Die Burgruine Waisenberg ragt auf einem isolierten, felsigen Waldkogel im Nordwesten der Kärntner Bezirkshauptstadt Völkermarkt empor. Die noch vorhandenen Bauteile sind der Romanik, Gotik und Renaissance zuzuordnen. Waisenberg gehört zusammen mit den innerhalb eines Umkreises von etwa 1000 m liegenden Burgruinen Obertrixen und Mittertrixen zu den sogenannten Trixner Schlössern, die wiederum, ergänzt mit der Ruine Niedertrixen, die Trixner Burgengruppe bilden. Diese Burgengruppe kontrollierte den Zugang zum Görtschitztal und damit auch in das Bergbaugebiet von Hüttenberg. Der Name Waisenberg ist vermutlich auf den hellen Kalksteinfelsen zurückzuführen, auf dem die Burg steht.
Die Burgruine Waisenberg und ihre Umgebung Geographische Lage Die ausgedehnte Burgruine Waisenberg liegt auf einem der Saualpe vorgeschobenen, waldbedeckten Bergkegel im Trixnertal, etwa sieben Kilometer nordwestlich der Bezirkshauptstadt Völkermarkt. An der Straße von Völkermarkt nach Brückl situiert, gehörte Waisenberg zusammen mit den sogenannten „Trixner Burgen“ zu den Sperranlagen, die den Zugang zum Görtschitztal und zum Hüttenberger Erzberg kontrollieren bzw. abriegeln konnten.
In einer Entfernung von nicht einmal vierzehn Kilometern hat Waisenberg mit Griffen, Heunburg, Rauterburg (Altheunburg, eine romanische, stark einsturzgefährdete Burgruine auf der Wandelitzen, oberhalb des Anwesens von Helldorff), Nieder-, Mitter- und Obertrixen sechs Nachbarburgen, die zusammen mit Rechberg, Sonegg, Sommeregg, Wildenstein, Neudenstein, Weißenegg und Reinegg den Großraum Völkermarkt kontrollierten und sicherten.
Verkehrsgeografische Situation in historischer Sicht Obwohl im Gemeindegebiet von Völkermarkt noch keine römerzeitlichen Straßenspuren fassbar geworden sind, ist der ungefähre Verlauf der „Römerstraßen“ anhand von topografischen Gegebenheiten, Flurnamen, Altwegen und anderen Hinweisen rekonstruierbar. Der Verlauf zweier römerzeitlicher Verbindungsstraßen dürfte weitgehend heutigen Verkehrsrouten entsprochen haben: Die eine zweigte bei Wabelsdorf von der Straße Virunum–Celeia ab und führte über Völkermarkt und Ruden nach Lavamünd. Die andere verband das Görtschitztal mit dem Trixnertal und führte an Waisenberg und den Trixner Schlössern vorbei über Griffen ins Lavanttal. Diese Strecken haben jedoch keine Aufnahme in die offiziellen Wegeverzeichnisse gefunden und besaßen wohl auch keine Meilensteine. Im Unterschied dazu ist die Verbindungsstraße von Virunum nach Celeia auf einer antiken Straßenkarte verzeichnet und durch Meilensteinfunde als Trasse von überregionaler Bedeutung ausgewiesen. Die meisten Römersteine sind allerdings heute in Kirchen eingemauert, weshalb man also ihren ursprünglichen Aufstellungsort nicht kennt.KÖRNER, S. 71.
Der Name der Burg Wenn auch eine Inschrift aus dem 16. Jahrhundert von Waisen spricht, so dürfte der Burgname doch von den weißen Felsen des Burgberges abgeleitet sein. Aus geologischer Sicht handelt es sich dabei um eine Kalkklippe der erdgeschichtlichen Trias. mini
Die Fachliteratur verwendet für die Wehranlagen des Trixner Tales die Bezeichnungen „Trixner Schlösser“ oder auch „Trixner Burgen(gruppe)“, allerdings mit unterschiedlicher Bedeutung. So benennt zum Beispiel Franz Xaver Kohlas „Kärntner Burgenkunde“ einerseits Ober-, Mitter- und Niedertrixen als Trixner Burgengruppe,KOHLA I., S. 215. bezeichnet jedoch andererseits Waisenberg als das westlichste, größte und repräsentativste der drei Trixner Schlösser.KOHLA: I., S. 352. In den übrigen Erwähnungen wird unter Trixner Burgen die Gruppe Ober-, Mitter- und Niedertrixen verstanden.Kärnten-Ein Kulturbegleiter. Textteil nach einer Diplomarbeit von Johann Tauschitz, S. 184; MEHLING, S. 222; L’ESTOCQ, S. 16f. Historische Bezeichnungen für die Burg auf dem Waisenberg waren: Waysenberch in der ersten urkundlichen Erwähnung, castrum Waysenberc, Weyssenwurg.KOHLA I., S. 353. In der einheimischen Bevölkerung auch anzutreffen ist die falsche Bezeichnung Niedertrixen. Die Ursache dafür mag im Fehlen von weithin sichtbaren Bauteilen dieser letztgenannten Burgruine liegen.
