Atlantic Records entwickelte sich nach Gründung im Jahr 1947 zum größten Independent-Label der USA, spezialisiert auf Jazz- und insbesondere Rhythm-and-Blues-, Doo-Wop- und Soul-Aufnahmen. Es war stilprägend und einflussreich auch für die Entwicklung des Rhythm & Blues und Soul. Heute ist das Label eine Tochtergesellschaft der Warner Music Group.

Gründung Ahmet und Nesuhi Ertegün, Söhne des türkischen Botschafters in den USA, besaßen als Jugendliche eine ansehnliche Plattensammlung von etwa 15.000 Jazz- und Bluesplatten.Charlie Gillett: Making Tracks: The Story of Atlantic Records. 1988, S. 20 Zusammen mit Produzent Herb Abramson und vom Zahnarzt Vahdi Sabit geliehenen US $ 10.000 wurde im September 1947 Atlantic Records gegründet und im Oktober 1947 im Handelsregister in New York City eingetragen. Ein geplanter landesweiter Streik in Aufnahmestudios, initiiert von Caesar Petrillo ab 1. Januar 1948, zwang die Gründer zum schnellen Handeln. Erste Aufnahmesession war die vom 21. November 1947 mit dem Quartett Harlemaires, die The Rose of the Rio Grande (Atlantic #856) und drei weitere Titel einspielten (veröffentlicht erst im Juni 1948). Bis Ende Dezember 1947 waren bereits 65 Songs aufgenommen. Als Abramson im Jahr 1953 in die Armee eingezogen wurde, kam Jerry Wexler als Mitgesellschafter hinzu, der für einen 13-%-Anteil US $ 2.000 Eigenkapital mitbrachte. Abramson kehrte im Juli 1955 vom Militär zurück und übernahm die Leitung des neu gegründeten Tochterlabels Atco (ATlantic COmpany), das die Aktivitäten der seit September 1955 an Atlantic vertraglich gebundenen Produzenten/Komponisten Leiber/Stoller bündeln sollte. Abramson verließ jedoch im Dezember 1958 das bereits etablierte Label mit einem auf US $ 300.000 gestiegenen Kapitalanteil.Billboard-Magazin vom 15. Dezember 1958, Seiten 2 und 85 ()

Personal mini|Ahmet (links) und Nesuhi Ertegün in den 1940er JahrenFoto: William P. Gottlieb

Bereits kurz nach Gründung gelang es, die wichtigen Positionen eines Plattenlabels mit entwicklungsfähigen Leuten zu besetzen. Neben den Gründern konnten Jerry WexlerAls Autor des Musikmagazins Billboard prägte er 1949 den Ausdruck Rhythm & Blues anstelle von „Race music“, die Charts heißen seit dem 25. Juni 1949 offiziell Rhythm & Blues-Charts; Joel Whitburn: Top R&B Singles 1942–1988. 1988, S. 11 ab 1953 (erste Produktion war die Ray Charles-Session am 18. November 1954 mit I Got A Woman) und ab 1963 Arif Mardin (bis Mai 2001) als Musikproduzenten gewonnen werden, Jesse Stone kümmerte sich um die Akquisition von Interpreten und Musikarrangements, angestellte oder assoziierte Komponisten wie Leiber/Stoller kreierten das Repertoire des Labels, Tom Dowd begann als Toningenieur in labeleigenen Tonstudios, und eine Sessionband aus hervorragenden IndividualistenZum Kern der Studioband gehörten Sam „The Man“ Taylor oder King Curtis (Tenorsaxophon), Wilbur De Paris (Posaune), Henry van Walls oder Jesse Stone (Piano), Jimmy Oliver oder Mickey Baker (Gitarre), Lloyd Trotman (Bass) und Conny Kay oder Panama Francis (Schlagzeug) sorgte für einen homogenen Sound. Diese personelle Konfiguration war innerhalb kurzer Zeit imstande, zielsicher Talente für das Repertoire des Labels zu entdecken und entwickeln. 1955 kam Nesuhi Ertegün zu Atlantic Records und produzierte Jazz-Interpreten wie John Coltrane, Charles Mingus, Ornette Coleman und das Modern Jazz Quartet. Erste wichtige Künstler im Rhythm & Blues waren Ruth Brown, Ray Charles, Joe Turner, die Clovers und Drifters. Erster Hit war Drinkin' Wine Spo-Dee-O-Dee von Stick McGhee. 1958 gehörte Atlantic zu den ersten Labels, die mit Stereo-Aufnahmen begannen und Achtspur-Tontechnik einsetzten.Jim Cogan, William Clark: Temples of Sound. 2003, S. 168

Erste Platten und erste Erfolge mini|Eddie Condon – Time Carries On, eine der frühen Atlantic Records-Platten, aufgenommen am 25. Mai 1949 mini|Stick McGee – Drinkin' Wine Spo-dee-o-dee

