Naegleria fowleri ist ein amöbenähnlicher Rhizopode (Wurzelfüßer), der als fakultativer (nicht auf einen Wirt angewiesener) Parasit den Menschen befallen kann. In manchen Medien wird die Art auch „hirnfressende Amöbe“ genannt.

Merkmale Als Trophozoit hat Naegleria Ähnlichkeit mit Amöben, da sie sich mit Pseudopodien (Scheinfüßchen) fortbewegt. Fällt jedoch der Elektrolytwert der Umgebung, so bildet die Zelle Geißeln aus, mit denen sie aus dem ungünstigen Milieu fliehen kann. Der Trophozoit hat eine Größe von bis zu 30 Mikrometer, seine Cysten nur bis 15 Mikrometer.

Lebenszyklus mini|Stadien von Naegleria fowleri Naegleria fowleri bildet Kolonien aus, in denen mehrere Hundert Trophozoiten zusammen leben. Sie ernähren sich hauptsächlich von Bakterien und Detritus (abgestorbenen Pflanzen).

Verbreitung

Naegleria fowleri ist auf der ganzen Welt verbreitet, mit Schwerpunkten in Australien, USA und Frankreich. Da N. fowleri auf Feuchtigkeit angewiesen ist, kommt sie vor allem im feuchten Erdreich und in stehenden Gewässern vor. Sie kann sich optimal in warmen Gewässern ausbreiten und bildet dort kleinere Kolonien. Ihr Vorkommen ist daher meistens noch auf Schwimmbäder, Badeseen und Industrieabwässer beschränkt. Aufgrund des Klimawandels gehen Experten davon aus, dass sich ihr Vorkommen in Zukunft weiter verbreiten wird. Es wird vor neuen Risiken, auch für Deutschland, gewarnt.

Pathogenität mini|Histopathologie der Amöben-Meningoenzephalitis.

Wenn Trophozoiten, etwa beim Schwimmen, in die Nase eines Menschen gelangen, können sie entlang des Riechnervs ins Gehirn vordringen und dort eine eitrige Hirnhautentzündung hervorrufen, die Primäre Amöben-Meningoenzephalitis (, PAM oder PAME), auch als Naegleriasis beziehungsweise Schwimmbadamöbose bezeichnet. Davon sind vorwiegend Kinder und junge Erwachsene betroffen. PAME kann innerhalb von drei bis sieben, spätestens nach 14 Tagen nach der Infektion plötzlich ausbrechen. Nach massivem Auftreten von Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Nackensteifheit kommt es zu einer pyogenen Meningoenzephalitis, gefolgt von Koma und dem Tod innerhalb einer Woche. Nur in wenigen Fällen konnte eine frühzeitige Behandlung den Tod verhindern. Die CDC empfehlen, Infizierte mit dem Wirkstoff Miltefosin zu behandeln. Zur Behandlung von Infektionen mit weiteren Naegleria-Arten steht auch Amphotericin B, ggf. in Kombination mit Rifampicin, zur Verfügung.Marianne Abele-Horn u. a.: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 293.

Von 1962 bis 2024 wurden in den USA 167 InfektionsfälleNaegleria fowleri Infections. bei CDC, abgerufen am 24. Juli 2025. bekannt, von denen nur vier überlebten.Jacey Fortin: Man Dies of ‘Brain-Eating’ Amoeba After Swimming in Lake. In: New York Times. 25. Juli 2019.

Beispiele (weltweit):

