mini|Claudia Cardinale (1984) Claudia Cardinale (* 15. April 1938 als Claude Joséphine Rose Cardinale in Tunis, Französisches Protektorat Tunesien; † 23. September 2025 in Nemours, Frankreich) war eine italienische Schauspielerin. Sie zählte zu den herausragenden Filmdiven Italiens und spielte Haupt- und Nebenrollen in internationalen Filmklassikern wie Achteinhalb (1963), Der Leopard (1963), Spiel mir das Lied vom Tod (1968) und Fitzcarraldo (1982).
Für ihr Lebenswerk als Darstellerin erhielt Claudia Cardinale diverse Auszeichnungen, darunter eine Reihe von Verdienstorden der Italienischen Republik sowie zahlreiche Filmpreise wie den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig (1993), den David di Donatello (1997), den Goldenen Ehrenbären (2002) und den Preis für das Lebenswerk des Locarno Film Festival (2011).
Leben und Karriere Familie und Sprachen Claudia Cardinales Eltern wurden als Nachfahren sizilianischer Auswanderer in Nordafrika geboren. Claude, so ihr ursprünglicher Name, hatte zwei Brüder und eine jüngere Schwester. Als ihre Muttersprache bezeichnete Cardinale das Französische; dies habe sie zu Hause in der Familie gesprochen.Emmanuelle Nobecourt u. a.: Claudia Cardinale, la créature du secret – Claudia Cardinale, die italienische Filmdiva, Dokumentarfilm, ARTE France, 2019, abgerufen am 27. September 2025. Die Unterrichtssprache am Lycée Paul Cambon, das sie in Tunis besuchte, war Französisch; Sizilianisch lernte sie, wie sie später oft erzählte, vor allem im Viertel ihrer Großmutter in La Goulette, wo viele Sizilianer lebten. Darüber hinaus sprach Cardinale ein wenig tunesisches Arabisch,Thé ou café, Antenne 2, 2005, abgerufen am 27. September 2025. lernte Spanisch und Englisch. Hochitalienisch lernte sie erst zu Beginn ihrer Filmkarriere.Filmstar Claudia Cardinale wird 80. Glückwunsch, Tigerin! In: Der Spiegel, abgerufen am 15. April 2018. In den Medien ihrer Wahlheimat Frankreich und der frankophonen Länder wird Cardinale oft beschrieben als „Tunisienne de cœur, Italienne de nationalité, Française de culture“ (Tunesierin von ihrem Herzen, Italienerin von ihrer Herkunft und Französin durch ihre Erziehung).Nachruf, abgerufen am 28. September 2025.Nachruf, abgerufen am 28. September 2025.
Anfänge in den 1950er Jahren Zusammen mit weiteren Schülerinnen des Lycée Paul Cambon in Tunis war sie 1955 in dem Kurzfilm Les Anneaux d’or des französischen Regisseurs René VautierCardinale in Tunis, abgerufen am 25. September 2025. als Statistin zu sehen, als Frau eines arabischen Fischers. Im Jahr 1957 erhielt sie eine kleine Rolle in Jacques Baratiers tunesisch-französischem Spielfilm Goha an der Seite von Omar Sharif und gewann einen Schönheitswettbewerb als „schönste Italienerin von Tunesien“. Eigentlich wollte sie von klein auf Lehrerin werden,Interview zu Cardinales 85. Geburtstag, abgerufen am 27. September 2025. doch der Preis aus dem Wettbewerb, eine Reise zu den Filmfestspielen in Venedig, sollte ihr Leben von Grund auf verändern. Am Lido zeigte sie sich in einem von ihrer Mutter genähten Bikini, den sie zu einer tunesischen Dschellaba trug, und wurde für eine junge Schauspielerin gehalten. Sie weckte das Interesse zahlreicher Filmemacher und kehrte als „Claudia“ nach Tunis zurück. Dort erhielt sie unter anderem von der Produktionsfirma Unitalia Film Rollenangebote, die sie jedoch ablehnte, da sie diese Leute für „völlig verrückt“ hielt, einem „Mädchen ohne jegliche Schauspielausbildung Filmrollen anzubieten“. Die mit der Unabhängigkeit Tunesiens verbundene ungewisse Zukunft der im Land lebenden Europäer bewog Cardinales Vater schließlich, in die Filmangebote einzuwilligen.
