mini|Logo der Irgun mini|Avraham Tehomi, der erste Kommandeur der Irgun Die Irgun Zwai Leumi (, Abkürzung IZL oder Etzel), auch lediglich Irgun, war eine jüdische, von 1931 bis 1948 bestehende zionistische paramilitärische Terrororganisation im britischen Mandatsgebiet Palästina vor der israelischen Staatsgründung. Sie stand der Weltunion der Zionistischen Revisionisten von Wladimir Jabotinsky nahe, welcher von 1937 bis 1940 auch Oberkommandierender war.
Infolge des Arabischen Aufstandes verübte die Gruppe terroristische Anschläge gegen die arabische Bevölkerung. Später richteten sich die Anschläge vermehrt gegen die britische Mandatsmacht.Arie Perliger, Leonard Weinberg, Jewish Self Defense and Terrorist Groups Prior to the Establishment of the State of Israel: Roots and Traditions. In: Totalitarian Movements & Political Religions, Vol. 4, No. 3, 100 (2003).Harvey W. Kushner: Irgun Zwai Leumi. In: derselbe: Encyclopedia of Terrorism. Sage Publications, Thousand Oaks/London/Neu-Delhi 2003, S. 180. Zu den bekanntesten Operationen gehören der Bombenanschlag auf das King David Hotel 1946 mit über 90 Opfern und die Teilnahme am Massaker von Deir Yasin 1948 mit über 100 Opfern. Nach Ausrufung der Unabhängigkeit Israels im Jahr 1948 löste dessen Regierung die Organisation auf, wobei Widerstand teilweise mit Waffengewalt gebrochen werden musste, und integrierte deren Mitglieder in die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte.
Name Als Langform wird genauer auch ha-ʾIrgun ha-Zvaʾi ha-Ləʾummi bə-ʾEretz Jisraʾel (, „Die nationale Militärorganisation im Land Israel“) gebraucht. Außerhalb Israels ist die Kurzform Irgun () gebräuchlich, innerhalb Israels wird das Akronym ʾEtzel () – ausgehend von den hebräischen Anfangsbuchstaben des Namens – benutzt.
Ziele mini|Britisches Mandat für Palästina, mit Palästina westlich und Transjordanien östlich des Jordans Die Irgun strebte die Gründung eines jüdischen Staates in den Grenzen des Britischen Mandatsgebietes von Palästina an, gemäß dem Plan der Balfour-Deklaration von 1917. Sie engagierte sich deshalb bis 1940 zusammen mit anderen Organisationen für die Einwanderung von Juden nach Palästina (Alija Bet). Die Einwanderung von Juden wurde von den Briten in der Folge stark eingeschränkt (Weißbuch von 1939). Daraufhin begann die Irgun den bewaffneten Kampf. Insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocausts wurden jüdische Flüchtlinge abgewiesen. Aufgrund dieser Entwicklung richtete die Irgun ihre Aktivitäten zunächst gegen die britische Mandatsmacht. Ideologisch waren die Untergrundaktivitäten stark von Jabotinskys Betar-Jugend geprägt, die sich heute selbst als „die Wiege des Likud“ bezeichnet.
Logo mini|Poster der Irgun zur Verteilung in Europa
Das Logo der Irgun zeigt das skizzierte Gebiet des Britischen Mandates von Palästina einschließlich Transjordaniens, das als Ganzes für den zu gründenden Staat Israel beansprucht wurde. Der Arm mit dem Gewehr ist ein Symbol des bewaffneten Kampfes, die Zinnen auf dem Wappen symbolisieren Wehrhaftigkeit, die beiden Ölzweige unten dagegen den Willen zum Frieden.
Die hebräischen Worte (oben im Bild) bedeuten „Nationale Militärorganisation“; : „Nur so!“
Geschichte Anfänge und Arabischer Aufstand Die Irgun spaltete sich 1931 unter der Führung von Avraham Tehomi von der zionistischen Untergrundorganisation Hagana ab, um zunächst mit eigenen Verbänden einen wirkungsvolleren Schutz für die Juden in Palästina zu erreichen, nachdem 1929 antijüdische Ausschreitungen im Massaker von Hebron gegipfelt waren.. In: bornpower.de, abgerufen am 9. April 2018.
