Gustav Hilger (* 11. September 1886 in MoskauGeburtsdatum nach Personalakten beim Auswärtigen Amt. Auch am 10. September bei Robert Wolfe: Gustav Hilger: From Hitler’s Foreign Office to CIA Consultant, S. 2. Geburtsort nach der redaktionellen Anmerkung in: Gustav Hilger: Kampfgenosse Lenins. In: Die Zeit vom 22. August 1957.; † 27. Juli 1965 in München; Pseudonyme: Stephen H. Holcomb, Arthur T. Latter) war ein deutscher Diplomat. Er wurde vor allem als Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau bis zum Beginn des Russlandfeldzuges im Zweiten Weltkrieg bekannt sowie als russlandpolitischer Berater des Auswärtigen Amtes während des Krieges und der deutschen und US-amerikanischen Regierungen der 1950er und 1960er Jahre.
Leben und Wirken Frühe Jahre (1886 bis 1923) Hilger wurde 1886 als Sohn des deutschen Kaufmanns Otto Hilger (1857–1945) und der Luise Julie Rabeneck (1860–1924) in Moskau geboren, wo er den Großteil seines Lebens verbrachte.Von den ersten sechzig Jahren seines Lebens verbrachte er nur zehn außerhalb von Russland. Nach Deutschland kam Hilger wegen praktischer Tätigkeit in Remscheid erstmals 1903.
Sein Abitur legte er im Sommer 1902 an der Petri-Paul Schule in Moskau ab. Nach der Ausbildung zum Bauingenieur, die er von 1904 bis 1908 an der Technischen Universität in Darmstadt absolvierte (Ingenieur-Diplom), wurde Hilger 1910 von der Firma des Armaturenfabrikanten Friedrich Hackenthal (F. Hackenthal & Co.) als ihr Vertreter in Moskau angestellt. 1912 heiratete er Marie Hackenthal (1893–1969), die Tochter seines Arbeitgebers. Aus der Ehe gingen der Sohn Andreas (1913), der im Zweiten Weltkrieg fiel, sowie die Tochter Elisabeth (1916) hervor.
Während des Ersten Weltkrieges wurde Hilger als feindlicher Ausländer von der zaristischen Regierung in Tot`ma bei Wologda vom Oktober 1914 bis Dezember 1917 interniert. Nach dem offiziellen Ende des Deutsch-Russischen Krieges im März 1918 war er ab April in der Deutschen Hauptkommission für Kriegs- und Zivilgefangene tätig. Bis zur Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland im Dezember 1922 war Hilger als Leiter der Kriegsgefangenen-Fürsorgestelle in Moskau (Beauftragter der Reichszentrale für Kriegs- und Zivilgefangene, auch Bevollmächtigter des Reiches für die Repatriierung deutscher Kriegsgefangener und Zivilinternierter) ein wichtiges Bindeglied zwischen Berlin und Moskau. In dieser Eigenschaft war Hilger in Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz mit der Organisation der Rückkehr deutscher Staatsbürger aus Russland nach Deutschland befasst.
1922 kam Hilger als Kontaktperson von Kanzler Joseph Wirth, den er in der Frage der Erweiterung des deutsch-sowjetischen Handelsvertrages vom 6. Mai 1921 beriet, in engen Kontakt mit der deutschen Außenpolitik.Vortrag von Ulrike Hörster-Philipps auf der Veranstaltung der Joseph Wirth Stiftung der Stadt Freiburg und der West-Ost-Gesellschaft Südbaden am 19. Oktober 2007 im Rathaus Freiburgs zum Thema „Von Rapallo zu den deutsch-russischen Beziehungen heute“.
Diplomat in Moskau (1923 bis 1941) mini|Gustav Hilger (zweiter von Rechts) während des Besuchs des sowjetischen Außenministers Molotow in Berlin. Außerdem im Bild: Molotow (2. von Links) und Joachim von Ribbentrop (ganz rechts). 1923, nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen dem deutschen Reich und der Sowjetunion, wurde er an die deutsche Botschaft Moskau geholt. Dort versah er bis 1941 unter vier Botschaftern (Brockdorff-Rantzau, Herbert von Dirksen, Rudolf Nadolny und von der Schulenburg) Dienst als Beamter und stieg bis in den Rang eines Legationsrates auf. In der Zwischenkriegszeit nahm Hilger, der Deutschland als Vaterland, Russland aber als seine Heimat betrachtete, in den deutsch-sowjetischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit eine Mittlerstellung ein. Als Anhänger des Rapallo-Kurses einer Annäherung beider Staaten und als einer der besten Kenner der sowjetischen Wirtschaftsverhältnisse (insbesondere von Industrie, Finanzen und Handel) war er maßgeblich an den Arbeiten zum deutsch-sowjetischen Wirtschaftsvertrag vom August 1939 beteiligt.
