mini|Günther Anders mit Hannah Arendt (ca. 1929)
Günther Anders (bürgerlich Günther Siegmund Stern; geboren am 12. Juli 1902 in Breslau; gestorben am 17. Dezember 1992 in Wien) war ein deutsch-österreichischer Philosoph, Dichter und Schriftsteller.
Anders beschäftigte sich mit den ethischen und technischen Herausforderungen seiner Zeit; sein Hauptthema war die Zerstörung der Humanität. Dabei war er Mitbegründer und führende Persönlichkeit der Anti-Atomkraft-Bewegung, dezidierter Technikkritiker und Medienphilosoph und ist auch als Verfasser von Erzählungen und Gedichten hervorgetreten. Ungeachtet seiner Distanzierung von der wissenschaftlichen Hochschulphilosophie werden Anders’ Schriften an Universitäten als Forschungsgegenstand wahrgenommen und in zahlreichen Diplomarbeiten und Dissertationen behandelt.
Von 1929 bis 1937 war er mit der politischen Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) verheiratet.
Leben Jugend, Studium, Journalismus und Namenswechsel mini|Günther Sterns Familie vor 1914
Günther Sterns Eltern waren die jüdisch-deutschen Psychologen William Stern und Clara Stern. In ihrem Standardwerk Psychologie der frühen Kindheit finden sich viele Beobachtungen über GüntherClara Stern, William Stern: Die zeichnerische Entwicklung eines Knaben vom 4. bis zum 7. Jahre (Mit 12 Tafeln), in: ZAngPs, 3, S. 1–31, 1909. [Die Tafeln aus dem Jahr 1909 unterliegen mithin bis 2063 dem Urheberrecht.] und seine Schwestern Hilde Marchwitza und Eva Michaelis-Stern. 1915 zog die Familie von Breslau nach Hamburg. Während des Ersten Weltkriegs erlebte Günther Stern als 15-Jähriger die erste prägende Zäsur seines Lebens, als er auf der Fahrt zu einem Ernteeinsatz von Schülern in Frankreich erstmals verstümmelte Soldaten sah:
Dieses Erlebnis und die ersten Erfahrungen mit Antisemitismus (Anders wurde von nationalistischen Mitschülern gemobbt) führten zu Günther Sterns Wandlung zum Pazifisten, Moralisten und Befürworter des Völkerbundes. Schon 1917 gründete er mit zwei Jugendfreunden Europa Unita, den Bund für ein vereinigtes Europa ohne Grenzen:
Stern studierte Philosophie bei Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Edmund Husserl. Er promovierte 1923 bei Husserl an der Universität Freiburg über Phänomenologie. Nach dem Studium lebte Anders einige Jahre von philosophisch-essayistischen Vorträgen, journalistischer und belletristischer Arbeit für Fachzeitschriften, Radiosender und Zeitungen von Paris bis Berlin.
Beim Berliner Börsen-Courier schrieb Stern derart viele Beiträge, dass der Chef des Feuilletons, Herbert Ihering, dem Verfasser vorschlug, ein Pseudonym zu benutzen, damit nicht die Hälfte aller Artikel unter einem einzigen Namen erschienen. Günther Stern wählte den Namen Günther Anders.Dass es aber Ihering war, der Anders aufgrund zu vieler mit „Stern“ signierter Artikel um eine Namensänderung bat, gilt als unglaubwürdige Hypothese. Vita Günther Anders (1902–1992), abgerufen am 24. Juni 2023. Später nutzte er ausschließlich diesen Namen für seine Veröffentlichungen.
Ehe mit Hannah Arendt Günther Stern lernte Hannah Arendt 1925 als Philosophie-Studentin in Marburg kennen, und beide zogen in Berlin im Jahr 1929 schon vor ihrer Heirat zusammen. 1929 lebten sie für kurze Zeit in Nowawes.MAZ vom 14. Oktober 2021 https://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Gedenktafel-fuer-Hannah-Arendt-in-Potsdam-Babelsberg-enthuellt Ihre Ehe währte bis 1937, und Arendt hieß in dieser Zeit Stern. Nach einem kurzen Aufenthalt in Heidelberg lebte das Ehepaar ein Jahr in Frankfurt am Main. Stern arbeitete in dieser Zeit vor allem an einer systematischen philosophischen Anthropologie. Es gelang ihm zunächst bei Max Wertheimer, Paul Tillich und Karl Mannheim Interesse an seiner Habilitation zur Philosophie der Musik zu wecken. Es gibt Gerüchte, dass Theodor W. Adorno wegen einer vermeintlichen Heidegger-Nähe Sterns und aus qualitativen Gründen heftigen Einspruch gegen dessen Arbeit erhoben habe und die Habilitation bei Tillich in Frankfurt deshalb gescheitert sei.Dagegen betont Christian Dries: (Zwar) „scheiterten seine Habilitationspläne – jedoch nicht, wie häufig kolportiert, an einer Intrige des ein Jahr jüngeren Adorno, der wie Stern [= Anders] auf musikphilosophischem Terrain arbeitete.“ (Ch. Dries: Vita Günther Anders (1902–1992), Zugriff am 11. November 2022.) Jedenfalls zog das Ehepaar wieder nach Berlin. 1979, im Gespräch mit Mathias Greffrath, berichtete Anders, dass er 1930 von den Wissenschaftlern vertröstet worden sei:
Exil in Paris Günther Anders nahm die Ankündigungen Hitlers und Anfänge der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten sehr ernst, flüchtete im März 1933 kurz nach dem Reichstagsbrand aus Deutschland und lebte drei Jahre im Exil in Paris. Noch im selben Jahr wurde ihm als Jude die Reichsbürgerschaft aberkannt. Diese Ausbürgerung hätten seiner Meinung nach die spätere Bundesrepublik Deutschland oder die DDR von sich aus revozieren müssen, was aber nicht geschah.Siehe: „Ich bin im Jahre 1933, weil ich in Paris offen vor der Gefahr Hitler gewarnt hatte, meiner deutschen Staatsangehörigkeit entkleidet worden. Da in den 45 Jahren seit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches weder die Bundesrepublik noch die DDR auf den Gedanken gekommen ist, diese Ausbürgerung zu revozieren, sehe ich keinen Anlaß, mich zu irgendeiner Deutschland betreffenden Frage öffentlich zu äußern.“ – Günther Anders, zitiert nach: Volker Hage: In Wien wird Günther Anders neunzig. Der Andersdenkende. In: Die Zeit. 10. Juli 1992. Die Machtergreifung Hitlers und die Meldung über die Einrichtung von Konzentrationslagern nannte Anders die zweite große Zäsur seines Lebens: er wurde zum ausgeprägt politischen Intellektuellen und Schriftsteller.
Hannah Arendt, die ihm kurze Zeit später ins Exil nach Paris folgte, brachte ihm das Typoskript seines Romans Die molussische Katakombe nach Paris mit. „Inhalt des Buches war die Mechanik des Nationalsozialismus“; seinen Rahmen bildet die Situation zweier Häftlinge in finsterem Verlies, deren älterer dem jüngeren die Überlieferung des Widerstandes der Paria gegen die totalitäre Herrschaft erzählt. Der Versuch, das Buch im einzigen dafür in Frage kommenden deutschsprachigen Verlag in Paris zu veröffentlichen, scheiterte, nach Anders’ Darstellung, an dem gleichfalls aus Berlin geflüchteten Lektor Manès Sperber, damals ein Partei-Kommunist, der es, so behauptete später Anders, mit der Frage „Und das halten Sie für linientreu?“ ablehnte.G. Anders, interviewt von M. Greffrath. In: Elke Schubert (Hrsg.): Günther Anders antwortet. Interviews & Erklärungen. Mit einer Einleitung von Hans-Martin Lohmann. Tiamat, Berlin, 1987, S. 31. ISBN 3-923118-11-2. Auch die im Frühjahr 1933 in Paris entstandene Novelle Learsi über die Außenseitersituation der deutschen Juden wurde nicht verlegt.In: Günther Anders: Erzählungen. Fröhliche Philosophie. (ursprünglich: Kosmologische Humoreske und andere Erzählungen.) Suhrkamp Taschenbuch st 432, Frankfurt am Main 1978, S. 96–189. ISBN 3-518-36932-6. Allein der Vortragstext Pathologie de la liberté (Pathologie der Freiheit) erschien in zwei Teilen 1935/36 in der Fachzeitschrift Recherches Philosophiques. Jean-Paul Sartre sagte dazu, der Text habe Einfluss auf die Entstehung des Existentialismus gehabt.Traugott König im Nachwort zur Neuübersetzung von Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts.Rowohlt Taschenbuch Verlag rororo 13316, Reinbek bei Hamburg 1993, ISBN 3-499-13316-4, S. 1079 FN 7
Ein Onkel zweiten Grades von Günther Anders, Walter Benjamin, wurde von Hannah Arendt unterstützt, als er ebenfalls 1933 nach Paris ins Exil ging und dort mit Armut rang; zwischen ihnen ist ein reger Briefwechsel erhalten.
Während Arendt durch ihre Arbeit für zionistische Flüchtlingsorganisationen Geld verdiente, konnte Anders im Pariser Exil kaum etwas zum gemeinsamen Lebensunterhalt beitragen. Unter anderem wegen der wirtschaftlich und menschlich schweren Bedingungen des gemeinsamen Lebens im Quartier Latin zerbrach die Ehe schließlich. Schon vor der Scheidung 1937 hatte Arendt ihren späteren zweiten Ehemann Heinrich Blücher kennen gelernt.
Emigration in die USA Aus Sorge vor dem sich anbahnenden neuen Weltkrieg reiste Günther Anders 1936 weiter nach New York. Anders’ Vater, der Professor in North Carolina geworden war, unterstützte ihn in der ersten Zeit. Anders bekam Schwierigkeiten mit der US-Bürokratie, die ihn bereits vor der McCarthy-Ära als Linken verdächtigte. Die Einbürgerungspapiere erhielt er erst nach vielen Jahren.
Vielerlei Gelegenheitsarbeiten prägten die folgenden vierzehn Jahre im amerikanischen Exil. Er schrieb allerdings auch Artikel für die deutschsprachige jüdische Zeitschrift Aufbau und veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten in der Austro-American Tribune. Günther Anders war Hauslehrer bei Irving Berlin, versuchte sich mehrfach erfolglos als Drehbuchautor in Hollywood, war in einem Museum angestellt, arbeitete zeitweise im Kostüm-Fundus eines Filmateliers und in Fabriken in Los Angeles. Über seine Schilderungen in den Tagebüchern hinaus hat er die Erfahrungen dieser Zeit in sein Hauptwerk Die Antiquiertheit des Menschen einfließen lassen.
Um eine Stelle beim damaligen Office for War Information (OWI) anzutreten, kehrte er aus Kalifornien nach New York zurück. Diese Regierungsbehörde stellte Informationen in vielen Sprachen zusammen, die in dem von den Nationalsozialisten besetzten Europa über Rundfunk verbreitet wurden. Nach mehreren Monaten stellte Anders seine Tätigkeit mit der Begründung ein, er sei nicht vor dem Faschismus geflohen, um nun amerikanische faschistische Broschüren für Deutschland herzustellen.G. Anders, interviewt von Mathias Greffrath (1979). In: Elke Schubert (Hrsg.): Günther Anders antwortet. Interviews und Erklärungen. Tiamat, Berlin, 1987, S. 38.
Schließlich bekam Anders doch noch eine akademische Anstellung als Dozent (Lecturer). An der New Yorker New School for Social Research hielt er Vorlesungen zur Philosophie der Kunst. Seine Vortrags- und Seminarreihe umfasste Interpretationen von Rembrandts Gemälde Segen Jakobs ebenso wie Analysen von Liedern Franz Schuberts. Die Studenten mit ihrer ständigen Belastung durch Prüfungen waren durch die Breite von Anders’ Vorlesungen überfordert. Günther Anders selbst vermutete als einen Grund für die Verständnisschwierigkeiten eine Störung der Spontaneität der Studenten durch eine in den 1940er Jahren in manchen akademischen Kreisen übliche psychoanalytisch oder besser: vulgärpsychoanalytisch geprägte Ausdrucksweise.G. Anders, interviewt von Mathias Greffrath (1979). In: Elke Schubert (Hrsg.): Günther Anders antwortet. Interviews und Erklärungen. Tiamat, Berlin, 1987, S. 39 f.
Im amerikanischen Exil setzte sich Anders intensiv mit der Philosophie Heideggers auseinander. Insbesondere bemühte er sich um eine kritische, historische Kontextualisierung derselben und veröffentlichte dazu 1946/47 in den Temps Modernes, sowie 1946 bzw. 1948 die Aufsätze Nihilismus und Existenz und On the Pseudo-Concreteness of Heidegger’s Philosophy.
Nachkriegszeit Hiroshima und Nagasaki Der Abwurf der Atombombe über Hiroshima am 6. August 1945 markierte den dritten Wendepunkt in Anders’ Leben. Er habe als Schriftsteller jahrelang nicht darauf reagieren können, weil mein Vorstellen, Denken, mein Mund und meine Haut vor der Ungeheuerlichkeit der Ereignisse streikte, während er intellektuell verstanden habe, dass es nun möglich sei, das gesamte Leben auf der Erde auszulöschen.G. Anders, interviewt von Mathias Greffrath (1979). In: Elke Schubert (Hrsg.): Günther Anders antwortet. Interviews und Erklärungen. Tiamat, Berlin, 1987, S. 42. Erst nachdem er 1950 dauerhaft nach Europa zurückgekehrt war, gelang ihm eine Darstellung des Ereignisses im Kapitel Über die Ursachen unserer Apokalypseblindheit im ersten Band von Die Antiquiertheit des Menschen.