Tehomi und weitere den Allgemeinen Zionisten und Liberalen Nahestehende kehrten 1936 während des Großen Arabischen Aufstands zur Hagana zurück, um die Kräfte zu bündeln. Diese Abspaltung führte zu einer Radikalisierung der Irgun, die vor allem in der Zeit zwischen 1937 und 1939 unter der militärischen Führung von Mosche Rosenberg (1937–1938) und dem Oberkommando von Wladimir Zeev Jabotinsky (1938–1940) zahlreiche Bombenanschläge auf Cafés, Marktplätze und britische Polizeistationen durchführte.
Illegale Einwanderung mini|Ausschiffung von Migranten von der gestrandeten Parita, Tel Aviv, 1939Rafael Medoff: A Jewish Debate on Illegal Immigration–in 1939. The David S. Wyman Institute for Holocaust Studies, abgerufen am 1. Juli 2021.
In den 1920er Jahren, als es praktisch keine Einwanderungsrestriktionen gegeben hatte, kamen nur wenige Juden nach Palästina. Das änderte sich 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland. Nun versuchten zahlreiche Emigranten eines der limitierten britischen Einwanderungszertifikate zu erhalten. Die Zionisten hielten die Einwanderungsbeschränkung für einen Verstoß gegen die Balfour-Deklaration und sahen es als ihr Recht und ihre Pflicht an, die Restriktionen zu umgehen. Nachdem Jabotinsky 1935 mit der Jewish Agency for Israel, die auch die Immigration administrierte, gebrochen hatte, wurde seinen Anhängern eine entsprechende Zuteilungsquote für die Zertifikate verweigert. Jabotinsky organisierte mit der Jugendorganisation Betar und der Irgun von 1937 bis 1940 die illegale Einwanderung (Alija Bet) von geschätzten neun- bis fünfundzwanzigtausend europäischen Juden hauptsächlich aus Polen.Louis Rapaport: Shake Heaven & Earth. Peter Bergson and the Struggle to Rescue the Jews of Europe. Gefen Publishing, Jerusalem 1999, ISBN 965-229-182-X, S. 35 f.
Die Organisation wurde bis 1939 insgeheim von der polnischen Regierung unterstützt, die aus antisemitischen Motiven die Ausreise einer möglichst großen Zahl jüdischer Bürger aus Polen erreichen wollte.Timothy Snyder: Black Earth: The Holocaust as History and Warning. Tim Duggan Books, New York City 2015, ISBN 978-1-101-90345-2, S. 66. Die Unterstützung ging auf eine Mission Avraham Sterns zurück, der von der Irgun 1938 nach Polen entsandt worden war. Dabei ging es um den Kauf der Waffen und militärisches Training, das unter Aufsicht der polnischen Armee stattfand.Joseph Heller: The Stern Gang: ideology, politics, and terror 1940-1949. Routledge, Abingdon 2004, ISBN 0-7146-4106-5, S. 230 f.; Colin Shindler: The Rise of Israeli Right. From Odessa to Hebron. Cambridge University Press, New York 2015, ISBN 978-0-521-15166-5, S. 184. Stern baute Abteilungen Irguns in Polen auf, gründete zwei jüdische Zeitungen und rief dazu auf, mit Staaten zu kooperieren, die wie Polen die gleichen Ziele hätten wie Irgun.Z. Iwjanski: חייו, פועלו ומותו [online], Ha-Amutet le-hancachat moreszet Lochamej le-Cherut Jisrael [dostęp 2024-12-31];Joseph Heller: The Stern Gang: ideology, politics, and terror 1940-1949. Routledge, Abingdon 2004, S. 44–45.
Die Nationalsozialisten hatten zu dieser Zeit ebenfalls nichts gegen eine jüdische Auswanderung aus dem Reich. SS-Offiziere wie Adolf Eichmann ermutigten die Migrationsanstrengungen der Irgun. Nach dem Anschluss Österreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 schmuggelte die Irgun auch Migranten, die keine Revisionisten waren, nach Palästina. Das zionistische Establishment, die USA und Großbritannien warfen der Irgun vor, auf „schwimmenden Särgen“ „unerwünschte Elemente“ aus den Reihen der europäischen Juden nach Palästina zu bringen.Louis Rapaport: Shake Heaven & Earth ― Peter Bergson and the Struggle to Rescue the Jews of Europe. S. 36.
Während des Zweiten Weltkrieges Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges sah die Irgun im Nationalsozialismus den gefährlicheren Feind und stoppte ihre Angriffe auf die Briten. Einige Angehörige der Irgun traten sogar der British Army bei. 1940 starb Jabotinsky. Sein Nachfolger David Raziel schloss ein Abkommen mit Generalinspektor Alan Saunders (1886–1964) von der Palestine Police und arbeitete mit den Briten zusammen. Unter Raziels Anhängern waren Yitzhak Berman und Menachem Begin. 1940 spalteten sich die Maximalisten um Avraham Stern und Jitzchak Schamir von der Irgun ab, da sie weiterhin in den Briten den Hauptfeind sahen. Sie gründeten die Terrororganisation Lechi, die Anschläge auf Briten und ihre Einrichtungen im Mandatsgebiet durchführten und zu diesem Zweck Hilfe vom faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland erhofften.Harvey W. Kushner: Stern Gang. In: derselbe: Encyclopedia of Terrorism. Sage Publications, Thousand Oaks/London/Neu-Delhi 2003, S. 348.
Hillel Kook alias Peter Bergson übernahm nach Jabotinskys Tod die Leitung der amerikanischen Irgun-Delegation. Unter seiner Leitung wurden partei- und religionsübergreifende Kampagnen (wie z. B. We Will Never Die) zur Schaffung einer jüdischen Armee (in Anlehnung an die jüdische Legion im Ersten Weltkrieg) und für konkrete Schritte zur Rettung der Juden vor dem Holocaust durchgeführt. Erst 1944 wurde von US-Präsident Roosevelt auch aufgrund dieser Kampagnen das War Refugee Board gegründet.
Im Dezember 1943 übernahm Begin die Führung der Irgun und nahm 1945 den Kampf gegen die Briten wieder auf.Harvey W. Kushner: Irgun Zwai Leumi. In: derselbe: Encyclopedia of Terrorism. Sage Publications, Thousand Oaks/London/Neu-Delhi 2003, S. 181.
Zwischen Kriegsende und Unabhängigkeit Unter Begins Führung verübte die Irgun im Juli 1946 den Anschlag auf das King David Hotel in Jerusalem, das damals einige Abteilungen der britischen Mandatsregierung und Büros des Generalstabs der britischen Armee für Palästina beherbergte. Als Hotelangestellte verkleidet, platzierten sie in Milchkannen mehrere Bomben im Gebäude. Dem Anschlag fielen 91 Menschen zum Opfer: 41 Araber, 28 Briten, 17 Juden und fünf weitere Personen. Begin behauptete, die Menschen in dem Hotel seien durch drei Telefonanrufe vor den bevorstehenden Explosionen gewarnt worden. Britischerseits wurde dies dementiert. Der Anschlag führte zum endgültigen Bruch mit der Hagana. Die Hagana initiierte infolgedessen eine Serie von Operationen gegen Irgun und Lechi. Der britische Premierminister Winston Churchill und große Teile der britischen politischen Elite wandten sich aufgrund der Terroranschläge der beiden Organisationen von der Unterstützung des Zionismus ab.Tom Segev: Es war einmal ein Palästina. 4. Auflage, München 2006, S. 496–501.
mini|Zitadelle Akko: Das Loch in der Mauer, das die Irgun 1947 sprengte