Hesselbach ist ein Ortsteil der Stadt Oberzent (bis zum 1. Januar 2018 Ortsteil von Hesseneck) im südhessischen Odenwaldkreis. Der Ort hat rund 170 Einwohner und liegt im südöstlichsten Zipfel von Hessen in unmittelbarer Nähe des Dreiländerecks zwischen Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Überregional bekannt wurde Hesselbach durch die bedeutenden provinzialrömisch-archäologischen Ausgrabungen, die von 1966 bis 1968 dort stattfanden.

Geographische Lage mini|Blick auf Hesselbach von Norden (Januar 2011) mini|Blick auf das Dorfzentrum (Januar 2011) mini|Pension im Dorfzentrum (Januar 2011) mini|Restauriertes Gehöft an der „Römerstraße“(Juni 2011) mini|Nebengebäude eines landwirtschaftlichen Betriebes (Juni 2011) mini|Südlicher Ortsrand (Juni 2011) mini|Nordwestlicher Ortsrand (Juni 2011)

mini|Landschaft am südlichen Ortsrand (Juni 2011) Der Ort befindet sich in einer Ausbuchtung der hessischen Landesgrenze, die das südwestlich angrenzende Badisch-Schöllenbach umfasst. Von hier über Süden bis Südosten liegt Baden-Württemberg und im Nordosten grenzt Bayern an. Hesselbach bildet eine quasi-Exklave Hessens, da das Gebiet von Hessen aus nur über Badisch-Schöllenbach oder über eine von Würzberg aus teilweise über bayerisches, zur Gemeinde Kirchzell gehörendes Gebiet verlaufende Privatstraße zu erreichen ist.

Im Westen liegen die Ortsteile Kailbach und Schöllenbach sowie im Südosten Schloss Waldleiningen in der Gemarkung von Mörschenhardt (Baden-Württemberg). Seit 1837 kennzeichnet ein 1,3 m hoher Grenzstein das Dreiländereck, an dem die Grenzen von Baden, Bayern und Hessen zusammenstoßen. Umgeben von Weide- und Ackerland, Streuobstwiesen, sowie einem kilometerbreiten Kordon dichter Mischwälder liegt Hesselbach in durchschnittlich knapp unter 500 m NHN auf einem leicht nach Süden, steil nach Osten und Westen hin abfallenden Hochplateau im Buntsandsteingebiet des Odenwaldes. Dieses Hochplateau ist Teil der nord-südlich durch den Odenwald verlaufenden Höhenkette, die sich zwischen Mümlingtal und Ittertal im Westen sowie zwischen Maintal, Mudtal und Elztal im Osten erhebt.

Geschichte Ur- und Frühgeschichte Wie in der gesamten Region gibt es auch in der Gemarkung Hesselbach keine Spuren vorrömischer, menschlicher Besiedlung. Die seit jeher mit nur wenig fruchtbaren Böden bedeckte, von dichten Wäldern bewachsene Region bot den Menschen der Frühzeit keinerlei Anreiz, sich dort aufzuhalten.

Römerzeit Erst etwa vom Jahr 100 bis zum Jahr 160 n. Chr. wurde der Platz, an dem später Hesselbach entstehen sollte, Standort einer römischen Grenzgarnison des heute so genannten Odenwaldlimes. In dieser Zeit befand sich dort die Fortifikation eines Numerus, einer zwei Centurien, also rund 160 Mann starken Auxiliareinheit. Die unter der Leitung von Dietwulf Baatz stehenden Kastellgrabungen der Jahre 1966 bis 1968 und die daraus resultierende PublikationSiehe auch Dietwulf Baatz: Kastell Hesselbach und andere Forschungen am Odenwaldlimes. (Limesforschungen, 12). Gebr. Mann, Berlin 1973. waren wegweisend für die Provinzialrömische Archäologie und machten Hesselbach zum „Referenzkastell“ für den gesamten Odenwaldlimes.

Mittelalter Die nach dem Ende der römischen Herrschaft im Jahre 260 folgenden Jahrhunderte bis zum Hohen Mittelalter liegen wieder im Dunkeln. Weder schriftliche noch archäologische Quellen geben Zeugnis von einer möglichen Besiedlung. Vermutlich war die Gegend siedlungsleer. Zwar drangen die nach den Alamannen ab dem 5. Jahrhundert das Land beherrschenden Franken tief in den Odenwald ein, siedelten dort und teilten das Gebiet in Gaue ein, ihre Besiedlungsaktivitäten beschränkten sich jedoch auf Gegenden mit ausreichend fruchtbaren Böden. Der Hintere Odenwald mit seinen kargen Buntsandsteinböden bot ihnen keine ausreichende wirtschaftliche Basis.

