mini|Ricardo Palma Ricardo Palma, eigentlich Manuel Ricardo Palma, (* 7. Februar 1833 in Lima, Peru; † 6. Oktober 1919 ebenda)Vgl. Wolfgang Rössig (Hrsg.): Kindlers Neues Literaturlexikon. Hauptwerke der lateinamerikanischen Literatur. Einzeldarstellungen und Interpretationenen. München: Kindler 1995, S. 162. war ein peruanischer Schriftsteller und Dichter und gilt als „Schöpfer einer neuen literarischen Gattung“So Michael Rössner in: ders. (Hrsg.): Lateinamerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler 1995, S. 172., der so genannten Tradición („Überlieferung“).

Leben

Ricardo Palma wurde 1833 in Lima, der an der Pazifikküste gelegenen Hauptstadt Perus, geboren. Er stammte aus bescheidenen VerhältnissenVgl. José Miguel Oviedo: Historia de la literatura hispanoamericana („2. Del Romanticismo al Modernismo“). Madrid: Alianza Editorial 1997, S. 118. und hatte eine unruhige Jugend. Seine Bildung erhielt er unter anderem am 1770 gegründeten Königlichen Konvikt San Carlos in Lima, wobei ihm nachgesagt wird, er habe sich vorwiegend autodidaktisch gebildet.Vgl. Emilia Romero de Valle: Diccionario Manual de Literatura Peruana y Materias Afines. Lima: Universidad Nacional Mayor de San Marcos 1966, S. 237. Zudem las er bereits in seiner Jugend spanische, vor allem aber auch französische Romane und Gedichte,Vgl. Felipe B. Pedraza Jiménez (Hrsg.): Manuel de literatura hispanoamericanan II Siglo XIX. Berriozar: Cénlit Ediciones 1991, S. 644. was zu jener Zeit nicht ungewöhnlich war. Das 19. Jahrhundert war in Lateinamerika geprägt durch die Unabhängigkeitsbewegungen. In ihrer strikten Ablehnung alles Spanischen interessierten sich die Lateinamerikaner daher vor allem für französische und englische Literatur.Vgl. Rudolf Grossmann: Geschichte und Probleme der lateinamerikanischen Literatur. München: Max Hueber Verlag 1969, S. 216 f.

Nach dem Besuch verschiedener höherer BildungseinrichtungenVgl. Grossmann (1969), S. 197. heuerte er für acht Jahre bei der peruanischen Marine an und diente auf mehreren Schiffen. Er verbrachte allerdings nicht die gesamte Zeit auf dem Meer, sondern blieb auch längere Zeitabschnitte an Land und widmete sich der Schriftstellerei.Vgl. Pedraza Jiménez (1991), S. 641 f. Bereits sehr früh begann sein literarisches Schaffen. In den 1850er Jahren schrieb er vor allem gefühlsbetonte, melancholische Literatur. Ihre Vorbilder fanden die lateinamerikanischen Dichter in der europäischen Romantik. So wurde auch Palma unter anderem beeinflusst durch die Spanier José de Espronceda, José Zorrilla y Moral und Gustavo Adolfo Bécquer sowie die Franzosen Victor Hugo und Alfred de Musset.Vgl. Grossmann (1969), S. 294. Er schloss sich der romantischen Bewegung an und trat in Lima dem Literatenclub „Bohemia Romántica“ bei.

Schon im Alter von 15 Jahren war er Mitarbeiter der Zeitung El Diablo (1848) und später auch von El Burro (1852) geworden. Der Beruf des Journalisten war für viele Autoren dieser Zeit ein Mittel, um schreiben zu können und öffentliches Gehör zu finden. Es war üblich, abwechselnd für verschiedene Presseorgane zu schreiben und sich so einen Namen zu erwerben.Vgl. Grossmann (1969), S. 196. Ebendies tat auch Palma, im Laufe seines Lebens schrieb er für mehr als zwölf verschiedene Zeitungen.

Nach seinen Abenteuern auf See wurde Palma auch auf dem politischen Feld aktiv. Die „Revolution“ unter der Führung von Ramón Castilla hatte 1854 erstmals zu einer beginnenden nationalstaatlichen Konsolidierung der noch jungen Republik Peru geführt.Vgl. Rössner (1995), S. 167. Es kam zur Abschaffung der Sklaverei und zur Aufhebung der indianischen Tribute, erste Erfolge des Liberalismus.Vgl. Rössner (1995), S. 174. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend war die Mehrheit der lateinamerikanischen Schriftsteller liberal oder radikal eingestellt, viele Autoren hegten politische Ambitionen. Palmas Mitarbeit an der Zeitung El Liberal im Jahr 1858 verwundert somit nicht. Der lateinamerikanische Liberalismus war in seinen Forderungen nach Gleichheit allerdings praktisch ausschließlich an der bürgerlich-elitären, kreolischen Minderheit orientiert, von der die neu entstandenen, von Spanien unabhängigen Republiken regiert wurden. Das gesellschaftliche Leben war durch strikte Trennung der ideologischen Lager sowie im sozialen Bereich zwischen der herrschenden und der dienenden Klasse bestimmt.Vgl. Rössner (1995), S. 171.

