miniatur|280px|Wappentafel der gefürsteten und gefreiten Abteien (Siebmachers Wappenbuch, Tafel 13, 1605; Murbach obere Reihe zweite von links) Die Fürstabtei Murbach (lat. anfangs Vivarus peregrinorum; später Murbacense monasterium; Patrozinium: St. Leodegar) war eine bedeutende Benediktinerabtei im südlichen Elsass, 727 gegründet, deren erster Abt der heilige Pirminius wurde. Bedeutend sind die baulichen Reste der Abteikirche Murbach. Der Abt des Klosters war als Fürstabt Reichsfürst mit Reichsstandschaft.
Geographie Die Abtei befand sich im Elsass in einem Tal am Fuß des Großen Belchen (französisch Grand Ballon) am Osthang der Vogesen. Die baulichen Reste der Abtei liegen in dem Weiler Murbach, der bei der Abtei entstand, und heute im Département Haut-Rhin und der französischen Region Grand Est liegt. Nächstgrößere Gemeinde ist Guebwiller (Gebweiler), wo die Abtei im 18. Jahrhundert auch ihren Sitz nahm.
Nach der territorialen Konsolidierung ihres Herrschaftsbereichs am Ende des Mittelalters bestand die Abtei aus zwei miteinander räumlich nicht verbundenen Gebieten: Dem Bereich um die Abtei Murbach und dem Gebiet des mit ihr vereinigten Kloster Lüders. Der Bereich um die Abtei Murbach bestand wiederum aus den drei Ämtern Gebweiler im Tal der Lauch, Sankt Amarin im Tal der Thur und Wattweiler im Tal des Siehlbachs. Dieses Territorium bildete zwar ein geografisch geschlossenes Gebiet, allerdings waren die drei Täler in den Vogesen wegen der dazwischen liegenden Höhenzüge untereinander nur durch Straßen verbunden, die außerhalb der Fürstabtei verliefen.Bischoff, S. 23, 159.
Gründung mini|links|St.-Leodegar-Kirche Murbach mini|links|Spätgotisches Grab (oder Epitaph) für den Stifter, Graf Eberhard, in der Kirche Stifter der Abtei war Graf Eberhard von Elsass (Ebrohard von Egisheim), Bruder des Herzogs Liutfrid, aus dem Adelsgeschlecht der Etichonen. Er war erblindet und sein einziger Sohn war vor ihm verstorben. So gab es keinen direkten Erben, den er mit einer reichen Stiftung geschädigt hätte. Graf Eberhard stattete die Abtei mit etwa 40 Gemeinden aus, die zwischen der Burgundischen Pforte und Hagenau lagen.Legin: Die Abtei Murbach. S. 3, 6. Er betraute 727 Abtbischof Pirmin vom Kloster Reichenau mit dem Aufbau der Klostergemeinschaft. Pirmin weihte das Kloster und organisierte hier nach seinem Ideal der Peregrinatio eine Gruppe von Wandermönchen nach der Benediktinerregel und nannte das Kloster Vivarius Peregrinorum (lateinisch für Hort der Pilger / Wandermönche).Legin: Die Abtei Murbach. S. 2. Weiter verschaffte er ihm umfangreiche Privilegien. So erwirkte Pirmin vom Straßburger Bischof Widegern dessen Verzicht auf alle bischöflichen und eigenenkirchlichen Rechte an Murbach, sowie die Gewährung des Rechts der freien Wahl des Abtes – womit die Unabhängigkeit des Klosters vom Diözesanbischof erreicht war (Exemtion) – und unterstellte es dem Königsschutz. Der fränkische König Theuderich IV. gewährte die Immunität gegenüber der königlichen Macht, gestand seinerseits das Recht der freien Abtwahl zu und schenkte Murbach reiche Besitzungen, darunter das Benediktinerkloster in Luzern (früher Pippin dem Kurzen zugeschrieben).u. a. Müller: Die Klosterkirche, S. 3. Pirmin selbst aber blieb nicht dauerhaft im Kloster Murbach.Legin: Die Abtei Murbach. S. 3. Nach seinem Weggang erhielt das Kloster einen eigenen Abt, der in den Quellen „vir venerabilis Romanus“ genannt wird. Die Klosterzucht sollte fortan von einem benachbarten Kloster ähnlicher Prägung und Observanz kontrolliert werden. Die Weihen durfte der Abt durch einen Klosterbischof spenden lassen. Die Abtei war später unmittelbar dem Papst und dem Kaiser – und nach 1680 – dem französischen König – unterstellt. Die Privilegien wurden häufig bestätigt, etwa anlässlich einer Abtwahl.Bischoff, S. 44.
