Venedig war seit dem späten 15. Jahrhundert bis gegen Ende des 16. Jahrhunderts das wichtigste Zentrum des europäischen Buchdrucks. Gedruckt wurden liturgische Texte, Werke griechischer und lateinischer Klassiker, religiöse Bücher des Judentums, Musiknoten, Karten und Atlanten sowie naturwissenschaftliche Bücher. Verwendet bzw. neu geschaffen wurden Lettern für lateinische, griechische, aramäische, arabische, kroatische und serbische Texte. Allein aus dem 15. Jahrhundert sind über 4000 Druckerzeugnisse und die Namen von 150 in der Stadt tätigen Druckern bekannt.Lexikon des Buchwesens. Bd. 2. Stuttgart 1952. S. 824 Führend war Venedig in der Typographie, der Buchillustration und seit Aldus Manutius auch in der philologischen Qualität der Textausgaben.
Innovationen mini|Titelblatt des Astronomischen Kalenders (Ephemeriden) des Regiomontanus von 1476, gedruckt von Erhard Ratdolt in Venedig, Rahmenornamente von Bernhart Maler Wesentliche Erneuerungen im Buchwesen wurden zum ersten Mal in Venedig erprobt und eingeführt. Hatten Gutenberg und die frühen deutschen Drucker vor allem mit Frakturschriften gedruckt, so setzte sich im Buchdruck der romanischen Länder die Antiqua als gebräuchliche Schrifttype durch. Zwar waren die ersten Antiqua-Schriften 1467 in Straßburg geschnitten worden, wurden aber durch den Franzosen Nicolas Jenson in Venedig vervollkommnet. Die auf Veranlassung von Aldus Manutius von Francesco Griffo geschnittenen Antiqua-Schriften wurden stilbildend für alle bedeutenden späteren Typographen. Ebenfalls von Griffo geschnitten wurde die nach rechts geneigte Kursive für die neuen Taschenbuchformate der Aldus-Offizin.
Aldus Manutius führte die Interpunktion in den Buchdruck ein.
Die Kustoden, Vorläufer der Seitenzählung, wurden zum ersten Mal in der Tacitus-Ausgabe von 1470 von Arnold Therhoernen, einem in Venedig ansässigen Kölner, in einem gedruckten Buch eingesetzt.
1476 versah der aus Augsburg stammende Drucker Erhard Ratdolt zum ersten Mal ein Buch mit einem Titelblatt, das fast alle Elemente eines modernen Titelblatts – mit Ausnahme des Verfassers – enthält einschließlich einer kurzen Vorrede, die heute ihren Platz auf dem Waschzettel finden dürfte. Das Titelblatt wird durch einen Holzschnittrahmen deutlich von dem folgenden Text abgehoben.
Der Notendruck mit beweglichen Lettern wurde von dem venezianischen Drucker Ottaviano dei Petrucci erfunden.
Geschichte 15. und 16. Jahrhundert In Venedig tätige Drucker, Typographen, Verleger:Die Funktionen von Drucker, Typograph, Buchhändler, Verleger und Lektor sind für die Frühzeit des Buchdrucks nicht klar zu trennen, sie konnten in einer Person vereinigt sein, gleichzeitig gab es aber schon früh eine Spezialisierung auf einzelne Funktionen.
Luca Antonio Giunta der Ältere (1457–1538) Gabriele Giolito de’ Ferrari Francesco Griffo, auch Gryffo (1450–1518) Nicolas Jenson (um 1420–1480) Zacharias Kallierges Aldus Manutius (1449–1515)
Erhard Ratdolt (1447–1527) Pietro dei Ravani, auch Petrus Ravanus (1516–1528 in Venedig tätig) Franz Renner Giovanni Rosso, (1480 – 1519 in Venedig tätig) Johannes de Spira, auch Johannes von Speyer († 1480) Wendelin von Speyer (1468 – 1477 in Venedig tätig) Giovanni Tacuino, auch Giovanni da Tridentino (1492–1541) Nikolaos Vlastos, auch Blasto
Die wichtigsten Druckorte für Inkunabeln, die sogenannten Wiegendrucke aus der Frühzeit des europäischen Buchdrucks, waren die deutschen Städte Straßburg mit 491 und Köln mit 434 Exemplaren, an dritter Stelle folgt schon Venedig, das bei 387 von den 607 in Italien gedruckten Inkunabeln als Druckort angegeben ist. Während in Deutschland vor allem Bibeln und andere geistliche Texte gedruckt wurden, zeigte man in Venedig von Anfang an Interesse an der Herausgabe griechischer und römischer Autoren, für die bei den Humanisten der venezianischen Universität Padua eine große Nachfrage bestand.
