Mehrkindfamilie, auch Mehrkinderfamilie, bezeichnet eine Familie mit mindestens drei Kindern. Oft wird erst ab dem vierten Kind der (nicht einheitlich definierte) Begriff kinderreiche Familie verwendet. Es gibt unterschiedliche Ansätze, welche Bezugsgröße relevant ist, um Kinderreichtum zu definieren. Ein demografischer Zugang zählt häufig die leiblichen Kinder einer Frau, eines Mannes oder eines Paares. Ein familiensoziologischer Ansatz nimmt häufig Haushalte in den Blick und bezieht sich auf die zu einem bestimmten Zeitpunkt dort lebenden Kinder. Eine kinderreiche Familie ist eine der möglichen Formen einer Kernfamilie bzw. Kleinfamilie, aber auch von Stieffamilien.
Definitionen Bei den Begriffen Mehrkindfamilie und Kinderreiche treten ähnliche Probleme hinsichtlich der Begriffsverwendung auf wie bei dem Begriff Kinderlosigkeit. Im engsten Wortsinn umfasst der Begriff Mehrkindfamilie die im selben Haushalt mit ihren Sorgeberechtigten zusammenlebenden minderjährigen Kinder eines Paares. In weiter gefassten Definitionen werden bei der Berechnung der Kinderzahl einer Familie auch (noch) nicht aus dem Familienhaushalt ausgezogene, inzwischen volljährig gewordene Söhne und Töchter eines Paares mitgezählt. Auch Alleinerziehende mit mehreren Kindern können Mehrkindfamilien bilden, gelten aber nicht in allen Kontexten als „Familie“.
Lange Zeit wurde in Veröffentlichungen suggeriert, dass nur zusammenlebende heterosexuelle Paare oder gar nur Ehepaare die Vertreter der älteren Generation in Mehrkindfamilien sein können. Allgemein hat sich jedoch in Deutschland, beginnend in der Ära Schröder, die Ansicht durchgesetzt, dass „Familie da ist, wo Kinder sind“.Volker Thomas: Familiensoziologie „Wo Kinder sind, ist Familie“. Interview mit Jürgen Dorbritz. Goethe-Institut Litauen. November 2012Nicola Brüning / Henning Krumrey: . Focus Magazin 16. November 1998 Nach dieser Definition bilden z. B. auch Kinder, die in SOS-Kinderdörfern aufwachsen, gemeinsam mit den Erwachsenen, mit denen sie zusammenleben, eine Mehrkindfamilie.
Vor allem bei einem Blick in die Geschichte sowie auf wenig entwickelte Staaten ist zu bedenken, dass bei dem Begriff Mehrkindfamilie nur zur gleichen Zeit in einem Haushalt lebende Kinder berücksichtigt werden. Bei einer relativ hohen Kindersterblichkeit ist die Zahl der Kinder, die deren Mutter geboren hat, oft höher als die der noch lebenden Kinder. Auch „schrumpfen“ bei der o. g. engsten Definition Mehrkindfamilien scheinbar dann, wenn ein im Haushalt lebender Jugendlicher das 18. Lebensjahr vollendet, und zwar auch dann, wenn seine Eltern zum Bezug von Kindergeld berechtigt bleiben.
Statistische Zusammenhänge mini|Anteil der Ehepaare mit 0, 1, 2, 3, 4 und mehr Kindern, nach Heiratsjahr (Deutschland bzw. BRD, 1900–1972) – Stand: 1983Datenquelle: 2024 lebten in Deutschland 26 Prozent der Kinder mit wenigstens zwei Geschwistern zusammen. Dieser Anteil steigt seit 2015 leicht an. In Deutschland gilt der Rückgang der Mehrkindfamilie als wichtigste Ursache für den Rückgang der Geburtenrate.Siebter Familienbericht: S. 175. Deutschland weist einen stärkeren Rückgang von Familien mit mehr als zwei Kindern auf als andere Länder.Siebter Familienbericht: S. 19–20.
Statistische Anzahl der Haushalte nach Kinderanzahl in Deutschland (volljährige Töchter und Söhne gelten nicht als „Kinder“) Statistische Anzahl Haushalte nach Kinderanzahl in Deutschland
In fast allen Industrieländern liegt der Anteil von Familien mit drei oder mehr minderjährigen Kindern im Haushalt über 3 % (in Irland bei 14 %, in den USA bei 7 % und in Frankreich bei 6 %).René Pfister: Familienpolitik: Viele Kinder, kein Job. In: Der Spiegel. Heft 20/2008, 10. Mai 2008, S. 29. Nur in Italien und Spanien liegt dieser Anteil bei 3 %.
Kinderreichtum und Religion Familien mit mehr als zwei Kindern kommen unter religiösen Menschen besonders häufig vor.Michael Blume, Carsten Ramsel, Sven Graupner: Religiosität als demographischer Faktor - Ein unterschätzter Zusammenhang? In: Marburg Journal of Religion. Volume 11, No. 1 (June 2006), S. 18. Mitunter wurde der Zusammenhang zwischen Religiosität und Kinderzahl dadurch erklärt, dass Arme oder Ungebildete besonders religiös seien und dass sie besonders viele Kinder bekämen. Wie eine Untersuchung von Blume, Ramsel und Graupner zeigt, ist aber gerade unter Reichen und Gebildeten die Religiosität ausschlaggebend für die Kinderzahl.Michael Blume, Carsten Ramsel, Sven Graupner: Religiosität als demographischer Faktor - Ein unterschätzter Zusammenhang? In: Marburg Journal of Religion. Volume 11, No. 1 (June 2006), S. 5ff. Dies lässt sich nach Ansicht der Forscher gut mit der biographischen Fertilitätstheorie von Herwig Birg erklären. Birg verweist darauf, dass dem Menschen mit dem technischen, wirtschaftlichen, schließlich auch sozialen und politischen Fortschritt ein wachsendes „biographisches Universum“ mit immer mehr Wahlmöglichkeiten entstehe. Besonders viele Wahlmöglichkeiten hätten die Wohlhabenden und Gebildeten:
Die meisten Religionen sind ihrem Wesen nach pronatalistisch.
Kinderreichtum und Sozialschicht Eine Untersuchung in Baden-Württemberg erbrachte folgendes Ergebnis: Kinderreichtum kommt unter Paaren ohne schulische und berufliche Ausbildung besonders häufig vor, Paare mit einer mittleren Ausbildung sind unterdurchschnittlich oft kinderreich und Paare mit der höchsten Ausbildung durchschnittlich oft. Dreikindfamilien sind unter Akademikern relativ häufig. Mütter und Väter von Dreikindfamilien haben dabei deutlich bessere schulische und berufliche Abschlüsse als Mütter und Väter von vier und mehr Kindern. Eine abgeschlossene Schulausbildung fehlt bei 3 % der Frauen mit zwei Kindern, 6 % der Frauen mit drei Kindern und bei 15 % der Frauen mit vier oder mehr Kindern, keine abgeschlossene Berufsausbildung besitzen 20 % der Frauen mit zwei Kindern, 28 % der Frauen mit drei Kindern und sogar 45 % der Frauen mit vier oder mehr Kindern. Auch Väter von vielen Kindern haben besonders häufig keine schulische und berufliche Ausbildung. 2 % der Väter von zwei Kindern, 5 % der Väter von drei Kindern und 11 % der Väter von vier und mehr Kindern haben keinen Schulabschluss. 12 % der Väter von zwei Kindern, 15 % der Väter von drei Kindern und 28 % der Väter von vier Kindern sind ohne Berufsabschluss. Andererseits aber kommt Kinderreichtum auch bei Vätern besonders häufig vor, die als Selbständige, Freiberufler oder in Führungspositionen tätig sind und ist unter Arbeitern selten. Die Ressource „schulische und berufliche Ausbildung“ ist bei kinderreichen Eltern deutlich unterschiedlicher verteilt als bei Eltern mit einem oder zwei Kindern.Bernd Eggen, Harald Leschhorn: In: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg. 7/2004. (PDF; 74 kB)
Nach dem Mikrozensus 2008 haben Mütter mit niedriger Bildung die größten Familien, so haben 39 % aller Mütter mit niedriger Bildung drei oder mehr Kinder, dies trifft jedoch nur auf 21 % der Mütter mit mittlerer Bildung und 19 % der Mütter mit hoher Bildung zu (in diese Statistik wurden nur Frauen einbezogen, die überhaupt Kinder hatten. Kinderlose werden nicht betrachtet).Statistisches Bundesamt: Mikrozensus 2008 - Neue Daten zur Kinderlosigkeit in Deutschland S. 29.
Kinderreichtum und Alter bei der Familiengründung Kinderreiche Mütter waren im Durchschnitt bei der Geburt ihres ersten Kindes jünger als ihre Geschlechtsgenossinnen. Während Mütter von Einzelkindern im Durchschnitt 30 Jahre alt und Mütter von zwei Kindern im Durchschnitt 27 Jahre alt waren, als ihr erstes Kind geboren wurde, waren Mütter von drei Kindern im Durchschnitt 25 Jahre alt und Mütter von vier und mehr Kindern im Durchschnitt gar nur 23 Jahre alt.Statistisches Bundesamt. 2012. Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland, S. 23.
