mini|hochkant=1.8|Verlauf des Franzoseneinfalls und der Helvetischen Revolution 1798
Der Franzoseneinfall war eine militärische Auseinandersetzung zwischen der Ersten Französischen Republik und der Alten Eidgenossenschaft zwischen dem 28. Januar 1798 und dem 28. Mai 1799. Der französische Sieg brachte die militärische Besetzung eines grossen Teils des Territoriums der heutigen Schweiz durch Frankreich und die Gründung der Helvetischen Republik als Tochterrepublik mit sich. Der Franzoseneinfall beendet in der schweizerischen Geschichtsschreibung traditionell die Ära des Ancien Régime bzw. der Alten Eidgenossenschaft und leitet die Helvetik ein. Die Wortschöpfung «Franzoseneinfall» wurde vom Berner Historiker Richard Feller verwendet. Auf französischer Seite wurde das Ereignis auch als Campagne d’Helvétie bezeichnet., (Der Begriff wurde u. a. vom konservativen Historiker Richard Feller geprägt, zeitgenössisch hiess das Ereignis beispielsweise Campagne d’Helvétie)
Vorgeschichte Bis zum Sturz des französischen Ancien Régime war die Alte Eidgenossenschaft als lockeres Bündnisgefüge souveräner Kantone und ihrer Verbündeten stark auf den Nachbarstaat ausgerichtet. Es bestanden seit dem Mittelalter Soldallianzen und Handelsverträge, die aus der Eidgenossenschaft faktisch ein französisches Protektorat machten. Nur in den östlichen und innerschweizerischen Kantonen konnte sich ein begrenzter Einfluss Österreichs halten. Durch die Französische Revolution 1789/1799 und die nach dem Tuileriensturm 1792 erfolgte Kündigung der Soldverträge kam es zu einer Entfremdung gegenüber Frankreich, die politisch noch durch die Agitation der reaktionär gesinnten französischen Emigranten in der Eidgenossenschaft bzw. der revolutionär gesinnten eidgenössischen Emigranten in Frankreich geschürt wurde. Trotzdem verhielt sich die Eidgenossenschaft gegenüber Frankreich während des Ersten Koalitionskrieges militärisch neutral und tolerierte sogar die Besetzung und Annexion der Drei Bünde sowie des nördlichen Teils des Fürstbistums Basel durch Frankreich 1792. Nach dem Ende des Ersten Koalitionskriegs überliess die österreichische Monarchie die Schweiz, mit Ausnahme Graubündens, der Einflusssphäre der Ersten Französischen Republik. Die Schweiz stand nun alleine da und die seit 1792 angewandte Neutralitätspolitik schien Frankreich nicht mehr zu genügen. Frankreich hatte an der Schweiz verschiedene Interessen:
Alpenpässe: Durch die Besetzung der Schweizer Alpenpässe wäre Norditalien für französische Truppen schneller erreichbar. finanzielle Mittel: Einige Kantone verfügten über beträchtliche finanzielle Mittel, die den Franzosen für ihre weiteren Kriegspläne sehr hilfreich gewesen wären. Die Schweizer Bevölkerung wäre eine neue Rekrutierungsbasis für Soldaten.
Aufgrund der Verträge (militärische Kapitulationen) mit Frankreich hatte die Tagsatzung das Recht, die Schweizer Regimenter (Reisläufer) für die Verteidigung zurückzurufen, wenn die Eidgenossenschaft in Gefahr war. Die Einführung der Wehrpflicht in Frankreich hatte die eidgenössischen Berufssoldaten überflüssig gemacht und die Schweizer Regimenter wurden aufgelöst. Als Frankreich 1798 den Vertrag zum Ewigen Frieden von 1516 brach und in die Schweiz einfiel, gab es keine intakten Regimenter aus Berufssoldaten mehr, die zur Verteidigung hätten eingesetzt werden können.Albert A. Stahel (Hrsg.): Von den Fremdendiensten zur Milizarmee. In: Armee 95 – Chance für die Milizarmee? Strategische Studien Band 7, Vdf Verlag, Zürich
Erneuter Einfall im Fürstbistum Basel mini|hochkant|Errichtung des Freiheitsbaumes auf dem Basler Münsterplatz am 20. Januar 1798 Nachdem der nördliche Teil des Fürstbistums Basel bereits 1792 annektiert worden war, wurde Ende 1797 auch der südliche Teil von den Franzosen besetzt. Am 17. Januar 1798 brach die Helvetische Revolution aus. Der Angriffsplan wird seine definitiven Konturen wohl während seiner Durchreise über Genf, Bern, Solothurn und Basel im November 1797 erhalten haben. Die Belastung der Orte, mit der Unterkunft und der Versorgung von Offizieren, Truppen und Pferden muss enorm gewesen sein.