Im Oktober 1924 geriet Hilger unverschuldet in das Zentrum einer deutsch-russischen Affäre, die leicht das Ende seiner Karriere hätte bedeuten können.
Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, die von deutscher Seite aus in den Rang einer Ehrenfrage erhoben wurden, konnten erst nach langwierigen diplomatischen Verhandlungen als unbegründet und somit nicht mehr als eine Belastung für das deutsch-sowjetische Verhältnis angesehen werden.
Als „Moskowite“ in den Jahren 1917 bis 1941 erlebte Hilger die brisanten politischen Ereignisse in der sowjetischen Hauptstadt aus nächster Nähe mit. So das Aufkommen des Sowjetsystems, den Tod Lenins, Aufstieg und Fall Trotzkis, den Triumph Josef Stalins, die Moskauer Schauprozesse usw. Als für Hilgers Zukunft bedeutungsvoll sollte sich die Bekanntschaft mit George Kennan und Charles Bohlen, zwei jungen Mitarbeitern der amerikanischen Botschaft in Moskau, erweisen, mit denen er sich in den Jahren vor 1941 eng anfreundete.
mini|1939: Unterzeichnung des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags durch Ribbentrop. Im Hintergrund Stalin, Molotow und Schaposchnikow, vorn u. a. der Botschafter der Sowjetunion, A. A. Schkwarzew und Gustav Hilger.
Aufgrund seiner guten Russischkenntnisse wurde Hilger häufig als Dolmetscher zu politischen Verhandlungen und Gesprächen zwischen deutschen Diplomaten und Vertretern der sowjetischen Regierung herangezogen. In dieser Eigenschaft war Hilger auch im August 1939 als Dolmetscher an den Verhandlungen über den Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt beteiligt. Als Bindeglied zwischen dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop und dem deutschen Botschafter von der Schulenburg einerseits und dem sowjetischen Diktator Josef Stalin und seinem Außenminister Wjatscheslaw Molotow andererseits übersetzte er, zusammen mit seinem sowjetischen Pendant Wladimir Pawlow, die Äußerungen beider Seiten vom Deutschen ins Russische und umgekehrt. Am 23. August nahm Hilger schließlich an der Unterzeichnung des so zustande gekommenen Nichtangriffs-Vertrages in Moskau teil. Seine Aufgabe bestand dabei vor allem darin, die sowjetische (russischsprachige) Ausfertigung des Vertragstextes ein letztes Mal Probe zu lesen, bevor die deutschen Vertreter ihre Unterschriften unter dieser affigierten. Hilger war aufgrund des Potentials und der Reserven der Sowjetunion überzeugt, dass ein Krieg gegen die Sowjetunion in einem Desaster enden werde. Er wünschte sich darum noch im Mai 1941, eine Gesprächsinitiative der Sowjetunion herbeiführen zu können.Leonid Mletschin: Заговор послов? (zu Deutsch: Eine Verschwörung von Botschaftern?), in: Nowaja gaseta, 24. Mai 2019 (In russischer Sprache).
Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 erfolgte über die Türkei ein Austausch mit den im deutschen Machtbereich befindlichen sowjetischen Diplomaten samt deren Gefolgschaften. Auf diesem Wege kehrte Hilger nach Deutschland zurück.
Ostexperte in den Kriegsjahren (1941 bis 1945) Im Juli 1941 kam Hilger in die Kanzlei von Ribbentrops, in der er zum politischen Chefberater für Ostfragen („Russlandexperte“) wurde. Während des Krieges gegen die Sowjetunion fungierte er in dieser Eigenschaft unter anderem als Verbindungsmann zwischen dem Auswärtigen Amt und den zuständigen Stellen der SS. Von den elf sogenannten „Einsatzgruppenberichten“, die zu Koordinationszwecken in den höheren Etagen der SS und den diesen analogen regulären Ministerien zirkulierten, erhielt Hilger mindestens fünf zur Lektüre.
