mini|hochkant|Flurkreuz am Hochtannbergpass Das Kruzifix (aber der Kruzifixus, von „ans Kreuz geheftet“) ist die Darstellung des ans Kreuz genagelten Jesus in meist plastischer Wiedergabe. Das Kreuz ist Sinnbild für das Opfer Jesu Christi, das dieser nach christlichem Glauben zur Erlösung der Menschheit gebracht hat.
Ein Kruzifix kann unterschiedliche Dimensionen haben, von 17 Meter Höhe (Triumphkreuz im Lübecker Dom) bis zu kleinen Abzeichen, Schmuckstücken, Rosenkranzanhängern und Pilgerzeichen.
Begriffsklärung Während die graphischen, gemalten oder reliefierten Darstellungen üblicherweise Kreuzigungen genannt werden, bezeichnet Kruzifix das Bild des Heilandes am Kreuz in Form eines einzelnen, gegenständlichen, eher mobilen Objektes, also in der Regel eine Skulptur, oder allenfalls die auf eine kreuzförmige Tafel gemalte Darstellung, wie sie in Italien üblich war, in Deutschland dagegen nur als vereinzelte Ausnahme in Zisterzienserkirchen (Loccum,Bild: Triumphkreuz in der Klosterkirche Loccum, 13. Jh., im 19. Jh. überarbeitet. SchulpfortaBild: Triumphkreuz in der Klosterkirche Schulpforta, 13. Jahrhundert.) auftritt. Das lateinische Wort Crucifixus bezeichnet nur den für sich betrachteten Leib des Gekreuzigten (Korpus, Corpus Christi).Rudolf Huber (Hrsg.): Kirchengeräte, Kreuze und Reliquiare der christlichen Kirchen. (= Glossarium Artis. Band 2). K. G. Saur Verlag, 3. Auflage, München-London-New York-Paris 1991, ISBN 3-598-11079-0, S. 154. Manchmal ist das Kreuz selbst verlorengegangen und nur der Korpus als kreuzförmige Skulptur erhalten geblieben, oder es wurde von vorneherein nur ein Corpus Christi als Kunstwerk geschaffen. Die verschiedenen Formen unfigürlicher, zeichenhafter Kreuze werden im Artikel Kreuz (Christentum) behandelt.
Verwendung In der römisch-katholischen Kirche, der altkatholischen Kirche, den orthodoxen Kirchen, der anglikanischen Gemeinschaft, den unierten und den lutherischen Kirchen wird das Kruzifix unter anderem als Vortragekreuz und Altarkreuz im Gottesdienst verwendet.
Das Gebet vor einem Kruzifix ist oftmals Teil einer Andacht oder stillen Einkehr der Gläubigen. In der heiligen Messe und bei feierlichen Gottesdiensten wie der Pontifikalvesper wird zum feierlichen Einzug und zum Auszug das Kruzifix vorangetragen, dem die Prozession als Sinnbild für das wandernde Volk Gottes folgt. Auch Prozessions- und Wallfahrtszüge folgen meist dem Vortragekreuz. Brustkreuze von Bischöfen und Äbten können als Kruzifix ausgestaltet sein. Zu einer Versehgarnitur für die Spendung der Sterbesakramente gehören gewöhnlich ein Kruzifix und ein Sterbekreuz, das dem Sterbenden in die Hand gelegt wird.
Die feierliche Kreuzverehrung ist ein zentraler Teil der katholischen Karfreitagsliturgie. Am Karfreitag und Karsamstag ist es in der katholischen Kirche vielfach üblich, statt des Allerheiligsten im Tabernakel das Kruzifix durch eine Kniebeuge zu verehren.
Als Flurkreuze dienen Kruzifixe in katholischen Gebieten außer zum stillen Verweilen auch als Wegemarkierungen. Kruzifixe werden auch oft als Schmuck getragen, beispielsweise als Anhänger von Halsketten.
In katholischen Familien ist es vielerorts üblich, Kruzifixe in den Räumen oder an hervorragender Stelle der Wohnung zusammen mit Kerzen und anderen Devotionalien anzubringen („Herrgottswinkel“). An Ostern werden die Kreuze als Hinweis auf die Auferstehung Jesu mit frischen, an Palmsonntag gesegneten Zweigen geschmückt.
In den Reformierten Kirchen findet man in der Kirche weder Kruzifixe noch Kreuze noch bildliche Darstellungen. Auch in vielen evangelischen Freikirchen (wie zum Beispiel in Pfingstkirchen) wird auf die Anbringung von Kruzifixen verzichtet. Mitglieder der gnostischen Kirchen, der Zeugen Jehovas und der Christadelphians lehnen die Verwendung von Kreuzen ebenfalls ab.
Geschichte des Kruzifixes in der Kunst
Ursprünglich standen der Kreuzesverehrung zwei Faktoren entgegen: Die Auferstehung Jesu Christi wurde in der Spätantike als der alleinige Mittelpunkt des Heilsgeschehens angesehen und die Hinrichtungsart der Kreuzigung Christi galt als nicht besonders hervorhebenswert, da viele Hunderttausende so hingerichtet wurden, bzw. als schändlich.Ein Spottkreuz aus der Römerzeit gilt dafür als Beleg.
Als ältestes monumentales Kruzifix gilt neuerdings das Enghausener Kreuz, entstanden um 890. Das ein Jahrhundert jüngere Gerokreuz zeigt mit seiner Charakterisierung des leidenden, sterbenden Christus eine untypische, aber künstlerisch außerordentliche Sonderform. Bis in romanische Zeit wird Christus dagegen häufiger aufrecht, nur wenig bewegt und mit knielang herabfallendem Lendentuch bekleidet dargestellt, eher als über den Tod Triumphierender denn als Leidender. Er trug oft eine Königskrone und war durch die Hände und Füße mit vier Nägeln ans Kreuz geschlagen (Viernageltypus). Die künstlerisch herausragendsten Kruzifixe des Mittelalters waren oft Triumphkreuze, an prominenter Stelle im Chorbogen aufgehängte, monumentale Bildwerke. Mit der Gotik setzen sich die Verbildlichungen der Qualen des Gekreuzigten und seines Todes durch. Die übereinandergestellten Füße sind jetzt von einem Nagel durchbohrt (Dreinageltypus, seit etwa 1260 allgemein verbreitet).Karl-August Wirth: Dreinagelkruzifixus. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 4, 1955, S. 524–525. Auch digital: Dreinagelkruzifixus Aus dem Jahr 1149 datiert der erste Dreinagelkruzifixus auf einem Bronzetaufbecken aus Thienen, heute in Brüssel.Karl-August Wirth: Dreinagelkruzifixus. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. 4, 1955, S. 524–525. Auch digital: Dreinagelkruzifixus Das nun stärker geneigte Haupt trägt häufig die Dornenkrone und der ausgezehrte Körper weist deutlicher die Wundmale auf. Diese Eigenschaften werden noch gesteigert in den expressiv gestalteten Gabelkruzifixen aus der Blütezeit der Mystik im 14. Jahrhundert, die der privaten Andacht der Gläubigen dienten. Die Kunst des Spätmittelalters betonte den physiognomischen Ausdruck der Qualen und verstärkte ihn durch die Dynamik des knitternd flatternden Lendentuchs und die schmerzlich gewundene Körperhaltung.
Die Renaissance dagegen, freilich in Italien deutlicher als in Deutschland, zeigte Jesus oft in entspannter Haltung und anmutiger Bewegung. Im Barock bekommt der leidende Körper pathetischen Ausdruck. Die Stofflichkeit von Haut und Faltenwurf, Bewegung und Körperlichkeit sind nun Gegenstand eines stärker künstlerischen als religiösen Interesses. In dieser Zeit mehren sich auch die Beispiele der für die private Andacht bestimmten kleinen Kruzifixe. Besonders mit dem Rückgang der Kirche als Hauptträgerin der Kunst lassen sich ab dem 19. Jahrhundert eine immer breitere Gestaltungsvarianz und die Rückkehr und die Vermischung vergangener Stilepochen finden.
Spätestens ab dem 20. Jahrhundert lässt sich nicht mehr von durchgängigen Leitmodellen der Kreuzigungsskulpturen sprechen. Die Persönlichkeit, die Kunstauffassung sowie die religiöse und gesellschaftliche Haltung der Künstler prägen die jeweilige Formfindung.Begleittexte zur Kruzifixsammlung im Museum Abtei Liesborn 2007 7. Dezember 2007
Früh- und hochmittelalterliche Kruzifixe
Gotische Kruzifixe
Neuzeitliche Kruzifixe
Kleine Kruzifixe Neben großen, oft berühmten Kruzifixen in Kirchen und im Freien gibt es auch deutlich kleinere Kruzifixe für verschiedene Einsatzzwecke – insbesondere in einem katholischen Umfeld: In öffentlichen und privaten Kapellen Als auf dem Altar als Altarkreuz Zur privaten Andacht z. B. im Herrgottswinkel oder am Wohnungseingang oft kombiniert mit einer Weihwasserschale Als mobil einsetzbares Kreuz, z. B. als Sterbekreuz in einer Versehgarnitur Als Grabkreuz
Sonderformen Ikonographische Sonderformen sind das Scheibenkreuz, das Gabelkreuz, das Baumkreuz, der bekleidete Christus am Kreuz (Volto Santo und Sankt Hulpe), das Arma-Christi-Kreuz mit den Leidenswerkzeugen oder das Fünfwundenkreuz mit den Kreuzeswunden Christi. Triumphkreuze sind oft von Maria (Mutter Jesu) und Johannes begleitet, spätmittelalterliche Kreuzigungsgruppen stellen dem Kruzifix meist die beiden Schächer zur Seite. Um 1340 in Deutschland erstmals belegt sind Kreuze, von denen die Christusfigur abgenommen werden konnte, um sie am Karfreitag möglichst realistisch in ein symbolisches Grab legen zu können. Diese Figuren verfügten über schwenkbare Arme mit hölzernen Gelenken. Dieserart bewegliche Christusfiguren der Zeit um 1500 sind heute noch in der Schneidhainer Kirche St. Johannes der Täufer und in der Laurentiuskirche in Neckarweihingen zu sehen.Monumente Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, Hrsg. Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Ausgabe 2/2017, S. 32–33.
