Die Edel-Tanne (Abies procera, Syn.: Abies nobilis), standardsprachlich Edeltanne, auch Pazifische Edel-Tanne und Silbertanne genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Tannen (Abies) in der Familie der Kieferngewächse (Pinaceae) aus höheren Lagen des Kaskadengebirges im Westen der USA.Wolfhard Ruetz: Abies procera. In: Enzyklopädie der Holzgewächse. Wiley, 2014, ISBN 978-3-527-67851-8, doi:10.1002/9783527678518 (wiley.com; PDF). Als größte aller Tannen besitzt sie unter den pazifischen Tannen Nordamerikas dennoch das kleinste Areal und ist auch die lichtbedürftigste neuweltliche Tanne. Nachdem im Frühjahr 1942 durch das Lend-Lease-System die Produktion von Sitka-Fichtenholz nicht die Nachfrage der US-amerikanischen und britischen Flugzeugindustrie im Zweiten Weltkrieg decken konnte, fanden sich im Holz der Edel-Tanne sowie der Westlichen Hemlock die einzigen Baumarten, die eine Neukonstruktion im Flugzeugdesign nicht erforderten. Damit gewann die Edel-Tanne im Sommer 1942 als Substitut der Sitka-Fichte große wirtschaftliche und kriegstechnische Bedeutung, die 1943 zur maximalen Ressourcen-Nutzung der Edel-Tannen in Bergwäldern des Pazifischen Nordwestens führte.Fred H. Brundage 1943: Northwest Woods have gone to war. In: Journal of Forestry. 1943, , Band 41(9), S. 654–658, (PDF).Eugene L. Parker: A closer look at some alternatives to sitka spruce in aircraft construction. In: Sport Aviation. September 1984, , S. 57–61 ().
Etymologie Die Art wurde am 7. September 1825 von David Douglas am Columbia River (Columbia gorge) unweit der Grand Rapids im heutigen Oregon zusammen mit der Purpur-Tanne (Abies amabilis) entdeckt.U.S. Forest Service Research Paper PNW. S. 28. Er nannte sie zuerst Pinus nobilis – noble Tanne (Pinus war im 19. Jahrhundert noch regelmäßig Gattungsbegriff der Tanne). Ihr taxonomisch heute richtiges Artepitheton procera stammt vom lateinischen ab und bedeutet „hoch“. Für David Douglas war die Edel-Tanne der eindrucksvollste Baum, den er auf seinen Expeditionen im Westen der heutigen USA entdeckt hatte. 1830 schrieb er: „Ich verbrachte drei Wochen in einem Wald, bestehend aus dieser Baumart, und Tag für Tag konnte ich nicht aufhören, ihn zu bewundern; meine Worte sind nur eintönige Ausdrücke von diesem Gefühl“. Dieser besondere Eindruck natürlicher Edel-Tannenwälder entsteht durch deren hohen säulenfömigen Schäfte, die in der Regel auch zu zwei Drittel astfrei bleiben. Hieraus zählen sie ebenfalls zu den besten Lieferanten für Konstruktionshölzer unter den Weichholzbäumen der westlichen USA.
Die Schreibweise mit Bindestrich ist in der deutschen botanischen Fachliteratur gebräuchlich. Umgangssprachlich wird auch die in Europa heimische Weiß-Tanne (Abies alba Mill.) auch als „Edeltanne“ oder „Silbertanne“ bezeichnet.
Beschreibung Habitus mini|Abies procera, als Pionier-Pflanze nach der Eruption am Mt. Saint Helens Die Edel-Tanne ist ein immergrüner Baum, der die größten Wuchshöhen unter den Tannen erreicht, es werden Wuchshöhen über 80 Meter und Stammdurchmesser (BHD) über 2 Meter erreicht. Sie hat auffallend gerade, säulenförmige Stämme. Die Baumkrone ist symmetrisch kegelförmig. Sie ist nicht so dicht wie bei anderen Tannenarten und erscheint deshalb häufig durchsichtig. Im Gipfel sterben häufig Leittriebe ab; im Alter überragen die Seitenäste den Gipfeltrieb, und es bildet sich die sogenannte „Storchennest-Krone“. Die Zweige stehen meist im rechten Winkel vom Stamm ab, können aber im unteren Teil der Krone auch hängen. Die schlanken Zweige sind rötlich-braun gefärbt und behaart. Die Zweigoberseite ist meistens durch die dicht anliegenden Nadeln nicht zu erkennen. Die Edel-Tanne kann bis zu 800 Jahre alt werden und erreicht damit das höchste Alter aller Tannenarten.