Die Abtei Murbach wurde unter das Patrozinium des heiligen Leodegar von Autun (französisch Saint Léger) gestellt, der im 7. Jahrhundert in Burgund die Benediktinerregel eingeführt hatte und dessen Haupt im Jahr 760 nach Murbach gebracht wurde. Ein anderer Grund könnte ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem Heiligen und den Etichonen gewesen sein. Das Patrozinium wurde von einer ganzen Reihe von Pfarrkirchen übernommen, die von der Abtei abhingen.
Nach der Gründungslegende ließen sich die ersten schottischen Mönche bei der Ortschaft Bergholtzzell nieder, da sie dort aber nicht die nötige Stille fanden, zogen sie weiter nach oben ins Tal zum Eingang des Tälchens von Murbach.Philippe Legin: Die Abteikirche von Murbach im Oberelsass. Colmar, Editions S. A. E. P. Ingersheim 1980, S. 7.
Erste Blüte mini|links|Grab der beim Einfall der Ungarn im Juli 936 ermordeten Mönche Das Kloster erlangte schon bald eine führende Stellung und spielte unter den Karolingern eine wichtige politische Rolle. König Pippin der Kurze bestätigte Murbachs Privilegien. Karl der Große machte es zum Königskloster (Reichskloster) und ernannte sich selbst in den Jahren 782 bis 783 zu dessen weltlichem Abt (Pastor Murbacencis). Um das Jahr 850 war Murbach eines der geistigen Zentren am Oberrhein. Den hohen Rang der oberelsässischen Abtei preist auch Alkuin in seinen Briefen nach einem Besuch in Murbach. Das Kloster verfügte über ein Skriptorium und die Bibliothek umfasste damals rund 340 theologische, grammatische und geschichtliche Werke, worüber ein umfangreicher Bibliothekskatalog mit über 300 Bänden aus dem späten 9. Jahrhundert informiert, der viele klassische Autoren und Geschichtswerke verzeichnet. Er ist in einer Abschrift von 1464 überliefert und befindet sich heute in Colmar.Wolfgang Milde: Der Bibliothekskatalog des Klosters Murbach aus dem 9. Jahrhundert. Ausgabe und Beziehungen zu Cassidors „Institutiones“. In: Werner Gruenter, Arthur Henkel (Hrsg.): Beihefte zum Euphorion – Zeitschrift für Literaturgeschichte. 4. Heft, 1968. Es bestand eine Gebetsgemeinschaft mit den Klöstern Reichenau, Remiremont, St. Gallen und San Salvatore in Brescia.Legin: Die Abtei Murbach. S. 4.
Die ursprüngliche Stiftung wurde ständig durch Zustiftungen vermehrt. Die meisten davon befanden sich ebenfalls im Elsass. Hinzu kamen Liegenschaften auf dem rechten Rheinufer, bis in den Schwarzwald. Darüber hinaus erwarb die Abtei im 9. Jahrhundert das Gebiet von Luzern in der Schweiz, ein wichtiger Punkt auf der Route von Deutschland nach Italien über den Gotthardpass. Das Kloster besaß eine Reihe von Gütern in der Pfalz, in der Gegend von Worms und bis hin nach Mainz. Das Herrschaftsgebiet des Klosters Murbach umfasste schließlich Rechte und Liegenschaften in etwa 350 Ortschaften.Legin: Die Abtei Murbach. S. 5. Murbach war im 9. Jahrhundert eines der reichsten Klöster im Elsass. Die Klosterschule von Murbach wies einen hohen Standard auf, was Alkuin in zwei überlieferten Briefen ausdrücklich erwähnte.
Diese erste Blütezeit endete mit dem Einfall der Ungarn im Elsass ab 926. Im Juli 936 überfielen und plünderten sie das Kloster, sieben Mönche wurden ermordet. Deren Grab ist in der Abteikirche erhalten. Erst 959 konnten Abtei und klösterliches Leben wiederhergestellt werden.
Ausstrahlung 1178 wurde die Stadt Luzern durch das Kloster Murbach gegründet.Legin: Die Abtei Murbach. S. 6. Auch eine Reihe von Klostergründungen gingen von Murbach aus,Müller: Die Klosterkirche. S. 5. das Kloster Bergholtzzell 1006, Stift Goldbach 1135, Stift Saint-Amarin (), Stift Sankt Marien für vier Kanoniker innerhalb des Murbacher Klosterbezirks und Kloster St. Leodegar im Hof in Luzern.
