mini|Philipp Lenard. Deutsche Physik, 2. Band – Akustik und Wärmelehre. München, 1936–1937 Die sogenannte Deutsche Physik, auch Arische Physik, war eine nationalsozialistisch geprägte Lehre, die einige deutsche Physiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vertraten und die die Physik mit rassistischen Ansichten vermischte. Sie lehnte die aufkommende Moderne Physik als zu mathematisch und theoretisch ab und befürworteten eine stärkere Betonung der Rolle der Experimentellen Physik. Insbesondere sprachen sie sich gegen die von Albert Einstein entwickelte Relativitätstheorie und die Quantenmechanik aus und verwarfen deren Aussagen als zu wenig anschaulich und zu wenig intuitiv (so z. B. Unschärferelation und Welle-Teilchen-Dualismus in der Quantenmechanik bzw. Raum-Zeit-Kontinuum und Nichteuklidische Raumgeometrie der Relativitätstheorie). Die Deutsche Physik war geprägt von dem antisemitischen Gedankengut, das in der aufgeheizten politischen Stimmung der 1920er Jahre nach dem verlorenen Weltkrieg in der politisch instabilen Weimarer Republik weit verbreitet war. Hinzu kam, dass viele führende Theoretische Physiker und Vertreter der neuen Theorien jüdischer Abstammung waren.

Deutsche Physik ist auch der Titel eines vierbändigen Lehrbuches (1936) von Philipp Lenard, das die Entwicklungen der Modernen Physik auf der Basis der Klassischen Physik etwa mit Hilfe der Äthertheorie zu erklären versucht.

Inhalte Die Deutsche Physik ist eine weitgehend auf Deutschland begrenzte antisemitische Lehre; genauer handelte es sich um eine unter maßgebenden Fachvertretern nicht sehr weit verbreitete Bewegung, deren Beginn auf das Erscheinen von Philipp Lenards Werk Große Naturforscher 1929 datiert werden kann und die mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 endet. Sie lehnte die Moderne Physik – namentlich die Relativitätstheorie und Quantenmechanik – als jüdisch ab und entwickelte kaum Gegenkonzepte, außer einer als mechanistisch zu bezeichnenden Grundeinstellung. Die prominentesten – aber in Fachkreisen von Anfang an weitgehend isolierten – Vertreter sind die beiden Physik-Nobelpreisträger Philipp Lenard (1862–1947) und Johannes Stark (1874–1957). Lenard war zudem von Adolf Hitler mit dem Preis der NSDAP für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet worden.Jörg Willer: Fachdidaktik im Dritten Reich am Beispiel der Physik. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015, ISBN 978-3-86888-118-9, S. 105–121, hier: S. 105.

Für die Deutsche Physik existierte kein formales Programm, sie entwickelte sich in der Auseinandersetzung um die abstrakte Moderne Physik in Veröffentlichungen und Vorträgen. Die bekannteste und immer wieder zitierte Definition stammt aus dem Vorwort von Lenards vierbändigem Lehrwerk Deutsche Physik von 1936, das – ohne dieses Vorwort – bis weit in die 1950er Jahre zur Lehre weiterverwendet wurde:

Im Weiteren führt Lenard aus, die wissenschaftliche Arbeit vollziehe sich „in enger Zwiesprache mit Naturvorgängen“: „Der unverbildete deutsche Volksgeist sucht nach Tiefe, nach widerspruchsfreien Grundlagen des Denkens mit der Natur, nach einwandfreier Kenntnis vom Weltganzen.“ Unmittelbare Fragen an die Natur können nach Lenards Ansicht nur durch das Experiment beantwortet werden, theoretische Überlegungen bauen darauf auf. Ergebnisse der experimentellen Untersuchungen müssten „auf dem festen Boden der klassischen Physik“ anschaulich beschrieben und erklärt werden.

Damit begründete die Deutsche Physik Ziele, Inhalte und Methoden auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie und unterschied sich darin von der Diskussion um das physikalische Weltbild in anderen Ländern. Als ihre Grundlagen galten das „Postulat der mechanischen Begreifbarkeit“ (Lenard): deren Anschaulichkeit und Aufbau auf Grundlage der klassischen Physik; das unmittelbare Erlebnis der Natur; das Experiment als methodische Grundlage, auf dem theoretische Überlegungen aufbauen.

Zu den zentralen Begriffen der Deutschen Physik zählten die physikalischen Grundbegriffe Kraft und Energie, der Begriff des Mechanismus, definiert durch „die Anwendung mathematisch formulierbarer, d. h. quantitativ auswertbarer Vorstellungen, die eine anschauliche Entsprechung in der uns anschaulichen Erkenntnis ermöglichenden Denkform des Raumes und der Zeit gestatten“,Rudolf Tomaschek: Die Entwicklung der Äthervorstellung. In: August Becker (Hrsg.): Naturforschung im Aufbruch. München 1936, S. 73. der Begriff des Äthers, mit dem auch der Aufbau des Atoms und das – von Lenard anerkannte – Relativitätsprinzip erklärt werden.

Die klassischen Bereiche von Lenards Lehrbuch waren identisch mit der international akzeptierten Physik. Nur die Relativitätstheorie und die Quantentheorie wurden abgelehnt. An ihrer Stelle entwickelte Lenard bereits seit 1910 eine Äthertheorie, die auch das Michelson-Morley-Experiment und andere relativistisch interpretierte Experimente erklären sollte. Für die Atomphysik war Johannes Stark zuständig: Mit einem klassischen Modell sollten Phänomene erklärt werden, die sonst mit der Quantentheorie behandelt wurden. Darüber hinaus entstanden innerhalb der Deutschen Physik keine weiteren Neuerungen in der Theoretischen Physik, da sich deren Vertreter kaum mit aktuellen theoretischen Fragen der Atomphysik beschäftigt haben.

Die Deutsche Physik gilt heute als spezifisch nationalsozialistische Gegenentwicklung zur Modernen Physik. Auch bezüglich dieser Wissenschaft gab es in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zunehmend antisemitische Argumente, die im Dritten Reich institutionalisiert werden konnten. Für die Wissenschaftsentwicklung selbst hatte die Deutsche Physik – nicht nur aus heutiger Perspektive – keine Bedeutung.

Vorgeschichte mini|hochkant|Philipp Lenard (1862–1947), einer der frühen Vertreter der Deutschen Physik mini|hochkant|Johannes Stark (1874–1957), der Organisator der Deutschen Physik

Anfang des 20. Jahrhunderts war in fast allen naturwissenschaftlichen Disziplinen ein Umsturz des klassischen Weltbildes spürbar. In der Physik stießen vor allem zwei Entwicklungen die klassischen Denkweisen um: Plancks Einführung des Energiequants, das der klassischen Wellen- und Äthervorstellung vom Ursprung des Lichts widersprach und mit klassischen Begriffen von Kausalität und Determinismus nicht mehr in Einklang stand, sowie Einsteins Spezielle Relativitätstheorie, die die Naturgesetze scheinbar vom Bewegungszustand des Beobachters abhängig machten, was von den Gegnern als „allgemeiner Relativismus“ und „materialistisches Spiel ohne Werte“ aufgenommen wurde. Beide Entwicklungen führten in den 1920er Jahren zu einem fundamentalen Umdenken in der akademischen Physik. Das zog einen regelrechten Kulturkampf zwischen Befürwortern und Gegnern der Modernen Physik nach sich.

Zu diesem allgemeinen Unbehagen bei den Physikern trug die zunehmende Mathematisierung ihrer Wissenschaft bei, etwa das Auftreten abstrakter topologischer Räume wie des Hilbertraums, konkrete Begriffe wie der einer Gruppentheorie, oder nicht zuletzt die vielen Indizes i, j, k, … (usw.) bei der Formulierung der Einsteinschen Feldgleichungen, die diese unzugänglich und schwer verständlich erscheinen ließen.

Physik war für die Physiker, selbst für Fachleute, einfach „zu schwer“ geworden,Der Satz Physik ist für die Physiker viel zu schwer stammt von dem prominenten Mathematiker David Hilbert. was die Deutsche Physik als „jüdisch“ verurteilte.

Dabei waren die Gegner der Modernen Physik vor allem in der älteren Generation von Naturforschern zu finden, die sich im untergegangenen Kaiserreich als bedrohte Elite von Kulturträgern verstanden. Zu ihnen gehörten auch die Protagonisten der Deutschen Physik, die Nobelpreisträger Philipp Lenard und Johannes Stark. Früh schon stigmatisierte diese Elite die Unzulänglichkeiten des Materialismus der modernen Gesellschaft als „jüdisch“, der größte Teil dieser „deutschen Mandarine“ trat in seiner konservativen politischen Tradition ins antisemitische Lager über,Fritz K. Ringer: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890–1933. Stuttgart 1983. (Erstauflage: The Decline of the German Mandarins. Cambridge, Mass. 1969) wobei ‚übersehen‘ wurde, dass es durchaus jüdische Kritiker der Relativitätstheorie gab, wie z. B. Menyhért Palágyi, Leo Gilbert und Oskar Kraus. Im Gegensatz zu den älteren Konservativen gab es vor allem in der jüngeren Generation eine weitverbreitete Ablehnung gegen die Klassische Physik. Heute wird die Entwicklung der Quantenphysik in den 1920er Jahren mit ihren unanschaulichen und scheinbar paradoxen Grundaussagen als Kind dieser Geisteshaltung betrachtet.Paul Forman: Weimar Culture, Causality, and Quantum Theory, 1918–1927: Adaption by German Physicists and Mathematicians to a Hostile Intellectual Environment. In: Historical Studies in the Physical Sciences. 3, 1971, S. 1–115.

In der Tat gehörte Werner Heisenberg, als er 1925 mit seiner Matrizenmechanik zum ersten Mal die Quantenmechanik korrekt und vollständig formulierte, damals eher zu den „jungen Revolutionären“, während man bis dahin nur auf die „alten Männer“ wie Niels Bohr hörte, der mit seinem halbklassisch-mechanistischen Atommodell seit 1910 die Physikdebatten dominierte.

Allerdings waren es wiederum diese „alten Männer“ (etwa Max Born), die das Revolutionäre an Heisenbergs Theorie erkannten und den Heisenberg’schen Formelausdrücken die zugehörige mathematische Formulierung gaben. Erwin Schrödinger, der quasi „dazwischen stand“, gab dann 1926 mit seiner „Schrödingergleichung“ der neuen Theorie unabhängig ihre endgültige Gestalt, die aber erst von Niels Bohr und Max Born nichtklassisch interpretiert wurde.

Es gab aber nicht nur im deutschen Kaiserreich schon viel länger andauernde nationalistische oder antisemitische Tendenzen in den Naturwissenschaften. Die erste wissenschaftliche Abhandlung, die einen Zusammenhang zwischen nationaler Kultur und wissenschaftlicher Denkweise in Bezug auf die moderne Wissenschaft herstellte, stammte vom Pariser Physiker und Philosophen Pierre Duhem (1861–1916), der seinerseits die Relativitäts- und Quantentheorie ablehnte. Er unterschied zwischen einer abstrakten Denkfähigkeit zum Auffinden der richtigen Axiome, dem esprit de finesse, und der Fähigkeit, daraus die richtigen Schlussfolgerungen abzuleiten, dem esprit de géométrie. Die eine sei intuitiv, sprunghaft und mehr gefühlsmäßig, die andere folge festen, von außen auferlegten Regeln. Das Begriffspaar findet sich schon bei Pascal, nur erweiterte Duhem es, indem er verschiedenen Völkern unterschiedliche Ausprägungen dieser Fähigkeiten zuschrieb.Andreas Kleinert: Von der Science allemande zur Deutschen Physik: Nationalismus und moderne Naturwissenschaft in Frankreich und Deutschland zwischen 1914 und 1940. In: Francia. 6, 1978, S. 515ff.

In den 1920er Jahren häuften sich die heute als Antirelativismus bezeichneten Schriften und Angriffe gegen die Moderne Physik von Wissenschaftlern, die diese vor dem Ersten Weltkrieg noch anerkannt hatten. Dazu gehörte Philipp Lenard, der 1886 als Assistent bei Heinrich Hertz dessen Versuche über Kathodenstrahlen fortgeführt hatte. Durch die prinzipielle Klärung des Lichtelektrischen Effektes und der Phosphoreszenz hat Lenard auch zur Entwicklung des Quantenkonzeptes beigetragen, wofür er 1905 den Nobelpreis erhielt. Nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich von der Modernen Physik ab und polemisierte mit Blick auf Albert Einstein gegen „jüdische Einflüsse“ in der Physik. In Große Naturforscher (1929) versuchte Lenard eine Darstellung der Geschichte der Physik ausschließlich anhand der Biografien „arischer“ Physiker.