mini|Krishna erteilt Arjuna eine philosophische Unterweisung (upadesha) in einem Streitwagen (ratha) auf dem mythologischen Schlachtfeld von Kurukshetra. Zementgussplastik in Tirumala

Die Bhagavad Gita (Sanskrit, f., भगवद् गी, bhagavan – der Erhabene, Gott, – Lied, Gedicht; „der Gesang des Erhabenen“), respektvoll auch Shrimad Bhagavad Gita (Sanskrit: श्रीमद् भगवद् गी, IAST: śrīmad bhagavad gītā; „der Gesang des Höchsten Erhabenen“ oder „der hehre Gesang des Erhabenen“), aufgrund ihrer Popularität aber oft verkürzt nur Gita genannt, ist eine der zentralen Schriften des Hinduismus.

Sie hat die Form eines spirituellen Gedichtes und wird legendär dem Weisen Vyasa zugeordnet, der sie vor rund 5000 JahrenZur herkömmlichen, heute noch vertretenen indischen Sichtweise vgl. etwa Swami Bhakti Gaurava Narasingha in seinem Kapitel „The History of Bhagavad Gita“: „Originally, the Bhagavad-gītā is part of the ancient historical epic, the Mahābhārata, composed by the great sage Vyāsa in approximately 3100 BCE.“ – In: Bhagavad Gītā. Śri Kṛṣṇa's Illuminations on the Perfection of Yoga. With Commentary by Swami B. G. Narasingha. Gosai Publishers, Sri Narasingha Chaitanya Ashram 2017 (Gauranga Vani Publishers, Rupanuga Bhajan Ashram 2022: S. XV). Ganesha zur Niederschrift diktiert haben soll.Zur Passage Vyasa – Ganesha siehe Mahabharata, Buch 1: Adi Parva / Anukramanika Parva, Kapitel 1 (Einleitung) – so aber nicht mehr übernommen in die kritische Edition des Bhandarkar Oriental Research Institute (BORI, 1919–1966) und die „ungekürzte“ Ausgabe von Bibek Debroy, Penguin Books India, Haryana 2010(–2014). Real werden mehrere Autoren angenommen, der Entstehungszeitraum des Textes (vom Ursprung bis zur Fertigstellung in der heutigen Gestalt) ist wissenschaftlich umstritten, er liegt zwischen dem 5. Jahrhundert v. Chr. und dem 2./3. Jahrhundert n. Chr., zumindest wesentliche Teile dürften „wahrscheinlich“Vgl. „ca. 200 B.C. is a likely date“ – Johannes A. B. van Buitenen: The Bhagavadgītā in the Mahābhārata. University of Chicago Press, Chicago – London 1981, S. 6. Und noch vorsichtiger formuliert: „One would probably not be going far wrong if one dated it at some time between the fifth and second centuries B.C.“ – Robert C. Zaehner: The Bhagavad-Gītā with a commentary based on the original sources. Claredon Press, 1969. Taschenbuchausgabe: Oxford University Press, London – Oxford – New York 1973, S. 7. aus dem 2. bis 1. Jh. v. Chr. stammen.„Auf das Problem der Datierung können wir hier nicht im Detail eingehen; es ist, wie bei sehr vielen indischen Texten, kaum oder sehr schwierig zu lösen.“ Michael von Brück (2007), S. 132. Der Textinhalt ist eine Zusammenführung verschiedener Denkschulen des damaligen Indien auf Grundlage der älteren Veden (frühvedische Schriften ca. 1200 v. Chr. bis 900 v. Chr.), der Upanishaden (Spätvedische Schriften ca. 700 v. Chr. bis 500 v. Chr.), des orthodoxen Brahmanismus (ca. 800 v. Chr. bis 500 v. Chr.), des Yoga u. a. m., steht aber den Upanishaden gedanklich am nächsten.Zur Problematik der Entstehung, Einordnung und Datierung vgl. den „Kommentar“ bei Michael von Brück (2007), S. 127ff.

Die Bhagavad Gita ist ein Teil des Mahabharata (Sanskrit: महाभारत, Mahābhārata [mʌhaːˈbʱaːrʌtʌ] „die große Geschichte der Bharatas“, sinngemäß auch „die große Geschichte Indiens“Bhārat Gaṇarājya ist die amtliche Bezeichnung für Indien.), der Schrift über die Familie Bharata (Sanskrit: भारत, bhārata [ˈbʱɑːɻət̪ə]) und deren Nachkommen, im Sinne des Epos vom Kampf der Bhāratas. Der Wagenlenker und Seher Sanjaya (Sanskrit: संजय, saṁjaya, „vollständiger Sieg“) schildert in dem Gesamtepos dem blinden König Dhritarashtra (Sanskrit: धृतराष्ट्र, dhṛtarāṣṭra; „Derjenige, der die Nation trägt“) von Kuru den Kampf der beiden Bharatafamilien, den („guten“) Pandavas und den („bösen“) Kauravas, um die Macht.