Aus der Abtei stammen die Bischöfe Simpert von Augsburg (umstrittenOb er mit dem Abt Sintpert 786–792 identisch ist, ist umstritten. So: Legin: Die Abtei Murbach. S. 4; Hotz: Handbuch der Kunstdenkmäler im Elsass und in Lothringen. S. 141. Zweifelnd: Lothar Bily: Simpert (auch: Simbert, Sintpert), Bischof von Augsburg. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Band 10. Bautz, Herzberg 1995. ISBN 3-88309-062-X, Sp. 478–480.) und Landelous von Basel.Hotz: Handbuch der Kunstdenkmäler im Elsass und in Lothringen. S. 141.
Aus dem Kloster stammen wichtige literarische Zeugnisse: Die Murbacher Hymnen.Junius-Manuskript 25 in der Bodleian Library in Oxford (Legin: Die Abtei Murbach, S. 4). Deren interlineare althochdeutsche Glossen zwischen dem lateinischen Text, die in Murbach hinzugefügt wurden, waren als Verständnishilfe für die Novizen beim Lernen der Texte gedacht und sind heute ein wichtiges Zeugnis früher alemannischer Sprache. Das Wessobrunner Gebet, ältestes erhaltenes religiöses Gedicht in deutscher Sprache, soll im Kloster Murbach entstanden sein. Der Murbacher Velleiuscodex ist verloren und nur in der Amerbachschen Abschrift verderbt überliefert.Wolfgang Will: Zu Velleius II. 105.1. In: Rheinisches Museum für Philologie. Band 126, 1983, S. 189 f. (Digitalisat, PDF)
In den Werkstätten des Klosters arbeiteten Goldschmiede und Teppichwirker, die Bildteppiche herstellten.
Zweite Blütephase Das Kloster erholte sich von dem Ungarn-Einfall. Dass es sich um das Jahr 1000 der cluniazensischen Reform anschloss lässt sich kaum belegen, vielmehr gewannen im 11. Jahrhundert unter Abt Samuel von Weißenburg, der sowohl Murbach als auch Gregorienmünster regierte, die Beziehungen zum Reform-Kloster Gorze an Bedeutung.Müller: Die Klosterkirche, S. 3. Das Kloster erreichte eine zweite Phase von herausragender Stellung. Diese sicherte es durch eine große Nähe zum staufischen Königshaus, obgleich es zwischenzeitlich zur Partei des Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden wechselte.Müller: Die Klosterkirche, S. 4f. Abt Hugo von Rothenburg nahm am Kreuzzug Kaiser Friedrichs II. teil, Abt Erlolf von Bergholz war Berater Kaiser Heinrichs V. und nahm an den Verhandlungen zum Wormser Konkordat teil, war in dieser Angelegenheit Gesandter des Kaisers zu Papst Calixt II. und an der Reichsversammlung in Worms beteiligt, die 1122 den Vertrag aushandelte. In der Zeugenliste wird er genannt.Gerold Meyer von Knonau: Jahrbücher des Deutschen Reiches unter Heinrich IV. und Heinrich V. Bd. 7: 1116 bis 1125. Duncker und Humblot, Leipzig 1909, S. 199, 211.
Die Habsburger waren mit dem Kloster Murbach eng verbunden, nachdem Werner II. von Habsburg, Vogt des Klosters geworden war und umfangreiche Lehen von der Abtei erhielt. Dazu zählten die Vogtei über das Kloster Luzern, die im Aargau gelegenen Höfe in Pratteln, Augst, Möhlin, Schupfart, Wittnau und Gipf sowie die im Breisgau gelegenen murbachischen Güter darunter, die Höfe in Bellingen, Bamlach, Schopfheim sowie die Burg Rötteln.Aloys Schulte: Geschichte der Habsburger in den ersten drei Jahrhunderten. Innsbruck, 1887, S. 89 Digitalisat; abgerufen am 24. August 2022. Nicht immer wurde die Vogtei von den Habsburgern direkt ausgeübt, sondern auch als Lehen an die Herren von Horburg weiter verliehen.Bischoff, S. 15. Im Rahmen der Vogtei kam es auch zur Aneignung von Klosterbesitz durch die Vögte.Bischoff, S. 15 f. 1259 gelang es dem Kloster, den Habsburgern und Horburgern die Vogteirechte abzukaufen.Bischoff, S. 18. Vor allem das starke militärische Engagement der Abtei im Reichsdienst führte im 12. Jahrhundert zu einem Verfall der monastischen Disziplin. Allerdings wurde 1123 auch die noch heute bestehende Abteikirche erbaut.