Maximilian Paul Ernst Berthold Schneidewin (* 24. Februar 1843 in Göttingen; † 22. Januar 1931 in Hameln) war ein evangelischer Theologe, Philosoph, Klassischer Philologe und Gymnasiallehrer. Sein Vater war der klassische Philologe Friedrich Wilhelm Schneidewin, einer seiner Söhne der Jurist Karl Schneidewin.
Leben Schneidewin besuchte von 1851 bis 1860 das Göttinger Gymnasium. Er war in dieser Zeit mit Albert Möser (1835–1900) und Eduard Grisebach befreundet. Beide wurden später Schriftsteller. Durch Möser lernte Schneidewin Schopenhauers Philosophie kennen. Von 1860 bis 1863 studierte er in Göttingen alte Sprachen und Philosophie und freundete sich mit dem späteren Goetheforscher Veit Valentin an. 1863 legte er die Oberlehrerprüfung ab.
1864 begann er sein Probejahr am Friedrich-Wilhelms-Gymnasium in Berlin. Von 1865 bis 1867 arbeitete er dort als Hilfslehrer. Zu seinem Berliner Freundeskreis gehörten der Dichter Hans Herrig und der spätere Gymnasiallehrer und Antisemit Bernhard Förster. 1865 promovierte er zum Doktor der Philosophie. 1867 erhielt er die Stelle eines Oberlehrers am Gymnasium in Arnstadt in Thüringen.
mini|Klütstraße 18, Schneidewins Wohnhaus in Hameln
1870 siedelte er nach Hameln um, wo er bis zu seinem Tode lebte. Er unterrichtete dort 41 Jahre (1870–1911) lang am Schiller-Gymnasium überwiegend in den Fächern Latein und Griechisch. Schneidewin soll die alten Sprachen besser als seine Muttersprache beherrscht haben, bemerkte der Philosoph und ehemalige Schüler Theodor Lessing in seinen Lebenserinnerungen Einmal und nie wieder.Theodor Lessing: Einmal und nie wieder: Lebenserinnerungen. Prag 1935 (E-Text der Ausgabe 1965). Am 14. Juni 1887 wurde Schneidewin der Titel eines Professors verliehen.
Neben seiner Lehrtätigkeit publizierte er vielseitig zu philosophischen, literarischen und tagespolitischen Themen und hielt Vorträge. Er schrieb Beiträge für die Preußischen Jahrbücher und die Berliner Tageszeitung Der Tag aus dem Verlag August Scherl. Im „Tag“ äußerte sich Schneidewin sehr positiv über den Philosophen Eduard von Hartmann.
Schneidewin starb am 23. Januar 1931 in Hameln und wurde dort beerdigt. Er hinterließ seine Frau Adolfine, geborene Koch, und drei Kinder. Der Sohn Wilhelm arbeitete als Studienrat in Norden in Ostfriesland und Sohn Karl als Reichsanwalt in Leipzig. Die Tochter Sophie war als Studienrätin in Bad Oeynhausen tätig.
mini|1943 installierte Gedenktafel „Professor Max Schneidewin 1843–1931“
1943 ehrte ihn die Stadt Hameln zu seinem 100. Geburtstag mit einer Gedenktafel an seinem Wohnhaus in der Klütstraße 18.Gunnar Anger: Max Schneidewin. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL).
Wirken Schneidewin war ein umfassend ausgebildeter Gelehrter. Er galt als Experte für klassische Philologie. Mit zahlreichen Veröffentlichungen, selbstständig und in Zeitschriften, beteiligte er sich am Austausch seiner Zeit über philosophische, schulpädagogische, philologische und politische Themen und fiel mit seinen Ideen aus dem Rahmen des Üblichen.Grundlage der folgenden zwei Abschnitte ist der Artikel von Gunnar Anger: Max Schneidewin. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Er kann zu den Pragmatikern des 19./20. Jahrhunderts gezählt werden. Er lehnte metaphysische und religiöse Konzepte für die Philosophie ab. Kant folgte er insofern, als für ihn Wissen, bzw. Erkennen aus Anschauung und Denken entsteht.Vgl. zum deutschen Pragmatismus Johannes Hirschberger: Geschichte der Philosophie Band II, Frechen o. J. (Lizenzausgabe Herder) S. 538–541.
