mini|In herkömmlichen Kreislauftheorien der Volkswirtschaftslehre (VWL) werden weder die Geldschöpfungsmöglichkeiten der Geschäftsbanken noch die der Zentralbank berücksichtigt. Der Wirtschaftskreislauf () bezieht sich in der Volkswirtschaftslehre in Form eines Modells auf den Umlaufprozess von Gütern oder Dienstleistungen (Güterkreislauf) und korrespondierenden Zahlungsmitteln (Geldkreislauf) im Wirtschaftsprozess.
Allgemeines Realwirtschaft (Güterkreislauf) und die korrespondierende Finanzwirtschaft (Geldkreislauf) stellen in einer Volkswirtschaft keine zwei voneinander getrennte Sektoren dar, sondern sind in vielfacher Weise durch komplementäre Interdependenzen miteinander verknüpft.Armin Günther, Complementor Relationship Management, 2015, S. 146 Wichtigste Transaktion ist in der Wirtschaft der Kauf, bei dem die erworbenen Güter oder Dienstleistungen durch Geld bezahlt werden. Auf diese Weise berühren alle Transaktionsarten den Güterkreislauf und Geldkreislauf oder einen von beiden. Aus der Perspektive der ökonomischen Transaktion ist der Wirtschaftskreislauf die Gesamtheit aller ökonomischen Transaktionen, bei denen Wirtschaftsobjekte mit oder ohne Gegenleistung von einem Wirtschaftssubjekt auf ein anderes übergehen.
Das Kreislaufmodell enthält Strömungsgrößen, die zwischen den Wirtschaftssubjekten zirkulieren. Dazu gehören die Güterströme und die hiermit – aber nicht immer – korrespondierenden Zahlungsströme. Sie verbinden die aus den Wirtschaftssubjekten bestehenden Pole.Heinz-Dieter Hardes/Alexandra Uhly, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 2007, S. 265
Beim Wirtschaftskreislauf kommt es im Hinblick auf den Sektor „Ausland“ nicht auf die Staatsangehörigkeit von Wirtschaftssubjekten an, sondern auf den Schwerpunkt ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten. Ein in Deutschland ansässiger ausländischer Arbeitnehmer gilt danach als Inländer, analog auch ein in Deutschland ansässiges Unternehmen, selbst wenn es eine Tochtergesellschaft einer ausländischen Muttergesellschaft ist.Wolfgang Cezanne, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, 2005, S. 257 Die Transaktionen beider werden deshalb im inländischen Wirtschaftskreislauf berücksichtigt.
Geschichte Richard Cantillon stellte bereits in seinem um 1730 verfassten und 1755 publizierten Buch kreislauftheoretische Überlegungen in Bezug auf die Verteilung des in einer Periode anfallenden Bodenertrags an.Richard Cantillon, Essai sur la nature du commerce en général, 1755, S. 157 Er befasste sich als erster mit der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, denn je kürzer die Zeiträume, für welche die Landpacht gezahlt wird, umso rascher zirkuliert das Geld im Kreislauf. Im selben Jahr 1755 präsentierte Johann Heinrich Gottlob von Justi sein Modell des Kreislaufs der Staatseinnahmen und Staatsausgaben analog zur Blutzirkulation.Johann Heinrich Gottlob von Justi, Staatswirtschaft oder systematische Abhandlung aller ökonomischen und Cameralwissenschaft, 1755, S. 45 ff. Er begriff die Produktion, Zirkulation, Distribution und Konsumtion von Gütern als einen geschlossenen Mechanismus und entwickelte erste Kreislaufmodelle sowie hieraus die Grundzüge des Akzelerator- und Multiplikatorprinzips.
Der Arzt und Ökonom François Quesnay übertrug 1758 die Vorgänge beim BlutkreislaufWilliam Harvey beschrieb den Blutkreislauf erstmals 1628 auf den Wirtschaftskreislauf. Er teilte die Gesellschaft in drei Klassen ein, die Pächter und Landwirte („produktive Klasse“; ), Handwerker, Gewerbe, Adel und Kirche („Klasse, die keine Werte schafft“; ) und die Grundeigentümer und Großgrundbesitzer (). In seinem erstmals 1758 publizierten Tableau économique stellte Quesnay den Wirtschaftskreislauf in einem Zick-zack-Schema () dar.François Quesnay, Tableau économique, 158, S. 397 ff. Dieses Schema zeigte die Transaktionen zwischen den drei von ihm unterschiedenen Klassen, so dass im Ergebnis ein geschlossener Kreislauf entstand, der sich Jahr für Jahr wiederholt und damit einen stationären Zustand beschrieb. 1766 gestaltete er die Ursprungsfassung mit dem Zick-zack-Schema in eine dem Flussdiagramm nahekommende Darstellung um.
Karl Marx befasste sich 1867 mit dem Kreislauf des Kapitals, um die Frage nach der Reproduktion des Kapitals zu klären. Hierbei verdichtete er den Kapitalkreislauf zu der FormelKarl Marx, Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie, 1867, o. S. . Sie sagt aus, dass ein Geldvorschuss (Kredit) eine Ware durch Handel oder Produktion hervorbringt, woraus ein Geldrückfluss () resultiert und dabei vorausgesetzt wird, dass ist.
John Rogers Commons unterschied 1931 eine physische Tauschebene und eine Transaktionsebene. Eine Weiterentwicklung erfuhr die Kreislaufanalyse durch die Arbeiten von John Maynard Keynes. Den Anstoß für seine Überlegungen bildete die Massenarbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Keynes führte neben dem bisherigen Güterkreislauf der Klassiker im Jahre 1932 auch den Geldkreislauf ein,John Maynard Keynes, Vom Gelde, 1932, S. 105 und S. 401–415 denn für die Klassiker wie Quesnay spielte Geld keine eigenständige Rolle bei der gesamtwirtschaftlichen Produktionswirtschaft (Geldschleier).Michael Frenkel/Klaus Dieter John/Ralf Fendel, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2016, S. 20 Die Grundlage für den Geldkreislauf bildet Keynes zufolge die Geldnachfrage.John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 54 ff., 68 ff., 205 ff. Sein Kreislaufschema geht von der Ersparnis aus, die den Güterkreislauf durch Investitionsausgaben und Konsumausgaben in Gang setzt. Zinssatz und Volkseinkommen bilden die Schnittstelle zum Geldkreislauf, der aus einer spekulativen und einer transaktiven Geldnachfrage besteht, die letztlich zum Geldangebot aggregiert werden.Guenter Hobbensiefken/Bodo Gebhardt, Ökologieorientierte Volkswirtschaftslehre, 1991, S. 63 Veränderungen im Geldkreislauf haben Keynes zufolge Einfluss auf den Güterkreislauf.
Auf dieser Basis schuf Richard Stone ab 1945 für die UN und die OECD die Grundlage der heute international verwendeten Systeme.
Arten Unterschieden wird zwischen dem einfachen, erweiterten, vollständigen und dem Wirtschaftskreislauf einer offenen Volkswirtschaft.
Einfacher Wirtschaftskreislauf mini|Der einfache Wirtschaftskreislauf zwischen Haushalt und Unternehmen
Dieses Modell beschränkt sich auf die Beziehungen zwischen den Sektoren Konsumenten und Produzenten. Der Wirtschaftskreislauf stellt die wesentlichen Geldströme und Güterströme zwischen beiden dar. Einflüsse von Staat, Kreditinstituten, Kapitalsammelstellen sowie des Auslands werden dabei nicht betrachtet.
Der Geldstrom besteht aus dem Einkommen und Konsumausgaben der Haushalte sowie den Einnahmen und Ausgaben der Unternehmer. Im Güterstrom fließen Wirtschaftsgüter (Waren und Dienstleistungen) von den Unternehmen zu den Konsumenten und die Produktionsfaktoren (Arbeit, Boden, Kapital) von den privaten Haushalten zu den Unternehmen.
Bei dieser Betrachtungsweise stellen die Haushalte den Unternehmen die Produktionsfaktoren, insbesondere den Faktor Arbeit, zur Verfügung und produzieren keine Güter. Dafür erhalten die Haushalte von den Unternehmen Einkommen (Lohn, Zins, Grundrente). Da es sich hierbei um Entgelte für die Produktionsfaktoren (Lohn, Zinsen, Miete, Pacht) handelt, bezeichnet man sie als Faktoreinkommen.
Die Einkommen fließen für Käufe von Konsumgütern von den Haushalten teilweise an die Unternehmen zurück. Die Unternehmen liefern ihrerseits Konsumgüter an die Haushalte. Zwischen Haushalten und Unternehmen fließen also zwei Güterströme (Produktionsfaktoren, Konsumgüter) und jeweils gegenläufig zwei Geldströme (Einkommen, Ausgaben für Konsumgüter). Somit ist der Kreislauf geschlossen, statisch (nicht wachsend).