Einfall in Bern, Solothurn und Freiburg mini|Zeitgenössische Darstellung der Schlacht bei Neuenegg, von Francois Aloys Muller mini|hochkant|Grauholzdenkmal Am 24. Januar wurde die Lemanische Republik ausgerufen, die sofort ein Hilfegesuch an Frankreich richtete. Am 28. Januar fielen die Franzosen unter General Ménard mit etwa 12'000 Mann in die damals zu Bern gehörende Waadt ein. Ein Teil der französischen Invasionstruppen überquerte den Genfersee per Schiff und landete in Nyon und Lausanne. Die Berner Truppen sahen sich angesichts der französischen Übermacht gezwungen, den Rückzug anzutreten und sammelten sich erneut in der Gegend von Murten und Freiburg im Üechtland.
In der Zwischenzeit rückte General von Schauenburg mit einer zweiten Armee aus dem ehemaligen Fürstbistums Basel von Norden her Richtung Bern vor. Die Franzosen forderten die Berner Regierung auf, der Reform- oder Friedenspartei die Regierungsgewalt zu übergeben. Die Berner weigerten sich jedoch und die Franzosen benutzten dies nun als Kriegsgrund. Am 2. Februar 1798 gründete der Berner Kriegsrat die Légion fidèle, die aus berntreuen Freiwilligen aus der Waadt bestand.
Ein Warnsystem aus 156 Signalfeuern, der sogenannte Chutz, meldete am 1. März 1798 das Vorrücken französischer Truppen in einer Zangenbewegung aus Richtung Waadt und Berner Jura auf Freiburg, Solothurn und Bern. Gleichentags begannen bereits die ersten Gefechte. Am 2. März kam es zu Gefechten bei Lengnau, Grenchen und im Ruhsel (Wald zwischen Alfermée und Twann). Gleichentags wurde Freiburg von den Franzosen erobert. Am 3. März 1798 kapitulierten die solothurnischen Truppen. Gleichentags kam es zwischen Berner und französischen Truppen zum Gefecht beim Col de la Croix. General Karl Ludwig von Erlach musste seine Stellung bei Murten räumen.
Die Berner Regierung war in zwei Lager gespalten. Schultheiss Niklaus Friedrich von Steiger vertrat eine harte Haltung gegenüber Frankreich und wollte den Krieg fortsetzen. Der Deutschseckelmeister von Frisching trat für Verhandlungen mit den Franzosen ein. Diese Uneinigkeit verursachte eine Verunsicherung der Berner Truppen und Bevölkerung. General von Erlach und fünfzig hohe Offiziere bedrängten den Grossen Rat um die Bewilligung, die Kampfhandlungen aufzunehmen.
Nachdem der Grosse Rat von Erlach den Befehl gab, die Franzosen zu bekämpfen, stellte sich dieser den französischen Truppen bei Büren an der Aare. Während des Gefechtes traf jedoch der Befehl ein, dass sich die bernischen Truppen zurückziehen sollten, um die Stadt Bern zu schützen. Der französische General Brune stellte am 3. März 1798 der Berner Regierung ein Ultimatum und forderte die Kapitulation Berns. Daraufhin dankte die Regierung unter Schultheiss von Steiger am 4. März ab, verweigerte aber die militärische Kapitulation. Trotz des Rücktritts der Regierung versuchten die Berner Truppen, den französischen Angriff weiter abzuwehren.
mini|Meldung des Siegers in der Ausgabe der Allgemeinen Zeitung vom 10. März 1798 Am 5. März 1798 kam es zum Gefecht von St. Niklaus, den Schlachten von Fraubrunnen und Neuenegg sowie zur entscheidenden Schlacht am Grauholz. Gleichentags erhielt der französische General Schauenburg die Kapitulation Berns und der Schultheiss der Stadt Bern, Niklaus Friedrich von Steiger, ging ins Exil.
Am 6. März stiessen die französischen Truppen von Süden her vor und eroberten Murten und Freiburg. Während der gesamten Zeit griffen die eidgenössischen Hilfstruppen mit etwa 4000 Mann nicht in die Kämpfe ein. Die Franzosen boten etwa 35'000 Mann auf, denen gegenüber nur etwa 20'000 Berner standen. Auf Berner Seite fielen etwa 700 Menschen. Die Verluste der Franzosen sind nicht bekannt.
