mini|hochkant=1.2|Fassade, 2006 Die ehemalige Abteikirche St-Jouin im Ort Saint-Jouin-de-Marnes im Département Deux-Sevres zählt zu den bedeutendsten Sakralbauten der Romanik im Poitou. Durch Erneuerung der meisten Gewölbe im 13. Jahrhundert ist sie aber auch ein Beispiel der Angevinischen Gotik. Bereits seit dem Jahr 1862 ist der Kirchenbau als Monument historique anerkannt.
Geschichte Die Ortschaft hatte bereits in gallo-römischer Zeit eine Vorgängerin namens Ensio (später Ension). Sie lag an einer Römerstraße, die von Poitiers nach Angers führte und auch „Weg des Heiligen Hilarius“ genannt wird. Die Existenz dieses Verbindungswegs hat erheblich zur späteren Entwicklung des klösterlichen Lebens an diesem Ort beigetragen.
Ausgangs des vierten Jahrhunderts soll ein gewisser Jovinus (französisch Jouin) zusammen mit einer kleinen Schar von „Jüngern“ die Einsamkeit in den Wäldern der Region gesucht haben. Er soll aus Mouterre-Silly, einem Ort im Loudunais, gekommen sein und aus einer wohlhabenden Familie stammen. Sein Bruder, der Heilige Maximin war einer der frühen Erzbischöfe von Trier. Nach der Legende hat Jovinus um 342 ein Oratorium nahe dem Ort Ensio gegründet. Das später gegründete Kloster, das zunächst den Namen des Dorfes führte, sollte eines der ersten Zentren zur Verbreitung des Christentums in der Region werden. Es gilt nach der Abtei Saint-Martin de Ligugé (Vienne), die im Jahr 361 vom Heiligen Martin von Tours gegründet wurde, als das zweitälteste Kloster Frankreichs. Das Predigen und wohltätige Wirken seines Gründers führte zu seiner Verehrung als Heiliger Jovinus. Seine Gebeine wurden später als Reliquien in der kleinen karolingischen Klosterkirche aufbewahrt. Die Abtei trug dann auch seinen Namen.
Im Verlauf des 7. Jahrhunderts betraute Felix, der Bischof von Nantes, den Martin von Vertou mit der Missionierung des Südens seiner Diözese und des Poitou. Seine Mission führte ihn auch nach Ension, wo er ein mehr oder weniger geregeltes gemeinschaftliches Klosterleben vorfand. Es gelang ihm, den Mönchen die Regel des heiligen Benedikt als Lebensform aufzuerlegen. In den Kriegen zwischen Pippin, Karl dem Großen und Hunold Herzog von Aquitanien in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts flohen die Mönche aus ihrer Abtei.
In den Zeiten der Normanneneinfälle, zu Beginn des 9. Jahrhunderts, blieb die Abtei zunächst von jeglicher Verwüstung verschont, da sie abseits schiffbarer Flüsse lag. Im 9. Jahrhundert konnte sich die Abtei Saint-Jouin zu einem Zentrum klösterlicher Kultur im Haut-Poitou entwickeln. In anderen Gebieten der Region mussten die Mönche der von den Wikingern überfallenen und geplünderten Klöster fliehen. Zahlreiche dieser Flüchtlinge fanden Zuflucht in Saint-Jouin. Zum Beispiel verließen die Mönche der Abtei des Heiligen Martin von Vertou ihr Kloster unter Mitnahme der Reliquien ihres Gründers. Im Jahre 843 zogen sie sich mit Unterstützung Ludwigs des Frommen nach Ension zurück. Sie gaben dem Kloster neue Impulse, indem sie dort die mittlerweile vergessene Regel des Heiligen Benedikt wieder aufleben ließen.
Im Jahr 878 stellten die Mönche die alte karolingische Kirche auf dem heutigen Standort der Abteikirche wieder her. Etliche der Flüchtlinge brachten wertvolle Reliquien mit, die Saint-Jouin zu einem beliebten Ziel vieler Pilger werden ließ, deren Spenden den Wohlstand der Abtei förderten. mini|hochkant=0.6|links|Jakobspilger, Darstellung von 1568 Saint-Jouin befand sich auf direktem Weg zwischen Angers und Poitiers, der dort in die Via Turonensis mündete, und lag damit an einer wichtigen Strecke des „Jakobswegs“ nach Santiago de Compostela, der im 11. und 12. Jahrhundert zu besonderer Blüte anwuchs. Im Laufe des 11. Jahrhunderts nahm der Strom der Pilger derart zu, dass die alte karolingische Kirche ihn nicht mehr fassen konnte. Außerdem bot sie nicht mehr genügend Raum, die zahlreichen Reliquien zur Schau zu stellen. Es wurde ein Neubau erforderlich. Der Grundstein wurde im Jahr 1095 vom Mönch Raoul gelegt, dem Baumeister und Reformator des Ordens, unter dessen Führung die Bauarbeiten begannen.
Im Jahr 1100 erfolgte seine Ernennung zum Abt von Saint-Jouin. Bereits im Jahr 1130 konnten die wesentlichen Arbeiten der Abteikirche mit der Einweihung des Hauptaltars abgeschlossen werden. Die großzügigen Ausmaße und künstlerische Ausstattung der neuen Abteikirche setzten ein äußeres Zeichen für den Wohlstand der Abtei. Im Jahr 1179 unterstanden ihr 127 Kirchen und deren Gemeinden. Zwischen Ende des 12. und Anfang des 13. Jahrhunderts gründeten die Mönche der Abtei Saint-Jouin die Kirche von Aigne in der Gemeinde Saint-Sébastien-sur-Loire (Département Loire-Atlantique), sowie die Kirche Saint-Jacques südlich von Nantes, ferner die Abteien Saint-Martin in Vertou und Saint-Nicolas in Les Moutiers-en-Retz.
Im 13. Jahrhundert tauschte man die romanischen Tonnengewölbe im Mittelschiff und im Chor gegen gotische, angevinische Kreuzrippengewölbe aus. Allerdings haben, im Gegensatz zur übrigen Kirche, die Radialkapellen am Chorumgang schon frühgotische Fenster.
Im selben Jahrhundert (nach Kennzeichnung in einer Grundrisszeichnung) bemerkte man im südöstlichen Bereich des Chorhauptes Absenkungen des Geländes, die zu Rissbildungen der Konstruktionen geführt hatten. Da ein Einsturz von Gebäudeteilen zu befürchten war, fügte man außen an die Umgangskapellen und am südlichen Querhausarm außergewöhnlich klobig dimensionierte Strebepfeiler an, die die ehemals harmonisch wirkenden Proportionen des Chorhauptes beeinträchtigen.
Im Jahre 1356 fiel die Region in die Hände der Engländer. Verwüstungen wurden hauptsächlich zwischen 1369 und 1374 begangen. Im Jahre 1372 kappten die Engländer den Südturm von seinem kleinen Glockenturm.
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, im Hundertjährigen Krieg (1337–1453), erweiterte man die Befestigungen der Abtei zum Schutz gegen die Engländer und gegen plündernde Horden. Die Kirche wurde in Teilen wehrtechnisch nachgerüstet. Der gesamte südliche Querhausarm wurde um ein ganzes Geschoss aufgestockt und in ganzer Breite des Querhauses und auf dessen Seiten mit einer Batterie von Pecherkern ausgestattet, über denen überdachte Bewegungsräume mit verschließbaren Fenstern für die Verteidiger angeordnet wurden. Gleichzeitig erbaute man eine großzügig dimensionierte Spindeltreppe im Winkel zwischen Querhausarm und Chorumgang als Zugang zu den Erweiterten Wehranlagen. Dieser stattliche Raumgewinn sollte im Falle der Verteidigung zum längerfristigen Aufenthalt von Verteidigern, zur Lagerung von Nahrungsmitteln, Waffen und Munition dienen. Durch die Befestigungsanlagen gelang die Verteidigung der Kirche. Die Gegend wurde vom Ober-Stallmeister Bertrand du Guesclin zurückerobert. Im Jahr 1422 erweiterte man die Befestigungsanlagen der Klostergebäude, trotzdem wurden diese beträchtlich beschädigt. mini|links|Abteigebäude gegen Ende des 17. Jhs., von Osten mini|hochkant|links|Fassade, vor Restaurierung gegen Ende des 19. Jhs. Im Jahre 1447 fand die Restaurierung der zum Konvent gehörenden Gebäude statt. 1467 wurde Saint-Jouin-de-Marnes Marktort, jeden Samstag fanden Märkte statt. 1476 ließ Pierre von Amboise das Kloster mit dem Kreuzgang wieder errichten. Hiervon ist heute nur noch die auf der Nordseite an die Kirche angebundene Südgalerie des Kreuzgangs erhalten.
Die Religionskriege (1562–1598) zwischen der katholischen Liga und den Hugenotten trafen die Abtei Saint-Jouin schmerzlich. Im Februar 1568 kam eine Truppe protestantischer Kavallerie auf dem Weg zur Schlacht bei Moncontour hier vorbei. Sie plünderten und brandschatzten das Kloster. Die Zerstörungen durch die Truppen Gaspard de Colignys waren so radikal, dass fast nichts übrig blieb. Die Reliquien des Heiligen Jouin verschwanden damals spurlos. Im Jahr 1569 gab es aufs Neue Plünderungen.
1655 übernahm das Kloster von Saint-Jouin die Reform des Heiligen Maurus, es kam wieder zu einer gewissen Blüte. Die weitläufigen Gebäude der Abtei erstreckten sich auf der Nord-West-Seite der Abteikirche um mehrere Höfe und beherbergten u. a. eine Schule für Malerei.