Erweiterter Wirtschaftskreislauf (einschließlich Kreditvergabe) Der erweiterte Wirtschaftskreislauf schließt die Möglichkeit ein, dass Haushalte nicht ihr gesamtes Einkommen konsumieren, sondern auch einen Teil davon sparen. Darunter ist jede Form von Vermögensbildung bzw. Vermögensverwaltung zu verstehen, z. B. auch Rücklagen in den Unternehmensbilanzen. Aus der Ersparnis fließen (scheinbar automatisch) ebenfalls Einkommen, nämlich Zinserträge. Zinserträge bedeuten einen Einnahmeüberschuss, der jedoch von einer Komplementärgruppe mittels Ausgabenüberschuss finanziert werden muss.
mini|Zu Schöpfung, Vernichtung von Giralgeld (sowie zu keiner Veränderung der Giralgeldmenge im Fall von WirtschaftskrisenVgl. Wilhelm Lautenbach: Kapitalbildung und Kapitalverwendung, Berlin 1932: „[…] dass aber die gewünschte Belebung der Wirtschaft ausgeblieben ist. […] die unerhörten Anstrengungen und Vorkehrungen das Kreditangebot zu verbilligen und zu vermehren, waren ein Schlag ins Wasser, weil der Kreditnehmer ausblieb, auf den man gerechnet hatte. Es wurde nicht neuer, zusätzlicher Produktionskredit in Anspruch genommen, sondern nahezu ausschließlich Kredit zur Umschuldung, namentlich für Farmer, Eisenbahngesellschaften und illiquide Banken.“Vgl. Hans Gestrich: Neue Kreditpolitik, Stuttgart und Berlin 1936, S. 40: „Besteht eine starke eingefrorene Verschuldung der wirtschaftlichen Unternehmungen, so werden die neu entstehenden Girogelder in der ersten Periode einer Kreditausweitung zunächst von den Empfängern zum Abbau ihrer Schulden benutzt.“Vgl. Heinrich Rittershausen: Bankpolitik. Frankfurt 1956. S. 32.Vgl. Bilanzrezession., allgemein bei Zahlungen von Debitoren an Debitoren).Frank Decker, Charles A.E. Goodhart (2021): Wilhelm Lautenbach’s credit mechanics – a precursor to the current money supply debate, Taylor & Francis, p. 8, DOI: 10.1080/09672567.2021.1963796. In klassischen Lehren (orthodoxe Kredittheorie) wird häufig dargestellt, dass von Kreditinstituten verwaltete Sparguthaben an Wirtschaftssubjekte in Form von Krediten verliehen würden (Theorie des klassischen Kapitalmarkts). Das ist tatsächlich so aber nicht der Fall.Hans Gestrich, Kredit und Sparen, Jena, 1944, (1. Auflage), S. 73. Kreditvergabe benötigt in der Bankbilanz zunächst keine Gegenposition in Form von Spareinlagen. Buchgeld wird per Kreditvergabe geschaffenDeutsche Bundesbank, 2012: (PDF) S. 72. (Giralgeldschöpfung) und per Tilgung vernichtet (die Bilanz verkürzt) – aus der Mechanik der Kreditgewährung werden dem privaten (wie auch teilweise dem öffentlichen) Sektor Kreditgeld für Investitionen und/oder Konsumausgaben vorübergehend (gegen Geldverbindlichkeiten) zur Verfügung gestellt.
mini|hochkant=1.6|„Netto-Geldsparen“ aus Ausgabenverzicht und Finanzierungslücke In einer Volkswirtschaft muss (nicht nachfragendes) Geldsparen mittels Ausgabeüberschüssen, also mittels gesamtsektoraler Nettokreditaufnahme kompensiert werden: Werden z. B. nicht ausreichend neue Kredite nachgefragt (oder sogar mehr Kreditvolumen getilgt als neu vergeben), stehen der Konjunktur eben nicht weiter ausreichend Geldmittel (sinkende Nachfrage) zur Verfügung (bei sonst gleichen Bedingungen), da das Geld für Kredittilgung (exkl. Verzinsung) nicht wieder zurück in den Kreislauf fließt.
Können also geplante Investitionen mangels Bankkrediten nicht finanziert werden, sinkt die Wirtschaftstätigkeit,Deutsche Bundesbank, 2012: (PDF) S. 101. die Unternehmen reduzieren ihre Ausgaben und verringern damit auch die Höhe der Einnahmen innerhalb der Ökonomie.