Unternehmen Theseus (oft auch als Schlacht von Gazala bezeichnet) war der Deckname einer deutschen Militäroperation, einer Offensive der Achsenmächte ab Ende Mai 1942, während des Afrikafeldzugs im Zweiten Weltkrieg. Das Ziel des militärischen Unternehmens war die Umfassung und das Abschneiden von der eigenen Versorgung der zwischen Gazala und Bir Hakeim in befestigten Stellungen eingegrabenen alliierten Armee und die Eroberung der Festung Tobruk. Die deutsch-italienischen Truppen konnten bis nach El Alamein vorstoßen, dem östlichsten Punkt des Vordringens der Achsenmächte in Nordafrika während des Zweiten Weltkriegs.
Hintergrund Italien hatte Frankreich und Großbritannien am 10. Juni 1940 den Krieg erklärt. Der italienische Diktator Benito Mussolini ging von einem nur kurzen Krieg aus und hoffte, durch ein Bündnis mit dem Deutschen Reich einige der Gebietsansprüche Italiens befriedigen zu können. In Nordafrika bestanden diese zum einen aus einer Vergrößerung der Kolonie Italienisch-Libyen in Richtung Westen um das französische Protektorat Tunesien. In östliche Richtung strebte Italien eine Kontrolle über Ägypten und den strategisch wichtigen Sueskanal sowie die Herstellung einer direkten Landverbindung zu seinen Kolonien in Ostafrika an. Nachdem Frankreich im Westfeldzug geschlagen worden war und Tunesien zum nun verbündeten Vichy-Frankreich gehörte, richteten sich die italienischen Expansionsziele in Nordafrika ganz auf Ägypten. Am 9. September 1940 marschierte Italien schließlich mit der 10. Armee in Ägypten ein.
Kriegsverlauf in Nordafrika
Die Invasion verlief allerdings wenig erfolgreich und kam aufgrund der schlechten Versorgung und Ausrüstung der Truppen nur wenig mehr als 100 km hinter der libysch-ägyptischen Grenze zum Stehen. Am 8. Dezember starteten die Alliierten mit der Operation Compass eine Gegenoffensive. Das ursprünglich auf nur wenige Tage begrenzte und die Vertreibung der italienischen Armee aus Ägypten gerichtete Unternehmen erwies sich als derart erfolgreich, dass der Vormarsch bis nach Libyen fortgesetzt wurde. Bis Anfang Februar 1941 hatten die alliierten Truppen die Kyrenaika bis einschließlich El Agheila besetzt und die italienische 10. Armee nahezu restlos aufgerieben.
Die vollständige Einnahme Italienisch-Libyens unterblieb allerdings, da Teile der in Nordafrika eingesetzten alliierten Truppen zur Abwehr des sich ankündigenden Balkanfeldzugs des Deutschen Reichs im April 1941 eingesetzt werden sollten. Während die Alliierten somit ab Februar 1941 Truppen zur Verteidigung Griechenlands abzogen, verschiffte Deutschland im sogenannten Unternehmen Sonnenblume zeitgleich und heimlich erste Truppenkontingente nach Tripolis und begründete das Deutsche Afrikakorps. Nur wenige Wochen nach seinem Eintreffen ging das von Erwin Rommel kommandierte Afrikakorps zusammen mit den italienischen Divisionen in Libyen zu einer erneuten Offensive über. Die wenigen und überwiegend unerfahrenen alliierten Truppen zogen sich hastig wieder aus der Kyrenaika zurück.
Im Laufe des April waren die Achsenmächte erneut bis zum Halfaya-Pass auf ägyptisches Territorium vorgedrungen. Lediglich der strategisch bedeutsame Tiefwasserhafen Tobruk wurde weiterhin von einer alliierten Besatzung gehalten. Nachdem eine Reihe von Angriffen auf Tobruk im April und Anfang Mai 1941 gescheitert waren, stellte sich Rommel zur Schonung seiner begrenzten Ressourcen auf eine längere Belagerung der Stadt ein. Das alliierte Oberkommando im Nahen Osten unter Archibald Wavell begann zeitgleich mit der Planung und Vorbereitung einer Gegenoffensive, um die Kontrolle über die Kyrenaika zurückzuerlangen und die belagerte Stadt zu entsetzen. Die erste Gegenoffensive – genannt Operation Brevity – begann bereits am 15. Mai, konnte allerdings wenig mehr als die Rückeroberung des Halfaya-Passes (und das auch nur bis zum 27. Mai) erreichen. Zeitgleich (vom 20. Mai bis zum 1. Juni 1941) wurde die Luftlandeschlacht um Kreta geführt, die bei einem für das Deutsche Reich erfolgreichen Verlauf die Luftunterstützung und die Versorgung der Achsenmächte deutlich verbessern würde. Eine zweite am 15. Juni gestartete alliierte Offensive – die Operation Battleaxe – scheiterte unter großen Verlusten an Panzern, wobei die alliierten Truppen nur knapp der Einkreisung und Vernichtung entgingen. Nach diesem Fehlschlag wurde Archibald Wavell als Oberkommandierender des Middle East Command durch Claude Auchinleck abgelöst.
