Unfruchtbarkeit (Synonyme: Fruchtlosigkeit, Sterilität, Impotentia generandi, Zeugungsunfähigkeit, früher auch – von mittelhochdeutsch unbërhaftBernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 400 (unbërhaft ‚unfruchtbar‘). – Unbährhaftigkeit) bezeichnet das Unvermögen, Früchte hervorzubringen. Dabei wird das Wort Frucht (Synonyme: Ausbeute, Erlös, Ernte, Ertrag, Feldfrucht, Vorteil, Wert und Wirkung) in einem breiten Sinn verwendet, sodass Unfruchtbarkeit beispielsweise für fehlenden oder nur geringen landwirtschaftlichen Ertrag, für zur Fortpflanzung nicht fähig oder im übertragenen Sinn auch für sinn- oder nutzlose Gedanken, Gespräche oder Diskussionen steht.unfruchtbar. dwds.deunfruchtbar. Canoonetwortschatz.uni-leipzig.de Das Gegenteil wird mit fruchtbar bzw. Fruchtbarkeit bezeichnet.
In der Biologie beschreibt der Begriff Unfruchtbarkeit die Zeugungs- und Empfängnisunfähigkeit. Fachsprachlich werden hier die Begriffe Sterilität (bei männlichen Wesen) oder Infertilität (bei weiblichen Wesen) gebraucht. In der Humanmedizin gilt ein Paar als steril, wenn trotz bestehenden Kinderwunsches nach mindestens einem Jahr regelmäßigen Geschlechtsverkehrs ohne empfängnisverhütende Maßnahmen keine Empfängnis eintritt.
Unfruchtbarkeit beim Menschen Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist jede sechste Person, im gebär- bzw. zeugungsfähigen Alter, zumindest zeitweise unfruchtbar. Die Auswertung von über 12.000 Studien (aus den Jahren 1990 bis 2020) ergab, dass global betrachtet 17,5 Prozent aller Menschen – dauerhaft oder vorübergehend – von Unfruchtbarkeit betroffen sind.Biomax 39: Chromosomen-Durcheinander in der Eizelle. Warum der Kinderwunsch unerfüllt bleibt Max-Planck-Gesellschaft, abgerufen am 27. Mai 2024
Es gilt schon lange als gesicherte Erkenntnis, dass die individuelle Fruchtbarkeit mit steigendem Lebensalter abnimmt. Früher ging man davon aus, dass etwa ein Drittel der erfassten Fälle auf Ursachen bei den weiblichen Individuen zurückzuführen ist, ein Drittel auf männlicher Zeugungsunfähigkeit beruht und bei einem Drittel der Fälle sind kombinierte oder keine Ursachen zu finden.D. Manski: Infertilität. In: Online Lehrbuch der Urologie.Der Brockhaus multimedial 2006 premium. Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus, Mannheim 2006. Eine 1999 veröffentlichte Studie unterscheidet hier etwas differenzierter und sieht die Gründe für Unfruchtbarkeit in 35 Prozent der Fälle bei der Frau, in 30 Prozent der Fälle beim Mann und bei 20 Prozent bei beiden Partnern, während sich die Ursachen in 15 Prozent der Fälle nicht benennen ließen.
Primäre Sterilität bezeichnet bei Frauen das Nichteintreten einer Schwangerschaft nach einem Jahr regelmäßigen Geschlechtsverkehrs ohne Verhütungsmittel bei einer Frau, die noch nie konzipiert hat. Sekundäre Sterilität bezeichnet das Nichteintreten einer Schwangerschaft nach einem Jahr bei regelmäßigem Geschlechtsverkehr ohne Verhütungsmittel bei einer Frau, die bereits mindestens einmal schwanger war.
Empfängnisunfähigkeit Faktoren, die bei Frauen zur Unfruchtbarkeit führen können, sind Ovulationsschwierigkeiten, Follikelreifungsstörungen, blockierte Eileiter (unterbrochen/verklebt/verengt), hormonelle Störungen (Hyperprolaktinämie, Hypothyreose, Hyperandrogenämie), Endometriose, Unfähigkeit der befruchteten Eizelle, sich in der Gebärmutter einzunisten, Unfähigkeit, eine Schwangerschaft erfolgreich zu beenden, genetische Defekte, perniziöse Anämie (Vitamin-B12-Mangel), Infektion durch eine sexuell übertragbare Erkrankung, wie beispielsweise Chlamydien oder Gonorrhoe, das Alter (die Fruchtbarkeit der Frau nimmt ab dem 35. Lebensjahr signifikant ab), Stress, Über- und Untergewicht, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Schädigungen durch Behandlungen bösartiger Erkrankungen (Chemotherapie, Strahlentherapie) und Zöliakie.P. Martinelli u. a.: Coeliac disease and unfavourable outcome of pregnancy. In: Gut 2000, 46(3), S. 332–335, PMID 1727862. Auch nisten sich die befruchteten Eizellen bei starken Raucherinnen schwerer im Endometrium ein.Online-Ausgabe von Human Reproduction. Zitiert nach: Direkter Schaden. In: Süddeutsche Zeitung. 4. Januar 2007, S. 18.
