mini|hochkant=1.4|Die Wallfahrtskirche in den Weinbergen (Ansicht aus Süden, Oktober 2018)
Die katholische Wallfahrtskirche Maria im Weingarten liegt über dem fränkischen Weinort Volkach an der Mainschleife im unterfränkischen Landkreis Kitzingen. Die spätgotische Kirche liegt mitten in den Weinbergen des mainfränkischen Weinanbaugebiets auf dem Volkacher Kirchberg. Sie beherbergt ein bedeutendes Kunstwerk des Bildschnitzers Tilman Riemenschneider.
Geschichte mini|hochkant|Eingang zum Kirchhof (September 2019)
Als älteste Pfarrei der Region an der Mainschleife weist die Wallfahrtskirche Maria im Weingarten eine reiche Geschichte auf. Über die Jahrhunderte von Kriegen und Zerstörung bedroht, wurde sie vor allem durch einen spektakulären Kunstraub in den sechziger Jahren bekannt.Willi Winkler, Der Madonnenraub von Volkach, Süddeutsche Zeitung, Nr. 156 vom 9. Juli 2022, S. 20.
Urpfarrkirche und Beginenklause (bis zum 15. Jahrhundert) Die Ursprünge sind nicht bekannt, doch wird angenommen, dass die Kirche auf dem Berg im 10. und 11. Jahrhundert Urpfarrkirche der Siedlungen an der Mainschleife war. Dies belegen Funde einer karolingisch-ottonischen Kirche unter der heutigen. So gehörten die Orte Volkach, Obervolkach, Eichfeld, Astheim, Gaibach, Krautheim sowie Stammheim und Fahr zur Kirchbergpfarrei. An der Stelle der heutigen Kirche stand damals ein anderes Gotteshaus. Es war dem heiligen Bartholomäus geweiht und wurde im Jahr 1245 erstmals als Kirche „de monte kyrhberc prope volka“ (lat. vom Berg Kirchberg bei Volkach) erwähnt.Feuerbach, Ute: Maria im Weingarten. S. 237.
Das 14. Jahrhundert brachte eine einschneidende Veränderung, als auf dem Berg nahe der Stadt eine Beginenklause entstand. Die Stiftsfrauen stammten aus dem aufgelösten Beginenhof an der St.-Johannis-Kirche Großbirkach bei Ebrach und erreichten Volkach im Jahr 1332. Bis 1442 betreuten sie Kranke und Arme auf dem Berg.Stadler, Erika: Die Beginen auf dem Kirchberg zu Volkach. S. 245. In dieser Zeit entstand auch die neue Kirche St. Bartholomäus und St. Georg in der Stadt, die bald die pfarrlichen Aufgaben des Kirchbergs übernahm. Daneben ließ ein um 1370 gefertigtes Bild der Pietà eine Wallfahrt entstehen, die den Volkacher Kirchberg zum Ziel hatte.
Neubau und Wallfahrtskirche (bis zum 19. Jahrhundert) mini|Maria im Weingarten (Luftbildaufnahme aus Südwesten, Oktober 2022)
Die Pilgerfahrt unterstützte auch eine Marienbruderschaft, die sich um den Würzburger Fürstbischof Gottfried Schenk von Limpurg gegründet hatte und neben ihm aus Adeligen, wie den Grafen von Castell, den Herren von Seinsheim und den Zollnern der Hallburg, und Volkacher Bürgern bestand. Sie hoben 1442 das Beginenstift auf und forcierten einen baldigen Neubau der Kirche. Im Jahr 1447 wurde das Gebäude der heiligen Maria unterstellt. Als Baumeister hatte man den Würzburger Kilian Reuter gewonnen, der bis ins Jahr 1451 den Chor fertigstellte. Die Weihe übernahm der Weihbischof Wichman von Bersabee.Wehner, Georg: St. Maria im Weingarten. S. 5.
Bis ins Jahr 1457 folgte der Bau des Langhauses. Wieder war der ausführende Meister Kilian Reuter. Er plante das Gebäude als dreischiffige Hallenkirche. Der Einzug einer Flachdecke und deren Bemalung im Jahr 1499 durch Meister Ulrich ließen allerdings einen einschiffigen Hallenbau entstehen. Mit der Jahrhundertwende zum 16. Jahrhundert verlor die Wallfahrtskirche ihre Bedeutung gegenüber Maria im Sand in Dettelbach. Immer weniger Pilger besuchten das Gotteshaus.
Die Verantwortlichen versuchten 1521 mit der Madonna im Rosenkranz von Tilman Riemenschneider wieder mehr Pilger anzulocken; das misslang jedoch vorerst. Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn ließ dann 1610 die Kirche neu ausmalen und besuchte das Gotteshaus.Egert, Gerhard: „Wir wallen zur Mutter der Schmerzen“. S. 256. Im Jahr 1628 plante man sogar ein Kloster auf dem Kirchberg einzurichten; der Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges beendete diese Anstrengungen aber. Die Schrecken der folgenden Kriegsjahre belebte allerdings die Wallfahrt auf den Kirchberg erneut.
Nach dem Krieg betreuten wieder sechs Mönche die Pilger. Sie stammten aus den Orden der Franziskaner, der Reuerer und der Kapuziner. Gleichzeitig begann im Jahr 1664 die barocke Umgestaltung der Wallfahrtskirche. Den Abschluss dieser Erneuerungen bildete 1724 der barocke Altar, der für 120 fl. aus der Abteikirche Münsterschwarzach angekauft wurde. Im Jahr 1880 veränderte man die Kirche, als eine neugotische Ausstattung im Inneren eingefügt wurde. Diese wurde erst im Jahr 1954/1955 bei einer Renovierung wieder entfernt.
Madonnenraub und Kunstwallfahrt (bis heute)
In der Nacht vom 6. auf den 7. August 1962 stahlen Diebe die Madonna im Rosenkranz und zwei weitere wertvolle Stücke der Ausstattung der Kirche. Dabei beschädigten sie die Madonna. Ein Hilfegesuch der Volkacher Honoratioren wurde vom Chefredakteur des Stern, Henri Nannen, beantwortet. Er lobte ein Lösegeld von 100.000 DM aus und versprach den Dieben, nicht die Polizei einzuschalten.Egert, Gerhard: Henri Nannen und der Volkacher Kunstraub 1962. S. 171. Dieses Versprechen brachte ihm gemischte Reaktionen in der Presse ein. Die Wochenzeitung Die Zeit fragte „Heiligt die Andacht vor der Kunst ein Ehrenwort an Ganoven“, während der Künstler Oskar Kokoschka die Aktion befürwortete. Henri Nannen selbst sah sowohl den gemeinnützigen Aspekt als auch den PR-Erfolg für sein Verlagshaus.Willi Winkler, Der Madonnenraub, Süddeutsche Zeitung, Nr. 156, 9. Juli 2022, S. 20.
Dem Aufruf des Stern vom 21. August 1962 („Gebt die Madonna den Volkachern zurück“) folgte erst zwei Monate später eine Antwort der Diebe. Ende Oktober ging der Hinweis auf den Ort ein, an dem ein Teil der Beute zu finden war, im Gegenzug wurde die erste Hälfte des Lösegeldes hinterlegt. Anfang November folgten der Hinweis auf den Ablageort der wertvollsten Stücke, darunter der Madonna, unweit einer Landstraße bei Großgründlach und die Hinterlegung der zweiten Hälfte des Lösegeldes. Die Kunstwerke wurden restauriert und im Jahr 1963 nach Volkach überführt. Die anschließenden Ermittlungen der Polizei waren von Erfolg gekrönt, als die Diebe 1968 festgenommen werden konnten.Vgl.: Egert, Gerhard: Der Raub der Rosenkranz-Madonna.
Die Wallfahrtskirche wurde 1976/77 einer umfassenden Außenrestaurierung unterzogen. Im Jahr 2002 leitete Domkapitular Jürgen Lenssen eine Erneuerung der Kirche, bei der sowohl der Innenraum als auch die Fassade restauriert wurden. 2010 fand die bisher letzte Renovierung der Wallfahrtskirche Maria im Weingarten statt. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege ordnet das Kirchengebäude als Baudenkmal unter der Nummer D-6-75-174-73 ein.Geodaten: , abgerufen am 1. Oktober 2013. Die Kirche ist Teil des Fränkischen Marienweges.
Architektur mini|hochkant|Südportal (August 2006)
Die Kirche ist geostet und präsentiert sich als einschiffige Hallenkirche aus der Spätgotik. Ein hohes Satteldach überragt das Langhaus, während der Chor von einem weit niedrigeren Walmdach begrenzt ist. Ein barocker Dachreiter aus dem Jahr 1750 ist auf dem Dach des Chores angebracht.Treutwein, Karl: Von Abtswind bis Zeilitzheim. S. 254.
Chor Der Chor wird durch sechs Fenster und sieben Strebepfeiler gegliedert. Er hat einen Fünfachtelschluss. Die Pfeiler lassen eine reiche Ornamentik erkennen. Figurenkonsolen und Baldachine weisen auf ein geplantes Figurenprogramm hin, das jedoch nie umgesetzt wurde. Die Fenster werden von lanzettartigen Spitzbogen begrenzt und sind mit Maßwerk verziert. Jedes Fenster ist individuell verziert, sodass man Kreise, Fischblasenornamentik sowie Drei- und Vierpassfenster unterscheiden kann. Im Inneren weist der Chor Netzgewölbe auf.Wehner, Georg: St. Maria im Weingarten. S. 6.
Ältester Teil der Wallfahrtskirche ist ein romanischer, quadratischer Turmstumpf, der im 13. bzw. 14. Jahrhundert geplant, jedoch nicht umgesetzt wurde. Er befindet sich im Süden des Chores und dient heute als Sakristei. Ihm schließt sich im Osten ein Treppenturm an. Er ist rund und wird von einer geduckten Kuppel bekrönt. Über eine Treppe außen am Chor ist der Turm zu erreichen.
Langhaus mini|hochkant=1.40|Langhaus und Chor (September 2019) Das Langhaus ist durch zwei Fenster auf jeder Seite gegliedert. Ebenso wie am Chor wurden Strebepfeiler angebracht, die mit ihren Konsolen und Baldachinen auf ein nicht ausgeführtes Figurenensemble hinweisen. Im Norden präsentiert sich die Kirche sehr schlicht. Hier wurde ein Fenster zentral in der Mitte des Baus angebracht, während das andere weit nach Osten verschoben ist. Vier Strebepfeiler unterbrechen die Seite. Zwei weitere ragen quer an den Seiten heraus.
Im Westen der Anlage erkennt man eines der beiden Portale. Es liegt zentral und wird lediglich von zwei Strebepfeilern eingerahmt. Der Einlass ist von Fialen bekrönt und wies ursprünglich eine Statue auf, die Christus als Welterlöser zeigte.Muth, Hanswernfried: Volkach am Main. S. 6. Das Südportal ist der Haupteingang der Kirche. Eine Portalvorhalle und die Giebelbekrönung durch eine Kreuzblume weisen darauf hin. Ein kleines Fenster mit Maßwerk überragt das Portal, das zentral im Süden der Anlage liegt.
Die Türen sind mit Beschlägen aus der Spätgotik verziert, die Lindenblattornamentik aufweisen. Sie haben Türklopfer. Die acht Hufeisen, die ins Südportal eingelassen sind, weisen auf die Tradition des Pferdeumritts hin, bei dem die Krankheiten der Huftiere geheilt werden sollten.Kirchenverwaltung Volkach (Hrsg.): Kirchberg Volkach. Maria im Weingarten. S. 4.
Ausstattung Die Ausstattung des Mittelalters hat sich in der Wallfahrtskirche weitgehend erhalten. Dazu gehören insbesondere die berühmten Skulpturen der Pietà und der Rosenkranzmadonna von Tilman Riemenschneider. Epitaphe und Grabdenkmäler zeugen davon, dass das Gotteshaus auch Grablege war.
Pietà
Die Figurengruppe der Pietà, der schmerzhaften Gottesmutter, war in der Vergangenheit das vorrangige Ziel der Pilger. Die Holzplastik steht über dem linken Seitenaltar. Das Gnadenbild entstand um das Jahr 1370 und kann der Spätgotik zugeordnet werden; eine um die Figur angebrachte Umrahmung ist neueren Datums. 1955 wurde die Gruppe restauriert und die ursprüngliche Farbgebung, nämlich das blaue Kleid und der weiße Mantel, wiederhergestellt.
Man erkennt die leidende Mutter Maria, die ihren toten Sohn im Schoß hält. Die Wundmale Christi sind ebenfalls zu erkennen. Der realistischen Darstellung des Todes Jesu steht die jugendliche Maria gegenüber. Ihre Darstellung ist dem Typus des sogenannten „Schönen Vesperbildes“ zuzurechnen. Sie erhebt ihre zum Gebet gefalteten Hände vor die Brust, der reiche Faltenwurf ihres Kleides quillt unter dem Verstorbenen hervor.Wehner, Georg: St. Maria im Weingarten. S. 12 f.
Anna selbdritt Über dem rechten Seitenaltar steht eine „Anna selbdritt“-Gruppe. Auch sie ist von einer neueren Umfassung umgeben. Die Holzplastik entstand um das Jahr 1500 und wurde nach einer steinernen Vorlage aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders geschaffen, die sich heute im Mainfränkischen Museum in Würzburg befindet.Vgl.: von Freeden, Max Hermann: Eine hl. Anna der Riemenschneider-Schule. Nach dem Diebstahl des Werkes im Jahr 1962 wurde die Figurengruppe einer umfassenden Renovierung unterzogen.
Dargestellt ist die sitzende heilige Anna. Sie trägt ein spätmittelalterliches Gewand und eine Haube auf dem Kopf. Figuren der Maria und des Jesuskindes begleiten sie. Maria sitzt auf dem linken Knie der heiligen Anna, während der nackte Jesusknabe auf dem rechten Knie steht. Maria ist zwar als junge Frau mit langem Kleid, aber verkleinert in der Größe eines Kindes dargestellt. In ihren Händen hält sie ein aufgeschlagenes Buch.Wehner, Georg: St. Maria im Weingarten. S. 13.
Riemenschneider-Madonna Der bedeutendste Schatz der Kirche ist die von 1521 bis 1524 entstandene, schwebende Madonna im Rosenkranz (auch „Riemenschneider-Madonna“ oder „Rosenkranzmadonna“) von Tilman Riemenschneider.