mini|Neubau des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum (DBSM) in Leipzig wurde 1884 als Deutsches Buchgewerbe-Museum gegründet und ist das älteste Fachmuseum seiner Art. Heute ist es ein Teil der Deutschen Nationalbibliothek am Deutschen Platz in Leipzig. Seit 2007 wird es von Stephanie Jacobs geleitet.

Das Museum sammelt, bewahrt und erschließt wertvolle Zeugnisse der Buch-, Schrift-, Druck- und Papierkultur (nicht jedoch der Literatur, trotz deren enger Verbindung zum Buch). Die Bereitstellung einmaliger Studiensammlungen (etwa 1 Million Bestandseinheiten) und der zugehörigen Fachliteratur für wissenschaftliche Zwecke, insbesondere für die Buch- und Papiergeschichtsforschung, ist ein wesentliches Anliegen der musealen Arbeit. Neben einer Dauerausstellung bringt das Museum wechselnde thematische Ausstellungen an die Öffentlichkeit.

Sammlungen mini|hochkant|Heinrich Klemm Zu den Musealen Buchsammlungen zählt die Sammlung des Verlegers Heinrich Klemm mit heute rund 67.000 Titeln, darunter rund 23.000 museale Drucke von der Inkunabelzeit bis zum 21. Jahrhundert, ferner auch Orientalia und Handschriften (unter anderem die Elisabeth-Handschrift von 1481Bettina Rüdiger: Von Frauen über Frauen. Elisabeth-Handschrift. In: Stephanie Jacobs (Hrsg.): Tiefenbohrung. Eine andere Provenienzgeschichte. Hatje Cantz, Berlin 2022, ISBN 978-3-7757-5249-7, S. 273–274.). Dazu kommen die Bibliothek des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig (u. a. Fachadressbücher, Schriftmuster, Schreibmeisterbücher, Messkataloge) sowie 45.000 Objekte der Sammlung Künstlerische Drucke hinzu. Letztere dokumentiert die Buchgestaltung vom 20. Jahrhundert an und wurde ursprünglich durch die Deutsche Bücherei angelegt. Sie wird bis heute beständig erweitert durch Künstlerbücher, Pressendrucke und prämierte Bücher (so durch die Stiftung Buchkunst, bspw. aus dem Wettbewerb Schönste Bücher aus aller Welt).Museale Buchsammlungen. Website der Deutschen Nationalbibliothek. Zugriff 19.07.2024.

Das Museum verfügt über rund 150.000 Archivalien zur Geschichte des Buchhandels, bspw. Briefe (so etwa die Sammlung des goethezeitlichen Verlegers Georg Joachim Göschen), über 1.000 Porträts, etwa 18.000 Druckermarken und Verlagssignets, eine Sammlung von etwa 25.000 Geschäftsrundschreiben, 60 laufende Meter Verlagskataloge und Prospekte, bis hin zu ganzen Verlagsarchiven (z. B. Gustav Fischer Verlag, Verlag Langewiesche) und buchhändlerischen und buchwissenschaftlichen Nachlässen (z. B. Paul Gotthelf Kummer, Gerhard Menz). Den Grundstock bildet das Archiv des Leipziger Börsenvereins, gegründet 1844, jedoch mit etlichen älteren Beständen. Allein das Foto- und Medienarchiv des Börsenblatts umfasst etwa 90.000 Objekte. Die Nachkriegszeit der Branche wird seit 2012 durch die Bestände des Frankfurter Börsenvereins wesentlich ergänzt, die sich im Historischen Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt befinden.Archivalien und Dokumente zur Buchgeschichte. Website der Deutschen Nationalbibliothek. Zugriff 19.07.2024.

Die Papierhistorischen Sammlungen umfassen mit 400.000 Exemplaren die weltweit größte erschlossene Sammlung von Wasserzeichen – eine essentielle Hilfe bei Echtheitsprüfungen und der Herkunfts- und Altersbestimmung von Papieren. Hinzu kommt eine der bedeutendsten Buntpapiersammlungen weltweit, ursprünglich zusammengetragen von Franz Bartsch und Ernst Seegers.Zu Bartsch vergleiche: Julia Rinck: Japan - Wien - Leipzig. In: Stephanie Jacobs (Hrsg.): Tiefenbohrung. Eine andere Provenienzgeschichte. Hatje Cantz, Berlin 2022, ISBN 978-3-7757-5249-7, S. 51–52. Sammlungen der selten erhaltenen Riesaufdrucke (Etiketten für 1 Ries, d. h. 500 Bogen Druckpapier), Papierproben aus über 600 in- und ausländischen Papierfabriken sowie Archivalien zur Papiergeschichte runden die Bestände ab.Papierhistorische Sammlungen. Website der Deutschen Nationalbibliothek. Zugriff 19.07.2024.