Zeugungsunfähigkeit Der Hauptfaktor beim Mann ist die Qualität des Spermas; wesentlich sind Zahl und Qualität (Motilität und Aussehen) der Spermien.
Impotentia generandi Faktoren, welche die Samenqualität beeinflussen können, sind Alkohol und andere Drogen, Nikotin, Umweltschadstoffe, das Alter (die Zahl der beweglichen Spermien nimmt mit dem Alter kontinuierlich ab), berufsbedingte Schadstoffexposition, Ernährungsgewohnheiten (z. B. Belastung durch östrogenähnliche Substanzen), Bauchhoden, Varikozele, Leistenhoden, Mumps (Mumpsorchitis), Infektionen im Bereich der ableitenden Samenwege (z. B. Prostatitis, Epididymitis), Schädigungen durch Behandlungen bösartiger Erkrankungen (Chemotherapie, Strahlentherapie), ionisierende Strahlung (zum Beispiel bei Flugreisen oder Röntgenuntersuchungen) und Krankheiten, wie perniziöse Anämie bei Vitamin-B12-Mangel. Zeitweise kann die Qualität der Spermien auch durch den Besuch von Sauna oder Whirlpool beeinträchtigt werden, da die Hitze die Spermien zerstören kann. Nach der Hitzeeinwirkung gebildete Zellen werden davon jedoch nicht beeinflusst. Da die optimale Temperatur für die Spermienbildung etwa 2 Grad Celsius unter der normalen Körpertemperatur liegt, werden auch zu enge Hosen und zu häufiges Sitzen als Ursache für schlechte Spermienqualität angenommen.Warren G. Sanger, Patrick C. Friman: Fit of underwear and male spermatogenesis: A pilot investigationstar. In: Reproductive Toxicology. 1990, Band 4, S. 229–232, doi:10.1016/0890-6238(90)90063-2.Niels Henrik I. Hjollund, Jens Peter E. Bonde, Tina Kold Jensen, Jørn Olsen: Diurnal scrotal skin temperature and semen quality. In: International Journal of Andrology. Band 23, 2001, Nr. 5, S. 309–318, doi:10.1046/j.1365-2605.2000.00245.x
Diese Faktoren können zu einem OAT-Syndrom oder zur Azoospermie führen. Untersuchungen zeigen, dass die Samenqualität mit dem Alter abzunehmen scheint. Seit Jahren wird eine Abnahme der Spermaqualität weltweit kontrovers diskutiert.A. Gies u. a.: Hormonell wirkende Chemikalien und Entwicklung der Sermienqualität beim Menschen. In: Umweltmed Forsch Prax. Band 6, 2001, Nr. 1, S. 31–32. FachgesprächDeclining sperm counts (Editorial). In: BMJ. 1996, 312, S. 457–458.
Impotentia coeundi Neben den oben genannten Faktoren, die vorwiegend die Qualität der Spermien beeinträchtigen, sind die Faktoren, welche den Samentransport beeinflussen, für die Fruchtbarkeit von Bedeutung. Dabei geht es um die Fähigkeit des Mannes, sein Sperma in ausreichender Menge in die weibliche Gebärmutter einzubringen, so dass das Ei befruchtet werden kann. Die bedeutendste Problematik in dieser Beziehung ist die Erektile Dysfunktion (umgangssprachlich als „Impotenz“ bezeichnet), d. h. die Unfähigkeit des Mannes, eine hinreichende Erektion des Penis herbeizuführen, um die Kopulation durchzuführen. Daneben gibt es noch andere Krankheitsbilder wie die retrograde Ejakulation, bei der das Sperma bei der Ejakulation in die Harnblase anstatt zur Penisöffnung geleitet wird. Ein Verschluss des Ductus ejaculatorius ist in 1–5 % der Fälle männlicher Zeugungsunfähigkeit die zugrunde liegende Ursache.Henry Pryor: Ejaculatory duct obstruction in subfertile males: analysis of 87 patients. In: Fertil Steril. 56, 1991, S. 725.