1942 koordinierte Hilger die Überführung ungarischer Offiziere, die an der Ermordung von Serben und Juden beteiligt waren, ins Deutsche Reich. Die Aktion erfolgte auf Anweisung von Hitler, der zeigen wollte, dass sich das Reich um die kümmere, die sich für Deutschland eingesetzt hätten. Als Vertreter des Auswärtigen Amtes war er ab 1943 mit an der Koordination der Deportation italienischer Juden beteiligt.
Als Experte für Ostfragen fiel Hilger vor allem durch seine Unterstützung für die Aufstellung der aus russischen Kriegsgefangenen bestehenden antibolschewistischen Wlassow-Armee auf. In diesem Zusammenhang nahm er 1944 an der Gründung des Komitees zur Befreiung der Völker Russlands in Prag teil. Im Zusammenhang mit der Aufstellung der Wlassow-Armee kam Hilger auch in engen Kontakt zu Reinhard Gehlen und dessen Abteilung Fremde Heere Ost, für die Hilger Befragungen gefangener russischer Offiziere durchführte.
Auf Hilgers wiederholt vorgebrachte Empfehlung, dass man den Krieg im Osten nur politisch, aber nicht militärisch gewinnen könne, ging Adolf Hitler nicht ein. Die Vorstellung, dass man der sowjetischen Bevölkerung gegenüber als Befreier auftreten müsse, um sie so zum massenweisen Überlaufen auf die deutsche Seite und zum Kampf gegen das Sowjetsystem zu bewegen, lehnte Hitler im Sinne seiner rassistischen Lebensraumideologie ab. An Hilgers Aktivitäten während des Zweiten Weltkriegs entzündeten sich Anfang der 1960er Jahre Diskussionen darüber, wie sehr Hilger in die Verbrechen der Nazis verstrickt und ob er selber ein Kriegsverbrecher gewesen sei. Jörn Happel beantwortet dies Frage in seiner Hilger-Biografie wie folgt:
Von der Organisation Gehlen zur CIA
Die letzten Kriegswochen verbrachte Gustav Hilger zusammen mit anderen Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes in Fuschl bei Salzburg, während seine Familie weiterhin auf dem Anwesen Sonnenhof in Molchow lebte. Da er wusste, dass der sowjetische Geheimdienst nach ihm fahndete, stellte er sich am 19. Mai 1945 in Salzburg den US-Streitkräften. Aufgrund der engen Zusammenarbeit zwischen Hans-Heinrich Herwarth von Bittenfeld und dem Amerikaner Charles W. Thayer, der für das Office of Strategic Services arbeitete, erfuhr er eine Vorzugsbehandlung durch die Amerikaner, die ihn als Ost- und Russlandexperten benötigten.
Hilger wurde zunächst in einem Kriegsgefangenenlager in Seckenheim bei Mannheim interniert und dort auch ersten Verhören unterzogen – praktischerweise von einem alten Bekannten aus Moskauer Tagen, De Witt Clinton Poole, der die Department of State Interrogation Mission to Germany leitete. Hilgers Einlassungen über die Sowjetunion und die sowjetische Politik beeindruckten die Amerikaner so sehr, dass sie auf seine weitere Mitarbeit in ihren Diensten nicht verzichten wollten. Geheim und unter falschem Namen wurde er im Oktober 1945 in die USA ausgeflogen. Bis zum Juni 1946 lebte er in Fort Hunt in der Nähe von Washington D.C.Hilger gab gegenüber seiner Familie Fort George G. Meade als seine Postadresse an, lebte aber tatsächlich in dem nahe gelegenen Fort Hunt, das bereits seit 1942 als Verhörzentrum für gefangen genommene Deutsche diente. (Jörn Happel: Der Ost-Experte: Gustav Hilger, S. 314) Fort Hunt ist auch bekannt als 1142 oder Eleven Forty-Two, was sich von der offiziellen Adresse des geheimen Camps ableitete: P. O. Box 1142, Postfach 1142. Einen Einblick in die Geheimdienstarbeit dort gibt Bastian Berbner in seinem ausführlichen Artikel Stellen Sie sich vor, Sie sind Jude. Und Sie müssen sich anfreunden mit einem Nazi., Zeit Online, Nr. 50, 2016. Einen seiner Bekannten, den er dort wieder traf: Reinhard Gehlen.