mini|Stadtkirchturm im Jahr 2005 Die Stadtkirche ist eine ehemalige Kirche in Gießen, von der nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg noch der Kirchturm erhalten ist. Der freistehende Glockenturm ist das älteste Gebäude der Kernstadt und gilt als Wahrzeichen der Stadt Gießen. Das hessische Kulturdenkmal aus gotischer Zeit ist 50,70 Meter hoch und prägt das Stadtbild., abgerufen am 17. April 2020.
Geschichte mini|Ansicht auf Gießen von 1623: Stadtturm mit alter Haube und gotische Kirche mit Dachreiter mini|Stadtkirchenturm mit Renaissancehaube nach Merian (1646/1655) Im 12./13. Jahrhunderts entstand im Bereich des heutigen Kirchplatzes eine „Kapelle“, wie sie damals noch bezeichnet wurde. Sie wurde 1248 erstmals urkundlich erwähnt und war dem Heiligen Pankratius und Maria geweiht. Die Pankratiuskapelle war ein Filial der älteren Peterskirche in dem Dorf Selters, die auf dem Seltersberg außerhalb von Gießen stand. Seit Ende des 15. Jahrhunderts war Selters von seinen Bewohnern verlassen und gilt als Wüstung.Przibilla: Der alte Glockenturm behauptet sich bis heute. 2001, S. 56. Das Gebäude diente zunächst den Burgherren und Burgmannen als Burgkapelle. Als der hessische Landgraf 1265 die Stadt erwarb, erhielt die Kapelle einen eigenen Pleban und wurde zur Stadtkirche; 1285 ist ein Friedhof nachgewiesen.Lang: Zur Baugeschichte der Stadtkirche in Gießen. 1988, S. 191.
Die Kapelle wurde wahrscheinlich im 14. Jahrhundert in zwei Bauphasen durch ein gotisches Gotteshaus ersetzt, das 1334 zum ersten Mal als „Pfarrkirche“ („parochialis ecclesia“) bezeichnet wird.. Parallel trug sie die Bezeichnung „Stadtkirche“ und in Kontinuität zum Vorgängerbau „Pankratiuskapelle“, zumal sie ebenfalls dem Pankratius geweiht war. Der sich nördlich anschließende Platz war bereits vor Errichtung der Kirche bebaut, sodass der Friedhof südlich der Kirche vermutet wird. Von 1484 bis 1520 wurde in einer dritten Bauphase der Kirchturm – ebenfalls im gotischen Stil – über dem Burggraben der 1152 errichteten Wasserburg Gießen gebaut, wie Ausgrabungen in den 1980er Jahren ergaben. Die eingeschossige Kuppel, die etwa 1520 über dem zehnseitigen Wohngeschoss fertiggestellt wurde, war im Stil der Renaissance gehalten und hatte einen Kranz von kleinen Dreiecksgiebeln. Sie gilt als eines der frühesten Beispiele für eine Welsche Haube.Walbe: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen. 1938, S. 133. Mit Einführung der Reformation durch Philipp den Großmütigen im Jahr 1527 wechselte die Stadt zum evangelischen Bekenntnis und die Stadtkirche wurde der Versammlungsort der protestantischen Gemeinde (nach dem Prinzip Cuius regio, eius religio). Als erster lutherischer Pfarrer wirkte Daniel Greser (* 6. Dezember 1504; † 29. September 1591) von 1532 bis 1542. Zu diesem Zeitpunkt war die Kirche für die „anwachsende Bevölkerung“ bereits zu klein.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 216. St. Peter in Selters wurde im Zuge des Festungsbaus 1530–1533 und der Erweiterung der Stadt Gießen niedergelegt. Bis zur Fertigstellung der Burgkirche im Jahr 1658, dem umgebauten Universitätsballhaus, das seit 1645 für Gottesdienste genutzt wurde, war die Pankratiuskirche fortan die einzige Kirche in Gießen.Peter W. Sattler, Hermann Klehn: Gießen. Bewegte Zeiten. Sutton, Erfurt 1998, ISBN 978-3-89702-050-4, S. 121.