Palmas Verwicklungen in politische Streitigkeiten innerhalb der Liberalen führte 1860 dazu, dass er des Landes verwiesen wurde und die Jahre 1860–1863 im Exil in Chile verbrachte. Dies hielt ihn nicht davon ab, bis einschließlich 1863 weiterhin für die politische Zeitschrift La Revista de Lima zu arbeiten, für die er bereits seit 1859 schrieb.Vgl. Pedraza Jiménez (1991), S. 641 f. Im Exil durchlief er einen intellektuellen Reifungsprozess und bewegte sich weg von der rein gefühlsbetonten Romantik hin zur historistischen Romantik. Seinem großen Interesse für Geschichte konnte er vor allem in den privaten Bibliotheken seiner chilenischen Freunde nachgehen.Vgl. Oviedo (1997), S. 119; vgl. Grossmann (1969), S. 294.

Im Jahr 1864 unternahm Palma eine Reise nach Europa. Als großer Liebhaber der französischen Literatur ließ er es sich nicht nehmen, Paris, ein Zentrum künstlerischer Schaffenskraft, sowie auch Venedig zu besuchen.Vgl. Grossmann (1969), S. 293. Als er nach Peru zurückkehrte, setzte er seine politische Wirksamkeit fort. 1866 kämpfte er mit dem peruanischen Militär im Spanisch-Südamerikanischen Krieg bei der Verteidigung von Callao gegen die spanischen Truppen. Wenig später, im Jahre 1869, wurde er zum Senator ernannt und erhielt den Posten des persönlichen Sekretärs des peruanischen Staatspräsidenten José Balta. Die Stellung als Staatsbediensteter verbesserte auch sein Prestige als Autor. Allerdings zog er sich ab 1872 – abgeschreckt von den mit dem blutigen Militärputsch gegen den Präsidenten verbundenen Wirren – aus dem aktiven politischen Leben zurück. Seine journalistische Tätigkeit für die liberale Zeitung La Campana und seit 1867 auch für El Constitucional weitete er aus und wurde von 1872 bis 1877 auch Mitarbeiter des El Correo del Perú.Vgl. Pedraza Jiménez (1991), S. 642; dgl. Romero de Valle (1966), S. 236 f. mini|Peruanische Überlieferungen 1872 kam sein Sohn Clemente zur Welt, der später wie sein Vater Schriftsteller und Journalist werden sollte. Das Jahr 1872 bedeutete auch noch aus einem anderen Grund eine wichtige Weichenstellung in Palmas Leben: Es war das Jahr der Veröffentlichung der ersten Serie seiner berühmt gewordenen Tradiciones peruanas („Peruanische Überlieferungen“).Vgl. José M. Cabrales Artega: Literatura Hispanoamericana: Del Descubrimiento al siglo XIX. Madrid: Editorial Playor 1982, S. 30. Von nun an veröffentlichte Palma mit gewisser Regelmäßigkeit immer wieder neue Geschichten in der von ihm geschaffenen historisch-literarischen Erzählform der Tradiciones in der Presse, vor allem in El Correo del Perú, bei dem er selbst als Redaktionsmitarbeiter tätig war. 1876 heiratete er Cristina Román, mit der er 1878 eine Tochter namens Angélica bekam. Auch sie wurde später wie der Vater Schriftstellerin und entwickelte sich zu einer bekannten Romanautorin. Zu jener Zeit begann Ricardo Palma, wieder für die Zeitung La Broma und ein Jahr später für La Revista Peruana zu schreiben.Vgl. Pedraza Jiménez (1991), S. 642; dgl. Romero de Valle (1966), S. 236 f.