Claudia Cardinale reiste erneut nach Italien, zum Vorsprechen an der nationalen Filmschule in Rom, bei dem sie mangels Sprachkenntnissen die Hilfe eines Souffleurs in Anspruch nehmen musste, jedoch aufgrund ihres Temperaments (sie rannte hinaus und schlug die Türen hinter sich zu, als die Juroren laut über die „stumme kleine Araberin“ diskutierten) ein Stipendium erhielt. Weil sie sich einsam fühlte und ihr französischer Akzent ihre Diktion behinderte,Interview mit Cardinale in La Repubblica 2016, abgerufen am 25. September 2025. kehrte sie nach zwei Monaten der Filmbranche den Rücken und zu Weihnachten 1957 nach Tunis zurück. Ein ihr am Flughafen von Rom begegnender Journalist verglich sie mit Aschenputtel, das vorzeitig den Ball verlässt, und schrieb in einem Artikel in der Zeitschrift Epoca: „Per stare con la mamma ha rinunciato al cinema“ (Sie verzichtete aufs Kino, um bei ihrer Mama zu sein). Doch im Mai 1958, kurz nach ihrem 20. Geburtstag, kam sie erneut nach Rom und unterschrieb den wenige Monate zuvor abgelehnten Vertrag eines Produzenten, weil „er so hartnäckig war“, wie sie öffentlich angab, doch in Wahrheit, um ein unabhängiges Leben als ledige Mutter führen zu können.
In Tunis hatte ihr ein älterer Mann nachgestellt, der „ihre Jugend und Naivität [schamlos ausnutzte]“ und sie schwängerte – damals „eine Schande und eine Abtreibung undenkbar“. Der Exklusivvertrag des Filmproduzenten Franco Cristaldi sah ein festes Monatsgehalt mit etlichen Regelungen vor, um Cardinale zum neuen Star in Konkurrenz zu Sophia Loren und Gina Lollobrigida aufzubauen. Ihre Schwangerschaft konnte sie in den Filmen Drei Ausländerinnen in Rom und Diebe haben’s schwer, mit dem sie als Sizilianerin Carmelina in einer Nebenrolle einem breiten Publikum bekannt wurde, unbemerkt halten.
Als ihr Zustand nicht mehr zu verbergen war, vertraute sie sich Cristaldi an, der sie auf eine „Sprachreise“ schickte, doch in Wahrheit zur Geburt ihres Kindes nach London. Cristaldi ließ gegenüber der Presse Cardinales Sohn als ihren kleinen Bruder ausgeben, um den Aufstieg seines Schützlings nicht zu behindern. In seinen Filmen wählte Cristaldi dieselbe Strategie wie Carlo Ponti in Bezug auf Sophia Loren: Er besetzte Cardinale zunächst in Nebenrollen an der Seite von Stars unter namhaften Regisseuren.
Durchbruch und Erfolge in den 1960er Jahren mini|Cardinale in den Niederlanden (1964) 1960 spielte Cardinale Nebenrollen in Luchino Viscontis Sozialdrama Rocco und seine Brüder und in Austerlitz – Glanz einer Kaiserkrone von Abel Gance. Mit der weiblichen Hauptrolle in der Commedia all’italiana Bel Antonio an der Seite von Marcello Mastroianni, der ihren charmanten, aber impotenten Ehemann gibt, gelang ihr im selben Jahr der Durchbruch. Die weibliche Hauptrolle neben Renato Salvatori in dem Filmdrama Wind des Südens folgte. Cardinale etablierte sich in kurzer Zeit als eine der führenden weiblichen Darstellerinnen des italienischen Kinos und galt als dessen Exportschlager wie die beiden anderen italienischen Filmdiven, Loren und Lollobrigida, die jedoch oft als romanische Sexbomben vermarktet wurden. Cardinale hingegen wirkte, wie es eine Fernsehdokumentation von 2019 zusammenfasst, „betörend und scheu, sinnlich und doch keusch, feminin und burschikos“.Emmanuelle Nobecourt u. a.: Claudia Cardinale, la créature du secret – Claudia Cardinale, die italienische Filmdiva, Dokumentarfilm, ARTE France, 2019, abgerufen am 27. September 2025. In dem komödiantischen Abenteuerfilm Cartouche, der Bandit (1962) spielte sie die Geliebte des von Jean-Paul Belmondo verkörperten Titelhelden. Ihre Stimme mit dem starken Akzent und dem rauen Timbre wurde anfangs in ihren italienischen Filmen nachsynchronisiert; erstmals Federico Fellini ließ sie 1963 in seiner Gesellschaftsstudie Achteinhalb, in der Cardinale mit Anouk Aimée und erneut an der Seite Mastroiannis auftrat, unverändert.
Cardinale übernahm Rollen in weiteren Klassikern der Kinokunst wie dem Historienepos Der Leopard von Visconti nach dem gleichnamigen Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa (mit Burt Lancaster und Alain Delon) und der Krimikomödie Der rosarote Panther (mit David Niven und Peter Sellers) unter der Regie von Blake Edwards. 1964 verbuchte sie in der Rolle der Toni Alfredo neben John Wayne und Rita Hayworth in dem US-amerikanischen Film Circus-Welt einen weiteren internationalen Erfolg. 1968 überzeugte Cardinale als Charakterdarstellerin in der weiblichen Hauptrolle in Damiano Damianis Der Tag der Eule (nach dem gleichnamigen Roman von Leonardo Sciascia), einem der ersten Filme, die sich kritisch mit der Mafia auseinandersetzten und dieses heikle Thema im italienischen Film sichtbar machten.
In Anlehnung an die damals übliche Abkürzung des Namens Brigitte Bardots als BB nannte man Cardinale in den Medien oft CC. Sie spielte in dieser Zeit fast ausschließlich Hauptrollen, so auch 1968 in Sergio Leones Westernklassiker Spiel mir das Lied vom Tod, der vor allem in Frankreich und Deutschland ein überragender Kassenerfolg wurde.
Filmrollen und weitere Auftritte ab 1970 Obwohl Claudia Cardinale weiterhin regelmäßig als Filmdarstellerin beschäftigt war, konnte sie ab den 1970er Jahren nicht mehr an ihre großen Kassenerfolge anknüpfen. Prägnante Hauptrollen im leichten Fach hatte sie noch 1971, an der Seite von Brigitte Bardot, als Marie Sarrazin in einer Titelrolle in der Italowestern-Komödie Petroleum-Miezen und 1972 neben Jean-Paul Belmondo im Gangsterfilm Der Mann aus Marseille. Es folgten zahlreiche ernste Rollen, die ihren Ruf als Charakterdarstellerin festigten. So spielte sie 1974 unter der Regie Viscontis in Gewalt und Leidenschaft zusammen mit Burt Lancaster, Helmut Berger und Silvana Mangano, außerdem in Die Rache der Camorra mit Franco Nero und Fabio Testi, Regie Pasquale Squitieri. Franco Zeffirelli besetzte sie 1977 in der vierteiligen Bibelverfilmung Jesus von Nazareth als Ehebrecherin.
Ende der 1970er Jahre trat Cardinale auch als Sängerin auf und nahm einige Single-Schallplatten auf. Beachtung fanden die Discosongs Love Affair (1977) und Sun … I Love You (1978), die auch in Deutschland veröffentlicht wurden.
Im Jahr 1982 spielte sie in Werner Herzogs Fitzcarraldo die Bordellbesitzerin Molly, die Geliebte der von Klaus Kinski verkörperten exzentrischen Titelfigur. 1983 übernahm sie die tragende Rolle der Baronin in dem französischen Abenteuerfilm Der Rammbock an der Seite von Lino Ventura. Die Darstellung der Geliebten von Diktator Benito Mussolini, Clara Petacci, in Claretta brachte ihr 1984 den Pasinetti-Preis bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig ein. 1986 war sie die weibliche Hauptfigur in dem vierstündigen Kriegsdrama La Storia nach dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Elsa Morante, Regie Luigi Comencini. In dem Historiendrama Die Französische Revolution übernahm sie 1989 die tragende Rolle der Madame de Polignac und spielte an der Seite von Klaus Maria Brandauer (als Danton) und Peter Ustinov. Henri Verneuil besetzte Cardinale 1991 neben Omar Sharif in einer Mutterrolle im Filmdrama Mayrig – Heimat in der Fremde über den Völkermord an den Armeniern. An der Seite von Roberto Benigni war sie 1993 die Maria Gambrelli in der amerikanisch-italienischen Filmkomödie Der Sohn des rosaroten Panthers, die die beliebte Pink-Panther-Reihe fortsetzte, und 2002 unter der Regie von Claude Lelouch in dem Liebesfilm And Now … Ladies and Gentlemen die Madame Falconetti neben Jeremy Irons und Patricia Kaas.
Theaterdebüt und filmisches Spätwerk mini|Cardinale bei den 63. Filmfestspielen von Cannes (2010) Ihr damaliger Lebensgefährte, Pasquale Squitieri, überzeugte Cardinale im Jahr 2000, erstmals auf einer Theaterbühne aufzutreten, was, wie sie später einräumte, Visconti und Giorgio Strehler nie gelungen war. In Frankreich (Théâtre du Rond-Point, Théâtre de la Madeleine in Paris) und Italien (auf Tournee) spielte sie in den 2010er Jahren unter anderem in dem Stück La Venexiana (von einem unbekannten Autor des 16. Jahrhunderts),La Vénitienne, abgerufen am 26. September 2025. Wie du mich willst von Luigi Pirandello sowie Süßer Vogel Jugend und Die Glasmenagerie von Tennessee Williams.https://www.youtube.com/watch?v=fO6_G_FRpYEFernsehsendung Thé ou café, A2, 20.2.2005, abgerufen am 26. September 2025.