mini|hochkant=1.4|Johann Erdmann Hummel: Die Granitschale im Berliner Lustgarten, 1831, Alte Nationalgalerie Berlin (links: Bauinspektor und Steinmetz Cantian mit Zylinder) mini|Johann Erdmann Hummel: Polierte Granitschale in der mit Dampf angetriebenen Schleifanlage, 1831, Alte Nationalgalerie Berlin Die Große Granitschale im Lustgarten vor dem Alten Museum im Berliner Lustgarten hat einen Durchmesser von 6,91 Metern und ein Gewicht von etwa 75 Tonnen. Sie wird als Biedermeierweltwunder bezeichnetGeschichte des Berliner Lustgartens. DHM und ist mit einem Umfang von 69 Fuß (ca. 21,7 Meter) die weltweit größte aus einem einzelnen Stein gefertigte Schale.

Die Granitschale, die der preußische König Friedrich Wilhelm III. bestellte, sollte zunächst in der Rotunde des Museums aufgestellt werden. Da sie größer wurde als ursprünglich geplant, musste sie vor dem Museum Platz finden. Die Schale war in jener Zeit nicht nur ein viel bestauntes und beachtetes technisches Wunderwerk, das der Maler Johann Erdmann Hummel in mehreren Skizzen und auf Gemälden abbildete, sondern galt auch als „vaterländisches Symbol“, „Kultgestein“ und „Mythos“.

Geschichte mini|Der Große und der Kleine Markgrafenstein in einer Darstellung von 1821 mini|Der Rest des Großen Markgrafensteins, 2005

Auf der Akademie-Ausstellung in Berlin von 1826 zeigte der Bauinspektor und Steinmetz Christian Gottlieb Cantian eine kreisrunde Granitschale mit 6 Fuß (1,83 Meter) Durchmesser und zwei weitere kleinere Schalen aus Stein, an denen der englische Gesandte William Cavendish, 6. Duke of Devonshire Gefallen fand und die ihn veranlassten, eine solche steinerne Schale zu ordern.Es ist allerdings nicht bekannt, ob Cantian den Auftrag des Engländers ausführte und eine zusätzliche Schale angefertigt wurde. Als der preußische König Friedrich Wilhelm III. dies erfuhr, beauftragte er 1826 Cantian, ebenfalls eine solche Granitschale anzufertigen.Einholz 1997, S. 41. Diese sollte die britische Schale übertreffen. Der König fügte hinzu, dass „das größte Produkt der Art im Lande bleiben soll“.Acta Geh. Preuß. Staatsarchiv Nr. 20471, pag. 1. Zit. n. Einholz 1997, S. 41. Cantian sicherte die Lieferung einer Schale mit 17 Fuß (5,34 Meter) Durchmesser zu und betonte, dass sie noch beeindruckender ausfallen werde als „die herrliche Porphyrschale aus Neros Goldenem Haus in der Sala Rotunda des Vatikans“. Der preußische Oberlandesbaurat Karl Friedrich Schinkel plante daraufhin, diese Schale in der Rotunde des im Bau befindlichen Alten Museums aufzustellen, um Besucher dort „für den Genuss und die Erkenntnis“ der Sammlung „empfänglicher zu machen“.Bestätigung Schinkels am 25. November 1826; er schlug weiter vor, die Schale in der Mitte des Raumes auf bronzene Löwen zu stellen. Zit. nach Einholz 1997, S. 58, Anm. 5.

Einen 600 Tonnen schweren Granitblock beim Schulamt Neuendorf/Bezirk Oderberg hatte Cantian zunächst für geeignet gehalten, schon ab 1825 hatte er damit begonnen, ihn zu spalten.Michael Niedermeier: Goethe und der steinige Weg wissenschaftlicher Erkenntnis. In: Gegenworte. Zeitschrift für den Disput über Wissen. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften Heft 9, Frühjahr 2002, S. 84. Da sich der Stein aber als zu spröde erwiesen hatte, entschied sich Cantian für den Großen Markgrafenstein, einen riesigen Findling von schätzungsweise 700–750 Tonnen Gewicht und einem Alter von 1420 Millionen Jahren. Diesen aus rotem Karlshamn-Granit„Schuddebeurs & Zwenger (1992) haben das Gestein als Karlshamn-Granit identifiziert. Dieser kommt aus dem mittleren Südschweden und ist etwa 1240 Millionen Jahre alt. Ihre Bestimmung ist mittlerweile mehrfach bestätigt worden.“ Zit. n. Ferdinand Damaschun, Uwe Jekosch, J. H. Schroeder: Die große Granitschale im Lustgarten. S. 119, Führer zur Geologie von Berlin und Brandenburg, Nr. 6., hrsg. v. J. H. Schroeder, Selbstverlag Geowissenschaftler in Berlin und Brandenburg e. V., Berlin 2006, ISBN 3-928651-12-9. bestehenden Findling hatte die Saale- oder Weichseleiszeit aus Karlshamn im mittleren Südschweden bis auf die Stauchendmoräne der Rauenschen Bergen transportiert, wo sich ein weiteres Großgeschiebe aus Karlshamn-Granit befindet (Zwenger 2000).