Kinderreichtum und Wohnort Kinderreichtum hängt auch vom Wohnort ab und kommt generell in ländlichen Regionen häufiger vor als in Städten. Unter den Großstädten sind Duisburg und Dortmund diejenigen, in denen die größten Familien leben. In Dresden und Leipzig hingegen leben die kleinsten Familien.Statistisches Bundesamt. 2012. Geburtentrends und Familiensituation in Deutschland, S. 55. Auch gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern, so sind in Baden-Württemberg fast 21 % der Frauen kinderreich, in Sachsen-Anhalt sind dies nur knapp 9 %.
Ursachen einer hohen Kinderzahl in einer Familie Gründe für die Gründung einer großen Familie Die Vorteile einer Mehrkindfamilie werden von Kinderpsychologen unter anderem in den vielfältigeren familiären Sozialbeziehungen und der „Selbstbetreuung“ der Kinder gesehen. So lernten ältere Kinder etwa, auf die jüngeren Geschwister Rücksicht zu nehmen und ihnen Hilfestellungen zu geben, auch fehle es nie an Spielkameraden. Kleinere Aufgaben („Aufpassen“) würden von den älteren Geschwistern häufig übernommen. Zudem würden die (älteren der) Kinder oft dazu angehalten, Pflichten im Haushalt zu übernehmen und dadurch die Eltern zu entlasten. Da sich Kinder in einer Großfamilie als Teil eines Ganzen wahrnähmen, seien sie generell deutlich selbstständiger. Sie seien einerseits kompromissbereiter, da ihr Alltag auch das „Zurückstecken“, „Teilen“ und „Akzeptieren“ erfordere, andererseits lernten sie durch die Selbstbehauptung in der Familie zu argumentieren und sich durchzusetzen. Die Familienberaterin Katharina Weiner berichtete, dass „Geschwisterkinder Facetten des Lebens miteinander“ kennenlernten, „die keine Kinderbetreuung der Welt bieten“ könne. Auch wird regelmäßig betont, dass Eltern von mehreren Kindern an Gelassenheit gewönnen. Aufgrund der Möglichkeit zur Mehrfachnutzung von Kleidern, Spielsachen, Büchern oder Möbeln ergeben sich auch wirtschaftliche und ökologische Vorteile.
Eine Studie der Wissenschaftlerinnen Inés Brock-Harder und Michelle Zentner konnte nachweisen, dass in der Zeit der Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen sich Eltern umso weniger belastet fühlten, je mehr Kinder im Haushalt lebten. Die Forscherinnen leiten aus ihrer Untersuchung ab, dass Mehrkindfamilien für ihre Mitglieder sowohl das subjektive Wohlbefinden als auch die familiale Resilienz steigern.
Gründe gegen die Gründung einer großen Familie Bei einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung konnten Eltern Gründe gegen weitere Kinder angeben. Mehrfachantworten waren möglich. Als häufigster Grund gegen weitere Kinder wurde die Tatsache genannt, dass entweder ihr eigener Arbeitsplatz oder der des Partners nicht sicher sei (63 % waren dieser Meinung). 51 % gaben an, keine weiteren Kinder zu wollen, da sie sich zu viele Gedanken darüber machten, welche Zukunft diese erwarte. 50 % sagten, dass sie keine Kinder wollten, da sie ihren jetzigen Lebensstandard beibehalten wollten. 39 % gaben an, dass sie mit einem weiteren Kind ihr Leben nicht mehr so genießen könnten wie vorher. 39 % befürchteten, dass ein Kind zu hohe Kosten verursachen würde. 37 % befürchteten, ihre Freizeitinteressen aufgeben zu müssen. 29 % gaben an, sie selbst oder der Partner seien zu alt. 28 % sagte, ein weiteres Kind wäre nicht mit ihrer Berufstätigkeit vereinbar, 26 % beklagten, dass der Partner dagegen sei und 20 % befürchteten, dass zu wenig Zeit für die Partnerschaft bliebe. 12 % äußerten, ein weiteres Kind würde sie zu sehr an den Partner binden. 10 % gaben an, dass ihr Gesundheitszustand kein weiteres Kind erlaube und 7 % wollten kein weiteres Kind, weil ihre Partnerschaft nicht funktionierte, wie sie es sich vorstellten.Charlotte Höhn, Andreas Ette, Kerstin Ruckdeschel: Kinderwünsche in Deutschland - Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, S. 32/33.
Auswirkungen des Kinderreichtums auf die Betroffenen + Einfluss der Geschwisterzahl auf die erreichte Punktzahl in der LAUGeschwisterzahlMittelwertAnzahl der Fälle keine 72,9 1559 1 71,5 4266 2 67,7 2010 3 62,8 684 4 57,0 268 5 56,9 115 6 49,6 44 7 und mehr 49,0 58
Psychologische Aspekte