Die Ameisenbären (Vermilingua) bilden mit zehn Arten, verteilt auf drei Gattungen, eine Unterordnung aus der Säugetiergruppe der Zahnarmen (Pilosa). Charakteristisch für diese Tiergruppe sind die verlängerte und röhrenförmige Schnauze, die dichte Fellbedeckung und die kräftigen Krallen an den Vorderfüßen. Namensgebend ist ihre Ernährungsweise mit Spezialisierung auf staatenbildende Insekten. Die Tiere leben meist einzelgängerisch in eigenen Revieren und die Weibchen bringen je Geburt ein Junges zur Welt.
Der Lebensraum der Ameisenbären erstreckt sich über Mittel- und Südamerika. Ihre nächsten Verwandten sind die Faultiere (Folivora). Die Stammesgeschichte reicht im Fossilbericht bis in das Untere Miozän vor etwa 20 Millionen Jahren zurück. Aus molekulargenetischer Sicht ist aber ein wesentlich früherer Ursprung anzunehmen. Die Bestände der einzelnen Ameisenbären-Arten sind, mit Ausnahme des Großen Ameisenbären, bisher nicht gefährdet.
Merkmale Habitus miniatur|links|hochkant|Südlicher Tamandua (Tamandua tetradactyla) miniatur|Zwergameisenbär (Cyclopes) Ameisenbären sind kleine bis mittelgroße Säugetiere, die eine Kopf-Rumpf-Länge von 18 bis 140 cm erreichen. Typisch ist zudem der lange Schwanz, der mindestens die Länge des übrigen Körpers, teilweise aber auch mehr erreicht, wobei dieser bei einigen Vertretern als Greiforgan fungiert. Ebenso wie die Körpergröße variiert auch das Gewicht der einzelnen Arten beträchtlich, von den nur 250 g schweren Zwergameisenbären (Cyclopes) bis zum Großen Ameisenbären (Myrmecophaga tridactyla), der über 50 kg wiegen kann. Alle Ameisenbären sind äußerst dicht behaart. Ein charakteristisches Merkmal dieser Tiere ist die zahnlose Röhrenschnauze, die eine lange Zunge beherbergt und nur eine kleine Mundöffnung besitzt. Die Augen sind relativ klein ausgebildet, ebenso die Ohren, die typischerweise eine gerundete Form haben. Die kräftig gestalteten Gliedmaßen tragen an den Vorderzehen auffällig lange, sichelartig gebogene und scharfe Krallen. Diese dienen zum Aufreißen von Termitenbauten und zur Abwehr von Feinden. Die Anzahl der großen Krallen variiert je nach Art: zwei bei den Zwergameisenbären, drei beim Großen Ameisenbären und vier bei den Tamanduas. Die Krallen der Hinterfüße sind weniger ausgeprägt entwickelt.
Schädelmerkmale miniatur|Schädel eines Großen Ameisenbären Charakteristisch für Ameisenbären ist der flache Schädel mit einem markant verlängerten und rundlich gestalteten Rostrum, das am deutlichsten beim Großen Ameisenbären entwickelt ist. Durch diese verlängerte Schnauzenregion besitzt das Nasenbein eine teils deutliche Streckung. Zusätzliche typische Merkmale sind der eingedellte Verlauf der Schädelbasis, die weitgehend zurückgebildeten Jochbeinbögen und der nur schwach ausgebildete Zwischenkieferknochen. Im vorderen Bereich der Nasenhöhle tritt teilweise eine zusätzliche Knochenbildung auf, die als Septomaxilla (Os nariale) bezeichnet wird. Diese aus einer Membran entstandene Verknöcherung, die auch bei anderen Nebengelenktieren auftritt, ist sonst nur bei stammesgeschichtlich eher älteren Säugetieren und bei Reptilien zu finden. Weiterhin ist die Gehirnkapsel relativ klein und das Tränenbein überdies gut ausgeprägt. Der Unterkiefer besitzt einen generell grazilen, spangenartigen Bau.