Durch den Einbau von zwei Emporen („Bohrlauben“) im Jahr 1580 entstanden in der Kirche zusätzliche Sitzplätze. Nachdem die Stadt gewachsen war und die Gründung der Universität Gießen zu einem weiteren Anstieg der Gottesdienstbesucher geführt hatte, war eine Vergrößerung oder ein Neubau der Kirche erforderlich. Nach mehreren Eingaben an Landgraf Ludwig V. wurde in einer vierten Bauphase von 1613 bis 1622 das Hauptschiff in nördliche Richtung erweitert und eine Verbindung zum Turm geschaffen. Um 1625 baute vermutlich der Licher Orgelbauer Georg Wagner eine Orgel mit einem Manual und Pedal.Bösken, Fischer: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 3, 1988, S. 378. 1675/1676 erfolgte der Einbau einer neuen Orgelempore.Bösken, Fischer: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 3, 1988, S. 376. Die vorübergehende Verlegung der Universität Gießen nach Marburg (1624 bis 1649) und das Pestjahr 1635 führten zu einem zeitweisen Bevölkerungsrückgang, sodass die Neubaupläne aufgegeben wurden.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 217. Eine fünfte Bauphase mit Umbauten der Kirche folgte in den Jahren 1657/1658, als der alte Chor abgerissen und die Kirche vergrößert, Emporen eingebaut und eine Sakristei angebaut wurden, sowie 1675/1676.Sattler, Klehn: Der Stadtkirchturm. 1992, S. 18. 1699 wich die Turmkuppel einem barocken oktogonalen Helm mit drei Geschossen. Hier befand sich ein nun quadratisches Wohngeschoss mit einer kleinen Türmerwohnung mit drei Zimmern und einer Küche für den Turmwächter. Bis 1910 gab es einen solchen Türmer in Gießen. 1714 genehmigte der Landesherr zwei Lotterien für den Neubau oder die Erweiterung der abgängigen Kirche. Anscheinend blieben die Lotterien erfolglos. Die Pläne kamen nicht zur Ausführung; lediglich der Kirchturm wurde 1715 repariert.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 218. Der fürstliche Landbaumeister Johann Helfrich Müller kam 1785 zu dem Urteil, dass die Kirche „von elender Beschaffenheit“ sei und „man die Kirche eher neu erbauen als repariren solle“.Lang: Zur Baugeschichte der Stadtkirche in Gießen. 1988, S. 192. Als der Kirchenbau zunehmend Renovierungsbedarf aufwies, wurde er schließlich im Mai 1808 bis auf den Turm aufgegeben. Am 10. August 1808 genehmigte das Ministerium einen Neubau. Die alte Stadtkirche wurde 1809 abgerissen.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 219.
mini|hochkant|Entwurf der neuen Gießener Stadtkirche von F. L. Sonnemann (1808) Der Gießener Landbaumeister Friedrich Sonnemann entwickelte zusammen mit seinem Sohn, dem Baukonduktor Friedrich Ludwig Sonnemann, im Jahr 1808 Pläne für eine neue Stadtkirche. Mit den Fundamentarbeiten wurde 1810 begonnen. Als es zu Streitigkeiten kam, ließ der Großherzog seinen Architekten Georg Moller aus Darmstadt neue Pläne entwerfen. Sich ändernde Pläne, Kontroversen, zähe Verhandlungen und eine lange Finanzschwäche verzögerten den weiteren Bau. Schließlich wurde ein Kompromiss ausgeführt und die Kirche in den Jahren 1810 bis 1821 im Stil des Klassizismus errichtet. Am 29. Juli 1821 fand die Einweihung statt. Statt der veranschlagten Kosten von 60.000 Gulden waren schließlich 120.000 Gulden erforderlich. Der Kirchturm wurde in unveränderter Form beibehalten. Für den Neubau wurde die um 1780 erbaute Orgel der Burgkirche übernommen, die über 22 Register auf zwei Manualen und Pedal verfügte und Johann Andreas Heinemann zugeschrieben wird.Bösken, Fischer: Quellen und Forschungen zur Orgelgeschichte des Mittelrheins. Bd. 3, 1988, S. 380 f. Sie wurde 1887 durch ein größeres Instrument von Friedrich Weigle ersetzt (36 Stimmen und drei Manuale), das 1907 umgebaut und erweitert wurde.
Die neue Stadtkirche war bei der Gießener Bevölkerung wenig beliebt, sodass Hugo von Ritgen bereits ab 1861 Umbaupläne entwickelte,Lang: Zur Baugeschichte der Stadtkirche in Gießen. 1988, S. 197–198. die aber nicht ausgeführt wurden.Sattler, Klehn: Der Stadtkirchturm. 1992, S. 36. Die evangelische Stadtgemeinde wurde am 1. November 1892 in vier eigenständige Kirchengemeinden mit je einem eigenen Pfarrer aufgeteilt. Namensgeber der neuen Gemeinden waren die vier Evangelisten. Die Matthäus- und Markusgemeinde nutzten die Stadtkirche, die Lukas- und Johannesgemeinde die 1893 errichtete Johanneskirche.giessen-evangelisch.de: Lukasgemeinde, abgerufen am 17. April 2020. 1897 erfolgte ein Umbau der Stadtkirche, bei dem größere Fenster eingebrochen und mit Glasmalereien versehen, die oberen Emporen entfernt und Inneres wie Äußeres umgestaltet wurden.Klein: Die Pankratiuskapelle in Gießen. 2009, S. 16. Am 30. Januar 1898 fand die Wiedereröffnung der Kirche statt. Nachdem die Baupflicht am Turm und Schiff mindestens seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts bei der Stadt lag und die Kirche Bau- und Unterhaltskosten am Chor zu tragen hatte, wurde 1885 der Turm auf die Kirchengemeinde übertragen und ging in ihren Besitz über.Diehl: Baubuch für die evangelischen Pfarreien. 1931, S. 220. Die Stadt war bis 1910 zum Unterhalt der Türmerwohnung verpflichtet und zahlte in diesem Jahr nach zwei Jahren Streitigkeiten eine Ablösung ihrer bisherigen Unterhaltspflichten in Höhe von 8000 Mark, behielt aber das Recht zur Mitbenutzung der Glocken.Sattler, Klehn: Der Stadtkirchturm. 1992, S. 28–29.