Die Grafische Sammlung dokumentiert gestalterische, künstlerische und drucktechnische Aspekte des Buch- und Schriftwesens, z. B. durch Arbeiten einzelner Akteure, Musterbeispielen bestimmter Drucktechniken, Kalligrafisches und Typografisches, Gebrauchsgrafik, Klein- und Akzidenzdrucke usw. Nach schweren Verlusten im Zweiten Weltkrieg beläuft sich die Sammlung auf mehr als 43.000 Einzelblätter und Blattfolgen, u. a. 2.900 Exlibris, zahlreiche Bilderbögen und die Erzeugnisse der Reichsdruckerei zu nennen. Eine Sonderrolle spielen die noch kaum beforschten grob geschätzt 50.000 politischen Plakate, die den Ersten Weltkrieg und die folgenden Revolutionsjahre sowie die NS- und die DDR-Zeit abdecken.Grafische Sammlung. Website der Deutschen Nationalbibliothek. Zugriff 19.07.2024.Julia Rinck: Kriegssammlungen auf Umwegen. In: Stephanie Jacobs (Hrsg.): Tiefenbohrung. Eine andere Provenienzgeschichte. Hatje Cantz, Berlin 2022, ISBN 978-3-7757-5249-7, S. 91–95.

Technische Zeugnisse der Buch- und Schriftgeschichte stehen im Mittelpunkt der Kulturhistorischen Sammlung, zu deren etwa 9.000 Objekten Geräte und Materialien zur Handschrift, zum Schriftsatz und Schriftgießen, zum Druck in verschiedensten Formen (bis hin zum modernen 3D-Druck), zur Papierherstellung und -verarbeitung, zur Buchbinderei, sowie weiterhin zur Werbung und Vermittlung von Buch und Schrift gehören. Nach Zugängen aus dem Deutschen Papiermuseum Greiz (1964) wurde die Sammlung in den 1990ern insbesondere durch Zeugnisse der polygrafischen Industrie der ehemaligen DDR bereichert (u. a. C. G. Röder, Brockhaus, Gebr. Brehmer, Offizin Andersen Nexö). Die Freiberger Papierfabrik zu Weißenborn GmbH überließ 1994 nach der Übernahme durch Felix Schoeller den überwiegenden Teil seiner Egoutteure. Großzügige Schenkungen des südkoreanischen Early Printing Museum zu frühen ostasiatischen Drucktechniken erweitern die Perspektive.Kulturhistorische Sammlung. Website der Deutschen Nationalbibliothek. Zugriff 19.07.2024.

Hinzu kommen über 60 Nachlässe oder sonstige heterogene Spezialsammlungen. Vertreten sind hier die deutsche (besonders auch ostdeutsche) Buch- und Schriftgestaltung des mittleren und späten 20. Jahrhunderts, allen voran der „Jahrhunderttypograf“Jan Tschichold - Ein Jahrhunderttypograf?. Hrsg. v. Stephanie Jacobs u. Patrick Rössler. Göttingen 2019. Jan Tschichold, weiterhin Grafiker und Buchgestalter wie Erich Gruner, Walter Tiemann, Egbert Herfurth, Hans Ticha, Karl Stratil, Horst Hussel, Günter Horlbeck und Irmgard Horlbeck-Kappler, andererseits Schriftgestalter wie Herbert Post, Albert Kapr, Hans Peter Willberg, Axel Bertram, Walter Schiller, Gert Wunderlich und Hildegard Korger, ferner Papierhistoriker wie der ehemalige Museumsdirektor Hans H. Bockwitz.Vor- und Nachlässe. Website der Deutschen Nationalbibliothek. Zugriff am 22. Juli 2024; Benjamin Sasse: Was bleibt. Vor- und Nachlässe. In: Stephanie Jacobs (Hrsg.): Tiefenbohrung. Eine andere Provenienzgeschichte. Hatje Cantz, Berlin 2022, ISBN 978-3-7757-5249-7, S. 191–195. Thematisch enger eingegrenzt sind bspw. die Comic-Sammlung Armin Abmeier, die Sammlung Hartung zu Pop-up-Büchern und ähnlichen beweglichen BuchformenBenjamin Sasse: Blättern in 3D. Kinetische Bücher aus der Sammlung Hartung. DNB-Blog. 11. August 2022., die von Gerhard Hartmann gestifteten buchkünstlerischen ObjekteBenjamin Sasse: Fragiles Erinnern. Eine Kassette auf Reisen. DNB-Blog. 24. Februar 2023. und die Buchtüten-Sammlung Mark LehmstedtVgl. Mark Lehmstedt: Buchtüten. Werbung für das Buch. Leipzig 2021..