Auchinleck gelang es mit einer im November 1941 gestarteten Offensive – genannt Operation Crusader – schließlich, die belagerte Stadt Tobruk zu entsetzen und das gesamte Gebiet bis zur ägyptisch-libyschen Grenze unter alliierte Kontrolle zu bringen. Eine erneute Besetzung der restlichen Kyrenaika scheiterte aber an einer schnell eingeleiteten Gegenoffensive Rommels, die schließlich Anfang Februar beim alliierten Verteidigungsgürtel bei Gazala zu einem Patt führte. Beide Seiten waren von den vorangegangenen Kämpfen und jeweiligen Versorgungsschwierigkeiten zu geschwächt, um weitere Angriffe beginnen zu können. Sie gruben sich ein und verzichteten zunächst auf weitere Offensiven.
Militärische Ausgangslage Nach den schweren Kämpfen zwischen November 1941 und Februar 1942 waren die Kräfte beider Seiten erschöpft, so dass weitere Offensiven zunächst nicht möglich waren. Insgesamt befanden sich die Alliierten in einer vorteilhafteren Position: Zum einen standen ihre Verbände den deutschen und italienischen Truppen bei Gazala in gut ausgebauten Stellungen gegenüber, zum anderen waren ihre Nachschubwege deutlich kürzer. Für die Achsenmächte blieb die Versorgung der Truppen durch die britische Dominanz im Mittelmeer ein ständiges Problem, das sich auch nach der Eroberung Kretas und der Blockade Maltas nur geringfügig besserte. Rommels einzige Hoffnung auf eine Verkürzung der Versorgungswege bestand in einer baldigen Einnahme des Tiefwasserhafens Tobruk.
Rommels Angriffsplan mini|Erwin Rommel (mit Kappe) mit Walther Nehring (rechts) bei einer Lagebesprechung vor dem Angriff auf Tobruk, April 1942
Rommel plante, die gut ausgebauten alliierten Stellungen zwischen Gazala und Bir Hakeim mit seinen schnellen motorisierten Truppen südlich zu umgehen. Die italienische 132. Panzerdivision „Ariete“ auf der innersten Position der Schwenkbewegung sowie daran anschließend die deutsche 21. und 15 Panzer-Division sollten dann nach Norden eindrehen und in den Rücken der britischen 8. Armee vorstoßen. Bir Hakeim sollte von der 21. Panzer-Division überrannt werden. Nur wenn sich der Widerstand dort als zu zäh erweisen sollte, sollte auf den Funkbefehl „Venezia“ hin die italienische Division „Ariete“ die Bekämpfung der Stellung übernehmen, damit der gesamte Vorstoß nicht ins Stocken geriete. Die 90. leichte Afrika-Division, verstärkt durch zusätzliche Artillerie- und Flakbataillone, sollte die Umgehung auf der äußersten Flanke mitvollziehen. Die italienischen X. und XXI. Korps sollten zeitgleich die alliierten Stellungen bei Gazala frontal angreifen, um von der Umgehungsbewegung abzulenken. Einzig die italienische 101. Division „Trieste“ wäre nicht am Ablenkungsangriff beteiligt, sondern sollte stattdessen weiter südlich einen Korridor durch die feindlichen Minengürtel öffnen, um den Nachschub für die Panzerdivisionen sicherzustellen. Für das ganze Manöver war etwa ein Tag angesetzt, so dass am zweiten Tag der Offensive die alliierten Truppen in ihren Verteidigungsstellungen von zwei Seiten angegriffen werden konnten. Unterstützung sollten die Panzerdivisionen durch die 15. Schützenbrigade erhalten, welche mit Fährprahmen hinter den alliierten Truppen landen und die Via Balbia entminen und besetzen sollte. Die 90. leichte Division sollte währenddessen den Flugplatz bei El Adem besetzen und eventuell von Osten herangeführte alliierte Verstärkungen binden. Bis zum Abend des zweiten Angriffstages sollte so der Großteil der alliierten Truppen aufgerieben sein. Im Anschluss wurde mit einer handstreichartigen Besetzung bzw. einem maximal zwei Tage dauernden Angriff auf Tobruk gerechnet.