Die Drucker, die sich bald nach der Erfindung der Druckerpresse und des Drucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg in Venedig ansiedelten, fanden hier günstigste Bedingungen für ihr Gewerbe vor. Noch hatte Venedig seinen Rang als dominierende Handelsnation nicht verloren, wenn es auch allmählich seine politische Bedeutung als lokale Ordnungsmacht an die Osmanen abgeben musste. Nach wie vor bestanden mit den Wirtschaftszentren in Europa enge Netze von Handelswegen und Geschäftskontakten sowie rege diplomatische und kulturelle Beziehungen. Ein Klima wirtschaftlicher und geistiger Freiheit, religiöse Toleranz, die Nähe zu Padua, Zentrum humanistischer Studien, schufen ideale Voraussetzungen für das Aufblühen der Druckkunst und des Verlagswesens.
1469 siedelten sich die Deutschen Johannes und Vendelin de Spira (oder Johannes und Wendelin von Speyer) an, die 1470 das erste Buch in italienischer Sprache druckten, den Canzoniere von Francesco Petrarca. Im gleichen Jahr trat der in der Champagne geborene Franzose Nicolas Jenson in die Werkstatt der Speyrer ein und entwarf verschiedene Serien von Schrifttypen für deren Offizin. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es über 100 Drucker und Verleger, und für die nächsten Jahrzehnte war Venedig unbestrittenes Zentrum des Buchdrucks in Europa. Sowohl was die Qualität des Drucks als auch die Schönheit der hier entwickelten Lettern, die Qualität der Texte und die Prinzipien bei der Herausgabe von Texten betraf, wurde Venedig exemplarisch für Europa. mini| Seite aus Pietro Bembos De Aetna, gedruckt bei 1495 bei Aldus Manutius mini|Virgil-Ausgabe aus der Offizin des Aldus Manutius, 1501 1489 kam der Humanist und Buchdrucker Aldus Manutius nach Venedig, ein für die Druckkunst Venedigs denkwürdiges Datum. Aldus revolutionierte mit seiner Offizin den Buchdruck.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich zwar die Produktion von Büchern vervielfacht, allerdings waren die Texte durch mangelnde Sorgfalt und Unkenntnis der ungebildeten Drucker, die die fremdsprachlichen Texte nicht verstehen konnten, voller Fehler und Ungereimtheiten. Dazu wurden die alten Fehler in den Handschriften immer wieder reproduziert. Die Freiheit des neuen Buchgewerbes von Beschränkungen durch Zünfte brachte als Kehrseite scharfe Konkurrenz, unlautere Praktiken, Streitereien und Unsicherheit mit sich. Darunter litt die Qualität der Bücher und das gebildete und zahlungskräftige Publikum war enttäuscht, der Absatz der auf den Markt strömenden Drucke kam schon seit 1472/73 ins Stocken.
Aus der Offizin des Aldus Manutius kamen die ersten textkritisch durchgesehenen Ausgaben. Als ausgebildeter Humanist und Philologe verglich er die vorliegenden Handschriften griechischer und römischer Autoren, korrigierte Fehler und konnte somit Ausgaben von bisher unbekannter Qualität und Genauigkeit herausbringen. Anstatt in üblichen kleinen Auflagen von höchstens 500 Stück kamen seine Bücher in Auflagen von bis zu 1000 Stück heraus. Aldus ließ für seine Drucke Stempel von renommierten Künstlern schneiden, so von dem Bologneser Stempelschneider Francesco Griffo, von dem die erste Schräg-Antiqua stammte, die Aldus in seinen Aldinen verwendete. Die raumsparende Kursive eignete sich besonders für den Druck kleinformatiger Bücher, den nach Aldus benannten Aldinen, die wegen ihrer hervorragenden Druckqualität, der Genauigkeit der Texte und der Handlichkeit der in Leder gebundenen Bände ein großer Verkaufserfolg wurden. Sie sind Spitzenerzeugnisse der venezianischen Druckkunst und sind noch heute von Sammlern und Bibliophilen begehrt.