Hesselbach wurde vermutlich zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert durch das Benediktinerkloster Amorbach auf einer neu gerodeten Fläche etwas abseits des ehemaligen Kastellplatzes gegründet und als Waldhufendorf angelegt. Form und Lage der Hufen (oder „Huben“) lassen sich noch heute im siedlungsgeographischen Bild und in Flurkarten deutlich erkennen. Sie erstreckten sich in langen, schmalen Streifen zwischen den Gemarkungsgrenzen. Ihre Größe betrug in Abhängigkeit von der Bodenqualität zwischen 15 und 40 Hektar. Sie waren so bemessen, dass sie jeweils einer Bauernfamilie die Existenz sicherten. Der Aufbau der Hufen von Gemarkungsgrenze zu Gemarkungsgrenze folgte dem Schema Wald – Ackerland – Wiese – Baumgarten – Hofreite – Baumgarten – Wiese – Ackerland – Wald, wobei die Hofreite mit Brunnen an der tiefsten Stelle des Geländes lag. Voneinander waren die Huben durch Hecken, Zäune oder so genannte Stellsteine (vgl. weiter unten) getrennt.Eberhard Rosewick: Hesselbach. Ortsgeschichte eines Höhendorfes im Hinteren Odenwald. Hesselbach, 1949, S. 19.

Ab dem 12. Jahrhundert scheinen die Herren von Durne als Besitzer der so genannten „Oberen Cent“, auf deren Gebiet sich Hesselbach befand, für das Dorf eine gewisse Rolle gespielt zu haben, bis sie im Jahr 1271 ihre Rechte an das Erzbistum Mainz verkauften, bei dem die Landesherrschaft bis 1803 verblieb. Daneben besaßen aber auch das Kloster Amorbach und insbesondere, seit der Mitte des 14. Jahrhunderts als Lehen der Kurpfalz, die Schenken und späteren Grafen von Erbach als Grundherren und Besitzer der „Unteren Cent“ weitgehende Rechte an dem Ort. Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung Hesselbachs erfolgte 1334 unter dem Namen Heselbuch.Darüber hinaus sind auch die Schreibweisen Heselbüch (1415), Hesselbuch (1435 und 1465), Haselbuch (1443), Heselbach (1443 und 1517), Hesselbach (erstmals 1487), Hasselbach (1607), Haiselbach (1656) und Hässelbach (1668) urkundlich überliefert.Nach Eberhard Rosewick: Hesselbach. Ortsgeschichte eines Höhendorfes im Hinteren Odenwald. Hesselbach, 1949, S. 80. Während die obere Gerichtsbarkeit bis zum beginnenden 19. Jahrhundert kontinuierlich beim Erzbistum Mainz – ausgeübt durch Mudau als Hauptort der „Mudauer Cent“ – verblieb, sorgten die komplizierten Besitzverhältnisse zwischen dem Kloster Amorbach und dem Hause Erbach für permanenten Streit um die Zuständigkeit für die untere Gerichtsbarkeit in Hesselbach und die daraus resultierenden Einkünfte.Eberhard Rosewick: Hesselbach. Ortsgeschichte eines Höhendorfes im Hinteren Odenwald. Hesselbach, 1949, S. 19–33.

1395 bestand Hesselbach aus 13 Hufen, 1440 aus 15 Hufen und einer „Hofstatt“ ohne größeren Grundbesitz. Auf der einen Seite hatte sich der Hofbestand durch Erbteilung zwar erhöht, auf der anderen Seite befanden sich aber mehrere Hufen in einer Hand, so dass man insgesamt von einem schwachen Bevölkerungsrückgang ausgehen kann. Zu dieser Zeit hatte der Schultheiss des Klosters Amorbach den Vorsitz bei den Zentgerichten. Die Einnahmen aus deren verhängten Geldbußen wurden im Verhältnis zwei Drittel zu ein Drittel zwischen Amorbach und Erbach geteilt und auch bei der Aufteilung des großen und des kleinen Zehnts kam dieser Verteilungsschlüssel zur Anwendung.

Neuzeit Bedingt durch seine Zugehörigkeit zum Kloster Amorbach blieb Hesselbach während der Reformation (ab 1517) katholisch, im Gegensatz zu allen anderen Dörfern der Grafschaft Erbach. Diese Besonderheit zeigt sich bis heute, dass Hesselbach eine eigene Pfarrgemeinde bildet, die auch die übrigen ehemaligen Hessenecker Ortsteile umfasst.

Bedeutende Ereignisse des Deutschen Bauernkriegs (1525), wie die Ernennung Götz von Berlichingens zum Hauptmann des „Odenwälder Haufens“ in Buchen, die Erstürmung und Plünderung Amorbachs und der Burg Wildenberg spielten sich zwar in der nächsten Umgebung Hesselbachs ab, jedoch ohne dass der Ort unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wobei natürlich nicht auszuschließen ist, dass sich der ein oder andere unzufriedene Hesselbacher Bauer an den Aktionen der Aufständischen beteiligt haben mag.