Der Rohling für die Granitschale wurde im September 1827 vom größeren der beiden Markgrafensteine abgespalten. Cantian teilte dem König nach erfolgreicher Spaltung mit, dass nach ersten Untersuchungen eine Größe der Schale von 22 Fuß (6,90 Meter) möglich sei, und er möge befehlen, wie er vorzugehen habe. Der König ordnete die Größe von 22 Fuß an.Acta Nr. 20471, pag. 46. Zit. n. Einholz 1997, S. 58 Anm. 6. Die Schale in dieser Größe passte nunmehr nicht mehr in die Rotunde und brachte Schinkel in eine schwierige Situation, weil einerseits die Schale den Mittelpunkt der Rotunde bilden sollte, andererseits die Raumästhetik von einer solch großen Schale negativ beeinträchtigt werden könnte. Schinkel schlug deshalb vor, die Schale vor der Freitreppe des Museums in ein Halbrund zu stellen, und legte dem König zur Entscheidungsfindung Zeichnungen der Rotunde mit den unterschiedlich großen Schalen vor.Zeichnung Schinkels in Acta Nr. 20471, pag, 13 vom 4. September 1827. Zit. n. Einholz 1997, S. 58 Anm. 7. Nach mehrfachem Vortrag konnte Schinkel den König überzeugen und dieser genehmigte schließlich am 21. Februar 1829 die Aufstellung im Freien.Einholz 1997, S. 43.

Granit als vaterländisches Symbol, Kultgestein und Mythos mini|Granitschale und Museum, vor 1854 mini|Lustgarten mit Schale im Jahr 1913, im Hintergrund das Stadtschloss

Mit der Ausprägung der Nationalstaaten in den vor- und nachnapoleonischen Zeiten entwickelten Herrscher öffentlich sichtbare Symbole von Macht, Einfluss und Größe. Entsprechend dieser Denkweise wurden in Ägypten und anderen antiken Regionen alte Baudenkmale abgebaut und in europäischen Metropolen aufgestellt, und wenn man davon nichts abbekam oder noch mehr haben wollte, wurden neue Objekte geschaffen; eben auch die Berliner Schale. Sibylle Einholz, die 1997 den Auftrag erhielt, die Eigentumsverhältnisse der Granitschale zu klären, stellt das Biedermeierweltwunder in einen umfassenderen Zusammenhang. Die bisherige Betrachtung der Großen Granitschale als Biedermeierweltwunder, als technisches Wunderwerk der Bearbeitung und des Transports der Schale durch Cantian und dessen künstlerische Würdigung durch den Maler Hummel reiche nicht aus. Sie wertet Granit darüber hinaus als Bedeutungsträger in der Biedermeierzeit, als „vaterländisches Symbol“, „Kultgestein und Mythos“. Ferner hat der Aufstellungsort der Schale eine besondere Bedeutung.

Vaterländisches Symbol Neben der Faszination des äußeren Erscheinungsbildes von Granit in seinen unterschiedlichen Farben und glänzenden Reflexionen wurden in der Biedermeierzeit diesem Gestein menschliche Eigenschaften zugeordnet, so Einholz. Granit ließ sich mit den damals üblichen Arbeitsweisen und Werkzeugen nur schwer bearbeiten und bis zur Politur bringen. Granit bildete somit ein Symbol für Festigkeit und Standhaftigkeit. Diese These wird dadurch belegt, dass Friedrich Wilhelm III. am 1. September 1818 bei der anstehenden Entscheidung über den Entwurf des Lutherdenkmals in Wittenberg auf einem Sockel aus Granit beharrte, weil nur dieses Material für ihn dem Charakter Luthers von unerschütterlicher Festigkeit gleichkomme.Einholz 1997, S. 52.