Chromosomenzahl
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 24.GWRA Species Report
Knospen und Nadeln mini|Bürstenförmige nach oben gedrehte Nadeln sind unverkennbare Merkmale. Die männlichen Blüten erscheinen im Mai. Die runden Knospen sind sehr klein und mit rotbraunen Schuppen versehen. Sie werden häufig von den Nadeln verdeckt. Die blaugrünen schimmernden, dichtstehenden Nadeln haben eine Lebensdauer bis zu zwölf Jahren. Die im Querschnitt viereckigen Nadeln sind 25 bis 35 Millimeter lang und oberseits rinnig vertieft. Sowohl auf der Ober- wie auch auf der Unterseite befinden sich Stomabänder. Nadeln an lichtexponierten Stellen sind meist blaugrün gefärbt und stehen aufwärts gerichtet spiralig um den Zweig. Schattennadeln sind meist dunkelgrün gefärbt und stehen gescheitelt an den Zweigunterseiten. Die Nadeln liegen im ersten Viertel dem Zweig an und krümmen sich auf.
Blüten, Zapfen und Samen mini|Weiblicher Fruchtstand mini|Männliche Blütenzapfen mini|Weibliche Zapfen mini|Samen Die Edel-Tanne ist einhäusig getrenntgeschlechtig (monözisch). Sie wird mit 20 bis 30 Jahren mannbar, die volle Samenproduktion setzt allerdings erst mit 50 bis 60 Jahren ein. Die männlichen Blütenzapfen sind dunkelrot gefärbt und sitzen in Gruppen von bis zu 30 Blütenzapfen auf der Zweigunterseite. Die unscheinbaren weiblichen Blütenzapfen sind gelblich gefärbt mit einem schwach rötlichen Ton und stehen meist einzeln, aber auch zu zweit, selten zu fünft auf der Oberseite vorjähriger Triebe.
Die Zapfen weisen eine Länge von 10 bis 24 Zentimeter und einen Durchmesser von 5 bis 7 Zentimeter auf. Sie sind damit die größten Zapfen aller bekannten Tannenarten. Schon an jungen Bäumen von nur 2 bis 3 Meter Wuchshöhe werden Zapfen angesetzt. Die reifen Zapfen sind blass purpurbraun, wirken aber blassgrün, da sie überwiegend durch die grünlichen Deckschuppen überdeckt werden. Die Samenschuppen sind etwa 2,5 Zentimeter × 3 Zentimeter groß. Der rötlich-braune Same weist eine Größe von 13 Millimeter × 6 Millimeter auf und besitzt einen hellbraunen bis strohfarbenen Flügel, der nur wenig länger ist als das Samenkorn. Das Tausendkorngewicht beträgt rund 30 Gramm und die Keimfähigkeit liegt bei 30 bis 70 %. Die Keimlinge besitzen meist fünf bis sechs (vier bis sieben) Keimblätter (Kotyledonen).
Rinde Die Rinde von jungen Bäumen ist glatt und gräulich bis leicht rötlich gefärbt. Die Borke der älteren Bäume ist grau, teilweise mit einem lilafarbenen Ton, und bricht in rechteckige Platten auf. Sie ist mit 2 bis 5 Zentimeter relativ dünn, weshalb die Bäume durch Waldbrände gefährdet sind. Die Rinde der Zweige ist rötlichbraun und feinbehaart.
Wurzeln Überwiegend wird ein Herzwurzelsystem mit einzelnen tiefreichenden Senkern gebildet. Vereinzelt wurden jedoch auch Pfahlwurzeln festgestellt. Windwurf kommt zwar vor, ist jedoch kein charakteristisches Merkmal der Edeltanne. Staunasse und verdichtete Böden werden nicht gut durchwurzelt.
Holz Das weiche, weißliche, elastische Holz der Edel-Tanne gilt als das qualitativ hochwertigste aller nordamerikanischen Tannenarten und insgesamt auch innerhalb der Gattung. Es besitzt ein sehr gutes Steifigkeits-/Gewichtsverhältnis das mit den besten Weichhölzern wie denen von Sitka-Fichte sowie der in ihrem natürlichen Areal sympatrisch vorkommenden Westamerikanischen Hemlocktanne konkurrieren kann.Abies procera. In: Wood-Database. Abgerufen am 29. Mai 2024. Von der Qualität wird es unter den Koniferen-Hölzern nur vom schwereren Holz der Douglasie übertroffen.
