mini|Eduard Bernstein, 1895 mini|Gedenktafel Bozener Str. 18 (Berlin-Schöneberg) für Eduard Bernstein. Neu eingeweiht am 14. September 2016. Eduard Bernstein (geboren 6. Januar 1850 in Berlin-Friedrichstadt; gestorben 18. Dezember 1932 in Berlin-Schöneberg) war ein deutscher sozialdemokratischer Theoretiker und Politiker in der SPD und zeitweilig der USPD. Er gilt als Begründer des theoretischen Revisionismus innerhalb der SPD. Während der Zeit des repressiven Sozialistengesetzes zwischen 1878 und 1890 schrieb er in der Zeitung Der Sozialdemokrat unter dem Pseudonym Leo.

Leben Bernsteins Eltern gehörten der jüdischen Reformgemeinde an, sein Vater war Lokomotivführer. Bernstein besuchte – trotz Geldmangels der Familie – das Gymnasium, musste es aber 1866 mit 16 Jahren aus finanziellen Gründen verlassen. Von 1866 bis 1878 arbeitete er als Bankkaufmann. 1872 stieß er zu den „Eisenachern“ und trat der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei. Er bereitete zusammen mit August Bebel und Wilhelm Liebknecht den Einigungsparteitag der SDAP mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von 1875 in Gotha vor. Die auf dem Parteitag mit der Konzeption des Gothaer Programms vereinigte Partei wurde als Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) konstituiert.

1877 trat Bernstein aus der jüdischen Gemeinde aus. Gleichwohl setzte er sich publizistisch weiterhin für jüdische Belange ein und engagierte sich namentlich in der Zeit der Weimarer Republik für den Zionismus (siehe unten).Siehe z. B.: Eduard Bernstein: Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs. In: Der Jude. Eine Monatsschrift. Hrsg. von Martin Buber, Jg. 18917/18, S. 186–195; „Ich bin der Letzte, der dazu schweigt.“ Texte in jüdischen Angelegenheiten. von Eduard Bernstein. Hrsg. und eingeleitet von Ludger Heid. Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2004.

Nach 1878 war er Privatsekretär des sozialdemokratischen Mäzens Karl Höchberg und arbeitete zur Zeit der Bismarckschen Sozialistengesetze, in der die Aktivitäten der Sozialdemokratie außerhalb des Reichstags verboten waren, zunächst in Zürich.Bernstein in der Schweiz, abgerufen am 29. November 2020. Zwischen 1880 und 1890 war Bernstein Redakteur der Zeitung Der Sozialdemokrat. 1888 wurde er auf preußisches Betreiben aus der Schweiz ausgewiesen und lebte von da an in London. Dort hatte er enge Verbindung zu Friedrich Engels. Nach der 1890 erfolgten Aufhebung der Sozialistengesetze und der Umbenennung der SAP in „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD) im selben Jahr entstand 1891 das marxistische Erfurter Programm, das Bernstein zusammen mit Karl Kautsky entworfen hatte.

Den Revisionismusstreit Mitte bis Ende der 1890er-Jahre hatte Bernstein noch von seinem Londoner Exil aus ausgelöst. 1901 kehrte er nach Aufhebung des auf ihn ausgestellten Haftbefehls nach Deutschland zurück und wurde 1902–1907, 1912–1918 Mitglied des Reichstages für den Wahlkreis Breslau-West und 1920–1928 für den Wahlkreis 3 Potsdam II. Obgleich auf den Antrag Karl Kautskys hin der Parteitag von Dresden 1903 die Positionen Bernsteins ablehnte, gewann Bernstein weiterhin an Bedeutung innerhalb der Partei. Nach der Spaltung der SPD während des Ersten Weltkrieges sollte die MSPD den Revisionismus letztlich offiziell als theoretische Grundlage übernehmen.

1913 stimmte Bernstein im Reichstag mit der Fraktionslinken gegen die Rüstungsvorlage. Im Juni 1915 veröffentlichte er gemeinsam mit Hugo Haase und Kautsky einen Aufruf gegen die expansionistischen Kriegsziele der deutschen Regierung und gegen die offizielle Kriegspolitik der SPD. 1917 war Bernstein einer der Mitbegründer der USPD, die sich aus Protest gegen die Burgfriedenspolitik und die kriegsbilligende Haltung der SPD im Ersten Weltkrieg von dieser abspaltete.

mini|hochkant|Eduard Bernstein zum Thema: „Was ist Sozialisierung?“, Flugblatt der SPD, 1918