Sie weist darauf hin, dass Granitfindlinge nicht nur mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet, sondern auch mit dem Attribut „vaterländisch“ versehen wurden. So schrieb Johann Gottfried Schadow 1818 an Goethe über das geplante Blücher-Denkmal in Rostock, dass „das Piedestal von neun Fuß (2,82 Meter) aus vaterländischem Granit“ für ihn nur in Mecklenburger Granit zur Ausführung kommen könne. Goethe sah sich dabei in seinem Aufsatz „Granitarbeiten in Berlin“ (1828) in seiner alten These bestätigt, dass die riesigen Findlinge nicht von fern her kamen, sondern „an Ort und Stelle sind sie liegen geblieben, als Reste großer in sich selbst zerfallener Felsmassen“.zit. nach: Niedermeier 2002, S. 82. Cantian selbst präsentierte seine Arbeiten in Ausstellungskatalogen der Akademie als aus „vaterländischen Granit“.Einholz 1997, S. 59 Anm. 21 und 22. Die Devise bzw. der „nationale Index“ war die „größte Schale aus größtem Granitfund“, so Einholz.Einholz 1997, S. 59 Anm. 22. Vergleichbarer Monumentalismus scheiterte am geplanten Blücher-Mausoleum, das von einer Kuppel mit dem Durchmesser von 4,25 Metern nach dem Vorbild des Theoderichgrabmals in Ravenna aus einem Granitfindling namens „Blücherstein“ vom schlesischen Zobtenberg überdacht werden sollte. Das misslang gänzlich, weil sich der 650 Tonnen schwere Granitblock wegen technischer Schwierigkeiten nicht transportieren ließ.

Die regional aufzufindenden Granitfindlinge wurden in der Biedermeierzeit zu Nationalsymbolen überhöht. Die Verklärung des Granits zeigte sich unter anderem darin, dass der König von Preußen Granit ohne Angabe eines Verwendungszwecks aufkaufte. Alle Teile des Markgrafensteins fanden prominente Verwendungszwecke.Acta Nr. 20471, pag. 145. Zit. n. Einholz 1997, S. 59 Anm. 23.

Kultgestein, Mythos und Aufstellungsort Dass Granit zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum „Kultgestein“ stilisiert wird, liegt für Einholz darin begründet, dass es im Biedermeier eine feststellbare Ambivalenz zu überkommenen Kulten gab. Die beiden Porphyrwannen aus den Trümmern der Diokletiansthermen, die Wilhelm von Humboldt 1810 in Rom für das Museum erworben hatte, sollten als Sarkophage der Königsfamilie dienen. Die Anknüpfung an die Bestattungstraditionen der Römischen Antike und der florentinischen Medici war beabsichtigt. Diese These wird an anderer Stelle bestätigt:Dietmar Reinsch: Natursteinkunde. Eine Einführung für Bauingenieure, Architekten, Denkmalpfleger und Steinmetze. Enke, Stuttgart 1991, ISBN 3-432-99461-3, S. 124.

Des Weiteren haben Granit und Porphyr einen identischen Mineralbestand und sind beide rötlich gefärbt. Die Parallelen sind offensichtlich, zudem war die Porphyrschale Cantian bekannt, der ja bekanntlich eine noch „herrlichere“ herstellen wollte.

Ferner wurde der „Heilige Berg Schlesiens“, der Zobtenberg, als Ort des Blücher-Denkmals vorgeschlagen, auf dem sich seit dem 5. Jahrhundert keltische und germanische Kultstätten befanden. Schadow hatte hierfür einen Entwurf gefertigt, der sich nicht verwirklichen ließ.Einholz 1997, S. 53. Einholz leitet aus Goethes Schrift über Granit von 1828 ab,Einholz 1997, S. 55.

Zunächst war die Aufstellung der Schale an der exponiertesten Stelle innerhalb des Museums geplant und der Wechsel direkt vor den Eingang des Museums lässt vermuten, dass es einen tiefen Bezug zu diesem Ort gibt. Die Schale ist nicht nur Teil der Architektur des Museums, sondern transferiert Inhalte. Einholz interpretiert Goethe dahingehend,

Darüber hinausgehend sieht sie einen überzeitlichen Zusammenhang:Einholz 1997, S. 56.

Anfertigung der Granitschale mini|Großer Markgrafenstein: N = ursprüng­liche Lage, S = nach der ca. 90°-Drehung, ac bzw. bd = 5 Fuß (1,57 Meter) dicker Rohling Vorgangsbeschreibung unter #Steinspaltung mini|Profil der Schale mini|Federzeichnung von Cantian: Drehen der Schale in den Rauenschen Bergen. Der Schalenkörper ist auf der Skizze links etwa 30° als heller Balken schräggestellt erkennbar; er wird von mehreren Männern unterstützt. Links auf der Spitze des Felsen auf einem Balken hat sich vermutlich Cantian wiederum selbst dargestellt, der die Kommandos an die rechts und die rechts darunter befindlichen Arbeitskräfte an den Winden gibt.