Historisches Umfeld mini|Waisenberg mit Königsgrab Das historische Umfeld vom Waisenberg deutet auf eine ereignisreiche Vergangenheit hin. Die am Fuße des Lamprechtskogels gefundenen Königsgräber der eisenzeitlichen Hallstattkultur zeugen vom urzeitlichen Herrschaftszentrum Waisenberg und der einstigen Bedeutung der Umgebung, die sich im Eisenvorkommen und im Salztransit begründete.Gleirscher, Paul: Referat in Völkermarkt 1. Juni 2007 Die Königsgräber von Waisenberg. Die verkehrsgeografische Lage und vor allem die Nähe zu den Erzlagerstätten im Görtschitztal dürften als Grundlage für die wirtschaftlichen Blütezeiten im Raum Völkermarkt gelten. Als Standort für die bedeutendste Siedlung im Völkermarkter Raum nördlich der Drau wählte man sowohl während der Eisenzeit als auch während der spätrömischen Zeit den Lamprechtskogel bei Mittertrixen. Dort residierte jedenfalls um 500 v. Chr. sogar ein norischer König, wovon ein Prunkgrabhügel bei Waisenberg zeugt. Mit den großen Gutsbetrieben im Hinterland der Stadt Virunum erreichte in römischer Zeit auch in Unterkärnten die Landwirtschaft ein hohes Niveau.
Das Trixnertal stellte im Bereich des Lamprechtskogels in römischer Zeit einen Siedlungsschwerpunkt dar. Die Römersteine aus der näheren Umgebung, Münzen und andere Siedlungsfunde weisen darauf hin. Einer bisher unbestätigten Theorie zufolge existierte dort eine innernorische Zollstation, die für den Warenzoll (Eisenhandel) an der Südgrenze einer großen kaiserlichen Bergbaudomäne zuständig war. Der genaue Umfang dieses Territoriums ist zwar strittig, doch steht fest, dass die Abbaugebiete derart wichtiger Bodenschätze, wie der Eisenvorkommen im Görtschitztal, im Besitz des Kaisers waren und einer eigenen Verwaltung unterstanden. Produkte aus norischem Eisen hatten aufgrund der hochwertigen Verarbeitung stahlartige Qualität, genossen einen hervorragenden Ruf und wurden weithin verhandelt. Eine Inschrift, die als Spolie am Fuße des Lamprechtskogels gefunden wurde, nennt einen als Zollverwalter tätigen kaiserlichen Sklaven und dessen Dienstort.KÖRNER, S. 73.
Im Bereich des von Waisenberg nur 500 Meter entfernten Lamprechtskogels befanden sich also seit dem 4. oder 5. Jahrhundert eine römerzeitliche Siedlungsanlage und vermutlich auch ein Heiligtum für Jupiter Dolichenus. Möglicherweise stand hier die ältere Burg Waisenberg, ident mit einem der 895 genannten „duo castra in loco Thrusental“,RI I n. 1912 da die Erstanlage der eigentlichen Burg Waisenberg kaum weiter als auf 1200 zurückgehen dürfte.WIESSNER, S. 161. Die Befestigungsmauern dieser einstigen Höhensiedlung sind heute noch im Gelände erkennbar. Leider kam es bisher nur zu sehr wenigen frühmittelalterlichen Bodenfunden: Vom Lamprechtskogel stammen das Fragment eines Steigbügels in awarischer Machart und eine arabische Münze des späten 8. Jahrhunderts.
mini|Hemma von Gurk (um 990–1045) Nicht nur die Geschichte Waisenbergs, sondern die des ganzen Trixner Tales ist eng mit dem Wirken der vielfach als „Kärntner Landesmutter“ benannten Hemma von Gurk verbunden. Als Kärntner Adelige, Kirchen- und Klostergründerin hat sie an der Wende vom 1. zum 2. Jahrtausend gelebt. Sie war eine der reichsten und mächtigsten Frauen im Kärnten ihrer Zeit, mit Kaiser Heinrich II. verwandt und mit dem Grafen Wilhelm von Friesach und an der Sann verheiratet. Von ihren Ahnen – Angehörige des alten slawischen Adels finden sich ebenso wie Vertreter von zugewanderten bayerischen Geschlechtern und der fränkischen Reichsaristokratie – erbte sie reiche Besitzungen: in Kärnten das Gurk- und Metnitztal, den Ort Zeltschach sowie Güter und Burgen im Trixnertal. Im gegenständlichen Zusammenhang spielt Hemma eine wichtige Rolle in der Gründerzeit der Trixner Schlösser und der Burg Waisenberg.