Während des Ersten Weltkrieges zählte Bernstein neben Rosa Luxemburg zu den wenigen deutschen Politikern, die sich gegen den Krieg aussprachen und gegen den Völkermord an den Armeniern protestierten.Wolfgang Eichhorn: Über Eduard Bernstein. Gegensatz und Berührungspunkte zu Rosa Luxemburg und W. I. Lenin. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Heft I/2002. Nachdem die Kriegsgegner im Reichstag aus der SPD-Fraktion ausgeschlossen wurden, kam es 1917 zur Gründung der USPD, an der auch Bernstein mitwirkte.Sandor Vadasz: Die Rolle Bernsteins bei der Gründung der USPD. In: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Heft II/2004. Nach der Novemberrevolution von 1918/1919, in deren Verlauf es in der USPD zur Bildung zweier Lager gekommen war, ging Bernstein aufgrund seiner reformistischen Haltung wieder zurück zur SPD, wohingegen ein anderer Teil der USPD-Mitglieder nach und nach zur neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) wechselte. Nach der Novemberrevolution war Bernstein als USPD-Mitglied in der Regierung der Volksbeauftragten Beigeordneter im Reichsschatzamt und intensiv um eine Wiedervereinigung von MSPD und USPD bemüht. Zwischen 1910 und 1919 war Bernstein Stadtverordneter in seinem Wohnort, der damals noch eigenständigen Stadt Schöneberg, von 1919 bis 1921 unbesoldeter Stadtrat.

1920 schlug der sozialdemokratische preußische Kultusminister Paul Hirsch der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität vor, dass Bernstein als Gastdozent eine Vorlesung halten dürfe. Während im Jahre 1907 ein Gesuch der „Freien wissenschaftlichen Vereinigung“ für einen Vortrag Bernsteins an der Universität noch abgelehnt worden war, stimmte die zuständige Kommission der philosophischen Fakultät diesmal zu. Bernsteins im Sommersemester 1921 gehaltene Vorlesung erschien 1922 unter dem Titel Der Sozialismus einst und jetzt. Streitfragen des Sozialismus in Geschichte und Gegenwart.Teresa Löwe: Der Politiker Eduard Bernstein. Bonn 2000, S. 149 f.

Die Weimarer Nationalversammlung beschloss am 21. August 1919 die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses zu Fragen des Kriegsausbruchs, der Kriegsführung, verpasster Friedensmöglichkeiten und der Ursachen des Zusammenbruchs im Ersten Weltkrieg. Dem am 20. Oktober 1919 gebildeten Ersten Unterausschuss zur Untersuchung der Vorgeschichte des Krieges trat Bernstein am 4. März 1920 als Sachverständiger für die deutsch-englischen Beziehungen im Kaiserreich bei. Bernstein bekannte sich darin als einer von nur wenigen Abgeordneten zur deutschen Schuld am Kriegsausbruch und stand damit gegen die Mehrheit der Abgeordneten aus den bürgerlichen Parteien.Bernsteins Kampf für die Anerkennung der deutschen Kriegsschuld Friedrich-Ebert-Stiftung, digitale Bibliothek, abgerufen am 16. September 2016 Dem Gremium gehörte Bernstein bis nach 1929 an.Teresa Löwe: Der Politiker Eduard Bernstein. Bonn 2000, S. 54 ff.

1919 gab er die Reihe Gesammelte Reden und Schriften von Ferdinand Lassalle heraus.

Unter dem Eindruck verschiedener zionismuskritischer Kampagnen während der Weimarer Republik wurde Bernstein Mitglied von verschiedenen zionistischen „Pro-Palästina-Komitees“ und Ausschüssen „Für das arbeitende Palästina“.Ludger Heid: Bernstein, Eduard. In: Julius H. Schoeps (Hrsg.): Neues Lexikon des Judentums. S. 72 und die dortige Auflistung von Schriften Bernsteins zur „Judenfrage“.

mini|Das Grab Eduard Bernsteins 2010

Bernstein gehörte während der Weimarer Republik der Republikschutzorganisation Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an.