Trotz großer Bemühungen, das Unternehmen geheim zu halten, waren die Briten über Enigma von der bevorstehenden Offensive informiert. Allerdings waren weder der genaue Termin noch die Stoßrichtung der feindlichen Truppen bekannt. Innerhalb der britischen Führung gab es zwischen Winston Churchill, Claude Auchinleck und Neil Ritchie zudem sehr verschiedene Auffassungen darüber, wann mit einem Angriff zu rechnen sei und wie Rommels Pläne seien.vgl. Stumpf S. 598–599
Beteiligte Streitkräfte Achsenmächte mini|Ein deutscher Befehlspanzer III vor der Gazala-Linie, April 1942
Zu Beginn der Operation konnte die Panzerarmee Afrika insgesamt 565 Panzer ins Feld führen, davon 281 Panzer III mit 5-cm-Kanone kurz (5-cm-KwK 38 L/42), weitere 19 Panzer III mit einer 5-cm-Kanone lang (5-cm-KwK 39 L/60) sowie 40 Panzer IV mit 7,5-cm-Kanone (7,5-cm-KwK 37 L/24). Die restlichen 225 Panzer waren verschiedene italienische Modelle.vgl. Stumpf S. 600 Im Einsatzgebiet standen etwa 460 Flugzeuge zur Verfügung, von denen 400 unmittelbar einsatzfähig waren. Davon waren 192 deutsche Flugzeuge (135 Jagdflugzeuge (95 einsatzbereit) und 64 Sturzkampfflugzeugen vom Typ Ju 87 (einsatzbereit 54)). Die restlichen 261 Flugzeuge waren verschiedene italienische Jäger- und Bombermodelle. Im Ernstfall hätten weitere knapp 1000 Flugzeuge, die auf Kreta, auf Sizilien und in Griechenland stationiert waren, aktiviert werden können.vgl. Stumpf S. 602/603
Panzerarmee Afrika (Generaloberst Erwin Rommel) Deutsches Afrikakorps (Generalleutnant Walther Nehring) 15. Panzer-Division (Generalmajor Gustav von Vaerst) 21. Panzer-Division (Generalmajor Georg von Bismarck) 90. leichte Afrika-Division (Generalmajor Ulrich Kleemann) italienisches XX. Korps (Generale di Corpo d’Armata Gastone Gambara) 132. Panzerdivision „Ariete“ 101. motorisierte Infanteriedivision „Trieste“ Gruppe Crüwell (Die nach General der Panzertruppe Ludwig Crüwell benannte und von ihm geführte Formation wurde für das Unternehmen Theseus zusammengestellt und sollte während Rommels Abwesenheit die im Norden stehenden Truppen kommandieren.) Italienisches XXI. Korps (Generale di Corpo d’Armata Enea Navarini) 102. motorisierte Infanteriedivision „Trento“ 60. Infanteriedivision „Sabratha“ 15. Schützenbrigade (für die Dauer des Unternehmens aus der 90. leichten Afrika-Division ausgegliedert) Italienisches X. Korps 17. Infanteriedivision „Pavia“ 27. Infanteriedivision „Brescia“
Alliierte Im Vorfeld der Schlacht von Gazala erhielten die Briten US-amerikanische Waffenlieferungen, vor allem amerikanische M3 Lee/Grant-Panzer. Dank des 75-mm-Geschützes verfügten die Briten damit erstmals im Nordafrikafeldzug über Panzer, die in Schussweite und Durchschlagskraft den meisten deutschen Panzern überlegen waren. Da die Briten selbst eine Offensive bei Gazala geplant hatten und hierfür Kräfte aufbauten, trafen während des Unternehmen Theseus weitere Panzer ein, die als Verstärkung in der Schlacht eingesetzt wurden. Zu Beginn der Schlacht standen den Alliierten 849 Panzer zur Verfügung (167 Grants, 149 US-amerikanische Stuart-Panzer sowie 257 britische Crusader-, 166 Valentine- und 110 Matilda-II-Panzer). Die Desert Air Force hatte etwa 320 Flugzeuge, von denen allerdings nur 190 einsatzfähig waren.
Middle East Command Claude Auchinleck 8th Army (Neil Ritchie) XIII Corps (William Gott) südafrikanische 1. Infanteriedivision südafrikanische 2. Infanteriedivision britische 50. Infanteriedivision polnische Karpatenbrigade 32. Armeepanzerbrigade 1. Armeepanzerbrigade XXX Corps (Charles Norrie) 1. Panzerdivision 7. Panzerdivision indische 29. Infanteriebrigade 1. Freie Französische Brigadegruppe (Marie-Pierre Kœnig) Reserve 5. indische Infanteriedivision 10. indische Infanteriedivision indische 11. Infanteriebrigade indische 5. Infanteriebrigade (ab Mitte Juni 1942)
Verlauf der Operation