In der Bhagavad Gita bildet sich ein Zwiegespräch zwischen Krishna, einer irdischen Erscheinungsform von Vishnu, dem Lehrer, und Arjuna, dem Schüler, ab. Vishnu avancierte in der Zeit der Niederschrift des Werkes neben Shiva zu einem der Hauptgötter des Hinduismus. Krishna gilt als Avatara (Sanskrit: अवतार, avatāra; „Inkarnation, Herabkommen, Manifestation Gottes“), als Inkarnation des Gottes Vishnu auf Erden. In der Rahmenhandlung der Bhagavad Gita legt Krishna als Manifestation des Göttlichen dem jungen Krieger und Prinzen Arjuna auf dem Schlachtfeld zu Kurukshetra die Grundgedanken über das Leben dar. Hierbei zeigt er ihm sein göttliches Wesen und unterweist ihn in Verhaltensregeln zum Erkennen des Göttlichen.

Hindus betrachten die Lehren der Bhagavad Gita traditionell als Quintessenz der Veden.S. Radhakrishnan: Die Bhagavadgita. R. Löwit, Wiesbaden, S. 17. Beim Studium ergeben sich oft scheinbare Widersprüche: Während einige Stellen anscheinend einen Dualismus lehren – die Zweiheit von Natur und Geist, von Gott und Mensch –, lehren andere die Einheit. Durch diese unterschiedlichen Auslegungsmöglichkeiten ist das Gedicht Mittelpunkt für die verschiedensten Glaubensrichtungen. Doch „einen Widerspruch haben die I n d e r in dieser Kombination von Theismus und Pantheismus gar nicht gesehen“Richard Garbe: Bhagavadgîtâ. H. Haessel Verlag, Leipzig 1905, S. 10, das Gesamtziel der hinduistischen Weltanschauungen ist keine Analyse zwecks Separation, sondern Synthese und Integration, es geht nicht um die (Menge von) Information, sondern um die Transformation, „eine Umwandlung, die den Kern seines Wesens berührt“.Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens. Rhein-Verlag, Zürich 1961 S. 19–20. Vgl. ebenda S. 340: „Die Behauptung, es gäbe Unterschiede, weist schon darauf hin, daß da ein begreifender Intellekt am Werke ist. Wahrgenommene Gegensatzpaare spiegeln nicht das Wesen der Dinge, sondern das des wahrnehmenden Verstandes wider. Daher muß das Denken, der Intellekt selbst transzendental werden, um zur wahren Wirklichkeit zu gelangen.“

Die Bhagavad Gita ist als religiös-philosophisches Lehrgedicht in 18 Kapiteln mit 700 Versen überliefert, welches um das 2. Jahrhundert n. Chr. in das Nationalepos Mahabarata eingebunden wurde. Die hauptsächlich verwendete Strophenform ist das Shloka-Versmaß, das rezitiert oder besser gesungen werden kann, daher „Gita“. Sie zählt zu den Smriti (Sanskrit: स्मृति, smṛti f., „was erinnert wird“), das sind die Epen (Dichtung) Itihasa (Sanskrit: इतिहास, itihāsa m.; wörtlich: „so (Iti) wahrlich (ha) ist es gewesen (āsa)“), zu denen neben dem Mahabharata auch noch das Ramayana gerechnet wird.

Formale Aspekte mini|Vier Manuskripte der Bhagavad Gita aus dem 19. Jahrhundert Die Gita, wie sie in Indien verkürzt genannt wird, besteht aus 700 Strophen, die auf 18 Gesänge bzw. Kapitel verteilt sind. Sie ist im etwa 100 000 Strophen umfassenden Epos Mahabharata ein Teil des 6. Buches, welches Bhishmaparva(n) (Sanskrit: भीष्म पर्व, bhīṣma parva; „Buch von Bhishma“) genannt wird; dessen Kapitel 25 bis 42 (nach anderer Zählung 23 bis 40)Je nach Mahabharata-Ausgabe, zur divergierenden Zählung vgl. J. A. B. van Buitenen: The Bhagavadgītā in the Mahābhārata. University of Chicago Press, Chicago – London 1981 (als Übersicht S. 31ff.). werden als eigenständig veröffentlichtes Werk, nämlich die Bhagavad Gita, neu von 1 bis 18 nummeriert.