2011 wurde in Louisiana von zwei Todesfällen nach Nasenspülungen mit Leitungswasser berichtet.Bericht zu den Todesfällen 2011 deeperblue.com, 19. Dezember 2011. 2012 starben in Karatschi (Pakistan) innerhalb von sechs Monaten neun Männer und ein vierjähriges Kind an einer Infektion mit Naegleria fowleri; der Infektionsweg wurde nicht eindeutig geklärt, z. B. hatte nur einer der Betroffenen vorher in einem Gewässer gebadet, jedoch hatten mehrere Betroffene Nasenspülungen durchgeführt. 2015 wurde der Fall einer 21-jährigen Frau vom Northern Inyo Hospital, Bishop, in den USA gemeldet.Tödlicher Parasit-Einzeller frisst sich durchs Gehirn abendblatt.de. Am 19. Juni 2016 starb eine 18-jährige Frau in Charlotte (North Carolina) in den USA nach einer Bootskenterung im Rahmen einer Rafting-Tour im Whitewater River (Keowee River) an den Folgen der Infektion.wncn.com 22. Juni 2016. Am 21. September 2018 wurde der Fall eines US-Amerikaners berichtet, der vor seinem Tod eine Surf- und Wasserskianlage besucht hatte und sich dadurch mit Naegleria fowleri infiziert haben soll.nytimes.com Im Juli 2019 erkrankte und starb ein Schwimmer, nachdem er im Fantasy Lake Water Park in Cumberland County (North Carolina) geschwommen war. Im September 2019 starb ein zehnjähriges Mädchen in Texas, nachdem es gut eine Woche zuvor im Brazos River bzw. Lake Whitney geschwommen war.edition.cnn.comDt. Bericht (17. Sept. 2019) Im August 2020 starb ein dreizehnjähriger Junge in Nord-Florida, nachdem er einige Tage zuvor in einem Badesee schwimmen war.Naegleria fowleri: „Gehirnfressende Amöbe“: Zwei Kinder in den USA nach mysteriöser Infektion gestorben. In: Focus Online. 13. September 2020, abgerufen am 16. September 2020. Am 27. September 2020 wurden die Einwohner der Kleinstadt Lake Jackson (Texas) vor der Verwendung von nicht abgekochtem Leitungswasser gewarnt, da Naegleria fowleri im Wasser gefunden worden sei. Im Juli 2022 starb ein Mann aus Missouri, nachdem er im See des Lake of Three Fires State Park in Taylor County (Iowa) gebadet hatte. Im August 2022 starb ein Kind, nachdem es im Elkhorn River in Nebraska geschwommen war. Im März 2023 starb ein Einwohner in Florida nach einer Nasenspülung mit Leitungswasser. Im Juli 2023 starb ein Mann in Pakistan nach dem Schwimmen in einem Pool. Im Juli 2023 starb ein zweijähriges Kind aus Las Vegas, nachdem es sich mit der Amöbe beim Besuch von natürlichen heißen Quellen in Nevada infiziert hatte. 2024 starb eine 71-jährige Frau aus Texas nach einer Nasenspülung mit kontaminiertem Wasser aus dem Tank eines Wohnmobils. Im Juni 2025 starb ein elfjähriger Junge in der Slowakei an den Folgen der Infektion einige Tage nach dem Badebesuch bei einem Schwimmkurs. Im August 2026 starb ein achtjähriges Mädchen am Tag nach ihrem Geburtstag vermutlich nach einem Schwimmausflug zum Lake Claiborne in Louisiana.https://www.theguardian.com/us-news/2026/aug/23/child-dies-brain-eating-amoeba-infection-louisiana

In Endemiegebieten sind bei vielen Jugendlichen spezifische Antikörpertiter nachweisbar, was ein Hinweis darauf ist, dass viele Naegleria-Infektionen symptomlos verlaufen.

Eine Vorbeugung kann durch Desinfektion von Schwimmbädern und Meidung von Abwässern und Flachwässern vor allem in wärmeren Gebieten erfolgen. Auch Nasenklammern beim Schwimmen können einer Infektion vorbeugen.Facts About Naegleria fowleri and Primary Amebic Meningoencephalitis, Informationsblatt der CDC Es gibt keine gesetzlichen Regelungen (wie Meldepflicht) für diese Krankheit. Die Diagnose kann durch Nachweis schnell beweglicher Amöben im Liquor erfolgen.

Fallzahlen Mitte September 2025 wurde ein Anstieg der jährlichen Fälle im indischen Bundesstaat Kerala auf 72 berichtet. Weltweit wurden ab 1962 bis dato knapp 550 Infektionsfälle gemeldet. Diese liegen vor allem in den USA, Indien, Pakistan und Australien.

Infektionswege und Prävention mini|Beispiele für potenzielle Infektionswege, die vermieden werden sollten, Grafik der Centers for Disease Control and Prevention. Als empfohlene Maßnahme zur Prävention gelten all jene Schritte, die dazu führen, dass die Infektion vermieden wird. Hierzu empfiehlt es sich, den Aufenthalt in nicht regelmäßig gesäuberten Gewässern sowie Nasenduschen mit verunreinigtem Wasser zu vermeiden.

Gegenspieler In der Kläranlage in Klosterneuburg (NÖ) bei Wien fanden Wissenschaftler der Universität Wien ein Naegleriavirus (NiV) genanntes Riesenvirus aus der Mimiviridae-Unterfamilie Klosneuvirinae (Klosneuviren), vorgeschlagene Gattung „Catovirus“. NiV-Partikel werden von Naegleria fowleri als vermeintliche Nahrung aufgenommen und können dann die Amöbenzellen binnen Stunden zerstören.

