mini|hochkant=1.6|Der Fürstenzug auf der Außenwand des Stallhofs in der Augustusstraße Der Fürstenzug in Dresden ist ein überlebensgroßes Bild eines Reiterzuges, aufgetragen auf rund 23.000 Fliesen aus Meißner Porzellan. Das 102 Meter lange, als größtes Porzellanwandbild der Welt geltende Kunstwerk stellt die Ahnengalerie der zwischen 1127 und 1902 in Sachsen herrschenden 34 Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige aus dem Geschlecht des Fürstenhauses Wettin dar. Rechnet man noch den am Schluss des Zuges reitenden Prinzen Georg hinzu, der später auch König wurde, dann ergibt sich eine Gesamtzahl von 35 Herrschern der Wettiner, die im Reiterzug zu sehen sind.
Der Fürstenzug befindet sich in der Augustusstraße, unweit der Frauenkirche, zwischen dem Georgentor und dem Johanneum. Hier wurde er in der heutigen Form im Jahre 1907 auf der Außenwand des Stallhofs des Dresdner Residenzschlosses angebracht.
Geschichte mini|Vorlagenzeichnung mini|Ausschnitt des Sgraffito-Frieses Schon 1589 schmückte man die äußere Nordwand des gerade entstandenen Stallhofs mit einer Kalkfarbenmalerei.Matthias Donath: Ein erstaunliches Wandbild – Wie der Fürstenzug entstand. In: Der Fürstenzug – Ein Wandbild wird lebendig edition Sächsische Zeitung, 1. Auflage, Meißen 2007, S. 8–17 Diese war jedoch im 19. Jahrhundert verwittert. 1865 legte der Historienmaler Wilhelm Walther einen Entwurf zur Neugestaltung vor: ein Festzug der sächsischen Regenten, passend zur bevorstehenden 800-Jahr-Feier des Fürstenhauses der Wettiner im Jahr 1889.Reinhard Delau: Der Fürstenzug in Dresden. Edition Sächsische Zeitung, Dresden 2005, ISBN 3-938325-12-7, S. 8–14 Zwischen 1868 und 1872 erstellte Walther eine insgesamt einhundert Meter lange und vier Meter hohe Vorlagenzeichnung mit Kohle auf quadriertem Papier. Diese wird heute, auf Leinwand aufgelegt, in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in vier Zinkrollen gelagert. Die Herstellung des Wandbildes in Sgraffitotechnik, einer Putzkratztechnik, dauerte von 1873 bis 1876. Walther begann im Frühjahr 1873 mit der linken Schrifttafel. Am 8. Juli 1873 konnte die linke Tafel und der darauf dargestellte Herold enthüllt werden. Der Abschnitt bis zur Figur „Otto der Reiche“ wurde bis Ende 1873 fertiggestellt. Am 19. Juli 1876 war das gesamte Kunstwerk vollendet und konnte vollständig enthüllt werden.
Walther versuchte, Gesichtszüge und historische Einzelheiten so genau wie möglich wiederzugeben, wozu vorab durchgeführte jahrelange Studien in der Gemäldegalerie und im Schloss sowie die Anfertigung von Kartons im Maßstab 1:1 halfen. Der anfänglich gefeierte schwarz-weiße Bilderfries war jedoch nicht sehr witterungsbeständig; um die Jahrhundertwende zeigte er bedeutende Schäden. Im Juli 1901 musste Walther umfangreiche Ausbesserungen am Werk vornehmen, die durch Witterungseinflüsse entstanden waren.
Das Wandbild auf Fliesen mini|Hinweis auf die Verlegearbeiten der Fliesen im Jahr 1907
In den Jahren 1904 bis 1907 ersetzte man den beschädigten Fries durch fugenlos angepasste Keramikfliesen der Meissener Porzellanmanufaktur, wobei erstmals ein neues Verfahren zum Einsatz kam, entwickelt vom technischen Leiter der Porzellanmanufaktur Meißen, Oberbergrat Heintze: Die Fliesen wurden zunächst trocken gepresst, bei 1380 °C im Gutfeuer gebrannt und später auf das Normalmaß geschliffen. Danach mit einer Grundfarbschicht überzogen, und nochmals gebrannt. Danach übertrugen Porzellanmaler das Bild auf die Fliesen, wobei die für den Sgrafitto-Fries angefertigten Originalkartons zum Einsatz kamen. Um die Fliesen haltbar zu machen, wurden sie im Scharffeuer nochmals gebrannt. Die Porzellanmanufaktur Meißen benötigte für die einzelnen Brennvorgänge mehrere Brennöfen. Beaufsichtigt wurde die Ausführung vom ehemaligen Vorstand der Malerei in der Manufaktur, Hofrat Sturm. Ihm oblag die schwierige Aufgabe, darüber zu wachen, dass das Sgraffitogemälde sowie dessen ursprünglicher Gesamtausdruck so genau wie möglich auf die Fliesen kam. Als Hofrat Sturm Ende 1904 in den Ruhestand ging, übernahm der stellvertretende Malereivorstand, der Kunstmaler Gruft, die Aufsicht über die künstlerische Ausführung des Fürstenzuges. Im November 1904 wurde mit der Bemalung der Fliesen in der Manufaktur Meißen begonnen und im März 1906 war die letzte Fliese bemalt.Interview mit der Direktion der Porzellanmanufaktur Meißen, in Dresdner Journal, Nr. 105, 7. Mai 1907, S. 4. Mit der Fliesenbemalung waren insgesamt zehn Maler und zahlreiche Hilfskräfte beschäftigt.Sächsische Volkszeitung, Nr. 191, 22. August 1907, S. 3. Beispielsweise waren das der Malereiinspektor Gruft, Werkmeister Koal, die Figurenmaler Döring, Rose und Quosdorf sowie der Blumenmaler Richter. König Friedrich August III. zeichnete die Mitarbeiter der Porzellanmanufaktur für die „erfolgreiche Beteiligung an der Herstellung des Fliesengemäldes“ mit Orden aus. Er verlieh den Albrechts-Orden an Gruft (Ritterkreuz 2. Klasse) sowie Koal und Döring (Albrechtskreuz). Rose und Quosdorf erhielten das Allgemeine Ehrenzeichen, Richter die Friedrich-August-Medaille in Silber. Darüber hinaus ging das Ritterkreuz 1. Klasse des Sächsischen Verdienstordens an Betriebsdirektor Heintze sowie das Ritterkreuz 2. Klasse des Albrechts-Ordens an Betriebsinspektor Förster.
Das Anbringen der Fliesen Die ersten Fliesen wurden am 15. April 1907 von Angestellten der Königlichen Porzellanmanufaktur Meißen angebracht.Der sächsische Erzähler, Zeitschrift, 16. April 1907, S. 1. Eine Inschrift an der rechten Oberkante der gesamten Bildwand nennt den Verlegezeitraum. Alle Fliesen wurden in der Manufaktur Meißen auf der Rückseite mit einem System von Buchstaben und Zahlen gekennzeichnet, damit es zu keinen Verwechslungen kommen konnte. Somit konnte jede einzelne Fliese an der richtigen Stelle eingefügt oder später noch ausgewechselt werden.Interview mit der Direktion der Porzellanmanufaktur Meißen, in Dresdner Journal, Nr. 105, 7. Mai 1907, S. 4. Die Verlegearbeiten vor Ort standen unter der Aufsicht vom Manufakturwerkmeister Koal.Dresdner Journal, Nr. 188, 14. August 1907, S. 6. Die Verlegearbeiten inklusive der abschließenden Reinigungsarbeiten waren am 2. August 1907 beendet.Weißeritz Zeitung, 6. August 1907, S. 1. Am 12. August 1907 wurden die letzten Gerüste abgebaut sowie die Reste der verdeckenden Planen abgenommen. Damit war das Wandgemälde aus Meißner Porzellan erstmalig in ganzer Länge erlebbar.Sächsische Volkszeitung, Nr. 186, 15. August 1907, S. 1.
Während der Arbeiten verstarb König Georg, der den Fürstenzug noch als damaliger Prinz abschließt. Sein Nachfolger, der letzte sächsische König Friedrich August III., sollte später ebenfalls in den Zug aufgenommen werden. Auf Anweisung des damaligen Finanzministers wurde mit Zustimmung von Friedrich August III. darauf verzichtet; das schon historisch gewordene Bild sollte unverändert bestehen bleiben.
Die Luftangriffe auf Dresden am Ende des Zweiten Weltkriegs im Februar 1945 überstand der Fürstenzug weitgehend unbeschadet; das Porzellan hielt die Gluthitze des Feuers aus. Von 1978 bis 1979 wurde das Bild gereinigt und restauriert.Pressemeldungen in Berliner Zeitung, 4. Oktober 1979, Neue Zeit, 11. Oktober 1979, Neue Zeit, 17. Oktober 1979Auf diese Restauration weist eine Sandsteininschrift auf der linken Seite unterhalb des Bildes hin. Dabei waren 212 vom Krieg weitgehend zerstörte Fliesen zu ersetzen. Gleichzeitig ergänzte man 442 Fliesen, die weniger beschädigt waren.
Panorama
Das Bild Das ganze Werk soll einen Wandteppich darstellen. Oben wird er von 38 unterschiedlich gestalteten Befestigungsknöpfen an einer gedachten Wand gehalten. Unten zieren 38 große und 999 kleine Quasten in unregelmäßigen Abständen das gesamte Bild. Der Lichteinfall auf den Wandteppich kommt von oben links, was deutlich am Schatten der Befestigungsknöpfe erkennbar ist, der Lichteinfall auf dem Bild selbst dagegen von vorne links.
Oberhalb des Frieses setzt sich das Werk mit einem bildlichen Nebenschmuck zwischen den achtzehn Fenstern und darüber fort. Die vielen dekorativen Festons aus Blumen- und Fruchtgewinden wurden hier vom Architekten Weißbach mitgestaltet.Theodor Meinhold: Das Fries der Sgraffito-Bilder des sächsischen Fürstenhauses am Königlichen Schlosse in Dresden (Augustusstraße) ausgeführt von W. Walther, 1880, Seite 3 und 4. Am Fuße der gemalten Säulen findet man Köpfe von Bären, Ebern, Elchen, Füchsen, Wölfen sowie Fischadlern mit ihrer Beute.
In einem Zierrahmen sind sich lang hinziehende Ranken aus unterschiedlichen Blüten, Blättern und Früchten sowie insgesamt 45 Vögel und 9 Schmetterlinge dargestellt.Theodor Meinhold: Das Fries der Sgraffito-Bilder des sächsischen Fürstenhauses am Königlichen Schlosse in Dresden (Augustusstraße) ausgeführt von W. Walther, 1880, ab Seite 4. Die Schmetterlinge finden sich dabei nur im oberen Zierrahmen, die Vögel teils oben, teils unten. Eröffnet wird der Zug durch einen Herold zu Pferde, welcher sich halb zum folgenden Zug umwendet. Am linken Rand ist gerade noch eine festlich mit Girlanden umwundene Steinsäule zu erkennen. Der Weg ist sandig und mit Blumen bestreut. Neben zahlreichen Gräsern sind Eichensetzlinge, Eichenzweige, Fingerhut, diverse Distelarten, Maiglöckchen, Löwenzahn, Gänseblümchen, Klee, Tannenzweige und Fichtenzweige zu erkennen. Rosen liegen ebenfalls auf dem Weg und im Hintergrund sind einzelne Rosenpflanzen sichtbar. Heinrich der Erlauchte trägt eine Zither (Cister) auf dem Rücken. Er war ein Freund des Minnesangs und dieses Detail soll an die Zeit der Minnesänger erinnern. Albrecht II. (der Entartete) trägt keine Kopfbedeckung, sondern einen Rosenkranz auf dem Kopf. Friedrich der Streitbare ist der erste meißnische Fürst im Zug, der mit dem Kurhut geschmückt ist. Unter dem rechten Hinterhuf des Pferdes von August II. (August dem Starken) wird eine blühende Rose zertreten. Dieses Detail gab schon immer Rätsel auf. Vermutlich hat Wilhelm Walther hier diskret auf das Schicksal von Constantia von Cosel aufmerksam machen wollen. Unter dem Pferd von König Johann liegt eine große verlorengegangene Hutfeder, welche aus dem Hutschmuck von Johann Georg I. stammen könnte. Keine der dargestellten Personen trägt einen Ring am Finger, zwei Personen tragen einen Ohrring.
Im Fürstenzug werden insgesamt 94 Personen dargestellt, von ihnen reiten 45 und 49 gehen zu Fuß. Obwohl viele Personen anscheinend intensiv miteinander kommunizieren, ist bei fast allen der Mund geschlossen: der Künstler gab der Gestik den Vorrang. Die einzige sichtbar sprechende Person ist der Köhler Georg Schmidt, Retter des entführten Prinzen Albrecht im Altenburger Prinzenraub, der als mittlere Person hinter Albrecht dem Beherzten schreitet. Sechzehn Personen schauen aus dem Bild heraus und treten mit dem Betrachter in direkten Blickkontakt. Neben den 45 Pferden gibt es noch zwei Windhunde. Somit sind im Fürstenzug vier Tierarten vertreten (Pferde, Hunde, Vögel und Schmetterlinge). Im Zug werden elf Fahnen mitgeführt, außerdem tragen die Instrumente der vier Fanfarenbläser einen Fahnenbehang. Neun Personen haben keine Kopfbedeckung und fünfzig Personen tragen sichtbar einen Bart. Der in der Schlussgruppe befindliche sächsische Bauer hat möglicherweise ein Feuermal oder Muttermal (Nävus) auf der linken Gesichtshälfte.