Ultravox war eine 1974 in London gegründete britische Band, die zu den bedeutendsten und stilbildendsten Bands der New-Wave- und New-Romantic-Bewegung gehört. 1979 wurde Gründungsmitglied und Sänger John Foxx von Midge Ure abgelöst und die kommerziell erfolgreichste Phase eingeleitet. Von 1980 bis 1986 verzeichnete die Band mit Songs wie Vienna, Hymn und Dancing with Tears in My Eyes mehrere Top-Ten-Platzierungen in zehn europäischen Ländern, Australien, Neuseeland und Südafrika. Das stilistische Konzept wechselte Ende der 1970er-Jahre unter Foxx zunächst vom experimentellen Art-Punk und Glam Rock zu einem Synthesizer-dominierten Stil und wurde später mit Ure um gitarrenlastige Rockelemente ergänzt. Zwei Jahre nach der Veröffentlichung des achten Studioalbums U-Vox gab die Band 1988 ihre Auflösung bekannt.

Zum 30-jährigen Jubiläum ihrer Hitsingle Vienna kam Ultravox in der Besetzung der 1980er-Jahre erneut zusammen. Im Rahmen einer Reunion-Tournee spielte die Band 2009 und 2010 mehrere Konzerte in Großbritannien und anderen europäischen Ländern. Am 25. Mai 2012 wurde das letzte Studioalbum Brilliant veröffentlicht.

Bandgeschichte Gründung als Tiger Lily (1974 bis 1976) Die Band, die später als Ultravox bekannt wurde, bildete sich im Frühjahr 1973, als der Kunststudent und Sänger Dennis Leigh per Inserat nach Musikern suchte. Dem Aufruf folgten zunächst der Gitarrist Stevie Shears und der Bassist Chris St. John, mit bürgerlichem Namen Chris Allen und Bruder von Jeffrey Allen, damals Schlagzeuger der Band Hello. Warren Cann kam im Mai 1974 hinzu und komplettierte am Schlagzeug die erste Besetzung. Frühe Erfahrungen vor Publikum sammelte die Band bei einem Auftritt im Vorprogramm der Heavy Metal Kids am 16. August 1974 im legendären Londoner Marquee Club, bevor der klassisch ausgebildete Musikstudent und Violinist Billy Currie im Oktober 1974 zur Gruppe stieß. Der Proberaum der Band befand sich in einer Londoner Fabrik für Schaufensterpuppen; Leigh finanzierte sein Studium teilweise mit dem Bemalen solcher Puppen für den Einsatz in Schaufenstern. Das Quintett veröffentlichte im März 1975 unter dem Namen Tiger Lily (den Warren Cann vorgeschlagen hatte) beim Plattenlabel Gull Records in Großbritannien nur eine Single Ain’t Misbehavin’, eine Coverversion des gleichnamigen Liedes des Jazz-Pianisten Fats Waller für den Soundtrack zu einem Film, den ein Freund des Ex-Mannes von Shirley Collins aus Pornofilmen der 1920er-Jahre zusammengeschnitten hatte. Die Gage investierte die Band in ein elektrisches Piano für Currie. Der Name Tiger Lily wurde nach kurzer Zeit wieder aufgegeben. Mitglieder der Band waren mit Steve Lillywhite befreundet, der ihnen 1975 die Polygram-Studios zur Verfügung stellte, wenn diese nicht belegt waren. Das Quintett stellte dort innerhalb eines Jahres zwölf Demobänder zusammen. Nach mehreren Umbenennungen in The Zips, Fire of London, London Soundtrack und kurzzeitig The Damned – nicht zu verwechseln mit der Punkband The Damned – entschied sich das Quintett 1976 für den von Leigh vorgeschlagenen Namen Ultravox!. Das Ausrufezeichen hinter dem Bandnamen war eine Reminiszenz an die Düsseldorfer Krautrock-Band Neu!. St. John nahm den Künstlernamen Chris Cross an, Leigh nannte sich fortan John Foxx.

Die Jahre bei Island Records (1977 bis 1979) Chris Blackwell von Island Records nahm die Band im November 1976 nach der Trennung von Roxy Music unter Vertrag. Der Zeitpunkt der Verpflichtung und die Tatsache, dass die Band nur selten live aufgetreten war, führten in der Musikpresse zunächst zu Irritationen. Jean-Jacques Burnel, Bassist der Stranglers, mutmaßte, Ultravox! sei ein Projekt von Studiomusikern, die Island als Nachfolger für Roxy Music zusammengestellt habe.TheArtsDesk.com: Tatsächlich kam der Vertrag zustande, weil Ultravox! das Label durch einen prägnanten Liveauftritt überzeugt hatte. In Zusammenarbeit mit den Produzenten Brian Eno, Ex-Mitglied von Roxy Music, und Steve Lillywhite wurde am 4. Februar 1977 die erste Single Dangerous Rhythm veröffentlicht. Am 25. Februar des gleichen Jahres folgte das Album Ultravox!. Der New Musical Express hielt die Band für Wichtigtuer und Langweiler, konnte der Musik aber auch etwas Positives abgewinnen. Die Presse blieb distanziert, da sie das Konzept der Band nicht einordnen konnte. Gleichzeitig bildete sich aber eine solide Fanbasis, so gab die Band im Londoner Marquee Club an fünf aufeinander folgenden Tagen jeweils ausverkaufte Konzerte.

Am 28. Mai wurde die zweite Single Young Savage veröffentlicht, die heute von britischen Musikjournalisten als einer der besten Punksongs bezeichnet wird. Trouser Press siedelte sie „in der Kluft zwischen Glamrock und Punk“ an. Die Tour zum Album begann in Großbritannien und führte die Band auch nach Frankreich, Belgien und in die Niederlande. Die ersten nennenswerten Gagen investierte Ultravox in neue Instrumente, darunter einen Synthesizer vom Typ ARP Odyssey.

Das zweite Album Ha!-Ha!-Ha! folgte am 14. Oktober 1977 und wurde für den Sound der Band prägend. Der Einsatz des ARP Odyssey durch Currie, verzerrt durch einen Gitarrenverstärker, wurde ein klangliches Markenzeichen von Ultravox. Aus dem Album wurde ebenfalls im Oktober die Single ROckWrok ausgekoppelt. Nach der Promotion-Tour für Ha!-Ha!-Ha! veröffentlichte Island im Februar 1978 die Live-EP Retro, im März 1978 folgten Auftritte in Berlin und Hamburg. Shears Fähigkeiten an der Gitarre betrachtete die Band als limitierenden Faktor. Für das nächste Album wurde er durch Robert Simon alias Robin Simon, ein ehemaliges Mitglied der britischen Punkband Neo, ersetzt. Das Ausrufezeichen im Bandnamen entfiel. In dieser Besetzung traten sie im Mai 1978 live bei BBCs Old Grey Whistle Test und im August beim Reading Festival auf und förderten ihre Popularität.

Das dritte Album Systems of Romance produzierten Ultravox zusammen mit Conny Plank in dessen Studio in Neunkirchen-Seelscheid bei Köln. Das Album wurde nach der Single Slow Motion am 11. September 1978 veröffentlicht. Es markiert die erste Zusammenarbeit mit dem deutschen Produzenten, welche die verstärkte Nutzung von Synthesizern im Ultravox-Sound einleitete. Die im Oktober 1978 nur in Großbritannien veröffentlichte Single Quiet Men sowie die anschließende Tour durch Großbritannien und weitere europäische Länder verbreiterte die Fangemeinde und steigerte die Verkaufszahlen; auch in Deutschland erhöhte sich der Bekanntheitsgrad durch insgesamt 15 Auftritte. Dennoch entschloss sich Island, den Plattenvertrag am 1. Januar 1979 aufzulösen, da der kommerzielle Durchbruch ausblieb und die Band sich musikalisch vom Glam- und Punkrock entfernte.

Systems of Romance wurde durch die Kombination von Lyrik und Synthesizersound ein Meilenstein für Ultravox und Klischee für ein ganzes Genre. Später wurde der Begriff Synthiepop für die „Synthesizer-beherrschten Klangebilde“Quelle: Sounds, Presse zitiert nach Graf, Rausch, S. 1375/1376 von Ultravox prägend. Die Musiker wurden als „Ziehväter heutiger Synthesizer-Bands“Quelle: Musikexpress, zitiert nach Graf, Rausch, S. 1375/1376 bezeichnet. Simon Reynolds urteilt in seinem Buch Rip It Up And Start Again: „Was Ultravox ganz entschieden zu Vorläufern der Synthiepop-Welle der Achtzigerjahre machte, waren ihre europäische Aura und die unterkühlte Bildwelt der Entmenschlichung und Dekadenz, die der Sänger und Textschreiber John Foxx entwarf.“Reynolds, S. 338

Übergangsphase und Einstieg von Midge Ure (1979)

Von der Band teilweise selbst finanziert, startete die Tournee durch die Vereinigten Staaten im Februar 1979 in New York und endete im März in Los Angeles mit dem Ausstieg von Foxx, der eine Solokarriere anstrebte und der Band den Namen überließ. Simon blieb nach dem Ausstieg in den USA und schloss sich zunächst Magazine und später John Foxx an, dessen Album The Garden von ihm an der Gitarre begleitet wurde. Das verbliebene Trio stand ohne Plattenvertrag sowie ohne Sänger und Gitarristen vor dem finanziellen Aus. Billy Currie verdingte sich als Keyboarder bei Gary Numan für dessen Album The Pleasure Principle und knüpfte Kontakte zum Londoner Nachtclub Billy’s, einem Vorläufer des legendären Blitz von Steve Strange. Dessen Haus-DJ und Schlagzeuger Rusty Egan machte Currie mit dem Schotten Midge Ure bekannt, mit dem er zusammen bei Rich Kids gespielt hatte. Ure war mit passablem Erfolg als Gitarrist und Sänger bei der Teen-Popband Slik und später als Sänger, Gitarrist und Keyboarder bei der Power-Pop-Formation Rich Kids tätig gewesen. Strange, Egan und Ure begannen zu diesem Zeitpunkt ein gemeinsames Projekt namens Visage, dem sich auch Currie anschloss. Currie stellte Ure seinen Bandkollegen vor, woraufhin dieser im April 1979 bei Ultravox einstieg. Ultravox probte die vorhandenen Songs mit Ure und begann als Quartett, neue Songs zu schreiben.

Bis zu einem neuen Plattenvertrag hielten sich die Bandmitglieder im Sommer 1979 durch Mitwirkung bei Konzerten anderer Musiker über Wasser: Ure sprang bei der USA-Tournee von Thin Lizzy als Gitarrist für den ausgestiegenen Gary Moore ein, Currie bei der Touring Principles-Tour von Gary Numan und Cann bei Zaine Griff. Bei dieser Gelegenheit lernte Cann den deutschen Filmkomponisten Hans Zimmer kennen. Daraufhin trat Cann in der englischen Fernsehsendung Top of the Pops als Schlagzeuger der Buggles für den Song Video Killed the Radio Star auf, da die Buggles ein reines Studioprojekt waren. Cross half bei James Honeyman-Scott (The Pretenders) und Barry Masters (Eddie & the Hot Rods) aus. Im November und Dezember 1979 setzte Ultravox die Tour durch die Vereinigten Staaten mit neuem Sänger und überwiegend alten Songs fort. Die Verbindung mit Visage rückte Ultravox bei Medien und Fans häufig in die Nähe der New-Romantic-Bewegung, da Ure und Currie zu diesem Zeitpunkt in beiden Bands spielten und Visage vorwiegend dieser Modewelle zugeordnet wurde. Ure und Currie waren an den beiden ersten Visage-Alben Visage und The Anvil beteiligt und verließen danach das Projekt. Die Einnahmen aus der von Currie und Chris Payne komponierten und von Ure getexteten Visage-Single Fade to Grey investierte Ultravox wieder in neue Instrumente.

Die Jahre bei Chrysalis Records (1980 bis 1986) Nach der Tour machte die Band im Februar 1980 Chrysalis Records auf sich aufmerksam und erhielt im April einen Plattenvertrag. Ultravox verpflichtete Chris Morrison und Chris O’Donnell, das Managementteam von Thin Lizzy und Phil Lynott, als Manager der Band. Das erste Chrysalis-Album Vienna nahm die Band bei RAK Records in London auf. Plank übernahm in seinem Studio die Abmischung. Das Album wurde am 11. Juli 1980 veröffentlicht. Aus dem Album wurden insgesamt vier Singles ausgekoppelt: Sleepwalk, Passing Strangers, das Titelstück Vienna () und All Stood Still. Drei Singles konnten sich in den britischen Singlecharts platzieren, Vienna stand vier Wochen lang auf Platz zwei. Das Album erreichte Platin-Status für mehr als 300.000 und die gleichnamige Single Gold-Status für mehr als 400.000 verkaufte Tonträger. Der einsetzende kommerzielle Erfolg veranlasste Island Records, am 6. Juni 1980 unter dem Titel Three into One ein Best-of-Album mit Songs aus der Island-Zeit herauszubringen. Anfang 1981 wurde die Single Slow Motion neu veröffentlicht und erreichte Platz 33. Auch außerhalb Großbritanniens blieb der kommerzielle Erfolg nicht aus: Vienna eroberte in Irland, den Niederlanden und Belgien die Chartspitze und in Australien Platz 11, in Neuseeland Platz 2 sowie in Südafrika Platz 8. Die britische Presse ließ für die „atmosphärische Elektronik“Quelle: New Musical Express, zitiert nach Graf, Rausch, S. 1375/1376 nicht „den geringsten Zweifel an ihrer musikalischen Meisterschaft“. Der Ultravox-Sound erreichte durch Ures prägnante Stimme und präzise Gitarrenriffs einen hohen Wiedererkennungswert.

mini|links|Ultravox mit Midge Ure im Osloer Chateau Neuf, 4. November 1981