Geschichte Anfänge mini|Das Buchgewerbehaus in Leipzig (1943 zerstört) mini|hochkant|Plakat zur Bugra 1914, Entwurf: Walter Tiemann

Am 29. Oktober 1884 erfolgte die Gründung als Deutsches Buchgewerbe-Museum. Es handelt sich damit um das älteste Buchmuseum der Welt. Es hatte seinen Sitz zunächst in der Buchhändlerbörse in der Ritterstraße, ab 1888 im Buchhändlerhaus in der Hospitalstraße und ab 1900 im Buchgewerbehaus in der Dolzstraße.

Hauptinitiator der Museumssammlungen war der Buchhändler Carl Berendt Lorck. Den Grundstock des heutigen Bestands bildet die 1886 auf Beschluss des Sächsischen Landtags aufgekaufte Sammlung des Verlegers Heinrich Klemm, die dem Deutschen Buchgewerbeverein zur Ausstellung in seinem Buchmuseum überlassen wurde.Hans H. Bockwitz: Heinrich Klemm und sein „Bibliographisches Museum“. Zu seinem 50.Todestage am 28. November 1936. In: Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik. Band 73 (1936), S. 493–495. Den Ankauf der Becher-Einbandsammlung ermöglichte Arnd Meyer (1859–1928), Enkel des Gründers des Bibliographischen Instituts, 1911 durch Bereitstellung einer größeren Summe.Helma Schaefer: Entdeckungen in Moskau. Die Becher-Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums Leipzig in der Russischen Staatsbibliothek Moskau. In: Einband-Forschung Heft 4 / Februar 1999, S. 36–42, Anm. 14.

1914 übernahm das Museum bedeutende Ausstellungsstücke von der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Bugra), auf der sich Leipzig auf dem Höhepunkt seines Einflusses auf diesen Gebieten zeigte.

In der Inflationszeit zu Beginn der 1920er Jahre geriet das Museum in große Existenznot und konnte weder Gehälter, noch Miete und Heizung bezahlen. Rettung bot eine Künstlerspende, an der sich u. a. Lovis Corinth, Paul Klee, Käthe Kollwitz und Oskar Kokoschka beteiligten.Stephanie Jacobs, Carolina Volkmann: Künstlerspende rettet Museum. In: Dialog mit Bibliotheken. Band 34 (2022), Nr. 2, S. 41–45 (Digitalisat).

Zeit des Nationalsozialismus 1938 übergab das Germanische Nationalmuseum der Deutschen Bücherei in Leipzig die Bibliothek der deutschen Reichsversammlung („Reichsbibliothek“) aus den Jahren 1848/49, die ausdrücklich zur historischen Vorläuferin stilisiert wurde.Johann Jacobi: Die Reichsbibliothek. Biographie einer Büchersammlung 1848–1938. Leipzig 2021.

1939 zog das Museum in einen 1936 bis 1938 errichteten Erweiterungsbau des Deutschen Buchgewerbehauses am Gutenbergplatz. Am 22. Juni 1940 (Johannistag) wurde eine neue Schausammlung mit einer Feierstunde eröffnet. Anlass war die 500-Jahr-Feier der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johannes Gutenberg.Feierstunde des Deutschen Buchgewerbevereins und Eröffnung des Deutschen Buchmuseums. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel. Jg. 108, Nr. 145, 25. Juni 1940, S. 234.Lothar Poethe unter Mitarbeit von Hannelore Schneiderheinze: Chronik des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. In: Stephanie Jacobs (Hrsg.): Zeichen – Bücher – Wissensnetze. 125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek. Wallstein, Göttingen 2009, ISBN 978-3-8353-0583-0, S. 382. Die Präsentation erstreckte sich auf 22 Räume.Hans H. Bockwitz: Rundgang durch die Schausammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums, Gründungsbesitz des Deutschen Buchgewerbevereins seit 1884. 2. Ausgabe. Verlagsabteilung des Deutschen Buchgewerbevereins, Leipzig 1943, .