mini|Charles Mingus 1976 in Manhattan rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image|hochkant=0.7|Unterschrift Charles Mingus Charles Mingus (* 22. April 1922 in Nogales, Arizona; † 5. Januar 1979 in Cuernavaca, Mexiko) war ein US-amerikanischer Jazz-Kontrabassist sowie Bandleader. Mingus gehört zu den bedeutendsten Bassisten und Komponisten des modernen Jazz.
Seine Kompositionen basierten auf dem Hard Bop, waren aber beeinflusst von Gospel, Third Stream, Free Jazz und klassischer Musik. Er nannte einmal die Kirche und Duke Ellington als prägende Vorbilder für seine Musik. Mingus legte bei seinen Bands Wert auf die kollektive Improvisation. Er heuerte talentierte und manchmal wenig bekannte Musiker an, um teilweise unkonventionelle Instrumental-Konfigurationen zusammenzustellen. Mingus galt als ein Pionier der Kontrabass-Technik und einer der fähigsten Spieler dieses Instruments.
Mingus prägte den modernen Jazz maßgeblich mit seinem einzigartigen Stil und seiner innovativen Herangehensweise. Er war bekannt für seine kraftvollen und expressiven Kompositionen, die Elemente des Swing, Bebop, Hardbop und Avantgarde-Jazz vereinten. Seine Musik war geprägt von einer starken emotionalen Intensität, komplexen Arrangements und improvisatorischer Freiheit.
Leben Charles Mingus wurde in der Grenzstadt Nogales geboren, wo sein Vater als Staff Sergeant der US-Army diente. Wegen der schweren Krankheit seiner Mutter Harriett Sophia Mingus-Philips – sie starb am 3. Oktober 1922 an chronischer Herzmuskelentzündung – zog die Familie nach Los Angeles. Die Wurzeln der Familie sind verzweigt: Mingus’ Mutter wurde als Tochter eines Engländers und einer Chinesin 1888 in Texas geboren; sein Vater Charles, 1877 in North Carolina geboren, entstammte der flüchtigen Verbindung eines schwarzen Farmarbeiters mit einer Schwedin. Charles Senior war zunächst Postangestellter und trat 1915 in die Armee ein. Charles Mingus junior war wie sein Vater relativ hellhäutig und sollte später als „Mischling“ besonders sensibel auf die bis in die 1960er Jahre virulenten Rassenkonflikte reagieren.
Infolge des frühen Verlustes seiner Mutter wuchs er ziemlich vernachlässigt in Watts, einem afroamerikanisch geprägten Vorort von Los Angeles, auf. Er lebte dort mit seinem Vater, seinen Schwestern Grace und Vivian und seiner Stiefmutter „Mamie“ Carson, einer Halbindianerin aus South Carolina, die den jungen Charles stark beeinflusste und auch ihre Vorliebe (neben der für Eiscreme) für klassische Musik auf ihn übertrug. Als Sechsjähriger versuchte er sich zunächst an der Posaune und der Flöte.
Nachdem er als Neunjähriger im Radio Duke Ellingtons East St. Louis Toodle-Oo gehört hatte, begann er Cello zu lernen. Da der Haushalt auch ein Klavier hatte und seine Schwester Unterricht nahm, war er auch mit diesem Instrument vertraut. Mit der Stiefmutter besuchte er die ekstatischen Gospel-Gottesdienste der Holiness Church, die ihn tief beeindruckten. Schließlich lernte er den zwei Jahre älteren, späteren Jazzposaunisten Britt Woodman kennen, der ihn zu einem Konzert des Duke Ellington Orchestra mitnahm. Mingus wurde am Cello in dieser Zeit von einem Hobbymusiker unterrichtet, der ihm weder Fingersätze noch das Notenlesen beibrachte, sondern ihn hauptsächlich nach Gehör und Gefühl spielen ließ. Dennoch entwickelte Charles eine solche Fertigkeit, dass er mit seinen Schwestern im Trio klassische Musik spielen und in dem Orchester Los Angeles Junior Philharmonic mitwirken konnte. Als Halbwüchsiger entwickelte er eine Identität als „stolzer Schwarzer“. Gleichzeitig interessierte er sich für „weiße“ Musik, hörte Richard Strauss, Debussy und Ravel.
Sein Freund Buddy Collette wies ihn 1938 darauf hin, dass die Schulband keinen Cellisten, sondern einen Bassisten brauchte und vermittelte ihm Unterricht bei Red Callender; außerdem nahm Mingus Klavierstunden und bildete sich in Musiktheorie, insbesondere Harmonielehre, weiter. In diese Zeit fällt die Entstehung des Gedichts The Chill of Death, das er damals auch vertonte,das er jedoch erst 1971 auf dem Album Let My Children Hear Music aufnehmen konnte. sowie der Komposition Half-Mast Inhibition.Sie wurde erst 1960 auf dem Album Pre-Bird erstmals aufgenommen. Den Sommer 1939 verbrachte er in San Francisco, wo er den Maler Farwell Taylor kennenlernte, dem er später sein Far Wells Mill Valleyaufgenommen 1959 für das Album Mingus Dynasty. widmen sollte; dieser machte ihn mit Karma Yoga vertraut und ermutigte ihn, auch als Komponist zu arbeiten. 1940, in seinem letzten Schuljahr, trat Mingus mit der Al Adams Band auf, in der damals auch Dexter Gordon, Chico Hamilton, Jack Kelso und Ernie Royal spielten. Als Solist eiferte er dem Ellington-Bassisten Jimmy Blanton nach. Mingus’ Vater wollte, dass Charlie in den Postdienst einträte; um dem zu entgehen, gab der Junior vor, die Aufnahmeprüfung nicht bestanden zu haben. Er schlug sich dann als Musiker durch. Am 20. August 1941 hatte er in Los Angeles mit Barney Bigard einen Auftritt, der ihm eine erste Zeitungsnotiz einbrachte.Informationen zu Kindheit und Jugend nach: Manfred Papst: Chronik von Leben und Werk. In: Charles Mingus – The Talking Bass. In: du, Heft 723/Februar 2002, S. 83 f.
Ab 1942 nahm er stundenweise Unterricht bei dem ehemaligen ersten Bassisten der New Yorker Philharmoniker Hermann Rheinshagen. Mingus entwickelte sich schnell zu einem Top-Bassisten und spielte Anfang der 1940er Jahre zunächst mit lokalen Bands, die auch durchreisenden Musikern wie Roy Eldridge als Begleitung dienten. Lloyd Reese unterrichtete ihn in den Grundlagen der Harmonielehre. Mingus schrieb erste Stücke und auch Kompositionsteile für Dimitri Tiomkin. 1944 heiratete er Camilla Jeanne Gross, die Ehe hielt bis 1947.
Nach dem Wechsel von der Westküste nach New York City heiratete er am 2. April 1951 Celia Nielson, die bis 1958 bei ihm blieb. Nach der Trennung erkrankte er an Depressionen, woraufhin er sich vorübergehend ins Bellevue Hospital einliefern ließ. Mingus zog zu Beginn des Jahres 1960 mit seiner neuen Lebensgefährtin Judy Starkey nach Harlem. 1965 lernte er seine spätere dritte Frau, Sue Graham Ungaro, kennen. Wegen seiner Erkrankung an der unheilbaren Amyotrophen Lateralsklerose suchte er eine Wunderheilerin in Mexiko auf, doch hatte sie keinen Erfolg. Mingus starb im Alter von 56 Jahren an einem Herzinfarkt. Nach seinem Tod in Mexiko streute seine Witwe seine Asche später in den Ganges (Indien).
Mingus war Vater von fünf Kindern. Sein ältester Sohn Charles Mingus III (* 12. September 1944) ist bildender Künstler, sein jüngster Sohn Eric Dolphy Mingus (* 8. Juli 1964) arbeitet als Sänger.Eric Mingus wirkte 1991 bei der Mingus-Dynasty-CD The Next Generation Performs Charles Mingus Brand New Compositions (Columbia/Sony) mit. Dazwischen kamen seine Söhne Eugene (* 1946) und Dorian (* 30. Dezember 1957) sowie seine einzige Tochter „Keiki“ Carolyn (* 1961) zur Welt. Der Jazzbassist Kevin Ellington Mingus (* 1976) ist sein Enkelsohn.
Musikalischer Werdegang Anfänge in Los Angeles (1942–1950) Ab 1940 hatte Mingus gelegentliche Engagements bei Lee Young, einmal jammte er auch mit Art Tatum.Priestley: Mingus. A Critical Biography. 1985, S. 23 ff. 1942 war er für kurze Zeit in der Band von Louis Armstrong. Er spielte auch mit Illinois Jacquet, während er sich am Los Angeles City College musikalisch weiterbildete. 1944 arbeitete er in Long Beach mit dem Trio Strings and Keys. 1945/46 machte sich Mingus vor allem als Studiomusiker einen Namen, u. a. bei Aufnahmen von Dinah Washington und der All-Star Band von Lucky Thompson. 1945 kam es zu ersten Aufnahmen unter seinem eigenen Namen. Mingus nahm auch vorübergehend einen Job bei der Post in San Francisco an.
1947 kehrte er nach Los Angeles zurück und versuchte seine Komposition The Chill of Death unterzubringen.Tatsächlich wurde sie von Columbia Records eingespielt, jedoch nie veröffentlicht. Fast das ganze Jahr 1947 und Anfang 1948 spielte er bei Lionel Hampton, für den er auch arrangierte und mit dem er seine Komposition Mingus Fingus einspielte. „Ich hoffe, es wird für einen Musiker nicht länger notwendig sein, auf einem Schlagzeug auf und ab zu springen oder auf der Bühne zu tanzen, um auf sein Talent aufmerksam zu machen“, beklagte er sich in einem Leserbrief an den Down Beat über diese Zeit.zit. n. Weber, Filtgen: Charles Mingus. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten. Ca. 1984, S. 33. In jener Zeit bei Hampton kam es auch zu Begegnungen mit Billie Holiday und Benny Goodman, die er an der Ostküste begleitete.Priestley: Mingus. A Critical Biography. 1985, S. 47.
Anschließend spielte er mit Red Callender im Pastel Sextet und als Baron MingusEin Spitzname, den er sich selbst als Verbeugung vor Duke Ellington zugelegt hatte. Miles Davis: Die Autobiographie. Hamburg 1993, S. 110. mit eigenen Bands. Außerdem arbeitete er mit Billie Holiday, für die er die Komposition Eclipse schrieb. 1949 entstanden Aufnahmen von Baron Mingus and his Rhythm, die aber national nicht in den Vertrieb kamen. Da er nicht von der Musik leben konnte, arbeitete er wieder bei der Post, dieses Mal in einer Vollzeitstellung.Eine Tournee mit Billie Holiday musste abgesagt werden, weil die Sängerin ausstieg. Aufnahmen mit Buddy Collette blieben ohne jede Resonanz; vgl. Manfred Papst: Chronik von Leben und Werk. In: Charles Mingus – The Talking Bass. du Heft 723/Februar 2002, S. 84. Ab Frühjahr 1950 spielte er im ökonomisch erfolgreichen Trio von Red Norvo mit dem Gitarristen Tal Farlow. (Die Einspielungen aus drei Aufnahmesitzungen 1950/51 in Hollywood und Chicago wurden später auf dem Savoy-Album Move! zusammengefasst.) Im März 1951 trat das Trio in San Francisco drei Wochen im Black Hawk auf. Bei Fernsehaufnahmen des Trios sollte Mingus wegen seiner Hautfarbe nicht mitwirken. Als Norvo ihn für eine Fernsehsendung in New York gegen einen weißen Bassisten austauschte, stieg er aus dem Trio aus.Priestley: Mingus. A Critical Biography. 1985, S. 55.
Eigene Bands und eigenes Label in New York (1951–1955) 1951 kam es zur Zusammenarbeit mit Miles Davis und Charlie Parker, die er 1946 in Los Angeles kennengelernt hatte – mit Davis war er damals eng befreundet.Nach der Autobiographie von Davis kam es bei seiner Abreise nach New York damals zu einem kleinen Bruch der Freundschaft, als Mingus ihn beschuldigte, den inzwischen in die Psychiatrie eingelieferten Parker, der doch sein musikalischer Vater sei, im Stich zu lassen. 1951 entstanden Duo-Aufnahmen mit dem Pianisten Spaulding Givens. Im Januar 1953 arbeitete er kurzzeitig bei Duke Ellington, der ihm nach einem heftigen Streit mit Juan Tizol die Kündigung als die bequemere Lösung nahelegte; denn das Problem Tizol sei ihm bekannt und damit werde er fertig, so Ellington, Mingus aber scheine einen ganzen Sack voll neuer Macken mitzubringen.zitiert bei Weber, Filtgen: Charles Mingus. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten. Ca. 1984, S. 36.