Skelettmerkmale mini|Skelett eines Großen Ameisenbären Die Wirbelsäule weist einige Besonderheiten auf. So kommen zwischen 15 und 18 Brust- sowie zwischen zwei und drei Lendenwirbel vor, eine insgesamt höhere Zahl als bei den verwandten Gürteltieren. Typisch sind vor allem die xenarthrischen Gelenke (Nebengelenke), die der Überordnung Nebengelenktiere (Xenarthra) ihren Namen verleihen und die sich an den seitlichen Gelenkfortsätzen (Zygapophysen) der hinteren Brust- und der Lendenwirbel befinden. Durch diese Lage der zusätzlichen Gelenkflächen werden der vorhergehende und der nachfolgende Wirbel stärker miteinander verschränkt. Im Vergleich zu den Gürteltieren beeinträchtigen sie durch ihre spezielle Position die Bewegung der Wirbelsäule stärker und verhindern deutlichere vertikale und seitliche Bewegungen der hinteren Wirbelsäule, die bei den Gürteltieren durch den Schildpanzer zusätzlich besser geschützt ist. Dies hilft aber den Ameisenbären, sich ebenso wie die Gürteltiere bei der Nahrungsaufnahme oder im Verteidigungsfall auf den Hinterbeinen aufzurichten und so das Körpergewicht zu halten. Weiterhin typisch am Körperskelett sind die teils deutlich verbreiterten Rippen und das Fehlen des dritten Trochanter (Rollhügel) als Muskelansatzstelle am Oberschenkelknochen.
Innere Organe Der Magen der Ameisenbären ist einfach gebaut. Am Eingang des Grimmdarms befinden sich zwei kleine Blinddärme. Ebenso besitzt der Uterus bei weiblichen Tieren einen einfachen Bau und ist teils birnenförmig gestaltet. Bei trächtigen Tamanduas wird der Uterus bis zu 13 cm lang. Er ähnelt im Bau damit dem der verwandten Faultiere, ist aber abweichend von dem einiger Vertreter der Gürteltiere gestaltet. Die Hoden der männlichen Tiere liegen innerhalb der Bauchdecke, der Penis ist kurz und im uneregierten Zustand nach hinten gewandt. Er besitzt eine konische Form und eine zentrale Falte. Ein sehr markantes Organ ist die Zunge, die beim Großen Ameisenbären bis zu 60 cm lang wird und zur besseren Nahrungsaufnahme von klebrigen Sekreten bedeckt ist. Sie ist bei den Zwergameisenbären abgeplattet, bei allen anderen Ameisenbären rund im Querschnitt. Die Oberfläche wird von konischen Papillen aufgeraut. Als Geschmackssensoren dienen eingedellte und umringte Papillen, dagegen fehlen pilz- und blattförmige Geschmackspapillen. Die Zunge kann vollständig in das Maul zurückgezogen werden, ist aber möglicherweise aufgrund der Länge und Verwendung bei der Ernährung häufigen Verletzungen ausgesetzt. Die Zungenbasis ist im Gegensatz zu anderen Säugetieren nicht mit dem Zungenbein verbunden, sondern setzt am Brustbein an.
Verbreitung und Lebensraum Ameisenbären sind nur in Amerika verbreitet und leben in Südamerika östlich der Anden – wo sie auch ihren Ursprung haben – und im schmalen Küstenstreifen westlich des Gebirgszuges sowie in Mittelamerika bis in den Süden von Mexiko. Ihre nördlichen Verbreitungsareale erreichten sie aber erst nach dem Entstehen der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika am Isthmus von Panama und dem damit verbundenen Großen Amerikanischen Faunenaustausch, der im Pliozän vor rund 3 Millionen Jahren begann. Der Lebensraum umfasst überwiegend Tiefländer, aber auch Gebirgshöhen bis zu 2000 m. Dabei bewohnen Ameisenbären sowohl Wälder – überwiegend tropischen Regenwald – als auch offene Gras- und Savannenlandschaften.
Lebensweise Territorialverhalten mini|Verteidigungshaltung eines Zwergameisenbären Die heutigen Arten unterscheiden sich deutlich in ihrem generellen Verhalten: Während die Zwergameisenbären reine Baumbewohner sind und vorwiegend Wälder bewohnen, lebt der Große Ameisenbär ausschließlich am Boden und bevorzugt meist offene Landschaften wie Savannen. Die Tamanduas leben sowohl am Boden als auch in den Bäumen. Ameisenbären sind vorwiegend Einzelgänger, die nur zur Paarung zusammenkommen. Außerdem unterhalten sie Territorien, die mitunter recht groß sein können und Ausdehnungen von einigen Hektar bis zu mehreren Quadratkilometern Größe erreichen. Als Fressfeinde treten meist große Katzen und Greifvögel auf. Bedrohte Tiere richten sich auf den Hinterbeinen auf und verteidigen sich mit den scharfen Krallen der Vorderfüße.
Ernährung Die Nahrung der Ameisenbären besteht fast ausschließlich aus Ameisen und Termiten und wird überwiegend über den Geruchssinn aufgespürt. Mit ihren Krallen brechen sie die Bauten dieser Tiere auf und lecken sie mit ihrer langen, eingespeichelten Zunge auf. Aufgrund der chemischen Abwehr der Insekten verweilt ein Ameisenbär meist nur sehr kurz an einem Bau und sucht dann einen neuen auf. Gelegentlich werden auch pflanzliche Materialien wie Obst verspeist.