Der Philosoph Yamunacharya (10./11. Jahrhundert n. Chr.) unterteilte die Schrift in seinem Kommentar Gitartha Sangraha (gītārtha saṅgraha; „Zusammenfassung der Bedeutung der Gita“) in drei Abschnitte mit je sechs Kapiteln, die er thematisch zuordnete.Vgl. Gitārtha Sangraha (Summary of the Teachings of the Bhagavad Gītā) by Yāmunārya, a Great Teacher of the Viṣishtādvaita School of Vedic Religion. With Translation into English and with Explanatory Notes by Diwan Bhahdur V. K. Ramanujachari. Published by the Author, Kumbakonam 1931. Ähnlich verfuhr der Advaita-Vedanta-Anhänger Madhusudana Sarasvati (ca. 1540–1640), bei dem Karma Yoga zum Bhakti Yoga führt, dieses dann zum Jnana Yoga. Das Gliederungsprinzip einer „internen“ inhaltlichen Dreiteilung wurde noch später von mehreren Autoren übernommen.Als Beispiel: „Näher betrachtet zerlegen sich die achtzehn Gesänge in drei deutlich unterschiedliche Teile, einen e t h i s c h e n (I–VI), einen m e t a p h y s i s c h e n (VII–XII) und einen p s y c h o l o g i s c h e n (XIII–XVIII). Der ethische Teil stellt als höchste Aufgabe des Menschen das selbstlose Handeln, der metaphysische zeigt, daß ein solches Handeln die Einswerdung mit Gott zum letzten Ziele hat, und der psychologische Teil schildert in der Prakriti die hemmenden Kräfte, welche überwunden werden müssen, um dieses Ziel zu erreichen.“ Paul Deussen: Der Gesang des Heiligen. Eine philosophische Episode des Mahâbhâratam. F. A. Brockhaus, Leipzig 1911, Einleitung S. VIII.

Alle 18 Kapitel sind ursprünglich ohne Titel und wurden über die Jahrhunderte mit diversen Überschriften durch die Kommentatoren und Übersetzer versehen.

Der größte Teil des Werkes besteht aus zwei Verszeilen, die aufeinander bezogen sind. Jede Verszeile setzt sich aus zwei achtsilbigen Reihen zusammen. Hier als Beispiel der 1. Gesang, Vers 47:

evam uktvārjunaḥ saṅkhye rathopastha upāviśat, visṛjya sa śaraṁ cāpaṁ, śokasaṁvignamānasaḥ. (acht Silben) (acht Silben) (acht Silben) (acht Silben) Und Arjuna sank leiderfüllt Auf seines Wagens Sitz zurück, Der Bogen glitt ihm aus der Hand, Und Gram umflorte seinen Blick.Übersetzung: Robert Boxberger, Neubearbeitung Helmuth von Glasenapp, Reclam

Das Shloka-Versmaß entstammt dem älteren Anuṣṭubh-Metrum und kommt ohne Reime aus. In einigen dramatischen Momenten wird jedoch das vedische Trishtubh-Metrum verwendet, wobei jede Zeile des Couplets Zweiviertelverse mit genau elf Silben hatWinthrop Sargeant: The Bhagavad Gita. 25th Anniversary Edition. Foreword by Huston Smith, Editor's Preface by Christopher Key Chapple. State University of New York Press, Albany/New York 2009 (Suny series in cultural perspectives), S. 8., beispielsweise in Kapitel 11.15–50.

Auf den fragenden König Dhritarashtra entfällt nur der erste Vers, auf den ihm berichtenden Sanjaya (auch: Samjaya) sind es 41, auf den zögernden Helden Arjuna 84 und auf den belehrenden Krishna 574 Shlokas. Im Originaltext tragen Arjuna 21 und Krishna 29 (bzw. 30) verschiedene Beinamen.Vgl. (inklusive Übersetzung der Beinamen) Yogananda: Der Yoga der Bhagavad-Gita. Eine Einführung in die universale indische Wissenschaft der Gottverwirklichung. Self-Realization Fellowship Publishers, Los Angeles 2008, S. 188–189.

Krishna, der Lehrer Es handelt sich um eine Selbstoffenbarung Krishnas, der sich vor Beginn eines großen Krieges, welchen das Mahabharata ausführlich beschreibt, auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra dem Fürsten Arjuna als göttliches oder kosmisches Selbst zu erkennen gibt.

In der hinduistischen Mythologie verkündete Krishna einst dem Sonnengott und Ordner aller Planeten, nämlich Vivasvat (auch: Vivasvān), die Botschaft der Bhagavad Gita, dieser gab sie weiter an Manu, den Vater der Menschheit, dieser dann an seinen Schüler, den Maharadscha Ikshvaku (Ikṣvāku), den König des Planeten Erde. Die „höchste Wissenschaft“ ging jedoch im Laufe der Zeit verloren, daher verkündete Krishna sie erneut, diesmal Arjuna (Kap. 4.1).

Entsprechend der Mythologie leben wir jetzt im Kali-Yuga, dem „dunklen, schwarzen Zeitalter“, das nach Krishnas Tod begann (3102 v. Chr.). Es gibt eine weitere Überlieferung, nach der wir schon im nächsten Zeitalter, dem Dvapara-Yuga, sind. Von Krishna heißt es, er sei gekommen, um den Menschen jene ethischen und philosophischen Unterweisungen zu geben, die für die Zeit dieses Yuga notwendig seien. In Kapitel 4.6–8 verspricht Krishna, immer wieder zu inkarnieren, um Gesetz und Ordnung des Dharma in der Welt zu gewährleisten: