mini|Ansicht von der Schanz, gezeichnet im Jahr 1864 von Frau B. Aemisegger aus dem Obertoggenburg mini|Das Kloster Rüti vor dem Brand von 1706 mini|Das Kloster Rüti nach dem Brand mini|Die ehemalige Klosterkirche, heute die Reformierte Kirche Rüti, links das Amthaus Das Prämonstratenserkloster Rüti in der Gemeinde Rüti (ZH) im Zürcher Oberland war Besitzer umfangreicher Ländereien, letzte Ruhestätte (Grablege) der Grafen von Toggenburg und umfasste in den Jahren 1206 bis 1525 (Aufhebung) 14 inkorporierte Kirchen, davon zwölf mit Kollaturrecht. Der durch Schenkung, Kauf und Tausch vergrösserte Besitz konzentrierte sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts um Rüti (Ferrach, Oberdürnten), zwischen Greifen- und Pfäffikersee (Raum Aathal-Volketswil) sowie am Zürich- und Obersee, insbesondere an Orten, wo die Abtei Rüti in den Besitz des Kirchensatzes oder der niederen Gerichtsbarkeit gelangen konnte. Rüti war ein bedeutender Etappenpunkt am Jakobsweg via Rapperswil zum Kloster Einsiedeln. Anfänglich als Filiale des Prämonstratenserklosters Churwalden, wurde die Abtei sancte Marie vom Bischof von Konstanz ab 1230 dem Kloster Weissenau (Minderau) unterstellt und war dem Verwaltungsbezirk Zirkarie Schwaben angegliedert.
Prämonstratenserorden Die Prämonstratenser (lateinisch: Candidus et Canonicus Ordo Praemonstratensis), vor allem in Belgien und den Niederlanden nach ihrem Gründer auch Norbertijnen (Norbertiner) genannt, wurden von Norbert von Xanten in Prémontré bei Laon, auf Fernbesitz der Abtei Prüm, im Jahre 1120 mit 13 Gefährten gegründet, als zentralisierter Orden regulierter Chorherren. Norbert war mit Bernhard von Clairvaux befreundet und stark von den Idealen der Zisterzienser beeinflusst. Der Prämonstratenserorden liess sich ab 1126 in der Schweiz nieder. Im 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden 15 prämonstratensische Männer- und Frauenklöster in der Schweiz: Bellelay BE; Bollingen SG (Frauen); Chur GR, St. Luzi; Chur, St. Hilarien (Frauen); Churwalden GR; Churwalden (Frauen); Fontaine-André NE; Gottstatt BE; Grandgourt JU; Humilimont FR; Lac de Joux VD; Posat FR (Frauen); Rüti ZH; Rueyres VD (Frauen); St. Jakob im Prättigau, Klosters GR.Beispielsweise BE ist das Kürzel für den Schweizer Kanton Bern und wird verwendet, um Verwechslungen mit gleichnamigen Ortsnamen in anderen Kantonen zu vermeiden.
Geschichte Insbesondere die Besitzungen des Klosters sind sehr gut dokumentiert,Staatsarchiv des Kantons Zürich: Drei Laufmeter Urkunden zum Prämonstratenserkloster Rüti (vgl. auch Hinterrütiamt und Winterthur), Laufzeit ca. 1219 resp. 1400, 1384, 1459, 1465–1533 resp. 1794, Signatur CH StAZ C II.12. aus dem Alltagsleben des Klosters ist bis auf die Jahre vor und nach der Aufhebung hingegen vergleichsweise wenig überliefert.
Namensherkunft und Wappen Die Gegend um Rüti wurde vermutlich im 8. und 9. Jahrhundert besiedelt. Der Ortsteil Fägswil wird 807 in einer Sankt Galler Urkunde zum ersten Mal erwähnt, in einer Urkunde von Kaiser Otto II. (955–983) aus dem Jahre 972 wird Rüti als Riutun bezeichnet. Der Name geht auf das gleichlautende schweizerdeutsche Wort Rüti zurück. Es bedeutet; «Rodung, von Holzwuchs und Buschwerk gereinigtes, urbar gemachtes Stück Land».Schweizerisches Idiotikon Band VI Sp. 1811ff.
Das Wappen der Gemeinde Rüti geht auf das Zeichen der Prämonstratenserabtei Rüti zurück, 1490 am Sakramentshäuschen in der Klosterkirche angebracht. Es wurde nach der 1525 erfolgten Aufhebung des Klosters zum Schildbild des Rütiamtes und 1803 zum Wappen der Gemeinde Rüti. Der Flurname «Chlaus» für eine Anhöhe südlich des Klosters erinnert an den Standort der St. Niklaus-Kapelle, die bereits vor dem Bau des Klosters bestand und nach der Reformation abgebrochen wurde.