Fortpflanzung Über die Fortpflanzung der Ameisenbären ist nicht sehr viel bekannt. Die Tragzeit dauert einigen Angaben zufolge von 120 bis zu 190 Tagen. Die Weibchen bringen in der Regel ein einzelnes Jungtier zur Welt. Dieses reitet in den folgenden Monaten auf dem Rücken der Mutter. Die baumbewohnenden Arten lassen die Jungtiere auch manchmal während der Nahrungssuche auf einer geschützten Astgabel zurück. Die Geschlechtsreife erreichen Große Ameisenbären mit drei bis vier Jahren, bei den anderen Arten ist dies nicht bekannt, ebenso wenig wie die Lebenserwartung in freier Wildbahn.
Systematik Äußere und Innere Systematik
Die Ameisenbären (Vermilingua) bilden eine Unterordnung innerhalb der Überordnung der Nebengelenktiere (Xenarthra). Die Überordnung Nebengelenktiere umfasst zwar insgesamt nur wenige Arten, ist dafür aber sehr vielgestaltig, und deren Mitglieder weisen als gemeinsames Merkmal die xenarthrischen Gelenke an der Wirbelsäule auf. Die Xenarthra repräsentieren eine der vier Hauptlinien der Höheren Säugetiere und sind gleichzeitig die Schwestergruppe der drei übrigen, die als Epitheria zusammengefasst werden. Das alleinige natürliche Verbreitungsgebiet der Xenarthra ist der amerikanische Doppelkontinent. Der Ursprung der Nebengelenktiere reicht im Fossilbericht wenigstens bis in das Paläozän vor mehr als 55 Millionen Jahren zurück, nach DNA-Analysen ist er aber möglicherweise noch in der ausgehenden Kreidezeit zu finden. Innerhalb der Nebengelenktiere sind die nächsten Verwandten der Ameisenbären die Faultiere (Folivora), mit denen sie die Ordnung der Zahnarmen (Pilosa) bilden. Beide Gruppen haben sich, nachgewiesen durch molekulargenetische Untersuchungen, vor etwa 58 Millionen Jahren getrennt. Die Zahnarmen bilden das Schwestertaxon zu den Cingulatan, welche die Gürteltiere und deren ausgestorbene Verwandte wie den Glyptodontidae zusammenführen.
Innerhalb der Ameisenbären werden heute zwei Familien unterschieden, wobei die Cyclopedidae monotypisch sind und mit den Zwergameisenbären (Cyclopes) nur eine Gattung mit aktuell sieben Arten einschließen. Die Myrmecophagidae bestehen mit Myrmecophaga und Tamandua aus zwei Gattungen. Letztere enthalten zwei rezente Artvertreter. Die Aufspaltung der beiden Familien erfolgte molekulargenetischen Analysen zufolge bereits im Mittleren Eozän vor rund 38 Millionen Jahren, die Diversifizierung der Myrmecophagidae in die heutigen Linien fand erst wesentlich später, nämlich vor rund 10 bis 13 Millionen Jahren im Oberen Miozän, statt.
Überblick über die rezenten und fossilen Gattungen der Ameisenbären
Neben den drei rezenten Gattungen sind nur einige wenige fossile bekannt. Die Unterordnung der Ameisenbären gliedert sich folgendermaßen:
Unterordnung Vermilingua , 1811. Cyclopedidae , 1924 Palaeomyrmidon , 1914 Cyclopes , 1821 (Zwergameisenbären; einschließlich sieben rezenten Arten) Myrmecophagidae , 1825 Protamandua , 1904 Tamandua , 1825 (Tamanduas; einschließlich zwei rezenten Arten) Neotamandua , 1914 Myrmecophaga , 1758 (Großer Ameisenbär; einschließlich einer rezenten Art)
Problematisch sind die Gattungen Adiastaltus, Plagiocoelus und Anathitus. Die ersten beiden werden zur Familie der Adiastaltidae, die letztere zur Familie der Anathitidae gezählt. Alle drei Gattungen sind nur über einige wenige Gliedmaßenreste bekannt, die allesamt aus der Santa-Cruz-Formation im südlichen Argentinien stammen und in das beginnende Mittlere Miozän datieren. Häufig werden die beiden Familien als synonym zu den Myrmecophagidae aufgefasst, das Fundmaterial ist bisher aber zu spärlich, um Genaueres zu den Verwandtschaftsverhältnissen zu sagen.
Ameisenbären außerhalb Amerikas? mini|hochkant|Eurotamandua, ein Schuppentier?