands wurde ihr Handeln offensiver. Die militärisch-strategischen Erfahrungen dieser Jahre erwiesen sich später im Palästinakrieg von 1947 bis 1949 für die jüdische Seite als nützlich.
Angesichts der arabischen Angriffe während der Revolte von 1936–1936 wurde das Prinzip der Zurückhaltung in Frage gestellt. Das Oberkommando der Hagana entschied deshalb, die Hagana-Kämpfer auszubilden und zu bewaffnen und Vergeltungsoperationen durchzuführen.
Im Sommer 1939 ermordete ein Hagana-Kommando in einem Racheakt nachts in dem palästinensischen Dorf Lubya mehrere unbeteiligte Zivilisten, zwei Männer und eine Frau, und verletzten zwei kleine Kinder. Geplant wurde die Aktion unter anderem von Nachum Shadmi, der später in der israelischen Armee Karriere machte und dessen Sohn Issachar Shadmi 1956 Kommandant der Polizeibrigade sein sollte, die das Massaker von Kafr Qasim verübte.Ofer Aderet: Assassinations, Terror Attacks and Even Castration – the Hidden Actions of Israel's Pre-state Militia. In: Haʾaretz. 13. Juni 2020.
Um den im Arabischen Aufstand formulierten Forderungen entgegenzukommen, schränkte die britische Regierung gemäß ihrem Weißbuch von 1939 die jüdische Einwanderung nach Palästina ein, woraufhin die Hagana antibritische Kundgebungen und die illegale Einwanderung Alija Bet organisierte, die über Stützpunkte in der Schweiz und der Türkei operierte.
Die SS Patria, ein französisches Passagierschiff, wurde 1940 in der Bucht von Haifa von der Hagana gesprengt, um die Deportation der jüdischen Reisenden nach Mauritius zu sabotieren. Dabei starben 260 Menschen. „Keiner der Männer, die an dem Untergang der ‚Patria‘, an diesem Verbrechen mitwirkten, ist je in Israel wegen Mord [sic] zur Verantwortung gezogen und verurteilt worden“, schreibt diesbezüglich Rudolf Hirsch im Nachwort seines Romans Patria Israel.Rudolf Hirsch: Patria Israel. S. 325, Rudolstadt 1983.
Teilnahme am Zweiten Weltkrieg
Trotz des Weißbuchs von 1939, das die Einwanderungsbeschränkungen für Juden festschrieb und damit die jüdische Führung in Palästina tief verärgerte, stellte sich David Ben-Gurion als Vorsitzender der Jewish Agency nach Kriegsausbruch auf die Seite Großbritanniens:
Im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs ersuchte die britische Armee die Hagana aus Furcht vor einem deutschen Durchbruch in Nordafrika um Unterstützung. In der Folge wurden viele junge jüdische Siedler, darunter viele, die erst kurz zuvor aus Europa nach Palästina geflüchtet waren, Mitglieder der britischen Armee – zum Teil unter fragwürdigen Bedingungen, wie sich das Hagana-Mitglied Michael Evenari später erinnerte:
Nachdem das Heer Erwin Rommels im Jahr 1942 in El-Alamein besiegt worden war, beendeten die Briten ihre uneingeschränkte Unterstützung der Hagana. Um sie vom Konflikt in Palästina zu isolieren, wurden die jüdischen Soldaten mehrmals zwischen Ägypten und Haifa verlegt, bevor sie Ende 1943 auf Britisch-Zypern stationiert wurden.Leopold Marx: Mein Sohn Erich Jehoshua. S. 107 ff. Hier waren sie zu weitgehender Tatenlosigkeit verdammt, ehe nach langen Verhandlungen (auch innerbritischen) 1944 die Jüdische Brigade innerhalb der britischen Armee gegründet wurde. Ihr Brigadeabzeichen war der Davidstern, ihre Einheit gehörte zur britischen 8. Armee. Der Autor Michael Evenari berichtet, dass in der Brigade auch nicht-jüdische englische Artilleristen eingesetzt werden mussten, was zu Spannungen und antisemitischen Konflikten geführt habe. Außerdem habe es Hierarchieprobleme gegeben: „Ich als Batterie-Sergeant-Major war die höchste Charge unter den Unteroffizieren. So viel ich weiß, war das eine ungewöhnliche Situation, denn nach den »King’s Regulations« darf nur ein Brite britische Soldaten befehligen.“Michael Evenari: Und die Wüste trage Frucht. S. 101.
Die Jüdische Brigade bestand aus 5.000 Soldaten. Sie wurde ab September 1944 zunächst in Italien eingesetzt und zog dann quer durch das besiegte Deutschland bis nach Belgien. Ihre Auflösung erfolgte 1946.In den Büchern von Michael Evenari und Leopold Marx finden sich ausführliche Schilderungen über den Einsatz der Jüdischen Brigade. Insgesamt dienten während des Zweiten Weltkriegs mehr als 30.000 Juden aus Palästina in der britischen Armee.