Gründung Vorbemerkungen Obwohl eine Gründungsurkunde fehlt, bestätigen die urkundlichen Quellen die Gründungserzählung der Jahre 1206 bis 1221 über weite Strecken, d. h. als Gründungsdatum darf von 1206 und nicht 1209 ausgegangen werden. Ungenauigkeiten und Widersprüche in Detailaspekten rühren daher, dass die Stiftungsgeschichte erst 1441 schriftlich niedergelegt wurde, und diese vermutlich den rechtlichen Status zur Zeit der Niederschrift wiedergibt respektive während der Wirren des Alten Zürichkriegs insbesondere die Rechtsansprüche des Klosters gegenüber den Kriegsparteien sicherstellen sollte. Im sogenannten Diplomatar, einer Sammlung von Urkundenabschriften, sollte die Gründungserzählung die «libertates» (Herrschaftsrechte) legitimieren; dementsprechend sind die frühen Schenkungs-, Tausch- und Bestätigungsurkunden in die Stiftungsgeschichte eingebaut. Der Verfasser arbeitete wahrscheinlich nach schriftlichen Quellen: Neben den Urkunden, die er ins Diplomatar kopierte, lagen wohl chronologische Aufzeichnungen vor, ergänzt durch weitere Überlieferungen. Dem Bericht, der Klosterbau sei 1206 unter Papst Innozenz III. und König Philipp von Schwaben begonnen worden, fügte der Verfasser – wohl aus der Bestätigungsurkunde von 1209 – irrtümlich den Namen des Konstanzer Bischofs Konrad II. von Tegerfelden (er wurde erst im Dezember 1208 zum Bischof gewählt und im Januar 1210 konsekriert) bei.Bernard Andenmatten, Brigitte Degler-Spengler (Red.): Die Prämonstratenser und Prämonstratenserinnen in der Schweiz. In: Helvetia Sacra. IV/3, Basel 2002, ISBN 3-7965-1218-6.
Gründungsjahre mini|hochkant|Norbert von Xanten Liutold (Lütold) IV. von Regensberg, der mit Rudolf II. von Rapperswil am Fünften Kreuzzug teilgenommen hat und am 16. November 1218 in Akkon (Palästina) gefallen ist, stiftete das Kloster Rüti im Jahr 1206. Als eines der wenigen Schweizer Klöster geht seine Stiftung auf den Teilnehmer eines Kreuzzugs zurück. Ebenso darf vermutet werden, dass der wahrscheinliche Gründer der Abtei im Johanniterorden in Palästina gedient haben könnte, der im fünf Kilometer entfernten Bubikon eine bedeutende Komturei besass, das heutige Ritterhaus Bubikon, zu dessen Mitstiftern die Rapperswiler und Toggenburger gehören.
Der Grossvater der Brüder Lütold IV. und Eberhard von Regensberg war Lütold II. Er stiftete zusammen mit seinem Sohn das Kloster Fahr, das den Freiherren von Regensberg als Erbbegräbnis dienen sollte. Das bescheidene Frauenkloster schien seinen Enkeln nicht mehr zu genügen, ausserdem konnte es sich unter der Führung des Klosters Einsiedeln nicht frei entfalten. Von seiner Mutter, einer Freiin von Vaz, erfuhr Lütold IV. von Regensberg, dass Propst Ulrich, sein Prior Luther und einige Chorherren nach Unstimmigkeiten mit dem Konvent das Prämonstratenserkloster Churchwalden verlassen wollten, was Lütold IV. nutzte, die Idee eines von Einsiedeln unabhängigen Klosters zu verwirklichen. Er berief Propst Ulrich und Prior Luther zur Gründung eines Klosters nach Rüti und übertrug ihnen sein dortiges Gut samt der Nikolaus-Kapelle. Das erste Gebäude, eine hölzerne Kapelle, wurde 1208 erstellt. 1214 wurden die aus Holz erstellten Klostergebäude durch massive Steinbauten ersetzt, aber erst um 1283 war der Bau der Klosteranlage vollendet.Entnommen den Informationstafeln anlässlich der Ausstellung «Rütner Klosterschatz: Nach 484 Jahren ‹Exil› – erstmals ‹Heimaturlaub›», mit Dank an Frau Esther Müller, Ortsmuseum und Chronik der Gemeinde Rüti.