Historische Überlieferung Schriftliche Quellen Ob Waisenberg mit einem der „duo castra in loco Thrusental“ identisch ist, die König Arnulf am 29. September 895 an einen Vorfahren der Gräfin Hemma von Gurk zum Geschenk machte, ist nicht mit Sicherheit zu behaupten. Ohne Zweifel aber stand Waisenberg im Besitz des Bistums Gurk, welches die Burg wiederholt zu Lehen ausgab und dadurch Gefahr lief, es gänzlich zu verlieren. Eine der schillerndsten Persönlichkeiten jener Zeit war der Gurker Bischof Berthold von Zeltschach, der dem Bistum von 1090 bis 1106 vorstand. Das Chronicon Gurcense bezeichnet ihn als Eindringling, da er die Bischofswürde von einem Gegenerzbischof Salzburgs erhielt. Berthold verschleuderte große Teile des Bistums, indem er die Allode der Gurker Kirche als Lehen vergab, wohl, um sich bei den Belehnten in Gunst zu setzen und so seine unrechtmäßige Herrschaft zu sichern. 1106 wurde er schließlich abgesetzt.OBERSTEINER, S. 17f. 1167 kaufte Bischof Heinrich I. von Gurk von Volbert von Liebenberg, einem Trixner, das „castrum in Thrusen, quod Waysenberch dictum est“ um 100 Mark Silber zurück. Dies ist zugleich die älteste Erwähnung der Burg Waisenberg.WIESSNER, S. 160.
Nonverbale Quellen mini|Waisenberg nach dem Zeichner Valvasor – 17. Jahrhundert Außer den o. a. schriftlichen Quellen geben auch die Werke bildender Künstler Auskunft über die historische Vergangenheit von Bauwerken im Allgemeinen und der Burgruine Waisenberg im Besonderen. Wie weit die Werke von Malern und Grafikern mit der Realität übereinstimmen, ist jeweils zu hinterfragen. Neben den unter den Begriff „künstlerische Freiheit“ fallenden verzerrenden Darstellungen ist auch zu beachten, dass viele Künstler bei der Anfertigung der Bilder nicht unbedingt vor Ort waren. Historische Zeichnungen von Waisenberg existieren von Johann Weichard Valvasor und Georg Matthäus Vischer aus dem 17. Jahrhundert sowie vom Kärntner Landschaftsmaler Markus Pernhart aus dem 19. Jahrhundert.
Die Besitzer Waisenbergs Annahmen für die schriftlich nicht belegte Zeit mini|Waisenberg nach dem Zeichner Matthäus Vischer – 17. Jahrhundert Waisenberg lag im Bereich der Landschenkung, die König Arnulf seinem getreuen Waltuni, dem Vorfahren der Gräfin Hemma, 895 im Trixnertal zuteilwerden ließ. Von den darin angeführten „duobus castris“ dürfte eines wohl Waisenberg gewesen sein. Durch Hemma gelangten dann die Besitzungen in das Eigentum des von ihr gegründeten Klosters und später des Bistums Gurk. Noch heute erkennt man an verschiedenen Ortsbezeichnungen die Beziehungen zur Schutzfrau Kärntens Hemma von Gurk: So wird zum Beispiel der Bergfried häufig auch als Hemmaturm benannt und die Fischteiche am Fuße des Burgberges heißen in der Umgangssprache Hemmateiche. Im weiteren Verlauf gab der „eingedrungene“ Bischof Berthold zwei Burgen im Trixnertal an Graf Engelbert von Spanheim, den späteren Kärntner Herzog. Ob sich darunter Waisenberg befunden hat, ist nicht mit Sicherheit auszumachen. Jedenfalls konnte es sich dabei nicht um eine Burg am heutigen Standort handeln, da deren ältestes Mauerwerk erst aus dem 12. Jahrhundert stammt. Das Lehen ging später auf Engelberts Bruder Bernhard über und nach dessen Tod unter völliger Vernachlässigung des ursprünglichen Lehensbandes an dessen Neffen Markgraf Ottokar III. von Steiermark.
Die „Aktivzeit“
mini|Waisenberg nach dem Zeichner Markus Pernhart – 19. Jahrhundert Ab dem urkundlich belegten Kauf von Waisenberg durch Bischof Heinrich von Gurk im Jahr 1167 setzen schriftliche Aufzeichnungen in vermehrtem Ausmaß ein. Zwischen 1193 und 1220 wird Otto Rufus de Waisenberc genannt. Eine Urkunde aus dem Jahr 1236 berichtet über Otto von Waisenberg, der seine Rechte an Waisenberg dem Bischof Ulrich I. abtritt:
Littere Vdalrici episcopi Gurcensis super pensione 4 marcarum denariorum persolvendarum Ottoni de Weysenberg qui omne ius in predicto castro episcopo reservavit.JAKSCH, S. 84.