Namensherkunft Die Gattung Naegleria ist nach dem deutschen Protozoologen Kurt Nägler benannt.

Der Artnamenzusatz fowleri verweist auf den australischen Pathologen Malcolm Fowler vom Adelaide Children's Hospital, der Erstautor der ursprünglichen Fallberichtsserie (British Medical Journal, ab 1965) über PAM war.

Literatur S. C. Parija, S. R. Jayakeerthee: Naegleria fowleri. A free living amoeba of emerging medical importance. In: The Journal of Communicable Diseases. Bd. 31, Heft 3, 1999, S. 153–159, PMID 10916609.

Weblinks

Warum diese Amöbe menschliches Gehirn liebt. Animierte Dokumentation zu Naegleria fowleri. YouTube: Dinge Erklärt – Kurzgesagt vom 24. April 2022 (youtube.com). Ian A. Wright: Brain-Eating Amoebas Are a Real-Life Horror We Should Know About. Auf: sciencealert vom 14. Januar 2025. Quelle: The Conversation (englisch). Dazu: Hedviga Nyarsik: Hirnfressende Amöben breiten sich aus. Gefahr wächst durch Klimawandel. Auf: n-tv.de vom 5. Februar 2026. Katrina B. Velle et al.: ​Naegleria amoebae seek confinement and crawl persistently through narrow spaces. Auf: bioRχiv vom 1. Dezember 2025 (Preprint).

Einzelnachweise Olivia A. Smith, Whitney Tillman, Jantel B. Lewis, Stephen White, Mia Mattioli, Julia Haston, Megan Dorris, Amy Kahler, Alexis Roundtree, Ibne Karim Ali, Shantanu Roy, Taylor Yakubik, Lauren Sisco, Jasen Kunz: Notes from the Field: Primary Amebic Meningoencephalitis Associated with Nasal Irrigation Using Water from a Recreational Vehicle — Texas, 2024. In: CDC: Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR), Band 74, Nr. 19, 29. Mai 2025, S. 334–335; MMWR:7419a4 (englisch). Dazu: Jess Cockerill: Texas Woman Dies From Brain-Eating Amoeba After Flushing Sinuses. Auf: sciencealert vom 5. Juni 2025.

Patrick Arthofer, Florian Panhölzl, Vincent Delafont, Alban Hay, Siegfried Reipert, Norbert Cyran, Stefanie Wienkoop, Anouk Willemsen, Ines Sifaoui, Iñigo Arberas-Jiménez, Frederik Schulz, Jacob Lorenzo-Morales, Matthias Horn: A giant virus infecting the amoeboflagellate Naegleria. In: Nature Communication, Band 15, Nr. 3307, 24. April 2024; doi:10.1038/s41467-024-47308-2 (englisch). Dazu: Segen statt Fluch – Riesenvirus in Kläranlage bei Wien entdeckt. Auf: n-tv.de vom 25. April 2024. Riesenviren befallen tödlichen Parasiten. Auf: orf.at vom 24. April 2024, abgerufen am 24. April 2024. Nadja Podbregar: Könnte dieses Riesenvirus zum Heilmittel werden? Neuentdeckter Virengigant aus der Kläranlage befällt eine für Menschen tödliche Amöbe. Auf: scinexx.de vom 25. April 2024. Giant Viruses Infect Deadly Parasite. Pressemitteilung der Universität Wien vom 24. April 2024. Parasit Naegleria fowleri: Riesenviren befallen tödlichen Einzeller. Auf: mt Portal (mt-portal.de) vom 27. April 2024. Giant virus discovered in wastewater treatment plant infects deadly parasite. Auf: phys.org vom 24. April 2024. Johan F. De Jonckheere: What do we know by now about the genus Naegleria? In: Experimental Parasitology, Band 145, November 2014, Supplement S. 2–9; doi:10.1016/j.exppara.2014.07.011, PMID 25108159 (englisch). Malcolm Fowler, R. F. Carter: Acute pyogenic meningitis probably due to Acanthamoeba sp.: a preliminary report. In: BMJ. Band 2, Nr. 5464, September 1965, S. 740–742; doi:10.1136/bmj.2.5464.734-a, , PMID 5825411 (englisch).

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