Als Lehrer Schneidewin war ein loyaler Beamter. Den autoritativen Unterrichtsstil seiner Kollegen teilte er nicht. Sein persönliches Ansehen stand für ihn nicht im Mittelpunkt. Er hatte vor allem den Wunsch, seinen Schülern seine Kenntnisse zu vermitteln. Diese jedoch schätzten seine verblüffende Gelehrsamkeit gering. Sie nutzten seinen sachbezogenen und freundlichen Unterrichtsstil aus, um sich „für die eherne Zucht“ bei anderen Lehrern schadlos zu halten. Während er sich auf das Thema konzentrierte, kam es immer wieder zu Attacken im Unterricht, auf die er erst reagierte, wenn sie zu heftig wurden – dann allerdings erfolglos. Die Unterstützung durch die Schulleitung, um die er bat, blieb aus.
Schneidewin engagierte sich für Schüler mit Schwierigkeiten. Sein Schüler, der spätere Dichter und Philosoph Theodor Lessing, nannte ihn seinen Lieblingslehrer. Lessing zeigte im Zusammenhang mit Familienproblemen ein auffallend negatives Lernverhalten, dem kein Nachhilfeunterricht beikam. Erst der Kontakt mit Schneidewin setzte Lessing in die Lage, das Abitur abzulegen. Er trat für seinen Lieblingslehrer ein und prügelte sich sogar in den Pausen für ihn. Schneidewin war der einzige Lehrer, der „mich ermutigte zu allem, was man bis dahin als ‚Alotria‘ und als ‚brotlose Kunst‘ mir hatte austreiben wollen: Versemachen, Träumen, Philosophieren.“ Ihre Freundschaft dauerte trotz unterschiedlicher politischer und philosophischer Auffassungen dreißig Jahre lang bis zum Tode Schneidewins.
Als Autor Seine umfangreiche literarische Tätigkeit machte Schneidewin deutschlandweit bekannt, zum einen durch philologische Veröffentlichungen, beispielsweise Wörterbüchern zu einzelnen Autoren (Homer und Cicero), und vergleichende Untersuchungen klassischer Texte. 1875 erschien das zusammen mit Berthold Suhle verfasste Handwörterbuch für die ganze griechische Literatur, das auch Wilhelm Pape für sein Handwörterbuch der griechischen Sprache miteinbezog.
Er schrieb Bücher zur antik-klassischen Schulbildung (Das humanistische Gymnasium, 1923) und literarisch-philosophische Beiträge zu klassischer Literatur (Die homerische Naivetät, 1878; Horazische Lebensweisheit, 1890) und neuer klassischer Literatur (Skeptische Gedanken zu Faust, 1909). Kollegen wie den Göttinger Philologen Ernst von Leutsch sowie den Goetheforscher und Kunsttheoretiker Veit Valentin würdigte er in Monographien. Es erschienen Aufsätze über die meistgelesene Autorin seiner Zeit, Ida Hahn-Hahn, und ein Nachruf auf die österreichische Pazifistin Bertha von Suttner.
Seine philologisch orientierten Schriften wurden einerseits positiv gewürdigt. Man lobte seine Sachkenntnis, seine herausragende Fachkompetenz und seinen ansprechenden Stil. Andererseits wurde die Einseitigkeit und der „kleinliche“ und ermüdende Gedankengang seiner Darstellung Antike Humanität bemängelt.
Schneidewin äußerte sich ferner zu aktuellen politischen Themen. In Hameln soll er 1899 der einzige gewesen sein, der den übertriebenen Nationalismus der örtlichen nationalen Vereine laut kritisierte. Die Treue zu Deutschland, so Schneidewin, entarte dort zur „Pudelnärrischkeit“ und sei deutlich antisemitisch. Dies zeige sich am Inhalt des neuen Nationalliedes, das sich seit 1841 zunehmender Beliebtheit erfreute.Vgl. Wilfried Altkrüger, Bernhard Gelderblom: „Das Volk in Waffen“. Veröffentlichung des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e. V.
Er beschrieb die negativen Auswirkungen der stärker werdenden nationalistischen Tendenzen seiner Zeit (Gegen die Nationalisierung der Philosophie, 1916). Er nahm Stellung, ob Antisemitismus oder Philosemitismus sinnvolle politische Lösungen sein könnten (Die jüdische Frage im Deutschen Reich, 1894). 1909 erschien seine Schrift Pro pace zum Thema Frieden und einer kritischen Darstellung von Voraussagen über einen kommenden Krieg. 1919 veröffentlichte er eine Monographie zum Für und Wider des Frauenstimmrechts.