Die älteste Urkunde datiert vom 16. April 1209 und wurde im Grossmünster in Zürich ausgestellt. Lütold IV. und sein Sohn bestätigten darin, sie hätten dem Propst und den Brüdern von St. Maria ein Gut übertragen und verbrieften die Vereinbarung zwischen der Propstei Rüti und dem Leutpriester von Busskirch, als Vertreter des Eigentümers, des Klosters Pfäfers: Die neuen Besitzungen des Klosters waren nach Busskirch, einer Rapperswiler Gründung, zehntpflichtig, ebenso war die auf der heutigen Chlaushöhe in Rüti gelegene St. Nikolaus-Kapelle der Pfarrkirche Busskirch unterstellt. Im Einverständnis mit dem Abt von Pfäfers trat dieses die St. Nikolaus-Kapelle und die Einkünfte aus deren Widumgut und die Zehnten an den Konvent von Rüti ab, und der Bischof von Konstanz verzichtete auf seine Rechte. Am 13. Januar 1217 bestätigte ein Priesterkonvent in Hombrechtikon die Stiftungsvereinbarung, die Lage der Klostergüter, ebenso die Bestimmung, dass Ulrich (er wird namentlich erwähnt) mit seinen Ordensbrüdern in Rüti ein Prämonstratenserkloster einrichten solle.
Die Prämonstratenserabtei Rüti wurde von Lütold IV. und seinem Bruder Eberhard, Erzbischof von Salzburg, und den umliegenden Adelsfamilien grosszügig mit Geld und Gütern beschenkt. Vor seinem Tod in Palästina bedachte Lütold IV. sein Kloster mit 100 Mark reinem Mark Silber, einem Weihrauchfass aus vergoldetem, edelsteinbesetztem Silber und einem Stein mit grosser Kraft. Lütold V. von Regensberg bestätigte am 6. Mai 1219 die Vergabungen seines in Palästina verstorbenen Vaters an den Konvent, behielt sich jedoch die Vogteirechte und das Patronatsrecht vor. Gleichentags bestätigte Eberhard von Salzburg die Stiftung in Rüti. Lütold V. schenkte dem Konvent eine erste auswärtige Kirche, Seegräben, umfassend die Kirche, die Mühle, Äcker, Felder, Wälder, Fischenzen und unbebautes Land, übernahm aber auch hier die Schirmvogtei sowohl über die Einrichtungen als auch über die Bauern, Müller und Fischer. 1221 inkorporierte der Konstanzer Bischof die Kapelle Seegräben dem Klöster Rüti; bei der Beurkundung war auch Propst Ulrich anwesend.
Papst Gregor IX. bestätigte im Jahr 1228 die Stiftung Rütis. Er nahm das Marienkloster samt Besitzungen in apostolischen Schutz und eximierte es von allen geistlichen und weltlichen Auflagen. Nebst weiteren Privilegien befreite der Papst die vom Kloster selbst erstellten Güter von der Zehntpflicht. Rüti erhielt das Tauf- und Begräbnisrecht, und in seinem Sprengel durften ohne seine Zustimmung keine Kapellen oder Bethäuser errichtet werden.
Das von Rudolf III. von Rapperswil gestiftete Frauenkloster Bollingen am oberen Zürichsee war nach 1229 bis zu seiner Zusammenlegung im Jahr 1267 mit dem Kloster Mariazell-Wurmsbach der Abtei in Rüti unterstellt. Im Zusammenhang mit den Erbstreitigkeiten um den Nachlass der Alt-Rapperswiler Besitzungen kamen bereits in den Gründungsjahren die Kirchen Bollingen (gemeinsam von Rudolf III. von Rapperswil und Diethelm I. von Toggenburg) und Eschenbach an das Kloster Rüti. Die Regensberger hatten im Gegensatz zu den Toggenburgern keine einzige Grablege im Kloster Rüti und verloren trotz des erblichen Kirchenpatronats an Einfluss. An ihre Stelle traten die Grafen von Toggenburg, zu deren bevorzugter Begräbnisstätte das Kloster wurde; 14 Grafen aus diesem Haus fanden dort ihre letzte Ruhestätte. Als Grabstätte so vieler Toter aus dem Adel wurde das Kloster reich beschenkt: Die zahlreichen Stiftungen und Spenden bildeten unter anderem die Grundlage für den Reichtum des Klosters zu Beginn des 15. Jahrhunderts.
Um das Kloster und insbesondere dessen Wirtschaftsbetriebe wuchs das kleinbäuerliche Dorf Rüti, dessen Bewohner Ackerbau, Viehwirtschaft, landwirtschaftliche und in den folgenden Jahrhunderten vermehrt Lohnarbeit beim Weinbau am Zürichsee und später in der Textilverarbeitung betrieben. Bereits kurz nach seiner Gründung nutzte das Kloster bei der Einmündung in die Jona die Wasserkraft eines Rütner Dorfbaches, der Schwarz.
Blütezeit 1238 kaufte der damalige Propst Ulrich II. zuhanden des Klosters Rüti die freien Leute des Dorfes Ferrach (der gleichnamige heutige Ortsteil von Rüti) von der Vogtei der Grafen von Toggenburg für 80 Mark Silber Zürcher Währung los und übernahm Rechte und Pflichten des Vogts: