mini|Die Schlucht Babyn Jar (1941) Das Massaker von Babyn Jar war ein nationalsozialistisches Massenverbrechen während des Zweiten Weltkriegs. Am 29./30. September 1941 ermordeten Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des SD im Tal Babyn Jar (, ; teilweise auch Babi Jar/Babi Yar) am Stadtrand von Kiew insgesamt 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Es gilt als das größte einzelne Massaker an der jüdischen Bevölkerung während des Holocaust. Die Tat wurde überwiegend durch Angehörige des Sicherheitsdienstes der SS (SD) und Polizeieinheiten verübt, während die Wehrmacht organisatorische und logistische Unterstützung leistete.
Vorgeschichte mini|Deutsche Soldaten auf der Zitadelle nach der Eroberung Kiews (September 1941) Mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 weitete sich der Zweite Weltkrieg nach Osteuropa aus. Das Deutsche Reich führte das militärische Unternehmen von Beginn an als rassenideologischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus.“ Durch die im rückwärtigen Frontgebiet operierenden Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD entwickelte sich der antisemitische Terror zu einem Genozid an der jüdischen Bevölkerung. Angesichts der systematischen Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen, die auch durch Wehrmachtseinheiten unterstützt wurden, wird von einem „Holocaust durch Kugeln“ gesprochen.Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 115–128. Der industrielle Massenmord in den Gaskammern der Vernichtungslager hingegen begann erst im Frühjahr 1942 mit der „Aktion Reinhardt“. Die in hohem Tempo vorrückende deutsche Heeresgruppe Süd eroberte nach der siegreichen Schlacht um Kiew am 19. September 1941 die ukrainische Hauptstadt und besetzte bis Anfang Oktober fast das gesamte Gebiet der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik (siehe Hauptartikel).
Vor dem deutschen Überfall lebten etwa 220.000 jüdische Einwohner in Kiew, das zu den wichtigsten Zentren jüdischen Lebens in der Sowjetunion zählte. Ein großer Teil der Bevölkerung war geflüchtet oder evakuiert worden, als die Wehrmacht auf Kiew vorrückte, darunter etwa zwei Drittel der jüdischen Einwohner. Die jungen Männer waren zum Wehrdienst in die Rote Armee eingezogen worden, weshalb es sich bei den etwa 50.000 zurückgebliebenen Juden überwiegend um ältere Männer, Frauen und Kinder handelte.Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, S. 103. Die besetzte Stadt lag im unmittelbaren Zuständigkeitsbereich des XXIX. Armeekorps unter General Hans von Obstfelder, das der deutschen 6. Armee unterstand. Von Obstfelder stellte Kiew unter Besatzungsrecht und ernannte den Chef der Feldkommandantur 195, Generalmajor Kurt Eberhard, zum Stadtkommandanten.Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Verbrechen der Wehrmacht: Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944. Hamburg 2002, ISBN 3-930908-74-3, S. 161.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch-Verlag, zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-596-16048-8.
Babyn Jar (deutsch: „Weiberschlucht“) war zum damaligen Zeitpunkt eine 2,5 Kilometer lange und bis 30 Meter tiefe Schlucht. Sie lag in einem Nebental des Potschajna, einem Dneprzufluss außerhalb der Stadtgrenze unweit des jüdischen Friedhofs.
Das Massaker vom 29./30. September 1941 mini|SS-Standartenführer Paul Blobel, Kommandeur des Sonderkommandos 4a mini|Habseligkeiten der Ermordeten in der Schlucht mini|„Sämtliche Juden der Stadt Kiew und Umgebung haben sich am Montag, dem 29. September bis 8 Uhr Ecke der Melnykowa- /Doktoriwski-Straße einzufinden. Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen, sowie warme Bekleidung, Wäsche, usw. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt und anderweitig angetroffen wird, wird erschossen. Wer in verlassene Wohnungen von Juden eindringt oder sich Gegenstände daraus aneignet, wird erschossen.“Fotomontage des russischen, ukrainischen und deutschen Textes, 1942
Am 20. September 1941 – dem Tag nach dem Rückzug der Roten Armee aus Kiew – explodierte in der Zitadelle südöstlich des Stadtzentrums eine erste, vom sowjetischen Geheimdienst NKWD gelegte Zeitzündermine. In den Tagen ab dem 24. September erfolgten dann weitere derartige Bombenanschläge auf Gebäude entlang des zentralen Chreschtschatyk-Boulevards, in denen deutsche Besatzungsstellen untergebracht waren. Auch der Sitz des Oberkommandos der 6. Armee (AOK 6 unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau) wurde getroffen. Bei den Explosionen und Bränden kamen neben vielen Einheimischen auch zahlreiche deutsche Soldaten ums Leben. Noch während der Löscharbeiten fand am 26. September im Dienstsitz des Stadtkommandanten Kurt Eberhard eine Besprechung statt, um „Vergeltungsmaßnahmen“ zu beschließen. Neben Eberhard nahmen an diesem Treffen unter anderem SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln (Höherer SS- und Polizeiführer), SS-Brigadeführer Otto Rasch (Befehlshaber Einsatzgruppe C) sowie SS-Standartenführer Paul Blobel (Befehlshaber Sonderkommando 4a) teil. Die Anwesenden beschlossen, einen Großteil der Kiewer Juden zu ermorden – und zwar mindestens 50.000 der auf bis zu 150.000 Personen geschätzten Gemeinde.Über die Beschlussfassung zum großen Massaker und die Mitverantwortung der Wehrmacht: Hartmut Rüß: Wer war verantwortlich für das Massaker von Babij Jar? In: Militärgeschichtliche Mitteilungen, 2/1998, S. 483–508. Die Mordaktion sollte als „Evakuierungsaktion der Juden“ getarnt werden. Zur vereinbarten Arbeitsteilung zwischen Wehrmacht und SS berichtete SS-Obersturmführer August Häfner, der an dieser und den Folgebesprechungen teilnahm: „Wir mußten die Drecksarbeit machen. Ich denke ewig daran, daß der Generalmajor Kurt Eberhard in Kiew sagte: ‚Schießen müsst ihr!‘“ Vor den Angehörigen von SS und Wehrmacht sollte die Mordaktion als „Vergeltung für die Anschläge“ legitimiert werden.Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 118 f. Generalfeldmarschall von Reichenau forcierte die Aktion persönlich, wie aus einem Bericht der SS nach Berlin hervorgeht: „Wehrmacht begrüßt Maßnahmen und erbittet radikales Vorgehen“.Wolfram Wette: Die Wehrmacht. Feindbilder, Vernichtungskrieg, Legenden. Frankfurt 2005, ISBN 3-596-15645-9, S. 119.
Über eine öffentliche Bekanntmachung am 28. September forderten die Besatzer Jüdinnen und Juden in russischer, ukrainischer und deutscher Sprache auf, sich am Folgetag am westlichen Stadtrand von Kiew zu sammeln. Sie sollten warme Kleidung, Geld sowie persönliche Dokumente und Wertgegenstände mitbringen. Wer der Aufforderung nicht Folge leiste, werde erschossen. Mit dieser vorgeblichen Begründung sollte der Anschein geweckt werden, dass eine Umsiedelung oder Evakuierung der Bevölkerung stattfinden sollte. Dem Befehl folgten mehr als 30.000 Juden, die in Gruppen vom Sammelplatz in die Schlucht Babyn Jar außerhalb der Stadt getrieben wurden. Wehrmachtssoldaten halfen dabei, das Gelände zu umstellen und zu sichern. Die zusammengetriebenen Menschen mussten ihr Gepäck abgeben, sich entkleiden und in die mehrere Meter tiefe Schlucht treten. Anschließend wurden sie gezwungen, sich mit dem Gesicht zum Boden zu legen und gemäß dem „Einsatzbefehl der Einsatzgruppe Nr. 101“ systematisch durch Maschinengewehr- und Maschinenpistolenfeuer erschossen. In regelmäßigen Abständen wurde der wachsende Leichenberg mit Sand und Geröll zugeschaufelt. Nach dem Morden sprengten Pioniere der Wehrmacht zur Spurenbeseitigung die Ränder der Schlucht. Dabei wurden angeschossene, noch lebende Opfer lebendig begraben.Andreas Hilger: Die Gerechtigkeit nehme ihren Lauf. In: Norbert Frei (Hrsg.): Transnationale Vergangenheitspolitik. Der Umgang mit deutschen Kriegsverbrechern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Wallstein, Göttingen 2006, S. 180–246, ISBN 978-3-89244-940-9. Bei den Erschießungen am 29. und 30. September wurden laut Ereignismeldung der SS-Einsatzgruppe C innerhalb von 36 Stunden 33.771 Juden ermordet.Hartmut Rüß: Kiev/Babij Jar. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, S. 102.
Eine der wenigen Überlebenden, Dina Pronitschewa, schildert das Grauen so:
Kurt Werner, Mitglied des Sonderkommandos 4a, berichtete 1947 vor dem Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess über das Massaker:
Vor den Erschießungen soll es laut Zeugenaussagen auch zu Fällen sexueller Gewalt gegenüber Frauen gekommen sein. Die Habseligkeiten der Ermordeten wurden in einem Lagerhaus aufbewahrt und an Volksdeutsche sowie bedürftige Einwohner Kiews verteilt. Die Kleider wurden in 137 Lkw verladen und der NS-Volkswohlfahrt übergeben.Österreichisches Babij-Jar-Verfahren (1963–1972). nachkriegsjustiz.at, abgerufen am 15. Januar 2015.
Nach dem Massaker lobte die Einsatzgruppe C die gute Zusammenarbeit mit der 6. Armee:
Für die Mordaktion waren Angehörige des SS-Sicherheitsdienstes (SD) des Sonderkommandos 4a unter Paul Blobel, der SS-Einsatzgruppe C unter Otto Rasch, die für die sogenannten Exekutivmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung zuständig war, das Polizeibataillon 303, Angehörige der Geheimen Feldpolizei, ukrainische Hilfspolizisten sowie die Wehrmacht verantwortlich.Laura Notheisen: Zum Holocaust in der Ukraine – Babyn Jar und die Aktion 1005 im Spiegel von Vernehmungsberichten. Hartung-Gorre, Auflage: 2020, ISBN 978-3-86628-554-5, S. 14 (Online bei Google Books). Dem niederländischen Historiker Karel C. Berkhoff zufolge soll auch die „Bukowiner Kurin“, eine Militäreinheit der Melnyk-Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten, am Massaker teilgenommen haben. Dem widerspricht Vitaly Nachmanovytsch mit dem Hinweis, die „Bukowiner Kurin“ sei frühestens Anfang November in Kiew eingetroffen. Zu der als erwiesen geltenden Beteiligung ukrainischer Hilfspolizisten seien Angaben in den Quellen zudem oft wenig differenziert, was eine genaue Bezifferung erschwere.Vitaly Nachmanovytsch: Bukovyns'kyj Kurin i masovi rozstril Jevrejiv Kyyeva voseny 1941 r. Ukrajins'kyj istorychnyj zhurnal 2007. - Nr. 3 (474). S. 76–97, abgerufen am 13. Juni 2020 (archivierte Version), (automatisch übersetzte Version).
Das Holocaust-Gedenkzentrum Babyn Jar veröffentlichte im Oktober 2021 anlässlich der offiziellen Gedenkfeiern zum 80. Jahrestag eine Liste mit den ersten 161 erforschten Namen der Täter dieses Verbrechens.
Weitere Massaker Im April 1942 wurde, nur wenige hundert Meter von der Schlucht Babyn Jar entfernt, das Konzentrationslager Syrez errichtet. Es diente den deutschen Besatzern zur Internierung sowjetischer Kriegsgefangener, Partisanen und Juden, die die Massenerschießungen Ende September 1941 überlebt hatten. Von den 10.000 Häftlingen starb mehr als die Hälfte.Cord Pagenmacher: Arbeitserziehungslager, Ghettos, Jugendschutzlager, Polizeihaftlager, Sonderlager, Zigeunerlager, Zwangsarbeiterlager. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors – Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 9. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57238-8, S. 92 f.
Nach dem Massaker im September 1941 diente die Schlucht weitere zwei Jahre als Tötungsstätte. Die in Kiew stationierten Deutschen ermordeten dort Tausende von Menschen, sowohl Juden als auch Nichtjuden. Unter den weiteren Opfern befanden sich Patienten einer örtlichen psychiatrischen Einrichtung, Sinti und Roma, sowjetische Kriegsgefangene und Zivilisten. Die Tötungen in Babyn Jar wurden bis in den Herbst 1943 hinein fortgesetzt, kurz bevor die Rote Armee Kiew am 6. November 1943 von den Deutschen befreite (siehe hier). Die Anzahl der Opfer liegt unterschiedlichen Schätzungen zufolge bei insgesamt zwischen 150.000 und 200.000 Menschen.
Vertuschungsaktion 1005 B