mini|Überlebende des Außenkommandos Mühldorf am 4. Mai 1945, wenige Tage nach der Befreiung durch die U.S. Army
mini|hochkant=2|Lage der ehemaligen KZ-Lager des Außenkommandos Mühldorf in heutiger Umgebung mini|Bunker Weingut I (Mai 1945)
Der KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf, früher auch KZ-Lagergruppe Mühldorf, war eine Gruppe von Außenlagern der 169 Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Er wurde im Sommer 1944 errichtet und von der SS geleitet. Neben dem KZ-Außenlagerkomplex Kaufering und dem KZ-Außenlagerkomplex München-Allach (BMW) gehörte der KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf zu den drei größten KZ-Außenlagern des Stammlagers Dachau. Die Häftlinge der Lager wurden in der Umgebung von Mühldorf zum Arbeitseinsatz gezwungen. Ein Großteil von ihnen war dabei außerhalb der Lager tätig, vor allem in der Landwirtschaft und Bauwirtschaft. Auf der Baustelle des Projektes Weingut I , wo ein Rüstungsbunker für die Produktion des Kriegsflugzeugs Messerschmitt Me 262 entstehen sollte, stellten die KZ-Häftlinge die Hälfte der Zwangsarbeiter, ein Großteil Juden aus Ungarn. Wie viele Häftlinge die Lager des Außenlagerkomplexes Mühldorf tatsächlich durchliefen, ist nicht mehr zweifelsfrei belegbar. Im so genannten Mühldorf-Prozess wurde eine Zahl von etwa 8.300 Personen für den Zeitraum von Juli 1944 bis April 1945 angegeben.Aussage von 4 Häftlingen die als Lager-, Arbeitseinsatz- und Lebensmittelmagazinschreiber arbeiteten. Memorandum vom 2. Juni 1945. vol. 3, Mikrofilm 123a/2, Bayerisches Hauptstaatsarchiv (BayHSta). Die Zahl der Todesopfer schwankt je nach Quelle, liegt aber vermutlich bei etwa 4.000 Personen. Außer den KZ-Lagern gab es im Umkreis von Mühldorf mehrere Arbeitslager der Organisation Todt sowie Fremdarbeiterlager. Diese waren zwar nicht dem KZ in Dachau unterstellt, aber meist ähnlichen Bauprojekten zugeordnet.
Jüdische KZ-Häftlinge des KZ Dachau wurden auch in den KZ-Außenlagern Riederloh, Karlsfeld, Landshut, sowie im Außenlagerkomplex Kaufering eingesetzt.
Der KZ-Außenlagerkomplex
Zum KZ-Außenlagerkomplex Mühldorf gehörten im Umkreis von 20 km insgesamt vier selbständige Lager. Das Außenlager Mühldorf mit der offiziellen Bezeichnung Waffen-SS-K.L. Dachau-K.L Mühldorf Fp. Nr. 27451 war direkt der Kommandantur in Dachau unterstellt. Kommandant des Lagerkomplexes war ab Oktober 1944 der SS-Sturmbannführer Walter Adolf Langleist, der die Lager vom KZ-Außenlager Mettenheim aus führte. Vor dieser Zeit wurde, wohl auf Grund der geringen Größe des Lagerkomplexes, kein Kommandant eingesetzt. Die untergeordneten KZ-Außenlager unterstanden in der Regel einem Hauptscharführer der Waffen-SS. Die Wachmannschaft des Lagerkomplexes wuchs mit der Anzahl der Häftlinge und umfasste Ende März mindestens 310 Mann sowie drei Aufseherinnen. Die genaue Anzahl der Wachen im Lager Thalham ist dabei nicht angegeben.Einsatzbericht der Lager M 1, Waldlager V/VI und Mittergars vom 31. März 1945. vol. 3, Mikrofilm 123a/6, BayHSta. Viele der SS-Wachen waren nicht mehr fronttaugliche Wehrmachtssoldaten.Peter Müller: Das Bunkergelände im Mühldorfer Hart: Rüstungswahn und menschliches Leid. 4. Auflage. Heimatbund; Mühldorf a. Inn: Kreismuseum, Mühldorf a. Inn 2006, S. 66f.
Lager Mettenheim Das Lager Mettenheim , auch M 1 oder M I genannt, lag im heutigen Ortsteil Mettenheim-Hart südlich des damaligen Flugplatzes der Luftwaffe. Direkt an das Lager grenzte der „Lagerbahnhof“, eine Eisenbahnanbindung des Fliegerhorstes.