Im Dreißigjährigen Krieg, dessen mittelbare Folgen – wie Hungersnöte und Seuchen – die Bevölkerung nahezu ausrotteten, lag der Ort für etwa 15 Jahre wüst, nachdem er durch Feuer völlig zerstört worden war. Ungesichert ist die Überlieferung, nach dem Kriege habe nur noch eine Familie in Hesselbach gelebt.Nach E. Rosewick laut einer Pfarrchronik aus dem Jahre 1908. Vom beginnenden Wiederaufbau zeugte die Inschrift –AN 1662 NO– auf dem Eichenbalken eines Hesselbacher Hauses, die bis zu einer Renovierungsmaßnahme 1934 noch zu sehen gewesen sein soll.Eberhard Rosewick: Hesselbach. Ortsgeschichte eines Höhendorfes im Hinteren Odenwald. Hesselbach, 1949, S. 33–38. Aus den Jahren 1656 und 1668 liegen Urkunden, 1656 und 1668. vor, denen zufolge Hesselbach je zur Hälfte dem Kloster Amorbach und der Grafschaft Erbach gehörte (1656), bzw. dass diese sich die Niedere Gerichtsbarkeit zu teilen hatten (1668). Der Erzbischof von Mainz besaß die ausschließlichen Jagdrechte (1656) und die durch Mudau ausgeübte Hohe Gerichtsbarkeit (1668), der Kirchenbesuch der Hesselbacher musste in Mudau erfolgen (1656). Eine neue, eigene Kirche wurde erst 1766 erbaut (vgl. weiter unten).Eberhard Rosewick: Hesselbach. Ortsgeschichte eines Höhendorfes im Hinteren Odenwald. Hesselbach, 1949, S. 33–41.

1803 wurde Hesselbach vorübergehend dem kurzlebigen Fürstentum Leiningen zugeschlagen, bevor es 1806 zum Bestandteil des Großherzogtums Hessen wurde. In der Folge gehörte es zu dessen Nachfolgestaaten, von 1918 bis 1934 zum Volksstaat Hessen und – nach kurzer Zugehörigkeit zum Nazi-Gau Hessen-Nassau (1934 bis 1945) und zur Amerikanischen Besatzungszone (1945 bis 1949) – seit 1949 zum Bundesland Hessen.

Die Jahre um die Mitte des 19. Jahrhunderts brachten landesweit große Teuerungsraten mit sich, durch die es auch in Hesselbach zu heftigen sozialen Schieflagen kam. Der Bürgermeister des Dorfes musste auf Geheiß des Landratsamtes Erbach große Mengen Lebensmittel kaufen, um sie der ärmeren Bevölkerung kostenlos zu überlassen. Etwa zeitgleich wandte er sich seinerseits an das Landratsamt mit der Bitte um die Lieferung von Spinnrädern, mit denen sich bedürftige Einwohner ihren Lebensunterhalt erwirtschaften sollten. Eine weitere Folge des sozialen Elends im 19. Jahrhundert war ein drastischer Anstieg der Geburten von unehelichen Kindern. Hatte in Hesselbach deren Anteil an den Gesamtgeburten in den 1810er Jahren noch bei 9 % gelegen, so stieg er in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich an, bis er in den 1850er Jahren mit 31 % seinen Höhepunkt erreichte. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts normalisierte sich die Situation wieder.Eberhard Rosewick: Hesselbach. Ortsgeschichte eines Höhendorfes im Hinteren Odenwald. Hesselbach, 1949, S. 84f. Dekade Anzahl Gesamtgeburten Anzahl unehelicher Geburten Anteil unehelicher Geburten1811 bis 18205459,3 %1821 bis 183038923,7 %1831 bis 1840701217,1 %1841 bis 1850791721,5 %1851 bis 1860621930,7 %1861 bis 1870811417,3 %1871 bis 18809577,1 %1881 bis 18906259,7 %

1905 erhielt der Ort Anschluss ans Telefonnetz, 1927 erfolgte die Elektrifizierung. Im Herbst 1922 legte eine Wasserknappheit nicht gekannten Ausmaßes das Dorfleben lahm. Trinkwasser musste in Schöllenbach aus der Euter in Fässer gepumpt werden, die mittels Pferdefuhrwerken mühselig nach Hesselbach geschafft wurden. Eine ähnlich starke Trockenheit gab es noch einmal im Jahr 1976.Eberhard Rosewick: Hesselbach. Ortsgeschichte eines Höhendorfes im Hinteren Odenwald. Hesselbach, 1949, S. 78.