Immunologische Faktoren In seltenen Fällen können immunologische Reaktionen im Zusammenhang mit Unfruchtbarkeit eine Rolle spielen. Dabei richten sie sich nicht gegen die Spermien selbst, sondern gegen Bestandteile des Spermas oder gegen gewebsspezifische Antigene des Embryos.Clark DA, Chaouat G. Immune mechanisms contributing to pregnancy success or failure: recent developments. Am J Reprod Immunol. 2003;50(6):389–404. doi:10.1046/j.8755-8920.2003.00114.x. PMID 14651501.
Das weibliche Immunsystem ist fähig, eine Immuntoleranz gegenüber dem Embryo zu entwickeln, der zur Hälfte aus väterlichem Erbgut besteht. Störungen dieser Toleranz werden als mögliche Ursache für eine eingeschränkte Fruchtbarkeit oder wiederholte Fehlgeburten diskutiert.S. A. Robertson, L. R. Guerin, J. J. Bromfield, K. M. Branson, A. C. Ahlstrom, A. S. Care: Seminal fluid drives expansion of the CD4+CD25+ T regulatory cell pool and induces tolerance to paternal alloantigens in mice. In: Journal of Immunology. Band 182, 2009, Nr. 10, S. 6133–6145, doi:10.4049/jimmunol.0900187. PMID 19414759.
Einige Studien haben den Einfluss sexueller Aktivität auf die Induktion dieser Immuntoleranz untersucht. Koelman und Dekker (1999) vermuteten etwa, dass regelmäßiger Geschlechtsverkehr, eine solche Toleranzbildung fördern könnte.C. A. Koelman, A. B. Coumans, H. W. Nijman, I. I. Doxiadis, G. A. Dekker, F. H. Claas: Correlation between oral sex and a low incidence of preeclampsia: a role for soluble HLA in seminal fluid?. In: Journal of Reproductive Immunology. 46(2), 2000, S. 155–166. Diese Hypothese ist jedoch umstritten und bisher nicht durch größere Studien bestätigt worden.
Diagnostik Die Diagnostik bei einem unerfüllten Kinderwunsch gehört immer in die Hände von Spezialisten. Grundsätzlich müssen dabei sowohl der Mann als auch die Frau mitwirken, da bei beiden mögliche Ursachen (s. o.) liegen können.
Als erstes wird grundsätzlich eine umfassende Anamnese erhoben. Dabei erfragt der behandelnde Arzt: Wie lange besteht bei Ihnen ein Kinderwunsch? Waren Sie schon früher wegen Ihres Kinderwunsches in ärztlicher Behandlung? Haben Sie eine eigene Erklärung für Ihre Kinderlosigkeit? Wie sehr leiden Sie beide unter der Kinderlosigkeit? Was hat sich in Ihrem Leben seit der Unfruchtbarkeit verändert (Partnerschaft, Beruf, Selbstwertgefühl)?
Zur Untersuchung des Mannes gehören Tast- und Ultraschalluntersuchung, Spermiogramm, Hormonspiegeluntersuchung (üblicherweise nur, wenn sich im Spermiogramm eine geringe Anzahl von Spermien findet), genetische Untersuchungen (Karyogramm) und Hodenbiopsie.
Zur Untersuchung der Frau gehören Zyklusanamnese. Dabei werden mindestens drei bis maximal sechs Menstruationszyklen lang Begleiterscheinungen beobachtet und dokumentiert. Dadurch kann festgestellt werden, ob zum Beispiel eine Gelbkörperschwäche vorliegt (bei verkürztem Zyklus) oder ob überhaupt kein Eisprung stattfindet (bei Ausbleiben der Menstruation)), Basaltemperaturkurve, Hormonwertuntersuchung, Tast- und vaginale Ultraschalluntersuchung (Beurteilung der Gebärmutter und der Eierstöcke), Gebärmutterspiegelung (Erkennen von Verklebungen, Myomen oder Polypen in der Gebärmutter und Ausschluss von FehlbildungenHysteroskopie mit Septumdissektion Unifrauenklinik-Kiel: Kinderwunsch), Bauchspiegelung (Erkennen von Verwachsungen oder Myome), ChromopertubationChromopertubation im Film sowie Kontrastmittelsonografie (synonym Hysterokontrastsonografie HKSG, Hysterosalpingo-Sonografie HSG zur Prüfung der Durchgängigkeit der Eileiter.
Schließlich gibt es noch Untersuchungen zur Kompatibilität der Spermien des Mannes mit dem Zervixschleim der Frau (Kremer-Test).
Lässt sich in der Diagnostik keine Ursache für die Unfruchtbarkeit finden, spricht man von einer Sterilitas ex causa ignota (Unfruchtbarkeit aus unbekannter Ursache) oder Sterilitas sine materia (symptomlose Unfruchtbarkeit).
Behandlungsmöglichkeiten