Als die Franzosen 1798 in die Eidgenossenschaft einfielen, hatten sie es auf die Staatsschätze der Kantone abgesehen, um sich aus ihrer finanziellen Zwangslage zu befreien.
In Bern fiel ihnen der mit Abstand grösste Staatsschatz, die Berner Staatskasse in die Hände. Das Gold aus dem Gewölbe unter dem Berner Rathaus wurde auf Kutschen verladen und in einem symbolträchtigen Akt zusammen mit den Bären aus dem Bärengraben nach Paris gebracht.Andrej Abplanalp: Die Entführung der Berner Bären Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 28. März 2018 Noch grösseren Wert aber hatten die Wertpapiere der Berner. Die Berner waren in Verwaltung und Anlegen der Staatsfinanzen äusserst erfolgreich und wurden zu einem Schwergewicht auf dem Londoner Finanzplatz. Als die Helvetische Republik 1803 unterging, hatten die Berner mehr als zwei Drittel des Anlagewerts ihrer Wertpapiere für deren Wiederbeschaffung aufgewendet. Ein Ende fand das Tauziehen erst am Wiener Kongress von 1814/15. Die siegreichen Grossmächte beschlossen, dass die Berner keinen Anspruch auf die in der Zwischenzeit aufgelaufenen Erträge der Wertpapiere hatten, dafür aber auf eine finanzielle Entschädigung von Frankreich. Dies war aber nur ein schwacher Trost für die Berner, da damit nur ein Bruchteil des durch den Franzoseneinfall verursachten Verlusts gedeckt wurde.Napoleons reiche Beute: der Raub des Berner Staatsschatzes – und was dieser heute wert wäre – 1798 bereitete Napoleon der alten Eidgenossenschaft ein Ende. Der «Franzoseneinfall» war nicht nur politisch, sondern auch finanziell bedeutsam. So raubten die Besatzer den Berner Staatsschatz. Der Schatz hätte heute einen geradezu gigantischen Wert, Christoph A. Schaltegger, Thomas M. Studer, NZZ 14. Juli 2020Christoph A. Schaltegger, Thomas M. Studer, Laura Zell, Michele Salvi: Napoleons reiche Beute. Eine aktuelle Einordnung zur Bedeutung des gestohlenen Berner Staatsschatzes von 1798, Stämpfli-Verlag, Bern 2020, ISBN 978-3-7272-6065-0
Dem Berner Gottlieb von Jenner gelang es nach dem Krieg, Teile der Berner Staatskasse durch Bestechung nach Bern zurückzuholen.
Widerstand in Schwyz, Nidwalden, Uri, Zug und Glarus Die Kantone Schwyz, Nidwalden, Uri, Glarus und Zug lehnten im April 1798 die Verfassung der helvetischen Republik ab und begannen unter dem Kommando von Alois von Reding, ein Heer mit etwa 10'000 Mann aufzustellen. Am 21. April löste von Reding die Offensive aus. In drei Achsen sollte das strategische Ziel Aarau, der Sitz der Helvetischen Regierung erreicht werden. Am 22. April stiess der linke Flügel nach Obwalden vor, besetzte den Brünigpass und erreichte das Berner Oberland in Meiringen. Die Truppen des rechten Flügels unter dem Glarner Obersten Paravicini eroberten zwar Rapperswil, blieben jedoch abwartend in Stellung. Die Zuger Truppen unter Hauptmann Andermatt stiessen ins Freiamt vor. Nach einem Gefecht mit einer französischen Vorhut (Gefecht bei Hägglingen) mussten sie sich bereits am 26. April nach Muri zurückziehen. Von Reding selber stiess mit einer Truppe von etwa 4000 Soldaten gegen Luzern vor und eroberte die Stadt am 29. April 1798.
Die erhoffte Erhebung der eroberten Gebiete blieb weitgehend aus. Obwalden lehnte nun gezwungenermassen die Helvetische Verfassung ebenfalls ab. Zu einer Massenerhebung der ländlichen Bevölkerung des Berner Oberlandes oder der Luzerner Landschaft kam es jedoch nicht. Nach wenigen Tagen war die Offensive ins Stocken geraten. Als am Abend des 29. Aprils die kampflose Kapitulation Zugs bekannt wurde, zogen die Truppen Redings von Luzern ab und kehrten in das Gebiet von Schwyz zurück, um wenigstens die Stammlande zu verteidigen. Aus der Offensive war eine Defensive geworden.