Strahlungen ist ein 1949 erschienenes Tagebuch von Ernst Jünger. Es umfasste in der ersten Fassung den Zeitraum im Zweiten Weltkrieg vom 18. Februar 1941 bis zum 11. April 1945 und behandelte Jüngers Zeit im besetzten Paris, seine Reise an die kaukasische Front und seine Zeit im heimatlichen Kirchhorst vor dem Ende des Kriegs. Oft stehen in den Eintragungen Berichte von schrecklichen Aspekten des Krieges unvermittelt in bewusst schockierendem Kontrast neben Beschreibungen der Schönheit von Kunstwerken oder der Natur.
In der ersten Werkausgabe 1962/63 wurden auch die zuvor einzeln veröffentlichten Tagebücher Gärten und Straßen (1942) und Jahre der Okkupation (1958) aufgenommen, so dass Strahlungen nun insgesamt die Zeit vom 3. April 1939 bis zum 2. Dezember 1948 umfasst.
Strahlungen war eines der erfolgreichsten Bücher Jüngers mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren im ersten Jahr und fand eine außerordentlich breite Beachtung.
Gliederung des Werkes Gärten und Straßen umfasst die Zeit vom 3. April 1939 bis zum 24. Juli 1940, also unter anderem Jüngers Einberufung und seine Teilnahme am Westfeldzug. Dieser Teil wurde bereits 1942 einzeln veröffentlicht, Näheres findet sich im Artikel Gärten und Straßen.
mini|Parade von Wehrmachtssoldaten. Champs Élysées, 14. Juni 1940 Das erste Pariser Tagebuch umfasst die Zeit vom 18. Februar 1941 bis zum 23. Oktober 1942. Damit klafft zum vorangegangenen Teil eine Lücke von nahezu sieben Monaten.
Die Kaukasischen Aufzeichnungen reichen vom 24. Oktober 1942 bis zum 17. Februar 1943.
Das zweite Pariser Tagebuch reicht vom 19. Februar 1943 bis zum 13. August 1944 und setzt im Wesentlichen das erste Pariser Tagebuch fort.
Die Kirchhorster Blätter reichen vom 14. August 1944 bis zum 11. April 1945.
Die Hütte im Weinberg umfasst die Zeit vom 11. April 1945 bis zum 2. Dezember 1948. Dieser Teil beschreibt Jüngers Leben in Kirchhorst während der Besatzungszeit. Er war 1958 einzeln unter dem Titel Jahre der Okkupation erschienen, näheres siehe im Artikel Jahre der Okkupation.
Inhalt In Paris arbeitete Jünger im Stab des Militärbefehlshabers von Frankreich. Die Einträge handeln von Begegnungen mit anderen Militärs oder deutschen und französischen Intellektuellen, Jüngers Arbeit, seinen Spaziergängen oder seiner Lektüre, unter anderem der Bibel. Jünger bekommt Besuch unter anderem von Carl Schmitt und von Carlo Schmid oder besucht selbst Pablo Picasso.
Pseudonyme In verschlüsselter Form spiegelt sich in diesem Tagebuch seine Affäre mit der verheirateten deutschstämmigen Pariser Kinderärztin Sophie Ravoux wider. Ihren Namen verbirgt Jünger hinter den Chiffren „Doctoresse“, „Madame Dankart“, „Madame d’Armenonville“, „Charmille“ oder „Camilla“. Unter ihrem bürgerlichen Namen findet sie erst 1972 in Jüngers Alterstagebuch Siebzig verweht Eingang.Tobias Wimbauer: Personenregister der Tagebücher Ernst Jüngers. Edition Antaios 1999, 2. Auflage, erweitert und ergänzt, 2003. ISBN 3-935063-51-2. Jünger hat ihr gegenüber teilweise eine „militärische“ Haltung:
Bei solchen Frauen, (Ärztinnen), ist es sehr schwierig, die Entfernung bis zum Körper zurückzulegen – es ist, als ob der Zynismus sie mit einem Gürtel, der die Lust entkräftet, der die Begierde zum Scheitern bringt, umringt. Vielleicht dringen ja, die erotisch nicht deutlich orientiert sind, noch am ersten vor. Stärker als Brünhilds Gürtel.
Er verwendet auch für andere Personen selbst erfundene Pseudonyme. Wenn er Hitler meint, spricht er immer von „Kniébolo“, von seiner Frau spricht er als „Perpetua“. Ohne Namensnennung erwähnt er oft den „Oberbefehlshaber“ und den „Präsident“, im Unterschied dazu auch einen „Président“. Auch „Oberförster“, „Schinderhannes“ und „Grandgoschier“vgl. Protagonist der Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung finden Erwähnung (z. B. am 27. März 1944).