Museen In zahlreichen kunst- und kulturgeschichtlichen Museen werden Kreuze heute als kunsthistorische oder religionswissenschaftliche Objekte gezeigt. Mit über 1.200 Kreuzen, Kruzifixen und anderen Passionsdarstellungen (Stand: 2024) vom 5. Jahrhundert bis zur Gegenwart besitzt das Museum Abtei Liesborn im Kreis Warendorf eine der umfangreichsten, öffentlich zugänglichen Sammlungen in EuropaHomepage des Museums: https://www.museum-abtei-liesborn.de/sammlungen/aus-den-sammlungen/das-kruzifix-vom-mittelalter-bis-zur-gegenwart. Die Entwicklung dieses Darstellungstypus lässt sich dort über sämtliche kunstgeschichtlichen Epochen und zahlreiche Regionen hinweg abbilden. Das Stadtmuseum Kaufbeuren besitzt mit mehr als 300 Kreuzen die größte Sammlung in SüddeutschlandHomepage des Museums: https://stadtmuseum-kaufbeuren.de/de/museum. Das Freilichtmuseum Roscheider Hof besitzt um 150 Kruzifixe for allem aus der Zeit des Historismus.
Kontroverse über Kruzifixe in öffentlichen Einrichtungen mini|Demonstration gegen das Karlsruher Kruzifix-Urteil 1995 in München Die Frage, ob in einem Staat in öffentlichen Einrichtungen Kruzifixe aufgestellt bzw. angebracht werden dürfen, ist umstritten. Die Frage spitzt sich im Hinblick auf Örtlichkeiten zu, die „Kruzifix-Gegner“ bzw. deren Kinder aufsuchen müssen, also etwa Gerichtssäle oder Räume in Kindergärten oder Schulen, die nicht kirchliche Einrichtungen sind.
Befürworter der Haltung, dass Kruzifixe auf Verlangen an solchen Orten abgenommen werden müssen, argumentieren mit dem Prinzip der Trennung von Staat und Kirche und dem religiösen Pluralismus in der Gesellschaft. Ihr Recht auf „negative Religionsfreiheit“ gebiete es, dass sie oder ihre Kinder nicht gegen ihren Willen mit Symbolen einer Religion, mit der sie nichts zu tun haben wollen, konfrontiert würden. Entsprechend müssten Kruzifixe an Orten, an denen sie sich aufhalten, entfernt werden.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte hierzu am 18. März 2011 in einem Urteil über die Zulässigkeit von Kruzifixen in Klassenzimmern fest:
Die Organe der europäischen Staaten entscheiden also entsprechend ihren nationalen Traditionen, ob sie Kruzifixe in Klassenzimmern vorschreiben, erlauben oder verbieten. Gegen das Urteil des EGfM können keine Rechtsmittel eingelegt werden. Es ist bindend für alle 47 Mitgliedstaaten.Oliver Trenkamp: Gericht lässt Kruzifixe an Schulen wieder zu. Spiegel Online, 18. März 2011, abgerufen am 7. Juli 2017.
Der katholische Theologe Karl Rahner sah es mit Hinblick auf die Frömmigkeit als entbehrlich an, „daß in jeder Fabrikhalle ein Kreuz aufgehängt werde“. Für Rahner unterlag Frömmigkeit immer auch einem gesellschaftlichen Wandel, und neben sinnvollen Traditionen musste sie gleichwohl jeweils auf neue Art zum Ausdruck gebracht werden.Karl Rahner: Frömmigkeit früher und heute, in: Schriften zur Theologie, 1966, Band 7, Seite 18.
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