Die ersten Tradiciones reflektieren das wachsende Nationalbewusstsein der kreolischen Elite Perus, das für die Entwicklung der Nationalliteraturen grundlegend war. Einen schwerwiegenden Bruch im liberalen Konsens der lateinamerikanischen Republikaner verursachte der Salpeterkrieg mit Chile (1879–1884), der mit einer katastrophalen und demütigenden Niederlage der Peruaner endete (Eroberung der Hauptstadt Lima am 17. Januar 1881).Vgl. Rössner (1995), S. 167, 173. 1881 wurde nicht nur Palmas Haus in Miraflores geplündert, einem Vorort von Lima, sondern auch die Nationalbibliothek Limas. Für den Wiederaufbau der Bibliothek wurde Ricardo Palma 1883 eigens beim Staat angestellt. Er wurde bekannt als bibliotecario mendigo, der „bettelnde Bibliothekar“, da er nahezu keine Gelegenheit ausließ, um vermögende Freunde und Intellektuelle innerhalb und außerhalb Perus anzuschreiben und um Bücherspenden für die Bibliothek zu bitten.Vgl. Pedraza Jiménez (1991), S. 642. Palma wurde damit zum beamteten Literaten, und seine Rolle kam dem europäischen Begriff des „bürgerlichen Dichters“ nahe.Vgl. Grossmann (1969), S. 197. Auch neben dieser intensiven Arbeit schrieb er weiterhin für mehrere Zeitungen: Für El Perú Ilustrado war er von 1887 bis 1891 tätig, für El Ateneo 1887, und schließlich arbeitete er 1891 auch für La Ilustración Sudamericana. Den Posten als Direktor der 1884 wiedereröffneten Nationalbibliothek behielt er fast 30 Jahre lang bis 1912. Die mit großer Hingabe wieder aufgebaute und gepflegte Bibliothek ist so selbst zum Bestandteil seines Werkes und Vermächtnisses geworden.Vgl. Oviedo (1997), S. 126.

1912 übergab er die Leitung der Nationalbibliothek an Manuel González Prada, einen langjährigen Gegner und scharfen Kritiker Palmas in den Auseinandersetzungen zwischen literarischen Traditionalisten und Modernisten, denen Palmas Schreibweise zu altmodisch und gekünstelt erschien. Ricardo Palma starb am 6. Oktober 1919 in seinem Haus in Miraflores.Vgl. Pedraza Jiménez (1991), S. 642.

Werk Zuordnung und Bedeutung Cedomil Goic ordnet Ricardo Palma der ab 1867 in Lateinamerika aufkommenden dritten Generation der Romantiker zu. Zu den herausragenden Schriftstellerpersönlichkeiten seiner Zeit gehören unter anderem Alberto Blest Gana (1830–1920) in Chile, Jorge Isaacs (1837–1896) in Kolumbien und Juan Montalvo (1832–1889) in Ecuador. Die Literaten jener Zeit zeichneten sich vor allem durch eine veränderte Einstellung zur Politik aus und brachten ein neues Interesse für die koloniale Vergangenheit mit. Auch Ansätze zu einem gesellschaftskritischen Realismus waren spürbar, die an Honoré de Balzac erinnern.Vgl. Cedomil Goic (Hrsg.): Historia y crítica de la literatura hispanoamericana („II - Del romanticismo al modernismo“). Barcelona: Editorial Crítica 1991, S. 151. Das Romantische an Palmas Werk sieht Grossmann gerade bei den Tradiciones peruanas in der „Planlosigkeit des Ganzen“. In der Verwendung echter oder fiktiver historischer Dokumente, die Palma in breiter Form praktizierte, sieht Grossmann dagegen einen charakteristischen Zug des literarischen Realismus.Vgl. Grossmann (1969), S. 294.

Die Bedeutung Ricardo Palmas für die Literaturgeschichte Lateinamerikas basiert vor allem auf der von ihm neu geschaffenen literarischen Gattung der Tradición. Er sprengte damit den konventionellen Rahmen der zu seiner Zeit bekannten Literaturformen. Während lateinamerikanische Autoren bis dahin durch alle literarischen Epochen mit ihren entsprechenden Gattungen stets den europäischen Vorbildern treu geblieben waren, schuf Ricardo Palma hier etwas völlig Neues, etwas speziell Lateinamerikanisches.Vgl. Rössner (1995), S. 169.

Werkcharakteristik Ricardo Palma gilt als Vertreter des literarischen Traditionalismus, der die alte Ordnung trotz seiner liberalen Grundeinstellung schätzt und hoch hält: Er liebt die Vergangenheit, will ihre Werte bewahren und verteidigen und reagiert abwehrend und ungehalten auf Moden und Zeiterscheinungen, die er oft ironisch persifliert und teils auch sehr polemisch angreift. Rubén Bareiro Saguier bezeichnet Palma deshalb als Schöpfer eines „kolonialistischen Mythos“ in der hispanoamerikanischen Literatur, der die „gute alte Zeit“ – das spanische Vizekönigreich – geradezu mutwillig verkläre.Rubén Bareiro Saguier: Encuentro de culturas. In: César Fernández Moreno (Hrsg.): América latina en su literatura. México: UNESCO 1972, S. 35: „un mito virreinal colonialista en la literatura hispanoamericana.“