Musikalien, Notendruck
Das übliche Verfahren der Zeit für den Notendruck war der Holzschnitt. Bücher mit Noten waren fast ausschließlich liturgische Bücher wie Messbücher und Gradualbücher. Drucker, Verleger und Typographen von Noten und Musikalien
Lucantonio Giunta Johann Hamman von Landau (aktiv 1483–1509) Ottaviano Petrucci (1466–1539), Petrus Rabanus, auch Pietro dei Ravani (1516–1528 in Venedig tätig) Ottaviano Scotto (* um 1444; † um 1499) Johann Emerich von Speier (aktiv 1487–1500) Antonio (1538–1569) und Angelo Gardano (1540–1611), Musikverleger
Beide erforderten einen hohen Aufwand, der zunächst von vielen Druckern umgangen wurde, indem sie zwar die Notenlinien, Rubriken, teils auch Noten in diversen Arbeitsgängen druckten, aber möglichst viel Raum für handschriftliche Eintragungen ließen. Der erste Notendruck in Venedig war ein Graduale von 1482 aus der Offizin Ottaviano Scottos. In der Folge waren die venezianischen Notendruckereien derart erfolgreich, dass Venedig für Jahrzehnte Zentrum für Musikalien wurde. Von 80 erhaltenen Missalen (Inkunabeln) Italiens kommen allein 50 aus Venedig, wobei auf die deutschen Drucker Hamman von Landau und Emerich von Speier allein 35 entfallen.Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Sachteil. Bd. 4. 1997. Sp. 439. Abnehmer fanden die Bücher in ganz Italien, aber auch in Frankreich, Spanien, England oder Ungarn. Von 1482 bis 1509 war der aus Landau stammende Hamman in Venedig als Drucker tätig. Von 85 aus seiner Offizin stammenden Drucken waren 51 mit Noten, bzw. mit Notenlinien zum handschriftlichen Eintragen der Noten versehene Drucke. Fast alle waren Messbücher oder andere liturgische Bücher für den lateinischen Ritus.
1498 wurde dem aus Umbrien stammenden Ottaviano Petrucci von der Signoria für 20 Jahre das Privileg für den Druck von Noten verliehen. Petrucci gilt als der erste Musikverleger Venedigs. Seine Erfindung des Notendrucks mit beweglichen Lettern revolutionierte den Notendruck und brachte ihm auch wirtschaftlich großen Erfolg. Um 1501 veröffentlichte er unter dem Titel Harmonice Musices Odhecaton seinen ersten Notendruck, Partituren von Canzonen bekannter Komponisten im mehrstimmigen Satz. Zwei weitere Bände erschienen in rascher Folge. Da Petrucci wie alle Verleger der Zeit auf eigene Rechnung handelte und durch das strenge Druckprivileg Venedigs geschützt war, fiel der Gewinn vollständig an ihn, ohne Anteile für die Komponisten, deren Namen nicht genannt wurden.
Karten und Atlanten Die Drucker Venedigs konnten in der Kartographie auf eine reiche Tradition der Herstellung und Perfektionierung von Portolankarten und den so genannten Isolarien aufbauen. Die ersten gedruckten Karten Venedigs entsprachen denn auch den handgefertigten Portolankarten. Drucker, Kartographen, Verleger von Karten, Isolarien und Kosmographien
Benedetto Bordone (1460–1531), Gian Francesco Camoccio, die Giunti Paolo Forlan Giacomo Gastaldi († 1566), Bartolomeo dalle Sonetti, Giovan Battista Ramusio 1485–1557
Obwohl Venedig seine Vormachtstellung als Seefahrer- und Handelsnation im Zeitalter der Entdeckungen allmählich einbüßte, behauptete es auf dem Gebiet der Kartographie weiterhin seine Stellung und trug auf seine Weise bei zur europäischen Expansion nach Amerika und Asien.
Anders als Spanien und Portugal, die ihre Karten nur zum Gebrauch durch die eigene Flotte herausgaben und nach Rückkehr der Schiffe wieder wegschlossen, erkannte Venedig, das auf genaue Seekarten für den reibungslosen Ablauf des Handels angewiesen war, schon früh im Handel mit Karten ein lohnendes Geschäft. Venezianische Portolankarten wurden von allen Seefahrernationen benutzt. 1528 war eine Weltkarte herausgekommen, eingebunden in Benedetto Bordones Isolario, auf der bereits die jüngsten Entdeckungen – Süd- und Nordamerika, die Trennung von Amerika und Asien durch den Ozean – berücksichtigt waren, die Antarktis und der asiatische Kontinent, Indien und Afrika aber noch den alten Mappae mundi entsprechen. Bordones Isolario von 1547 (gedruckt bei Aldus) enthält neben einer Weltkarte den ersten bekannten Bericht über Pizarros Eroberung von Peru sowie 12 Karten über Amerika, darunter einen Stadtplan von Temistitan, dem heutigen Mexiko-Stadt und eine Karte von Japan, genannt Ciampagu.