Die ehemalige Prioratskirche Saint-Etienne liegt in der Stadt Nevers in Zentralfrankreich, in der Région Bourgogne, im Département Nièvre, etwa 60 Kilometer südöstlich von Bourges. Sie ist, trotz starker Verstümmelung ihrer drei Türme, eine der besterhaltenen Kirchen der frühen Romanik Frankreichs.

mini|hochkant=1.8|Saint-Etienne Nevers, ehemalige Abteikirche, Ansicht von N-O, vor 1792 mini|hochkant=1.8|Chorhaupt, Querhaus und Vierung Geschichte Rund um die erste bischöfliche Kathedrale von Nevers auf dem höchsten Punkt der Anhöhe über der Loire, zu Beginn des 6. Jahrhunderts gegründet und St-Cyr und Ste-Julitte, dem Doppelpatrozinium des Heiligen Quiricus und seiner Mutter Julitta unterstellt, gruppierten sich im frühen Mittelalter mehrere Klöster und Kirchen, die in den folgenden Jahrhunderten zu Pfarreien wurden.

Die Geschichte der Kirche Saint-Etienne (Heiliger Stephanus) begann am Anfang des 7. Jahrhunderts mit dem Zusammenschluss einer Gemeinschaft von Nonnen, die sich den Regeln des irischen Wandermönchs und Missionars, des Heiligen Columban von Luxeuil (543–615) unterworfen hatten. Das Kloster mit seiner Kirche Saint-Columban befand sich an der Stelle der heutigen Kirche, die im frühen Mittelalter in einem Vorort der Stadt Nevers lag. Nach zahlreichen Schäden und Zerstörungen in den folgenden Jahrhunderten verschwand das Kloster und wurde nicht mehr erwähnt. mini|hochkant=0.6|links|Jakobspilger, Darstellung von 1568 Der Platz hatte jegliche Kultfunktion verloren, als sich eine Gemeinschaft von Kanonikern dort nach einigen Jahren niederließ, die dem Heiligen Silvester I. gewidmet war. Im Jahr 1063 beschloss Bischof Hugues de Champallement das Kloster zur Abtei zu erheben. Die Gemeinschaft der Chorherren wurde, was damals häufig vorkam, bald durch Benediktinermönche ersetzt. Im Jahr 1068 wurde das Kloster durch die Schenkung von Bischof Mauguin eine Cluny unterstellte Abtei, und man begann mit dem Bau der großen romanischen Kirche. Die Gebäude des Klosters wurden bald wieder aufgebaut. Die Bauarbeiten wurden unterstützt durch die Initiative des Grafen Guillaume I. (Wilhelm I.) von Nevers.

Nevers lag an einer der vier Hauptpilgerrouten des „Jakobswegs“ nach Santiago de Compostela, die Via Lemovicensis, mit dem Ausgangsort der nahen Abtei Vézelay. Im 11. und 12. Jahrhundert wuchs die Wallfahrt zu besonderer Blüte heran. Der Neubau sollte die ständig anwachsenden Pilgerströme aufnehmen können. Dieser Umstand führte zu der für eine Vorortkirche riesigen Dimension und zur Beschleunigung der Bauarbeiten. Ihr Fassungsraum wurde durch den Einbau von Tribünen zusätzlich vergrößert, immerhin übernachteten viele der Pilger in den Kirchen. Der Grundriss des Umgangschors mit Radialkapellen ist bedingt durch ihre Funktion als Pilgerkirche. Auf den Altären der Kapellen konnten die Reliquien ausgestellt und verehrt werden. Die Spenden der Pilger trugen wesentlich zur Realisierung des großen Bauwerks bei.

Schon nach einer Bauzeit von 29 Jahren wurde die Kirche am 13. Dezember des Jahres 1097 von Bischof Martin von Chartres konsekriert und dem Patronat Saint-Etienne anvertraut. Es ist wahrscheinlich, dass sie zu diesem Zeitpunkt zur Bischofskirche erhoben wurde, obwohl zu ihrer Fertigstellung noch die Einwölbung des Schiffs fehlte. Vermutlich hatten die Baumeister ursprünglich vor, das Schiff mit einer ebenen Holzbalkendecke zu überdecken. Erst 1100 soll der Entschluss gefasst worden sein, das Mittelschiff mit einer Tonne auf Gurtbögen einzuwölben.

Im 12. Jahrhundert hat man an die Westfassade des Langhauses in ihrer ganzen Breite einen massiven offenen Narthex angebaut. Diese Erweiterung des Grundrisses erhöhte noch einmal die Aufnahmekapazität der Pilgerkirche.

Während der Streitigkeiten zwischen England und Frankreich um Aquitanien, die nach der Mitte des 12. Jahrhunderts begannen, ließen die Pilgerströme nach. Die Kriege des 13. und 14. Jahrhunderts ließen sie gänzlich versiegen. Wie vielen der großen Pilgerkirchen ging es auch Saint-Etienne, sie verlor ihre Bedeutung als Pilgerstation.

Die Vorstadtkirche Saint-Etienne stand unter der Aufsicht des Priors und behielt ihre Unabhängigkeit bis zum 16. Jahrhundert.

Im Hundertjährigen Krieg wurden die Gebäude des Klosters bei dem Brand von 1420 beträchtlich zerstört. Sie wurden im 18. Jahrhundert teilweise wiederaufgebaut.

In der Französischen Revolution wurde Saint-Etienne profaniert, sie diente als Scheune. Im Jahr 1792 hat man ihre drei Glockentürme bis auf die heutigen Turmstümpfe gekappt und den romanischen Narthex vollständig abgebrochen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde sie wieder konsekriert, sie wurde Pfarrkirche.

Im Jahr 1840 stellte man sie unter Denkmalschutz. Im 19. und 20. Jahrhundert erfolgten mehrere Restaurierungen: Die erste von 1846 bis 1851, weitere von 1892 bis 1902 (Restauration der Fassade) und 1905 (Gewölbe des Kirchenschiffs) und schließlich 1910 (nördlicher Querhausarm und Wiederherstellung zweier Kapellen). 1974 fanden in der Vierung archäologische Ausgrabungen statt. Dabei wurden die Grundmauern des Vorgängerbaus gefunden, der mit einem tiefen Chor mit Apsis und mindestens einer Kapelle im nördlichen Querhausarm ausgestattet sein musste. Man fand auch Sarkophage und ein Mosaik. Vermutlich sind das Überreste von Saint-Colomban.

Trotz der beträchtlichen äußeren Verstümmelungen während der Revolution und der vollständigen Entfernung des Narthex, und trotz der aufwändigen Restaurierungsarbeiten, hat sich eine reine romanische Architektur in solcher Vollständigkeit erhalten, dass man bei Saint-Etienne von einer der schönsten und besterhaltenen Kirchen der frühen Romanik in Frankreich spricht.

Kirche mini|hochkant=1.6|links|Grundriss, Handskizze, genordet (oben = Norden) mini|hochkant=1.6|Querschnitt, Handskizze mini|hochkant|Nördliche Langhausseite

Abmessungen (circa, ohne Vorlagen) Länge über alles, außen (Langhaus+Querhaus+Chor+Umgang+Kapelle): 50,20 m Breite (Querhauslänge), außen: 29,50 m Länge des Langhauses, außen: 26,80 m Langhauslänge, innen: 25,50 m Langhausbreite, innen: 14,50 m Querhauslänge, innen: 27,30 m Querhausbreite, innen: 6,80 m Chorbreite, innen: 6,60 m Mittelschiffhöhe im Scheitel 16,00 m

Das Gebäude überrascht außen wie innen durch den fast gänzlichen Verzicht auf skulpturalen Schmuck, etwa der Kapitelle, Friese oder sonstigem Dekor. Der Raumeindruck und die äußeren Ansichten beziehen ihre Wirkung auf den Betrachter allein aus der Architektur, der Reinheit der Baukonzepte und der Kühnheit der Konstruktionen. Skulpturenschmuck findet man fast nur an den Kragsteinen unter den Traufgesimsen und vereinzelt auf wenigen Kapitellen.

Äußere Gestalt Langhaus mini|hochkant|Südliche Langhausseite Das dreischiffige Langhaus besteht aus sechs Jochen. Das Mittelschiff überragt die zweigeschossigen Seitenschiffe um ein hohes drittes Geschoss und ist ebenso deutlich höher als das Querhaus. Vor dem ersten Joch ragt die knapp zwei Meter dicke Fassadenwand auf bis über die Traufhöhe des Mittelschiffs. Sie wird in etwa gleicher Dicke um die Gebäudeecken herumgeführt und bildet damit zwei der äußeren Wände der beiden Fassaden-Glockentürme. Die beiden unteren Geschosse der Türme werden innen durch das erste Joch der Seitenschiffe und der Tribünen gebildet, mit zwei offenen Seiten zu den Schiffen. Darüber bekommen die oberen Turmgeschosse jeweils noch die dritte und vierte Außenwand hinzu. mini|links|Kragprofil mit einfachem Rollenfries, Viollet le Duc Die nördliche Außenwand des zweigeschossigen Seitenschiffs weist in den Jochen 2 bis 6 fünf Blendarkadennischen mit halbkreisförmigen Rundbögen auf, deren Scheitel bis etwa zwei Drittel der Traufhöhe hinaufreichen. Die glatten Keilsteine der Bögen wie auch die Wandpfeiler zwischen den Nischen verlaufen oberflächenbündig mit der ebenen Wandoberfläche des zweiten Geschosses, die bis unter die Traufe reicht. Nahezu zentral öffnet sich in jeder der Arkadennischen ein kleines rundbogiges Fenster. Der Bogen am äußeren Rand der Keilsteine wird von einem schmalen Kragprofil mit einfachem Rollenfries umschlossen. An den Bogenansätzen knickt das Profil waagerecht ab und läuft dann weiter über alle Nischen und Wandpfeiler hinweg über die ganze Länge der nördlichen Langhauswand. Eine Etage höher wiederholt sich die Reihung der fünf rundbogigen Fenster in kleinerer Dimension. Auch diese Fenster werden von dem gleichen Kragprofil umschlossen, welches sich dann wieder wie im Erdgeschoss über die ganze Wand waagerecht fortsetzt, auch im Bereich des Turms im ersten Joch, in dem allerdings keine Arkadennische existiert. Das Fenster im zweiten Geschoss des Turms wurde etwas höher angeordnet, weil vermutlich im Inneren dort das Gewölbe der Tribüne fehlt. Auf dieser Seite des Turms, kurz unter dem Rücksprung der Fassadenseite, gibt es noch ein einzelnes größeres Rundbogenfenster, vermutlich eine Schallluke.

mini|hochkant|Fassade Die nördliche Außenwand des Mittelschiffs ist nur fünf Joche lang, weil sie gegen den nördlichen Turmstumpf stößt, der sich im Bereich von Joch eins befindet. Die fünf Joche (2 bis 6) werden durch rechtwinklige Pfeilervorlagen getrennt. Die Obergaden haben etwa die gleiche Größe, wie die Fenster der Tribünen-Etage, und sind umfasst von dem in den unteren Geschossen vorkommenden Kragprofil, dass sich wieder über die ganze Wand fortsetzt. Die Traufen sind wie im Geschoss darunter ausgebildet.

Die südlichen und nördlichen Außenwände des Langhauses sind untereinander gleich gegliedert. Ein Unterschied ergibt sich an der Südseite im ersten Joch, das hier kein Fenster enthält. Außerdem ist dort nahezu in ganzer Länge des Langhauses ein „moderner“ Anbau angefügt, vermutlich mit Sakristei und Stauräumen. Hier schloss wahrscheinlich der Kreuzgang der ehemaligen Abtei an.

Die flach geneigten Sattel- und Pultdächer sind mit roten Hohlziegeln in römischer Form eingedeckt. Die steinernen weit ausladenden Traufgesimse werden von teilweise aufwändig skulptierten Kragsteinen getragen. Heute gibt es an den Traufen Regenrinnen, die über Fallrohre entwässern, eine neuzeitliche Zugabe.

Fassade mini|hochkant|links|Fassade mit Narthex und Türmen, vor 1792, alte Grafik mini|hochkant|Hauptportal Die heutige Fassade ist nicht mehr zu vergleichen mit der ursprünglichen, oder mit der der folgenden Jahrhunderte. Die Fassade besaß gegenüber den beiden heutigen Turmstümpfen, ursprünglich noch zwei zusätzliche Geschosse der Glockentürme. Die Außenwände der beiden Geschosse wiesen jeweils drei Fensteröffnungen (Schallluken) auf, mit dem in der Romanik üblichen skulpturalen Schmuck. Die ursprünglichen romanischen Turmhelme, in Form stumpfer Pyramiden, sahen ähnlich aus, wie die heutigen. Vermutlich wurden in nachromanischer Zeit die Turmhelme durch gotische Helme, in spitz zulaufender Form, ersetzt. Über diese Form der Türme gibt es heute noch alte Grafiken, die die Kirche nach dem 13. Jahrhundert, aber vor 1792 zeigt.

Die Fassade wird horizontal mit schmalen Kragprofilen in drei nahezu gleich hohe Geschosse unterteilt. In den beiden unteren Geschossen gibt es keine vertikale Unterteilung. Das dritte Geschoss weist eine vertikale Gliederung in drei Abschnitte auf, von denen der mittlere etwas breiter ist, als die äußeren, sinngemäß wie die Aufteilung der drei Schiffe. Am Giebel des Mittelschiffs, zwischen den beiden Türmen, sind drei rundbogige Fenster ausgespart, begleitet durch rundbogige Blendarkaden, deren Bögen an mozarabische Formgebung erinnern. Sie stehen auf Rundsäulen mit Kapitellen und Kämpferplatten, die wiederum auf einem gemeinsamen Kragprofil stehen. Knapp darunter, aber noch im selben Geschoss, ist ein großes rundbogiges Fenster angeordnet, dass in drei Aussparungen aufgeteilt ist, von schlanken Rundsäulen getrennt mit Kämpfern, Kapitellen und Basen. Die „Bögen“ sind dreieckig. Im Bogenfeld sind zwei kreisrunde Okuli ausgespart. Dieses Fenster wird in den Quellen als eine moderne Ergänzung erwähnt.