Für die Abtei begann ein florierender Zeitabschnitt bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, als sich ein neuer Verfall des klösterlichen Lebens ankündigte. 1755 wurde das alte Konventsgebäude zerstört und ein neues errichtet. Im selben Jahre verlor das Kloster von Saint-Jouin seine Selbständigkeit und wurde der Verwaltung des Kapitels von Amboise unterstellt. In der Folgezeit geriet die Abtei immer mehr in Vergessenheit und blieb seit 1770 unbewohnt.
Die Französische Revolution von 1789 setzte dem klösterlichen Leben ein Ende. Die Abtei wurde auf Befehl des Staates verkauft, die Kirche wurde im Jahr 1795 dem Gottesdienst zurückgegeben. In der französischen Revolution (1789) wurde die Abtei offiziell geschlossen und die Abteigebäude als Nationalgut verkauft, teilweise auch zum Abbruch freigegeben. Der Kirche blieb allerdings glücklicherweise dieses Schicksal erspart.
Prosper Mérimée besuchte Mitte des 19. Jahrhunderts Saint-Jouin-de-Marnes. Er fand das Kloster in beklagenswertem Zustand. Auch die Kirche war unbeaufsichtigt und der Verwitterung ausgesetzt, und sie wies beträchtliche Schäden auf. Es gibt von dem beklagenswerten Zustand der Fassade eine detaillierte Darstellung (siehe Bild). Seinen Bemühungen ist es zu verdanken, dass die Abteikirche weitgehend erhalten werden konnte.
Die Restaurierungsarbeiten, die oftmals unterbrochen werden mussten, konnten erst Mitte des 20. Jahrhunderts zum Abschluss gebracht werden.
Heute existieren von dieser Abtei, die eine bedeutende geistliche und wirtschaftliche Ausstrahlung in der Region hatte, im Wesentlichen noch die gut erhaltene Abteikirche, die südliche Galerie des Kreuzgangs und das Gebäude des Konvents, das sich im Privatbesitz befindet.
Das Kirchenbauwerk mini|hochkant=2|links|Abteikirche, Grundriss, genordet (oben = Norden) Hauptabmessungen zirka
ohne Pfeilervorlagen: Gesamtlänge außen: 72,30 m Innere Länge der Schiffe: 41,70 m Breite des Langhauses außen: 17,00 m Länge des Querhauses außen: 28,30 m Breite des Querhauses außen: 8,40 m Innere Lange des Querschiffs: 24,90 m Tiefe des Chores: 14 m Länge des Chorhaupts, vom Querhaus bis Apsis Mittelkapelle: 23,30 m Höhe der Bogenwölbungen des Chores: 8,50 m Gesamthöhe: 15 m
mini|hochkant|Mittelschiff vom 1. Joch aus, Gewölbezone im Dunkeln
Inneres mini|hochkant|links|Frühes Netzgewölbe, Mittelschiff, Joche 4 bis 10 (Ausschnitt) mini|hochkant|Nördliches Seitenschiff: Tonne mit Gurtbögen mini|hochkant|links|Mittelschiff: nördliche Arkade und Netzgewölbe
Das Langhaus Der Grundriss der Abteikirche entspricht einem lateinischen Kreuz. Das Langhaus als dreischiffige Hallenkirche hält sich an das im Poitou gängige Muster; es hat zehn Joche.
Die ersten drei Joche weisen in allen Schiffen noch die Ursprungseinwölbung mit halbkreisförmigen Rundtonnen auf, die im Mittelschiff leicht angespitzt sind. Sie werden untereinander getrennt von im Querschnitt rechtwinkligen Gurtbögen. Die Höhen der Schiffe untereinander differieren nur gering. Die angespitzten Scheidbögen zwischen den Schiffen weisen einen abgestuften Querschnitt auf. Ihre Scheitel befinden sich auf Höhe der Gurtbogenansätze des Mittelschiffs. Die Gurt- und Scheidbögen stehen in allen Schiffen auf Halbrundsäulen (Diensten), die aus den kräftigen quadratischen Pfeiler-Kernen und den Außenwänden hervortreten. In Höhe der Bogenansätze schließt jede Halbsäule jeweils mit einem skulptierten Kapitell mit dicker Kämpferabdeckung ab. In den Seitenschiffen sind die Dienste an den Außenwänden in der Höhe noch einmal unterteilt. Ein gutes Stück unter dem oberen Kapitell in Höhe des Wölbungsansatzes wechselt die Dimension der Säulendicke. Aus der einen Säule werden zwei kleinere, die auf einem zusätzlichen Kapitell stehen. Vielleicht ist das ein Zeichen für eine nachträgliche(?) Erhöhung der Schiffe, möglicherweise schon während der ersten Bauphase.