Sprache, Literatur, Dichtung, Stil Im Vorwort vom November 1946 beschäftigt sich Jünger mit dem Tagebuch als Literaturgattung, und zwar zunächst von solchen, die man bei Toten fand und aus dem Nachlass veröffentlicht habe, angefangen bei dem Tagebuch der sieben Matrosen, die „auf der kleinen Insel des Heiligen Mauritius im nördlichen Eismeer“ den Winter in der Walfangstation der Groenlandse Compagnie nicht überlebt hatten.Ein Tagebuch geführt von sieben Seeleuten, welche auf der Insel St. Maurice (Jan Mayen) bei Grönland in den Jahren 1633 bis 1634 überwinterten und sämmtlich auf dieser Insel starben. Anlage II in Die Österreichische Arktische Beobachtungsstation auf Jan Mayen 1882–1883, Verlag von Gerold & Co., Wien 1882, Seite 69 bis 87 der Datei Auch Lebende gewähren Einblick in ihre Tagebücher, das sei „kein Wagnis mehr“. Auch bleibe es im totalen Staat das letzte mögliche Gespräch. Abgesehen von einem ausgedehnten Briefwechsel beschränkte Jünger seine Autorschaft im Zweiten Weltkrieg auf die sechs Tagebücher. Über das Verhältnis von Manuskript zum gedruckten Text führt er folgendes aus:
Ein Wort noch zur Abgrenzung der privaten Sphäre und jener der Autorschaft. Es wird hier immer Grenzen geben, die umstritten sind. Aus diesem Grunde sind die Manuskripte stärker als der gedruckte Text. … Auch handelt es sich um Geschmacksfragen. … Von einer Reihe von Stellen weiß ich, da ich die Kritik von heute kenne, dass ihr Stoff zu Angriffen gegeben wird. Das gilt besonders für das Fürchterliche; und die Versuchung, durch Retuschen den Text zu klären, lag auf der Hand. Doch sah ich davon ab, da ich dem Leser eine Idee des Ganzen vermitteln will. … In einem Zustand, in dem sich der Techniker dem Staat verbündet, sind nicht nur die musischen und metaphysischen Exkurse, sondern auch die reine Lebensfreude von Konfiskation bedroht.
Am 24. November 1944 führte Jünger mit seinem damals zehnjährigen Sohn Alexander ein Gespräch zum Thema Tagebuch:
Gespräch mit Alexander: „Wie man ein Tagebuch führt.“ Über das gleiche Thema schrieb ich mit einem Hauptmann Müller, der mir Aufzeichnungen zusandte. Die Durchsicht meiner Reisetagebücher macht mir den Anteil deutlich, in dem die Zeit mitwirkt. Sie ändert den Inhalt wie die Gärung und Reife den Wein, der in der Tiefe des Kellers liegt. Nun muss man noch einmal vorsichtig umfüllen, von der Hefe abgießen. Hierüber hatte ich bei Florence ein langes Gespräch mit Léautaud, der diese Praxis missbilligt und das Wort, wie es im ersten Wurf gefallen ist, für unverletzlich, für sakrosankt erklärt. Die Vorschrift ist für mich schon technisch undurchführbar, weil ich vieles andeutungsweise, gewissermaßen als Siegel der Erinnerung einstreue. Die beste Erfassung des ersten Eindrucks ist die Frucht wiederholter Anstrengungen.
Judenverfolgung Unter dem 30. März 1942 treffen Nachrichten und Gerüchte von Kriegsverbrechen ein:
Er erzählte von einem schauerlichen Burschen, früherem Zeichenlehrer, der sich gerühmt hatte, in Litauen und anderen Randgebieten ein Mordkommando geführt zu haben, das zahllose Menschen schlachtete. Man läßt die Opfer, nachdem sie zusammengetrieben sind, zuerst die Massengräber ausheben, dann sich hineinlegen und schießt sie von oben in Schichten tot.
Am 7. Juni 1942:
In der Rue Royale begegnete ich zum ersten Mal in meinem Leben dem gelben Stern, getragen von drei jungen Mädchen, die Arm in Arm vorbeikamen. Diese Abzeichen wurden gestern ausgegeben… Nachmittags sah ich den Stern dann häufiger. Ich halte derartiges, auch innerhalb der persönlichen Geschichte, für ein Datum, das einschneidet. Ein solcher Anblick bleibt nicht ohne Rückwirkung - so genierte es mich sogleich, daß ich in Uniform war.