mini|Pankratiuskapelle von 1949 Beim Bombenangriff auf Gießen am 6. Dezember 1944 wurde die Stadtkirche vollständig zerstört. Auch der Stadtkirchturm brannte aus und verlor seinen Helmaufbau. Als Folge sollte der Turm ohne Helm als Mahnmal dienen und blieb bis Ende der 1970er Jahre ohne Aufbau. Nur Einzelpersonen bemühten sich um eine Wiedererrichtung der Kirche, wie beispielsweise Kirchenbaumeister Karl Gruber. Die Baupolizei sprengte 1947 die Mauerreste. 1949 wurden die Trümmer durch eine Baufirma kostenfrei beseitigt, die im Gegenzug die Materialien behalten durfte.Klein: Die Pankratiuskapelle in Gießen. 2009, S. 18.
Die Trümmer der Stadtkirche wurden für den Bau einer Notkirche für die evangelischen Matthäus- und Markusgemeinden verwendet, die ihr Gotteshaus verloren hatten. Die heutige Pankratiuskapelle wurde nicht an alter Stelle, sondern 80 Meter westlich des Campanile errichtet, da viele die Hoffnung hegten, die alte Kirche würde später wieder aufgebaut werden.Gießener Allgemeine vom 27. Dezember 2012: Kapelle im Stadtkirchenturm vor 60 Jahren eingeweiht, abgerufen am 17. April 2020. Exakt ein Jahr nach den ersten Fundamentarbeiten wurde am 1. November 1949 die Kapelle eingeweiht. Der Kirchenarchitekt Otto Bartning entwickelte zusammen mit dem Schweizer Staudacher das Konzept eines hölzernen Tragwerks, auf dem das Dach ruht. Die Zwischenräume wurden mit Mauerwerk ausgefüllt, das ebenso wie die Fundamente zum großen Teil aus Steinen der zerstörten Stadtkirche bestand.Karl Dienst: St. Pankratius als Wahrer der Kontinuität. In: Karl Dienst: Gießen – Oberhessen – Hessen. Beiträge zur evangelischen Kirchengeschichte. Verlag der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung, Darmstadt 2010, S. 19–33, hier: S. 20–21. So entstand eine der berühmten Bartning-Notkirchen.
mini|hochkant|Altarbereich der Michaeliskapelle Über die weitere Nutzung des Kirchturms gab es unterschiedliche Auffassungen. Dekan Karl Schmidt regte den Bau einer Gedenkkapelle im Glockenturm an. Den Auftrag erhielt der Hamburger Architekt Gerhard Langmaack, der 1952 den Umbau des unteren Turmgeschosses durchführte. Die Mauern unterhalb der Fenster im Norden und Süden wurden abgetragen, in der nördlichen Nische eine Orgel aufgestellt und in der südlichen drei Gedenkbücher für die Opfer der Bombardierung ausgelegt. Am 6. Dezember 1952 wurde die Tauf- und Gedächtniskapelle im Turm eingeweiht („Michaeliskapelle“). Das Areal der Stadtkirche auf dem Kirchplatz wurde 1954 in eine Grünfläche umgewandelt. Heute weisen dort Steinlinien aus Lungstein auf den Grundriss der ehemaligen Kirche hin.Gießener Zeitung vom 6. September 2013: Gebaeude mit Geschichte oder Sagen - Stadtkirchturm, abgerufen am 17. April 2020.
1979 wurde die zerstörte Turmhaube in der barocken Form von 1699 rekonstruiert.Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. 2008, S. 315. Das Richtfest fand am 11. Juli statt. Ein Jahr später wurde die Außenfassade des Turms neu verputzt und gestrichen. Im Inneren wurde ab 1986 eine umfangreiche Renovierung vorgenommen. 2002 folgte die Sanierung des Treppenaufgangs zur Türmerwohnung.