Privatleben Bernstein heiratete 1887 die Übersetzerin Regina Zadek, geschiedene Schattner (1849–1923), eine Schwester von Ignaz Zadek senior.Heinrich Weder: Sozialhygiene und pragmatische Gesundheitspolitik in der Weimarer Republik. Matthiesen, 2000, S. 438 (books.google.ch). Sie brachte aus ihrer ersten Ehe zwei Kinder in die Verbindung ein.

mini|Schild der Rechov Eduard Bernstein-Straße in Tel Aviv neben einer Gedenktafel für den Maler Ephraim Lifschitz Ehrungen In der Bozener Straße 18 in Berlin-Schöneberg erinnert eine Gedenktafel an ihn, der hier von 1918 bis 1932 wohnte. Das Grab von Eduard Bernstein auf dem Friedhof Eisackstraße wurde 1952 bis 2010 als Ehrengrab des Landes Berlin gepflegt. Seit 2016 ist es wieder ein Ehrengrab. Mehrere Straßen und Wege wurden nach ihm benannt u. a. in Berlin-Spandau, Bremen-Vahr, Frankfurt am Main, Karlsruhe, Niederursel, Stuttgart und Tel Aviv.מַדְרִיךְ הָרְחוֹבוֹת שֶׁל תֵּל־אָבִיב–יָפוֹ (transkribiert: Madrīch ha-Rəchōvōt schel Tel-Avīv-Jafō, deutsch ‚Straßenführer von Tel Aviv-Jaffa‘), abgerufen am 4. Januar 2020.

Theoretische Positionen Die Revisionismusdebatte Zwischen 1896 und 1898 veröffentlichte Bernstein in der Zeitschrift Die Neue Zeit die Artikelserie „Probleme des Sozialismus“, mit der der Revisionismusstreit in der SPD eröffnet wurde. 1899 folgte auf Anregung seines damaligen Freundes Karl Kautsky die Veröffentlichung von Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie.

Kritik an der Dialektik In dieser Schrift unterzog Bernstein die bis dahin bestehende marxistische Theorie einer radikalen Kritik: sowohl der Materialismus als auch die Hegelsche Dialektik seien metaphysisch, daher unwissenschaftlich und abzulehnen.Eduard Bernstein: Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. 1984, S. 29–65 Die der Sozialdemokratie zu Grunde liegende Philosophie müsse durch die Überwindung des dialektischen Materialismus und dessen Ersetzung durch den Neukantianismus erneuert werden. Diese Forderung stellte er unter das provokative Motto: „Kant wider Cant“ (englisch: cant; Heuchelei).Eduard Bernstein: Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Hrsg. von Günther Hillmann, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 219–232.

Kritik an der Arbeitswertlehre Die marxistische Arbeitswertlehre besagt auf den Punkt gebracht, dass sich der Wert einer Ware am Markt über die in ihn eingegangene durchschnittliche-gesellschaftliche Arbeitszeit bemisst. Die Bernsteinsche Kritik an der Arbeitswertlehre ist nicht fundamental, Bernstein betont sogar, dass selbige als Metapher zur Offenlegung grundsätzlicher Mechanismen der kapitalistischen Ökonomie bis zu einem gewissen Grade nützlich ist. Er ist der Auffassung, „dass der Arbeitswert absolut nichts als ein Schlüssel ist, ein Gedankenbild wie das beseelte Atom. Ein Schlüssel, der, von der Meisterhand Marx’ gebraucht, zu einer Aufdeckung und Darstellung des Getriebes der kapitalistischen Wirtschaft geführt hat, wie die gleich eindringend, folgerichtig und durchsichtig bisher nicht geliefert wurde, der aber von einem gewissen Punkte ab versagt und daher noch fast jedem Schüler Marx’ verhängnisvoll geworden ist.“Eduard Bernstein: Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. 1984, S. 70 Konkret vermisst Bernstein die Berücksichtigung der Nachfrage in der marxschen Wertkonstruktion, eine Kritik, die man heute als keynesianisch bezeichnen würde. Wird nicht alles abgesetzt, was produziert wurde, dann verliert die Arbeitswertlehre ihre Gültigkeit. Auch in Waren, die nicht gebraucht bzw. gekauft werden, steckt ja Arbeit. Trotzdem sind sie offenbar wertlos. Bernstein sieht daher Probleme in jener konkreten Anwendung der Arbeitswertlehre, die über eine modellhafte Metapher hinausgeht.

Entscheidend ist jedoch der Umstand, dass dies alles für Bernstein kein Grund ist, die marxsche Mehrwerttheorie abzulehnen. Er empfiehlt jedoch, selbige nicht über deduktive Abstraktionen wie die Arbeitswertlehre, sondern über empirische Fakten herzuleiten:Eduard Bernstein: Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie. 1984, S. 68.

Kritik an der These von Polarisierung, Verelendung und Zusammenbruch