Erstmals erwähnt wurde das Lager in amtlichen Aufzeichnungen am 28. Juli 1944.Edith Raim: Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf – Rüstungsbauten und Zwangsarbeit im Letzten Kriegsjahr 1944-45. Dissertation, Landsberg 1992, S. 174. Ein Vorauskommando aus Dachau, bestehend aus 50 Häftlingen mit Wachpersonal, wurde für die Umfunktionierung eines ab 1940 errichteten Kleiderlagers der Luftwaffe eingesetzt.Raim (1992), S. 153. Der erste Häftlingstransport aus Auschwitz mit etwa 1.000 Häftlingen traf kurz darauf im noch unfertigen Lager ein. Nach weiteren Transporten stieg die Zahl der Gefangenen schließlich auf 2.000 Mann. Ab 25. September wurde ein Frauenlager eingerichtet, in dem 500 Frauen Platz fanden. Im Endausbau umfasste das Lager mindestens 20 Holzbaracken, in denen mindestens je 150–200 Personen hausten. An Funktionsbaracken gab es unter anderem Werkstätten und eine Leichenbaracke.Polizeiliche Vernehmung von S. Eberl am 7./8. Juni 1966 in Dachau, Archiv der Gedenkstätte des KZ Museum Dachau, Signatur 15871.
In unmittelbarer Umgebung des Lagers befanden sich die Unterkünfte der SS sowie Werkstätten der Organisation Todt. Zuständig für den Aufbau des Lagers war der spätere Lagerführer und SS-Hauptscharführer Sebastian Eberl (fälschlich auch „Eberle“ geschrieben). Dieser beschrieb in einer polizeilichen Vernehmung nach dem Krieg das Lager als „äußerst primitiv“. „Es fehlten jegliche sanitäre Anlagen“ und „es war nur eine Wasserstelle vorhanden“. Heizmöglichkeiten gab es laut Eberl nicht.
Das Lager Mettenheim wurde nach dem Krieg komplett beseitigt. Heute steht auf dem Gelände eine Neubausiedlung.
Waldlager mini|hochkant=1.2|Überlebende des Außenlagers bei Ampfing stehen auf einer Lagerstraße vor den Baracken. (George Mallinder, 4. Mai 1945. United States Holocaust Memorial Museum) mini|Überlebende des Außenlagers bei Ampfing in einer Baracke. (George Mallinder, 4. Mai 1945. United States Holocaust Memorial Museum) Das so genannte Waldlager V/VI entstand im August 1944 und war das zweitgrößte Konzentrationslager der Lagergruppe Mühldorf. Es befand sich südlich des Ampfinger Ortsteiles Holzgasse im Mühldorfer Hart. Nachdem jahrzehntelang nur einige Bodenreste erkennbar waren, wurde im April 2018 eine dreiteilige Gedenkstätte eröffnet. Laut Internationalem Suchdienst des Roten Kreuzes wurde das Waldlager erstmals am 9. August 1944 erwähnt.International Tracing Service: Catalogue of Camps and Prisons in Germany and German-Occupied Territories.Arolsen 1949. nachgedruckt in Martin Weinmann (Hrsg.): Das nationalsozialistische Lagersystem. 2. Auflage. Frankfurt am Main 1990, S. 71. Die Nummerierung rührte von der Tatsache, dass bereits OT-Arbeitslager im Mühldorfer Hart als Waldlager I-IV bezeichnet wurden.Raim (1992), S. 175. Der Aufbau des Lagers begann mit der Errichtung des Waldlagers V im Juli 1944 durch KZ-Häftlinge aus dem Stammlager Dachau. Dieses Lager wurde zunächst als Sommerlager konzipiert, die Häftlinge waren in Finnenzelten untergebracht. Eine spätere Erweiterung des Lagers wurde als Waldlager VI bezeichnet. Dieser Lagerteil wurde im Spätherbst 1944 errichtet und diente als Winterlager. Dort hausten die Häftlinge in Erdhütten. Organisatorisch wurden beide Lagerteile als ein Lager betrachtet und als Waldlager V/VI geführt.Raim (1992), S. 154. Lagerführer war Hauptmann Anton Ostermann, ein frontuntauglicher Offizier der Wehrmacht, der nicht in die SS übernommen wurde.Raim (1992), S. 159. Das Lager war meist mit knapp 2.000 Männern belegt. Erst ab Januar 1945 wurde erstmals ein Frauenlager erwähnt, welches später mit bis zu 250 Frauen belegt war.
Unterkommandos Zum Außenkommando Mühldorf gehörten in der Umgebung drei weitere Lager, die teilweise selbständig, teilweise unselbständig geführt wurden.
Lager Mittergars Das Lager Mittergars lag in einem Waldgebiet an der Bahnstrecke Rosenheim–Mühldorf zwischen Jettenbach und Mittergars, etwa 18 km südwestlich von Mühldorf. Das reine Männerlager wurde vermutlich im Oktober 1944 errichtet und bestand auf einer Fläche von 75 mal 150 m aus 33 primitiven Baracken.Zeugenaussagen von Murray Braaf, prosecution exhibit No. 4, Mikrofilm 123a/5, BayHSta. Anfangs waren nur Zelte für die Unterbringung der Häftlinge vorhanden. Die Wachmannschaften der SS waren außerhalb des Lagers untergebracht. Die etwa 300 bis 350 Häftlinge verschiedener Nationalitäten waren zum größten Teil Juden. Das Lager hatte selbst keinen Brunnen. Deswegen musste das Wasser vom nächstgelegenen Bauernhof täglich gebracht werden. Die Toten des Lagers wurden größtenteils in einem Massengrab vergraben. Erst später wurden die zu Tode gekommenen Häftlinge umgebettet. Andere in der Umgebung von Gars geplante Lager wurden nicht mehr realisiert. Nur spärliche Reste des Lagers sind heute noch erhalten.Müller (2006), S. 48.