Am 18. Juli 1942 ist Jünger Zeuge von Verhaftungen von Juden:
Gestern wurden hier Juden verhaftet, um deportiert zu werden - man trennte die Eltern zunächst von ihren Kindern, so daß das Jammern in den Straßen zu hören war. Ich darf in keinem Augenblick vergessen, daß ich von Unglücklichen, von bis in das Tiefste Leidenden umgeben bin. Was wäre ich sonst auch für ein Mensch, was für ein Offizier. Die Uniform verpflichtet, Schutz zu gewähren, wo es irgend geht. Freilich hat man den Eindruck, daß man dazu, wie Don Quijote, mit Millionen anbinden muß.
Über die Rolle des Judentums im 20. Jahrhundert schreibt er im Zusammenhang mit der Genesis-Lektüre, mit einem Genesis-Kommentar und einem Buch über Maimonides am 23. Dezember 1944:
Der Jude ist ewig – das heißt, er hat eine Antwort auf alle Jahrhunderte. Von meiner Ansicht, dass das 20. Jahrhundert ihm durchaus ungünstig sei, beginne ich abzuweichen und glaube, dass seine zweite Hälfte in dieser Beziehung Überraschungen bringen wird. Gerade die fürchterlichen Opfer deuten darauf hin.
Ostfront Gerade nach Paris versetzt, notierte er am 24. Juni 1941 über den Krieg im Osten:
Seit nunmehr drei Tagen stehen wir im Kriege mit Russland – seltsam, wie wenig diese Nachricht mich ergriff. Indessen ist das Vermögen, Fakten aufzunehmen, in solcher Zeit begrenzt, falls wir es nicht mit einer gewissen Hohlheit tun.
Nach einer fast dreimonatigen Lücke im Tagebuch beschreibt er am 8. Oktober 1941 Auswirkungen des Russlandfeldzugs auf seine Befindlichkeit:
Meine Versetzung nach Paris ließ eine Lücke in diesen Aufzeichnungen entstehen. Vielleicht noch mehr sind die Ereignisse in Russland daran schuld, die um die gleiche Zeit begannen und wohl nicht nur in mir eine Art von geistiger Lähmung hervorriefen.
Die Entwicklung des Frontgeschehens ist ihm keine Zeile wert, weder Vormarsch noch Rückzug. Hingegen notiert er an zwei Stellen über den Kriegsausbruch im fernen Osten:
Heute wurde die Kriegserklärung Japans bekannt. … Die Japaner greifen mit großer Entschlossenheit an; vielleicht weil für sie die Zeit am kostbarsten ist. Ich überrasche mich dabei, dass ich die Bündnisse verwechsele; zuweilen befällt mich die Täuschung, dass sie uns den Krieg erklärt hätten.
Die Vereinigten Staaten werden in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, auch nicht der Umstand, dass Deutschland den USA den Krieg erklärt hatte. Dafür bewegt ihn das Leiden der Soldaten an der Ostfront. Auf der Rückreise von einem Heimaturlaub notiert er am 2. Januar 1942:
Im Abteil Gespräch mit einem Leutnant, der aus Russland kam. Sein Bataillon verlor ein Drittel der Mannschaft durch Erfrierungen, die zum Teil zur Abtrennung von Gliedern geführt haben. Das Fleisch wird zunächst weiß, dann schwarz. Gespräche dieser Art sind jetzt ganz allgemein.
Oberst Gerlach war als Quartiermeister, vom Osten nach Paris kommend, besonders über den dortigen Mangel an Winterkleidung unterrichtet. Jünger zitiert aus einem Bericht der russischen Kriegspropaganda das Detail, dass deutschen Gefangenen, denen man die Stiefel ausziehen wollte, der Fuß mit abgezogen worden sei. Aus einem Feldpostbrief zitiert er am 25. Januar 1942:
Der Schwager klagt brieflich, daß Nase und Ohren ihm am Erfrieren sind. Sie schleppen schon junge Kameraden, die sich die Füße erfroren haben, mit. … Die Russen behaupten in ihrem letzten Kommentar, daß die Kämpfe der Woche uns siebzehntausend Tote und einige hundert Gefangene kosteten. Und lieber möchte man bei den Toten sein.
Am 18. Februar 1942 notiert er:
Besuch des Ritters von Schramm, der aus dem Osten kam. Das Massensterben in den fürchterlichen Kesseln erweckt die Sehnsucht nach dem alten Tode – dem Tode, der nich dem Zertreten-Werden gleicht.
Aus den Capriccios des aus dem Osten zurückgekehrten Grüninger, der dort eine Batterie führte, hielt er unter anderem am 2. März 1942 fest:
Ein russischer Oberst wurde mit den Resten seines Regiments gefangen, das seit Wochen im Kessel gewesen war. Gefragt, woher er die Verpflegung für die Truppe genommen hätte, antwortete er, sie hätten sich von Leichen genährt. Auf Vorhaltungen fügte er hinzu, wie um sich zu entschuldigen, dass er aber nur von den Lebern gezehrt hätte.
und am 6. März 1942: