Die Geschichte der Stadt Gera reicht mit ersten menschlichen Besiedlungen bis in die Altsteinzeit zurück. Erstmals im 10. Jahrhundert als Landschaftsname urkundlich erwähnt, entstand die Stadt Gera Anfang des 13. Jahrhunderts als Kolonialstadt. Vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert ist die Geschichte der Stadt aufs engste mit jener des Hauses Reuß, insbesondere mit der von Herrschaft und Linie Reuß-Gera, verbunden.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Gera zur Industriestadt, in der die Textilproduktion dominierend war. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt durch Bombenangriffe schwer beschädigt. Von 1952 bis 1990 war sie Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks der DDR. Seit 1990 ist Gera kreisfreie Stadt im Land Thüringen.
Etymologie Der Name Gera stammt von dem frühgermanischen ger-aha, was wahrscheinlich „gurgelndes Gewässer“ oder „gurgelnder Fluss“ bedeutet. Früher versuchte man, die Silbe ger als „Keil“ oder „Speer“ zu deuten. Demzufolge hätte der Name „Keilförmiger Landstrich an einem Fluss“ bedeutet.
Ursprünglich bezeichnete der Name Gera nur einen Landstrich, erst im 12. Jahrhundert entstand in dessen Zentrum eine Siedlung gleichen Namens.
Frühgeschichte
Das Stadtgebiet Geras ist seit der Altsteinzeit besiedelt. In der Lindenthaler Hyänenhöhle wurden im 19. Jahrhundert bedeutende prähistorische Funde gemacht. Das älteste Relikt menschlicher Besiedlung im Stadtgebiet ist ein ca. 80.000 Jahre alter Faustkeil, gefunden bei Gera-Pforten.
Um Christi Geburt ist Gera ein Zentrum der Eisenverhüttung. Davon zeugen die Eisenöfen, die in den 1920er- und 1930er-Jahren bei Gera-Tinz entdeckt wurden und sich heute im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar befinden.
Im 6. Jahrhundert verlassen die germanischen Hermunduren im Zuge der Völkerwanderung Ostthüringen, ab dem 8. Jahrhundert ist eine slawische Besiedlung nachweisbar.
Mittelalter
Erste Erwähnungen und Beginn der quedlinburgischen Stiftsherrschaft
Am 31. März 995 schenkte Kaiser Otto III. dem Bischof von Zeitz das Gebiet Crossen an der Elster (nördlich von Gera), in der Grenzbeschreibung wurde der Name Gera erstmals erwähnt. Am 26. April 999 schenkte Otto III. dann das Gebiet Gera seiner Schwester Adelheid, der Äbtissin des Stiftes Quedlinburg. Danach fand der Name über ein Jahrhundert lang keine Erwähnung mehr. Erst 1125 tauchte ein Luph von Gera und 1148 ein Sibert von Gehra namentlich in Urkunden auf, und 1121 und 1146 wurden zahlreiche Dörfer im Norden des heutigen Stadtgebietes urkundlich ersterwähnt, die sich damals im Besitz der Naumburger Bischöfe befanden.
Die Vögte von Weida und die Entstehung der Stadt 1209 wurden die Vögte von Weida vom Quedlinburger Stift mit der Kontrolle über das Gebiet Gera betraut. Aus ihnen gingen die Grafen und Fürsten von Reuß hervor, die die Geschichte der Stadt über sieben Jahrhunderte bestimmen sollten. Das quedlinburgische Herrschaftsgebiet Gera umfasste einen rechts der Weißen Elster gelegenen Teil des alten sorbischen Geragaues und wurde vermutlich im Norden von der Brahme und im Süden vom Zaufensgraben begrenzt.
Wann genau Gera Stadtrecht erhielt, ist nicht bekannt. In einer Urkunde vom 25. Oktober 1237 ist erstmals von den „Bürgern der Stadt Gera“ (cives oppidi de Gera) die Rede. Da in einer Urkunde der Äbtissin Agnes II. von ca. 1200 noch vom „Dorf Gera“ (villa) gesprochen wird, erfolgte die Stadtgründung wahrscheinlich im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts. 1237 wird daher oft ungenau als das Jahr der Stadtrechtsverleihung gesehen, obwohl es eigentlich nur das Jahr der ersten Nennung als Stadt darstellt.