Schneidewin beschäftigte sich schließlich mit religiösen Fragen. 1902 erläuterte er im „Tag“ seine Folgerungen aus der historisch-kritischen Bibelforschung des 19. Jahrhunderts. Die neutestamentliche Exegese habe ergeben, dass sich das Jesus-Bild der urchristlichen Gemeinden deutlich von dem des institutionalisierten (amtlichen) Christentums der Gegenwart unterscheide. Das, was heute von kirchlichen Autoritäten beispielsweise über Erbsünde und die göttliche Leitung des menschlichen Lebens geäußert werde, habe „Christus noch nicht in seinem Bewusstsein getragen“. Zusammen mit diesen Ergebnissen, den Lehren Keplers und Kopernikus’ und philosophischen Ideen von Giordano Bruno und Baruch de Spinoza über Unendlichkeit sei es nötig, ein neues Gottesbild zu verkünden.
Er schlug vor, eine Religiosität anzustreben, die von der „Gesinnung jedes Einzelnen für Gott“ getragen werde, anstatt von der Erwartung auf das Handeln eines Gottes, der vermeintlich alles für den Menschen tue.
Philosophie Schneidewins pragmatisches Philosophieren war mit Themen verbunden, die im Zusammenhang mit weltanschaulichen Fragen in seiner Zeit standen. Er befasste sich mit der Idee der Unendlichkeit, verstand die antiken Texte, um die sich sein Unterricht drehte, als Anregung für mögliche Antworten auf gegenwärtige Probleme und nahm Stellung zu aktuellen Fragen wie Nationalismus, Antisemitismus und Gleichberechtigung der Frauen.
Er trat für ein autodidaktisches Philosophieren ein. Den Anspruch der Universitäten, sie allein bildeten Philosophen korrekt aus, hielt er für unberechtigt. Philosophen, so schrieb er in seiner Veröffentlichung über Arthur Schopenhauer, Eduard von Hartmann und Adolf Steudel,Indexeintrag bei der Deutschen Biographie. zeichneten sich vor allem dadurch aus, sich den großen Fragen, was Menschen wissen können, zu widmen, ferner den Bedingungen und der Veränderbarkeit des menschlichen Denkens. Philosophen hätten das innere Bedürfnis, klare Antworten zu finden. Dies gehe weit über jedes literaturwissenschaftliche Interesse hinaus. Die Lektüre anderer Philosophen gehöre selbstverständlich dazu, um den Stand der eigenen Wissenschaft zu kennen. Gott spiele in seinem Philosophieren keine Rolle, er sei ein Philosoph, der das eigene Denken, bzw. die eigene Vernunft dem Gehorsam gegenüber Autoritäten vorziehe.Vgl. Drei populär-philosophische Essays. Hameln 1883, insbesondere S. 4 f., 7–9, 26–29.
Die Idee der Unendlichkeit und ihre Folgen 1900 veröffentlichte Schneidewin „Die Unendlichkeit der Welt nach ihrem Sinn und nach ihrer Bedeutung für die Menschheit. Gedanken zum Angebinde des dreihundertjährigen Gedächtnisses des Martyriums Giordano Bruno’s für die Lehre von der Unendlichkeit der Welt.“ 1909 erschien eine weitere Auflage. Anlass für diese Veröffentlichung war das Buch des dänischen Historikers und Philosophen Troels Troels-Lund (1840–1921) „Himmelsbild und Weltanschauung im Wandel der Zeit“ 1899. Es berührte ein Thema, das Schneidewin schon mit 25 Jahren beschäftigt und ihn 1867 zu der Veröffentlichung „Die kopernikanische Wahrheit und das christliche Dogma“ veranlasst hatte. Theologen seiner Zeit behaupteten ungeachtet der Kopernikanischen Wende immer noch, dass die Erde der Mittelpunkt des Sonnensystems sei. Lund, der ähnliches – wie Schneidewin für Deutschland – für Dänemark feststellte, schloss mit seinem Buch an das brisante Thema an. Mit den Lehren des Nikolaus Kopernikus und Johannes Keplers sei – so Lund – eine neue Epoche angebrochen: Man müsse nun endlich davon ausgehen, dass unser Kosmos unendlich sei.
Die Kirche habe recht, wenn sie die Schriften des Kopernikus als Gefahr für ihre Lehre betrachte. Denn die ganze Erlösungsgeschichte setze voraus, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei. Mit Lund teilte Schneidewin die Auffassung, dass eine Veränderung dieses Weltbildes nicht einfach zu leisten sei. Seit zweihundert Jahren seien die neuen Beschreibungen des Kosmos bekannt, aber alles gehe weiterhin seinen gewohnten Gang. Auch die Philosophen ignorierten im Allgemeinen den kosmischen Gedanken. Die antiken kosmologischen Konzepte, wie sie Lukrez veröffentlicht hatte, waren wegen erwiesener Gottlosigkeit und infolge der Dominanz christlicher Sichten nicht in Gebrauch gekommen. Genauso wenig die Ideen Giordano Brunos und Baruch de Spinozas.