Lager Thalham In Thalham (Gemeinde Obertaufkirchen) befand sich ebenfalls ein Unterkommando des Mühldorfer Lagerkomplexes , direkt an der Bahnstrecke München–Simbach. Das Lager wurde erstmals Ende Januar 1945 amtlich erwähnt. Die knapp 200 männlichen KZ-Häftlinge wurden für Zwangsarbeit in der nahegelegenen Kiesgrube herangezogen. Das sogenannte „Judenlager“ bestand aus 22 Baracken und war vermutlich der Gestapo unterstellt. Diese verwaltete in Thalham außerdem ein so genanntes „Arbeitserziehungslager“, auch „Anhalterlager“ genannt, sowie ein Lager für italienische Zwangsarbeiter. Die Lager wurden nach Kriegsende vollständig abgerissen.
Lager Zangberg Das Lager Zangberg war als nicht selbständiges Lager dem Lager Mettenheim zugeordnet. Im beschlagnahmten Kloster Zangberg sollte eine Munitionsfabrik errichtet werden. Dazu wurden zunächst Zwangsarbeiter aus Mettenheim angefordert, später wurde in Zangberg ein eigenes Lager mit etwa 60 Gefangenen eingerichtet, zum größten Teil Facharbeiter. Amtlich erwähnt wurde das Lager erstmals kurz vor Kriegsende im März 1945,Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, . bis Ende April 1945 waren dort Wachen eingesetzt.
Herkunft der Häftlinge Eine genaue Überprüfung der nationalen Zusammensetzung, insbesondere der Verteilung ist heute kaum noch möglich. Einen Anhaltspunkt geben dabei die Totenbücher der Mühldorfer Lager. Unter den Inhaftierten nahmen zweifellos Ungarn den weitaus größten Teil ein. Die Häftlinge der KZ-Lager kamen aber auch aus Litauen, Frankreich, Italien, Polen, den Niederlanden, dem sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren, der Sowjetunion, Deutschland und anderen europäischen Ländern.Totenbuch der Mühldorfer Lager, Bundesarchiv Koblenz, NS 4 Da 25. Die Mehrheit der Häftlinge waren Juden, nur etwa 900 waren nichtjüdische Gefangene. Zu diesen gehörten unter anderem Kriminelle und politische Gefangene sowie vermutlich auch einige Kriegsgefangene.Müller (2006), 59f.
Arbeitseinsatz Die Häftlinge der Außenlager um Mühldorf arbeiteten auch innerhalb der Lager, überwiegend waren sie aber bei Arbeitseinsätzen in der Umgebung eingesetzt. Vor allem im Sommer und Herbst 1944 wurden sie zum Bau und Ausbau der Lager gezwungen. Der größte Teil der Arbeitskräfte wurde alsbald auf den Baustellen und Nebenanlagen von Weingut I im Mühldorfer Hart eingesetzt. Auch in der Forst- und Landwirtschaft sowie für handwerkliche Aufgaben wurden Häftlinge abkommandiert. Ferner wurden Häftlinge kurzfristig für Arbeitseinsätze abkommandiert, beispielsweise nach einem Luftangriff auf den Mühldorfer Bahnhof, wo die Häftlinge Aufräumarbeiten leisten mussten.Siehe: Einsatzberichte im Archiv der Gedenkstätte des KZ Museum Dachau, Signatur 11727 sowie Aussagen während des Mühldorf-Prozesses, Mikrofilm 123a/6,BayHSta.
Die weiblichen Häftlinge wurden teils zu ähnlichen Arbeiten wie die Männer gezwungen, meist aber zu körperlich leichteren Aufgaben. Dazu zählten beispielsweise der Putzdienst, die Küchenarbeit, die Essensausgabe sowie die Arbeit in der Wäscherei und Schneiderei.Siehe: Signaturen 2119 bis 2120, Archiv der Gedenkstätte des KZ Museum Dachau.
Wie in allen KZs mussten die Häftlinge sowohl tatsächliche Arbeitsleistungen erbringen als auch Arbeiten für den Lagerbetrieb oder ihre Mithäftlinge leisten.Raim (1992), S. 192.
Anzahl der Opfer mini|hochkant=0.5|Ausschnitt aus der Totenliste die im Mühldorf-Prozess als Beweismaterial verwendet wurde
mini|hochkant=1|Sergeant Joseph Perlman von der Dritten US-Armee überwacht den intravenösen Zugang, über den dieser jüdische Überlebende ernährt wird (Joseph W. Lapine, 7. Mai 1945, Ampfing. United States Holocaust Memorial Museum)