EigenschaftenWertEinheit Rohdichte 0,436 g/cm³ Biegefestigkeit 81,1 N/mm² Stat. Biege-E-Modul 10.773 N/mm² Dynam. Biege-E-Modul 12.160 N/mm² Druckfestigkeit parallel zur Faser 40,8 N/mm² Längszugfestigkeit 106,8 N/mm² Bruchschlagarbeit 37,0 KJ/m²
Große Einzelexemplare mini|Stamm einer alten Edeltanne Tanne am Yellowjacket Creek im Gifford Pinchot National Forest (Washington) – Höhe: 72,6 Meter, Stammdurchmesser: 275 Zentimeter, Kronendurchmesser: 12,5 Meter, Stammvolumen: 174,3 Kubikmeter (1988) Tanne in der Goat Marsh Research Natural Area im Mt. St. Helens National Monument (Washington) – Höhe: 89,9 Meter, Stammdurchmesser: 192 Zentimeter, Kronendurchmesser: 13 Meter, Stammvolumen: 87,7 Kubikmeter (1989)
Verbreitung und Ökologie mini|Verbreitungsgebiet der Edel-Tanne mini|Mutmaßliche Sätzlinge der Edel-Tanne (hier als Abies amabilis angegeben) die nach dem Vulkanausbruch am Mt. Saint Helens als Pionierpflanzen aufkommen. Die Edel-Tanne kommt im humiden pazifischen Nordwesten der USA vor. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von Washington über Oregon bis nach Nordwestkalifornien. Sie wächst im Küstengebirge und in der Kaskadenkette in Höhenlagen zwischen 650 und 1.680 Meter. Sie kommt meistens in Mischwäldern mit der Douglasie (Pseudotsuga menziesii), der Purpur-Tanne (Abies amabilis) und der Westamerikanischen Hemlocktanne (Tsuga heterophylla) vor, es werden aber auch Reinbestände gebildet.
Die Edel-Tanne bevorzugt kontinentales oder gemäßigtes Klima mit kühlen Sommern und hohen Niederschlägen (2000 bis 2500 Millimeter/Jahr). An den Boden stellt sie geringe Ansprüche, meidet aber Kalk. Gegen Winterkälte, Spätfröste, Schneedruck und Wind ist sie widerstandsfähig, verträgt aber als Lichtbaumart nur sehr wenig Schatten. Temperaturen von −20 °C und weniger übersteht sie problemlos. Im Jugendstadium reagiert sie allerdings auf Frosttrocknis sehr empfindlich. Sie meidet sehr trockene und staunasse Böden. Der pH-Wert sollte nicht hoch sein, optimal ist ein Wert von 5,5.
Im Unterschied zu den weiteren 8 Tannen der Amerikanischen Westküste ist Abies procera ähnlich wie die Douglasie eine auf Licht angewiesene Pionierpflanze. Ihre großen, wenig zahlreichen Zapfen, tragen demnach auch besonders große Samen, die einen Sämling bis zu einem Jahr mit Nährstoffen versorgen können, bis dieser sich am Standort etabliert.Nobel Fir (Abies procera). In: Identifying mature and old forests in western Washington. Hrsg.: Washington State Department of Natural Resources. 2007, S. 77–82 (dnr.wa.gov [PDF; 9,5 MB]). Ein Vorteil gegenüber der Douglasie ergibt sich an schneereichen Lagen, wo die Sämlinge unter dem auf der winterlichen Schneedecke ansammelnden pflanzlichen Detritus verschüttet werden können. Während Douglasien sich auf solchen Standorten schlecht verjüngen, leiden Sämlinge und Jungbäume der Edel-Tanne wenig. Zudem sind ihre großen und schweren Samen an schneereiches Klima viel besser angepasst als die kleinen Samen der Douglasie – die Samen werden über Schnee weit transportiert. Nach Ausbruch des Mount Saint Helens im Jahr 1980 fanden sich am vom Vulkan verwüsteten Hängen bald Edel-Tannen ein – bis zu 5 km vom nächsten erwachsenen Baum entfernt. Auch nach Feuer regenerieren Edel-Tannen schnell. Sie werden daher heute oft auf Standorten, die für die Douglasie ungeeignet sind, gepflanzt.
Die Edel-Tanne ist im Urwald-Optimalstadium von bis zu 300 Jahre alten nemoralen Berg-Wäldern des Pazifiks eine dominante Klimaxart. Nach 300 Jahren beginnt ihr rapider Verfall. Während des Urwald-Zerfallstadiums sinkt ihr Prozentsatz. In bis zu 400 Jahre alten Beständen zeigen einzelne überlebende Edel-Tannen stark alterungsbedingte Zerfallsmerkmale.
Taxonomie Synonyme für Abies procera sind: Pinus nobilis , Abies nobilis nom. illeg., Picea nobilis und Pseudotsuga nobilis . Der Name Abies procera wurde 1940 von Alfred Rehder in der Zeitschrift Rhodora veröffentlicht.Alfred Rehder: Abies procera, a new name for A. nobilis Lindl. In: Rhodora. Journal of the New England Botanical Club. Vol. 42, Nr. 504, Dezember 1940, , S. 522, .
Entdeckungsgeschichte