Als erste Platte vom Atlantic Records-Katalog wurde unter Atlantic #111 die am 23. August 1949 aufgenommene Square Dance Party Part I von Burt Hilber ohne Hitparadenresonanz veröffentlicht. Erste Notiz für Atlantic Records mit einem Rang 12 in der Rhythm-&-Blues-Hitparade war Midnight Special von Tiny Grimes (#Atlantic 865), aufgenommen am 1. August 1948 und veröffentlicht im Oktober 1948. Für den 14. Februar 1949 war mit Stick McGhee eine Aufnahmesession terminiert, aus der Drinkin‘ Wine Spoo-dee-o-dee (#873) hervorging. Der Titel erreichte nach Veröffentlichung im März 1949 mit einem Rang zwei der R&B-Charts die vorerst beste Platzierung für das junge Plattenlabel und verkaufte etwa 400.000 Exemplare.Dorothy Wade, Justin Picardie: Music Man: Ahmet Ertegun, Atlantic Records and the Triumph of Rock'n'Roll. 1990, S. 35. Kurz danach wurde vom Tenorsaxophonisten Frank Culley der am 17. Oktober 1949 eingespielte Song Cole Slaw (#874) auf den Markt gebracht und schaffte einen Rang 11 der R&B-Charts. Erster Nummer-eins-Hit wurde das im September 1950 veröffentlichte Teardrops from My Eyes von Ruth Brown, das für elf Wochen auf dem ersten Rang verharrte.

Ruth Brown war die erste Atlantic-Interpretin, deren Platten häufig die R&B-Charts frequentierten. Das gelang auch mit den Clovers, deren erste Single Don’t You Know I Love You (#934) am 22. Februar 1951 entstand und nach Veröffentlichung im April 1951 bis auf Rang eins der Charts vordringen konnte. Der Titel wurde übrigens – wie viele Songs der Frühzeit – vom Labelchef Ertegün (rückwärts als Nugetre registriert) geschrieben. Erfolgreichster Titel der Vokalgruppe war das darauffolgende Fool, Fool, Fool wiederum aus der Feder des Labelinhabers, das nach Veröffentlichung im August 1951 gar für sechs Wochen den ersten Rang belegte. Auf den ersten Millionenseller musste Atlantic Records nicht länger warten – allerdings für ausschließlich auf dem R&B-Sektor tätige Plattenfirmen ein ungewöhnlicher Umstand. Komponiert wiederum vom Labelchef zusammen mit Henry van Walls, entstand mit Big Joe Turner am 19. April 1951 der Titel Chains of Love, der im Mai 1951 auf den Markt kam, einen zweiten Rang der R&B-Charts belegte und einen Umsatz von einer Million Exemplaren erbrachte.Joseph Murrells: Million Selling Records. 1985, S. 70.

Die 1950er Jahre Auch Ruth Brown erzielte Millionenseller-Status, und zwar mit dem im März 1952 erschienenen Titel 5-10-15 Hours.Joseph Murrells: Million Selling Records. 1985, S. 72. Bereits 1954 wurden sieben Atlantic-Originale, darunter Sh-Boom, Honey Love und Such A Night von 18 anderen Interpreten gecovert. Dazu trugen auch die Drifters bei, deren erster Leadsänger am 6. Mai 1953 noch mit den Dominoes im berühmten Birdland auftrat. Hier wurde er von Ertegün entdeckt und scharte mit David „Little Dave“ Baughan (Tenor), William „Chick“ Anderson (Tenor), David Baldwin (Bariton) und James „Wrinkle“ Johnson (Bass) die erste Formation der Vokalgruppe um sich. Nach intensiven Proben betraten die Drifters erstmals am 29. Juni 1953 das Tonstudio. Die vier entstandenen Aufnahmen verdeutlichten dem Produzenten, dass eine neue Gruppe zusammengestellt werden musste. Zum Aufnahmedatum 9. August 1953 erschienen dann neben dem Leadtenor McPhatter noch Bill Pinkney (Tenor), Andrew „Bubba“ Thrasher (Zweiter Tenor), Bruder Gerhart „Gay“ Thrasher (Bariton) und Willie Ferbie (Bass). Fünf Titel waren das Ergebnis, von denen Money Honey im September 1953 veröffentlicht wurde, für elf Wochen die R&B-Hitparade anführte und zwei Millionen Exemplare verkaufte.Joseph Murrells: Million Selling Records. 1985, S. 78.Bill Millar: The Drifters. The Rise And The Fall Of The Black Vocal Group. Studio Vista, London 1971, S. 111. Alleine im Jahre 1954 folgten drei weitere Top-Ten-Hits in den R&B-Charts mit Lucille, Such A Night und Honey Love, das Platz 1 erreichte. Die Drifters waren es auch, die sich im Vorweihnachtsgeschäft des Jahres 1955 mit der Cover-Version des Bing-Crosby-Titels White Christmas erstmals in den Billboard-Hot-100-Charts platzieren konnten, die Platte erreichte Platz 3 der R&B-Charts. Der Titel kam auch 1960 und 1962 erneut kurz vor Weihnachten auf untere Plätze in den Billboard-Hot-100-Charts.Joel Whitburn: Top Pop Singles 1955–1993. Record Research Inc., Monomonee Falls / Wisconsin 1994, S. 181. Der Sound war gefunden, denn die Drifters lieferten bis Ende 1959 insgesamt 14 Top-10-Hits, darunter vier Tophits in den R&B-Charts, ab.

mini|Clovers – Don’t You Know I Love You

Mit 19 Top-10-Hits übertrafen die Clovers diese Erfolgsquote der Drifters, obwohl sie bereits im Juni 1956 Atlantic Records verließen. Die Clovers, die seit Mitte Februar 1951 bei Atlantic Records unter Vertrag standen,Datumsangabe nach: Lynn Ellis McCutcheon: Rhythm And Blues. An Experience And Adventure In Its Origin And Development. Arlington / Virginia: R. W. Beatty Ltd., 1971, S. 99. waren eine typische Doo-Wop-Gruppe, die ab 1950 mit Titeln wie Don't You Know I Love You, One Mint Julep und Devil Or Angel für eine Serie von R&B-Hits sorgte. Sie hoben sich jedoch klar ab gegenüber den eher süßlich klingenden R&B-Grupen wie den Ink Spots oder den Mills Brothers, waren geprägt von einem laut im Vordergrund singenden Leadsänger und einem nur rhythmisch orientierten Background-Trio. Das später für Atlantic-Aufnahmen so typische Tenorsaxophon ist bereits Teil ihres Sounds, aber noch nicht so kreischend und sich in den Vordergrund drängend wie später bei King Curtis.Zu den Doo Wop Gruppen in New York vgl. Philip Groia: They All Sang At The Corner. New York City’s Rhythm And Blues Vocal Groups Of The 1950’s. Edmond Pub. Co., Setauket / New York 1974.

20 Top-10-Hits in den R&B-Charts konnte Ruth Brown verbuchen, darunter der im September 1950 produzierte größte Hit Teardrops From My Eyes, der elf Wochen den ersten Rang blockierte. Als „Big“ Joe Turner im April 1951 zu Atlantic wechselte, brachte gleich die erste Session am 19. April 1951 den Hit Chains of Love hervor, der nach Veröffentlichung im Mai 1951 für vier Wochen an Rang zwei notierte. Sein größter Hit wurde Honey Hush, entstanden am 12. Mai 1953 mit Fats Domino am Klavier, gefolgt von dem Original Shake, Rattle and Roll, die jeweils den ersten Rang der R&B-Charts erreichten. Turner steuerte 17 Top-10-Hits zu der Erfolgsstatistik des Atlantic-Labels bei.

Als Ray Charles im September 1952 zu Atlantic kam, konnte er bereits drei Top-10-Hits für zwei andere Plattenlabels vorweisen. Atlantic hatte ihn für 5.000 $ aus seinem Vertrag bei Swing Time Records herausgekauft.Adam White: Billboard Interview With Ahmet Ertegun. In: Beilage Fifty Years of Atlantic Records zu Billboard, Ausgabe vom 17. Januar 1998, S. A-12. In seiner ersten Session am 11. September 1952 entstand auch seine erste Atlantic-Single The Midnight Hour (#976), die jedoch keine Chartnotiz erbrachte. Es dauerte bis zum 17. Mai 1953, als aus 7 Titeln dieser Session It Should Have Been Me ausgewählt wurde und den fünften Rang der R&B-Charts schaffte. Mit seiner insgesamt sechsten Single I’ve Got A Woman, entstanden am 18. November 1954 in Atlanta, gelang ihm seine erste Nummer eins. Das erreichte er noch drei Mal, wobei die am 27. Juni 1959 veröffentlichte What’d I Say zu seinem größten Hit bei Atlantic Records avancierte. Nach insgesamt 28 Singles, von denen 13 die Top 10 der R&B-Charts erreichten, wechselte Ray Charles am 1. November 1959 zu ABC-Paramount. Am 15. März 1954 produzierte Wexler mit den Chords Sh-Boom und löste mit dem Hit auf dem im April 1954 gegründeten Tochterlabel Cat Records ein weißes Cover der Crew Cuts aus, Vorbild für viele nachfolgende Coverversionen weißer Interpreten von ursprünglichen Rhythm-&-Blues-Titeln. „Sh-Boom“ war der Katalysator für die Popularisierung des Rhythm & Blues und erreichte Rang zwei der R&B-Charts, der erste Platz war durch Honey Love von den Drifters blockiert. Mit Rang fünf der Popcharts waren die Chords zugleich die erste R&B-Gruppe mit einem Top-10-Hit in den Popcharts.