Die hochmittelalterliche Kolonialstadt mini|Überrest der früheren Stadtmauer Über die ersten Jahrhunderte der Stadt weiß man nicht viel. Sie wurde vermutlich um 1150 als Kaufmannssiedlung in der Nähe einer Stadtburg und des slawischen Dorfes Zschochern am Flussübergang der Handelsstraße von Leipzig nach Nürnberg angelegt. Bereits seit 1234 ist in Gera eine Kirche nachgewiesen. 1254 soll späteren Quellen zufolge das erste Rathaus errichtet worden sein, die Stadtmauer vermutlich im 14. Jahrhundert. Die mittelalterliche Stadt umfasste – von fünf Stadttoren durchbrochen – ein Mauergeviert von etwa 350 Metern Seitenlänge. Dieser Mauerring wurde in der gesamten Zeit seines Bestehens niemals vergrößert, und bis ins Industriezeitalter wuchs die Stadt nur wenig. In der Südwestecke der ummauerten Stadt befand sich im Mittelalter die Stadtburg der Vögte.
Aus Vögten werden Herren: Geras Entwicklung im Spätmittelalter 1306 verkaufte die Äbtissin Bertradis von Quedlinburg ihre landesherrschaftlichen Rechte über Gera an den Vogt, obwohl sie weiterhin formell Landesherrin blieb, auch nachdem 1329 Kaiser Ludwig der Bayer den Vögten die königlichen Hoheitsrechte wie Blutbann, Heerbann und das Recht auf Steuererhebung verlieh. 1358 schließlich fielen Haus und Stadt Gera als Reichsafterlehen von Quedlinburg an die Markgrafen von Meißen. Ab etwa 1370 begannen sich die Vögte als „Herren von Gera“ zu bezeichnen.
Am 15. Oktober 1450 kam es zu einer starken Zerstörung Geras im Sächsischen Bruderkrieg, von der sich die Stadt jedoch relativ schnell erholte. Zu Bedeutung kam nun die Textilproduktion, die für die nächsten Jahrhunderte einen der wichtigsten Erwerbszweige darstellte. 1401 wurde „Gerisch Tuch“ zum ersten Mal in Naumburg und 1436 auf der Leipziger Messe gehandelt. In dieser Zeit wurden die Grundlagen für die Blüte der Stadt im 16. und 17. Jahrhundert gelegt.
Frühe Neuzeit Während des Deutschen Bauernkrieges bildeten sich 1525 bei Naulitz sowie auf dem Hungerberg bei Großaga und Reichenbach Bauernhaufen, es kam jedoch nicht zu Kampfhandlungen. 1533 wurde auf Betreiben der wettinischen Lehnsherren – gegen den Willen der Herren von Gera – in der Herrschaft Gera die Reformation eingeführt.
1546 (mit dem Schmalkaldischen Krieg) trat der Kurfürst von Sachsen und Markgraf von Meißen Gera an die böhmische Krone ab, der böhmische König hatte jedoch keinen Einfluss auf Gera. Dennoch bestand das Lehnsverhältnis formal bis 1806/07.
mini|Heinrich II. Reuß, genannt Posthumus Nach dem Aussterben der Geraer Herrenlinie 1550 fiel die Herrschaft Gera 1560/62 an die Linie der Reuß von Plauen zu Greiz, die das Schloss Osterstein zu ihrer Residenz ausbauten. Das Haus Reuß hatte mit Heinrich II. Posthumus (1572–1635) in dieser Zeit seinen bedeutendsten Vertreter. 1604 begründete Heinrich Posthumus für seine Herrschaften ein Konsistorium und eine Kanzlei mit Sitz in Gera. 1608 gründete er mit dem Gymnasium Rutheneum in der Stadt eine herrschaftliche Landesschule. Nicolaus de Smit (1541–1623), ein wegen seines protestantischen Glaubens geflohener niederländischer Tuchhändler, verbesserte um 1600 die in Gera angewandten Verfahren zur Tuchherstellung.
Der Dreißigjährige Krieg zog auch an Gera nicht spurlos vorüber – 1639 zerstörte ein von plündernden schwedischen Soldaten gelegtes Feuer die Stadt zu einem Drittel. 1673 wurden die Herren Reuß zu Gera in den Reichsgrafenstand erhoben.
1686 verbrannten zwei Drittel der Stadt bei einem durch Fahrlässigkeit verursachten Stadtbrand. Noch übertroffen wurde die Brandkatastrophe aber von dem Stadtbrand am 18. September 1780, bei dem praktisch die gesamte Altstadt in Schutt und Asche gelegt wurde.
1802 starb mit Heinrich XXX. die Grafenlinie Reuß-Gera aus. Von nun an wurde Gera von den drei Linien Reuß-Schleiz, Reuß-Ebersdorf und Reuß-Lobenstein gemeinsam verwaltet. Nach dem Aussterben der Lobensteiner (1824) und der Ebersdorfer Linie (1848) entsteht das Fürstentum Reuß jüngere Linie mit Gera als Residenzstadt.
Spätere Neuzeit mini|Blick auf Gera im 19. Jahrhundert Vom 11. bis 13. Oktober 1806 weilte Napoleon in Gera, er verließ es am Morgen des 13. Oktober in westlicher Richtung und siegte am nächsten Tag in der Schlacht bei Jena und Auerstedt.
Nach den Napoleonischen Kriegen setzte schnell die Industrialisierung ein. 1811 wurde die Spinnmaschine eingeführt, 1833 nahm die erste Dampfmaschine den Betrieb auf und 1836 folgte der erste mechanische Webstuhl. 1859 wurde die Eisenbahnstrecke nach Weißenfels eingeweiht. Der wichtigste Erwerbszweig in Gera blieb weiterhin die Textilproduktion. Ein seit 1737 existierender Musikinstrumentenbau spezialisierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Massenfabrikation von Drehorgeln, Mund- und Handharmonikas.
1892 erhielt Gera als zweite deutsche Stadt eine elektrische Straßenbahn. 1893 wurde in Gera der Deutsche Arbeiter-Turner-Bund gegründet. Mit Bieblach (1905) und Debschwitz (1912) wurden in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts auch die ersten umliegenden Vororte in die Stadt eingemeindet.
Weimarer Republik
Im Zuge der Novemberrevolution musste der letzte Fürst von Reuß jüngere Linie im Jahr 1918 abdanken, Gera wurde Hauptstadt des Volksstaats Reuß und war ab dem 1. Mai 1920 Teil des neu gegründeten Landes Thüringen. Von 1919 bis 1924 wurden aus finanziellen Gründen in kurzer Folge zahlreiche Gemeinden der Umgebung nach Gera eingemeindet.Notgesetz über die Eingemeindung mehrerer Landgemeinden in die Stadtgemeinde Gera des Freistaats Reuß jüngerer Linie vom 28. Dezember 1918 Die Bevölkerungszahl der Stadt stieg dadurch auf etwa 80.000 Einwohner.
Wie überall in Deutschland war die Zeit der Weimarer Republik auch in Gera von politischer Instabilität geprägt. Beim Kapp-Putsch kam es 1920 in der Stadt zu Unruhen, bei denen fünfzehn Menschen ums Leben kamen. 1922 wurde Gera eine kreisfreie Stadt. Aus dem ehemaligen reußischen Bezirksverband Gera und überwiegenden Teilen des weimarischen Verwaltungsbezirks Neustadt an der Orla sowie des altenburgischen Landratsamtsbezirk Ronneburg entstand der Landkreis Gera. 1925 sprach Adolf Hitler erstmals in Gera.
Nationalsozialismus
„Machtergreifung“ und politische Entwicklung
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 hatte auch in Gera Auswirkungen. Der bisherige Oberbürgermeister, Dr. Walter Arnold, wurde in den Ruhestand zwangsversetzt (er starb nur wenige Wochen später) und durch den Nationalsozialisten Walter Kießling ersetzt. Die Heimvolkshochschule in Gera-Tinz, eine Bildungsstätte der SPD, wurde geschlossen. Juden wurden bedroht und verfolgt. Im Novemberpogrom am 9. November 1938 wurden jüdische Geschäfte demoliert und Juden ins KZ gebracht. Die Synagoge und das jüdische Gemeindehaus wurden zerstört und das Inventar öffentlich verbrannt. In der Folgezeit konnten sich noch zahlreiche jüdische Verfolgte durch Emigration retten, viele andere wurden seit 1942 bei mehreren Reichsbahn-Transporten in die östlichen Vernichtungslager deportiert.
mini|Grab eines unbekannten Opfers der Todesmärsche von 1945, Friedhof Gera-Thieschitz
Zweiter Weltkrieg
Zwischen 1939 und 1945 mussten mehr als 3.000 Kriegsgefangene sowie Frauen und Männer aus den von Deutschland besetzten Ländern vor allem in der Rüstungsindustrie der Stadt Zwangsarbeit leisten. An die Toten erinnern die Ehrenmale u. a. auf dem Ostfriedhof und im Küchengarten.Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945, Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser Band 8 Thüringen, Erfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0. Gegen Ende des Krieges wurden auf dem Ostfriedhof ermordete jüdische Häftlinge eingeäschert. Diesen 446 Opfern des Nationalsozialismus wurde 1949 ein Gedenkstein errichtet.